Die Erfindung Europas

auf Französisch „L’invention de l’Europe“ lautet der Titel eines großartigen Buches von 1990  des französischen Anthropologen und Historikers Emmanuel Todd. Im Vorwort der Auflage von 1996 hat der Autor bereits eindrücklich vor dem Euro und dem Vertrag von Maastricht gewarnt, weil eine gemeinsame Währung das anthropologisch, historisch und ideologisch so vielgestaltige Europa, wie er es bei der Arbeit an seinem Buch kennengelernt hat, unweigerlich in seiner kreativen Vielfalt beschädigen und ruinieren muss. In ca. 20 Jahren, also im Jahr 2016, das nun unmittelbar vor der Tür steht, werde spätestens klar sein, dass eine gemeinsame Währung ohne ein gemeinsames Bewusstsein eher einen Dschungel schafft als eine Gesellschaft. Genau da stehen wir zu Beginn dieses Schicksalsjahres für den Euro und für Europa.
Was ist das für ein Mann, der eine ähnliche selbst- und treffsichere Prognose bereits 1976 für das Ende der Sowjetunion „in 15 Jahren“, also für 1991, abgegeben hatte? Wahrscheinlich ein Genie, das seinem wissenschaftlichen Vorbild Max Weber keinesfalls nachsteht. Einen ersten Überblick über Todds jüngstes Buch und sein Gesamtwerk habe ich bereits hier zusammengestellt.
Das Ungewöhnliche an Todds Werk „L’invention de l’Europe“ ist die Tatsache, dass es weder ins Deutsche noch ins Englische übersetzt ist und deshalb wesentlich unbekannter, als es sein wissenschaftlicher Ansatz und seine tiefen Erkenntnisse verdient hätten. Für die deutschen Leser würde ich das gerne ändern, indem ich es in Auszügen übersetzt hier in diesem Blog vorstelle. Jedem Interessierten, der des Französischen mächtig ist, kann ich nur wärmstens empfehlen, sich ein günstig erhältliches gebrauchtes Exemplar zu besorgen und  sich die Mühe einer Lektüre zu machen.

Der Klappentext des Buches:

Wie hat sich Europa herausgebildet? Wie erklärt sich seine fundamentale Vielfalt? Warum haben die Völker, aus denen es sich zusammensetzt, die großen historischen Bewegungen wie die Reformation, die Industrialisierung, die Geburt und den Niedergang der totalitären Ideologien weder im selben Rhythmus noch in derselben Weise durchlebt? Definieren seine aktuellen Grenzen homogene Nationen?
Emmanuel Todd startet hier von einer bereits – mit Erfolg – in „Die Erfindung Frankreichs“ und „Das neue Frankreich“ erprobten Arbeitshypothese. Sie lässt sich in wenigen Worten ausdrücken: die religiöse, wirtschaftliche und ideologische Entwicklung einer Gruppe von Menschen wird stark geprägt von ihrem alten anthropologischen Untergrund. Die verschiedenen Arten von Familienstrukturen bestimmen zum Beispiel die Empfänglichkeit oder die Widerstandsfähigkeit einer Region für den Totalitarismus. Auf dieselbe Weise war die Auslegung des Christentums, ob protestantisch oder katholisch, zu einem großen Teil von den autoritären oder liberalen Werten bestimmt, die im Familienmodell selbst enthalten sind. Nun zählt Europa aber vier Haupt-Familiensysteme, deren geografische Verteilung neue Kriterien für die Analyse liefert. So kann eine Neulektüre der europäischen Geschichte unternommen werden. Auf diese Weise kann unsere Erklärung beispielsweise der Religionskriege, der Französischen Revolution, der spanischen Franco-Diktatur, des deutschen Nationalsozialismus oder des italienischen Kommunismus erneuert werden.
Dieses Buch ist das Ergebnis von sieben Jahren Recherche. Es stützt sich, Land für Land, auf eine Masse von Informationen, die nicht ohne die Hilfe einer eigenständigen kartographischen Methode zu behandeln gewesen wären. Kompendium, radikale Aktualisierung unserer Kenntnisse: man wird nach diesen Seiten kaum mehr von Europa sprechen können, wie man zuvor von ihm gesprochen hat.

Emmanuel Todd, geboren 1951, ist Doktor der Geschichtswissenschaften der Universität Cambridge und hat sein Diplom am Institut für Politische Studien in Paris erworben. Er ist Chef des Dokumentationsdienstes am Nationalen Institut für demografische Studien (INED) in Paris.

Das Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Einführung: Der Raum und die Zeit

Der anthropologische Sockel

  1. Die Familiensysteme
  2. Die Agrarsysteme

Religion und Moderne

  1. Reformation und Gegenreformation
  2. Kulturelles Durchstarten und Alphabetisierung
  3. Die Industrialisierung
  4. Die Entchristlichung
  5. Die Geburtenkontrolle

Tod der Religion, Geburt der Ideologie

  1. Freiheit und Gleichheit: Frankreich, Spanien, Nord- und Süditalien
  2. Autorität und Ungleichheit: 1. Deutschland
  3. Autorität und Ungleichheit: 2. Die kleinen Nationen: Schweden, Österreich, Belgien, Schweiz, Irland
  4. Gemeinschaft: Mittelitalien, Finnland, Südportugal
  5. Die Freiheit allein: Großbritannien, Niederlande, Dänemark, Norwegen

Tabelle der europäischen Ideologien

Der Zerfall der Ideologien (1965-1990)

  1. Die finale Krise des Katholizismus
  2. Das Ende des Proletariats
  3. Der Zerfall der Ideologien in protestantischen Ländern
  4. Politischer Katholizismus und Sozialismus: die doppelte Unbeständigkeit
  5. Die Mikro-Ideologien

Schluss: Europäer und Immigranten

Literaturverzeichnis

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