Erfindung Europas: Ursprung und Grenzen der Toleranz

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 12: Die Freiheit allein, Großbritannien

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Von der Toleranz zum Ghetto

Die Akzeptanz der Verschiedenheiten stellt jedoch die kulturellen Systeme des englischen Typs vor unüberwindliche Probleme, sobald die wahrnehmbaren ethnischen Merkmale wichtig werden, seien es Sitten oder physische Äußerlichkeiten. Nirgendwo ist es den englischen Bevölkerungen gelungen, mit Gruppen nichteuropäischen Ursprungs zu verschmelzen: nicht mit den Indianern Amerikas, nicht mit den schwarzen Bevölkerungen, die in die Neue Welt verfrachtet worden sind, nicht mit den australischen Aborigines, nicht mit den Chinesen Hong Kongs, um sich nur an einige Beispiele zu halten. Die Unfähigkeit der angelsächsischen Bevölkerungen, einmal in eine koloniale Situation versetzt, Mischlinge zu produzieren, bildet einen Kontrast mit der spanischen oder portugiesischen Leichtigkeit auf diesem Feld. Die lateinische Welt bezieht aus dem Egalitarismus ihrer dominierenden Familienstrukturen einen aktiven Universalismus, der in der Lage ist, die objektiven Unterschiede zwischen den Völkern zu ignorieren, seien sie Hautfarben oder Lebensweisen. Der Fall der alten portugiesischen und spanischen Kolonialreiche, deren Gründung ins 16. Jahrhundert zurückreicht, zeigt übrigens, dass der Glaube an die Existenz eines universellen Menschen in der Praxis sehr wohl viel älter ist als die Französische Revolution und in ihrem Fall verbunden ist mit dem egalitären Katholizismus der Jahre, die auf die protestantische Reformation folgten. In dem Maße, wie die Verschmelzung der Völker in Mexiko, in Brasilien oder in Peru durch die Vergewaltigung der eingeborenen Frauen vor sich gegangen ist, erscheint es eher exakt, vom Glauben an das Prinzip der „universellen Frau“ zu sprechen als vom Glauben an den „universellen Menschen“.
Die amerikanische Erfahrung, eine Komponente des englischen Falles vom Standpunkt der historischen Anthropologie, definiert eine praktische Grenze zwischen Toleranz und Separation. Alle europäischen Völker verschmelzen ohne Schwierigkeit in den Vereinigten Staaten, der Respekt vor den Unterschieden und den Traditionen verhindert nicht eine allgemeine Angleichung an die dominierenden Werte der angelsächsischen Welt der Gründer. Das hyperindividualistische amerikanische Familiensystem unterscheidet sich heute vom englischen Modell nur in Nuancen, und das nach Jahrhunderten der Assimilation sehr unterschiedlicher europäischer Bevölkerungen. Aber die allzu sichtbaren schwarzen Bevölkerungen sind gefangen in der Mechanik des Respekts vor dem Unterschied und hören nicht auf, ihr Ghetto zu reproduzieren. In ihrem Fall führt die Toleranz zu einer objektiven Form von Apartheid.

Kapitel 12: Die Freiheit allein, Niederlande

Juden und Schwarze

Der Liberalismus und die Gleichgültigkeit gegenüber der Gleichheit führen zu einer „individualistischen“ Konzeption des Lebens der Völker; jede ethnische Gruppe wird als eine nicht reduzierbare Individualität angesehen, die weder assimiliert oder zerstört werden kann noch muss. Wenn das fragliche Volk nahestehend ist, in seiner physischen Erscheinung und Lebensweise, führt der Respekt vor der Verschiedenheit zur Toleranz. Wenn es kulturell oder genetisch entfernter scheint, führt der Respekt vor der Verschiedenheit zu einer Spaltung rassistischer Art. Das Niederländische hat durch das Afrikaans, Sprache der calvinistischen Siedler Südafrikas, der Welt das Wort ‚apartheid‘ gegeben, das eine rassistische Institution der Separation von schwarzen und weißen Gemeinschaften bezeichnet.

In Kontakt gesetzt mit schwarzen Bevölkerungen hat die niederländische Kultur (verwandt mit der englischen Kultur, sehr ähnlich auf der familiären Ebene) das Schlimmste produziert. Aber um den differenzierenden Mechanismus gut zu verstehen, der durch die absolute Kernfamilie eingraviert ist, ist es wichtig zu verstehen, dass sie auch das Beste produzieren kann. Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft von Holland, die schließlich durch den nazistischen Besatzer während des zweiten Weltkriegs deportiert und massakriert worden ist, lässt das Potenzial der Toleranz des niederländischen kulturellen Systems erkennen.

Wenn das Maß des Antisemitismus eine einfache Funktion der Zahl von Juden wäre, die in einer gegebenen Region wohnen, hätte er in Holland und nicht in Sachsen oder Hessen um 1900 sein nordwestliches Epizentrum finden müssen. Denn Amsterdam umfasst zu diesem Zeitpunkt, anders als Leipzig oder Frankfurt, eine sehr bedeutende jüdische Bevölkerung. 1899 stellen die Juden 6% der Bevölkerung Nord-Hollands (gegenüber weniger als 1% derjenigen von Sachsen)[1]. Die Größe dieser Gemeinschaft ist allgemein wenig bekannt, weil ihre Anwesenheit in der holländischen Bevölkerung niemals messbare antisemitische Reaktionen ausgelöst hat. Das ist die Welt, aus der Spinoza stammt. In Holland waren die Juden frei wie die Arminianer, wie Descartes oder Locke, wie die Täufer. Man ist versucht zu sagen: „wie die Katholiken“, weil ja diese, die unmittelbar nach den Unabhängigkeitskriegen wie Kolonisierte behandelt wurden, sehr schnell toleriert wurden. Wenn der wahrnehmbare Unterschied nur religiös ist, produziert der absolute Individualismus eine bemerkenswerte Toleranz.

Im Fall des niederländischen Judentums ist die absolute Kernfamilie, um genau zu sein, nicht der einzige Faktor der Toleranz. Der Calvinismus, der so hart ist zu den Schwarzen von Südafrika, vereinfacht im Gegenteil die Beziehungen zwischen Christen und Juden in Europa. Im Gegensatz zum Lutherismus, der die Gesamtheit der Heiligen Schrift für sich in Anspruch nimmt, hat der Calvinismus, orthodox oder arminianisch, im Grunde nur eine Leidenschaft für das Alte Testament, ein Merkmal, das ihn in der Praxis dem Judentum nahebringt. Der Lutherismus ist ebenso sehr wie der Katholizismus den Evangelien, dem Kreuz und Christus treu. Der Calvinismus glaubt im Grunde nur an den Ewigen und macht aus Christus ein Person geringerer Bedeutung. Wenn sie die Bibel lesen und die Leiden des hebräischen Volkes kommentieren, sind die Calvinisten das Volk Israel. Dieser Mechanismus absoluter Identifikation erklärt wahrscheinlich unabhängig von anderen Faktoren wie dem Familiensystem den relativ leichten Antisemitismus in den Gemeinschaften der calvinistischen und biblischen Tradition. Sogar in Deutschland: die calvinistisch-orthodoxen Minderheiten stellen dort unter Hitler das Gros der Getreuen der Bekennenden Kirche, die im Gegensatz zu den diversen lutherischen Bürokratien, dem nazistischen Dogma widerstehen[2]. Der ursprünglich calvinistisch-arminianische Hintergrund der Vereinigten Staaten erklärt zum Teil die diplomatische Treue Amerikas zum Staat Israel. Für England muss an zwei Tatsachen erinnert werden. Cromwell, puritanischer Anführer und Bibelleser, führt für die Juden das Aufenthaltsrecht auf englischem Boden wieder ein. Zwei Jahrhunderte später ist England der erste der europäischen Staaten, der von einem Premierminister jüdischer Herkunft, Disraeli, regiert wird.
In den Niederlanden könnte die calvinistische Komponente zu einer Erklärung des Streiks der Hafenarbeiter von Amsterdam beitragen, der im Februar 1941 geführt wurde, um gegen die Verfolgung der niederländischen Juden zu protestieren[3]. Dieses Beispiel aktiver Solidarität, das selten ist in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, geht über einfache Toleranz hinaus und setzt einen gewissen Grad kultureller Affinität voraus.

Fragmentierung und Toleranz

Das liberale aber nicht egalitäre soziale Leben, das sich von den Werten der absoluten Kernfamilie ableitet, erlaubt also die friedliche Koexistenz von sehr verschiedenartigen sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen.

Das liberale Merkmal der absoluten Kernfamilie erlaubt den verschiedenen Gruppen sich gegenseitig wie respektable Persönlichkeiten in einer nicht autoritären Gesellschaft zu betrachten, in der sich nicht die Frage nach dem einzigen Schlussstein stellt, der das Ganze dominiert. Die autoritäre Stammfamilie verlangt im Gegensatz dazu die vertikale Integration der Gesamtheit der sozialen Struktur, die Unterwerfung aller Untergesellschaften unter eine einzige Macht. Der Kampf um diese Macht bringt die rivalisierenden Blöcke gegeneinander in Stellung in einem Konflikt, dessen letztliches Ziel nur eine komplette Beherrschung der Gesellschaft sein kann.

Die Abwesenheit des Prinzips der Gleichheit, gemeinsames Merkmal der anthropologischen Typen absolute Kernfamilie und Stammfamilie, erklärt in beiden Fällen den Mechanismus der Trennung der Blöcke. Die An- oder Abwesenheit des autoritären Merkmals bestimmt den gewalttätigen oder friedlichen Charakter der Trennung.

[1] Volkszählung von 1930, Band 9, S.58-59

[2] Zur Bekennenden Kirche und der speziellen Rolle der Reformierten (der Calvinisten) siehe K.S. Latourette, Christianity in a Revolutionary Age, Band 4, S. 262-266

[3] M. Braure, Histoire des Pays-Bas, S. 117

 

 

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