Erfindung Europas: Vorwort zur 2. Auflage

Übersetzung aus dem Buch „L’invention de l’Europe“ von E. Todd
Vorwort zur zweiten Auflage von 1995

Dieses Buch ist nicht „für“ oder „gegen“ Europa geschrieben. Sein Ziel ist die Verifikation einer Hypothese über die Existenz einer Verbindung zwischen der Vielfalt der regionalen Familienstrukturen und gewissen Phänomenen religiöser, kultureller, wirtschaftlicher, ideologischer Divergenzen, die für die Jahre von 1500 bis 1990 charakteristisch waren. Ich hatte diese These auf globaler Größenordnung schon in den Werken „Der dritte Planet: Familienstrukturen und ideologische Systeme“ (1983) und „Die Kindheit der Welt: Familienstrukturen und Entwicklung“ (1984) getestet, aber auf mehr summarische Art.
Die für die Abfassung von „Die Erfindung Europas“ notwendigen Forschungen zogen sich über die Jahre 1984-1990 hin, einer Epoche, in der die europäische Vereinigung nicht Gegenstand einer bedeutenden Debatte war. Kurz: vor Maastricht. Ich war damals „ein guter Europäer“, a priori jeder Bewegung gewogen, die zu mehr Einheit führte, selbst wenn mein Vorwort von 1990 eine gewisse Beunruhigung durchscheinen lässt angesichts des wirtschaftszentrierten und abstrakten Charakters des europäischen Projekts. Seither haben herrschende Klassen ihren Willen bekräftigt, die staatliche Vereinigung des Kontinents durch die Einrichtung einer gemeinsamen Währung zu beschleunigen. Ich habe im Frühjahr 1992 lange gezögert, um schließlich mit Nein zu stimmen beim Referendum vom September[1]. Ohne jeden Seelenzustand und im Gefühl, die einzig vernünftige Wahl zu treffen. Meine Opposition zum Vertrag von Maastricht leitet sich direkt von meiner Kenntnis der Anthropologie und der Geschichte des Kontinents ab. Eine wirkliche Empfindlichkeit für die Vielfalt der europäischen Sitten und Werte kann nur zu einer Schlussfolgerung führen: Die zentralisierte monetäre Steuerung von Gesellschaften, die so verschieden sind wie, zum Beispiel, Frankreich und Deutschland, muss zu einer massiven Fehlfunktion führen, in einer ersten Phase in der einen oder anderen Gesellschaft, in einer zweiten Phase aber in beiden. Es steckt in der Ideologie der Vereinigung ein Wille, die menschlichen und sozialen Realitäten zu brechen, der seltsam, aber unwiderstehlich an den Marxismus-Leninismus erinnert. Auch jener kombinierte ein Projekt der ökonomischen Transformation mit einer souveränen Verachtung der kulturellen und nationalen Vielfalt. Der aktuelle Zustand der Ex-Sowjetunion und von Ex-Jugoslawien zeigt uns, bis zu welchem Punkt die staatliche Vereinigung von oben sicherer zu ethnischem Hass führt als zum ewigen Frieden.

Heute haben die ökonomischen Zwänge, die auf einigen europäischen Gesellschaften und insbesondere Frankreich lasten, das seit fast 10 Jahren der internen monetären Steuerung durch eine Politik beraubt ist, die sich Politik „des starken Francs“ nennt, glücklicherweise noch keine expliziten Gefühle des Misstrauens gegenüber unseren europäischen Partnern zum Vorschein gebracht. Der Front National wird im Wesentlichen weiterhin als ein Phänomen wahrgenommen, das mit der Einwanderung in Verbindung steht und nicht mit dem Bau an Europa. Aber der Schub für die extreme Rechte in der Arbeiterschaft zwischen 1988 und 1995 ist besonders spektakulär im gesamten industriellen Bogen, der vom Norden in den Osten Frankreichs führt. Es handelt sich um Regionen, in denen die Politik der monetären Konvergenz die Industrie eher verwüstet als transformiert hat, was eher zur Auslöschung als zur Umwandlung gering qualifizierter Arbeit geführt hat. Die Analyse der individualistischen Familienstrukturen des Nordostens des Pariser Beckens hätte erlaubt zu verstehen und vorherzusehen, dass die Angleichung der lokalen Arbeiterbevölkerung auf das deutsche Qualifikationsniveau, das sich in weiten Teilen von den autoritären und inegalitären Tugenden der Stammfamilie ableitet, im Zeitraum einer Generation nicht vorstellbar war (siehe die Kapitel 4 und 5, die den anthropologischen Grundlagen des kulturellen und industriellen Fortschritts gewidmet sind).

Wir müssen uns bewusst sein, dass der Ausdruck der sozialen Verzweiflung durch eine Ideologie der extremen Rechten, die für sich ein regressives Konzept der Nation in Anspruch nimmt, auch ein Produkt der wirtschaftlichen Vereinigung Europas ist. So legitim und notwendig es in den Jahren 1945-1980 war, führt das europäische Projekt heute nicht mehr zum Frieden. Es könnte in den kommenden Jahren im Gegenteil zu einem Wiederanwachsen von feindlichen Gefühlen zwischen den Völkern führen, die gegen 1980 nicht mehr existierten. Die Dekonstruktion der Nationen durch ihre herrschenden Klassen erzeugt Nationalismus in Gesellschaften, die von einer brutalen wirtschaftlichen Transformation durchgeschüttelt werden und in denen die traditionellste und friedlichste nationale Identität wie eine letzte Zuflucht war. Es wäre im Übrigen absurd sich einzubilden, dass Deutschland, das wirtschaftlich viel stabiler ist als Frankreich, aber kulturell viel verunsicherter, diesem Prozess der Destabilisierung der Mentalitäten durch die Währungsunion entkommen kann. Das Verschwinden der Mark, das ein identitärer Ankerpunkt während der ganzen Nachkriegszeit war, müsste logischerweise zu einem mächtigen Gefühl der Unsicherheit in Deutschland führen.

Ich hoffe also, dass dieses Buch, das völlig außerhalb jedes polemischen Kontextes geschrieben wurde und an dem ich nicht eine Zeile geändert habe, gewissen Pro-Europäern ohne Vorurteil erlauben wird, in Ruhe über die Tragweite der gestellten Probleme nachzudenken, die anthropologische und historische Dichte der Nationen zu ermessen, die es zu fusionieren gilt. Ich hoffe vor allem, dass manche unter ihnen, die wie ich von guten europäischen Gefühlen gestartet sind, auch zu dem Schluss kommen, dass der Vertrag von Maastricht ein Werk von Amateuren ist, Ignoranten der Geschichte und des Lebens der Gesellschaften.

Dieses Buch bleibt grundsätzlich das Ergebnis einer zeitlosen und unpolitischen Forschung von wissenschaftlichem Charakter über die Beziehungen einer anthropologischen Variable, der Familie, und historischen Variablen: Religion, kultureller und wirtschaftlicher Fortschritt, Ideologien. Aber wenn das wissenschaftliche Modell gültig ist, kann man sich in der Zukunft zwei mögliche Funktionen für das Werk vorstellen.
Entweder kommt die gemeinsame Währung nicht. Dann wird „Die Erfindung Europas“ als ein Beitrag zum Verständnis gewisser historischer Unmöglichkeiten erscheinen.
Oder die gemeinsame Währung wird eingeführt. Dann wird dieses Buch in zwanzig Jahren erlauben zu verstehen, warum eine staatliche Vereinigung, die ohne Vorhandensein eines kollektiven Bewusstseins durchgedrückt wurde, eher einen Dschungel erzeugt hat als eine Gesellschaft.

Emmanuel Todd,
November 1995

[1] September 1992: französische Volksabstimmung über die Einführung des Euros, Anmerkung des Übersetzers

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