Höhere Bildung, höhere Menschen

Der vorangegangene Text aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion) behauptete im letzten Satz:
Genau eine kulturelle Entwicklung, eine notwendige Folge des Alphabetisierungsprozesses, hat die Idee der Ungleichheit begünstigt und diese doppelte Verneinung (von Nation und Demokratie) ermöglicht.
Diese Entwicklung wird in diesem Kapitel beschrieben:

Von der höheren Bildung zu den höheren Menschen

Wenn die Alphabetisierung der Massen einmal realisiert ist, bleiben die Gesellschaften nicht stehen in einem stabilen Zustand der allgemeinen primären Bildung. Die Menschheit geht ihren Marsch nach vorne weiter durch die Verbreitung der Sekundärbildung und der Hochschulausbildung. Aber die Entstehung einer postprimären Bildung, die quantitativ bedeutend ist, bricht die Homogenität des sozialen Körpers. So bricht ein neuer soziokultureller Zyklus an: Die Entstehung einer massiven Gruppe, die durch höhere Studien definiert wird, seien sie abgeschlossen oder nicht, ist eines der entscheidenden Phänomene der Nachkriegszeit, die versteckte Kraft, die auf die meisten der wesentlichen ökonomischen und politischen Veränderungen drückt. Diese Entwicklung wurde zunächst als ein positives Phänomen wahrgenommen, als eine der unzähligen und zuträglichen Erscheinungsformen des Fortschritts. Die Entwicklung der Universitäten und der Anzahl von Studenten war eine neue Jugend der Welt, die sehr schnell in der gesamten westlichen Sphäre in mächtige Bewegungen des Protests mündet: gegen den Krieg in Vietnam, den sexuellen Konformismus und den Autoritarismus der Vergangenheit. Aber diese Studenten, die sich mit der Zeit in Erwachsene reifen Alters verwandeln, haben schließlich durch Zusammenballung zusätzlicher Schichten eine wahrhafte soziokulturelle Schichtstufe gebildet, die intellektuelle Kompetenzen, moralische Gewohnheiten und spezifische politische Werte trägt, von denen wir sehen werden, dass sie heute weit davon entfernt sind, die Idee vom Fortschritt zu begünstigen.

Die glückliche Überraschung der Jahre 1500-1900 wird gewesen sein, dass die Schrift, die zu Beginn das magische Instrument der Priester gewesen war, tatsächlich für alle zugänglich war. Die schmerzhafte Offenbarung der Jahre 1950-1990 wird gewesen sein, dass die Sekundär- oder  Hochschulbildung nicht in egalitärer Weise auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt werden kann.

Man kann die wahre Ursache der Rückkehr der Idee von der Ungleichheit unter den Menschen nicht besser auf den Punkt bringen. Diese Ursache ist nicht ökonomisch, sondern tiefer im Unterbewusstsein der fortgeschrittenen Gesellschaften angesiedelt: es handelt sich um die kulturelle Fragmentierung, die durch die Sekundär- und Hochschulbildung herbeigeführt worden ist. Dieses Unterbewusste beeinflusst alle bewussten Vorstellungen von der sozialen Struktur. Die Lehren von der Ungleichheit florieren; die ökonomischen Ungleichheiten verschärfen sich. Wir finden hier eine gegenüber dem Aufstieg des Ideals der Gleichheit während der Phase der Homogenisierung der Gesellschaft durch die Massenalphabetisierung umgedrehte Bewegung. Der Vormarsch der Primärausbildung zog den der Demokratie nach sich; derjenige der Sekundär- und Hochschulausbildung die Wiederinfragestellung der Demokratie…

Auch zur Frage der Legitimation der Höherstellung der höher gebildeten Schichten trifft Todd in diesem Buch Aussagen:

Die Wiederkehr der Ungleichheit und die Fragmentierung der Nationen

…Was soll es für die ökonomische Theorie, dass die Bestbezahlten der Bestbezahlten nicht die Wissenschaftler sind und die Ingenieure, deren wirtschaftliche Nützlichkeit gewiss ist, sondern die Verhandler von Verträgen und die Medienleute – die von Robert Reich in „The Work of Nations“ so genannten „Manipulateure der Symbole“, deren Aktivität sich nicht in einer Erhöhung der nationalökonomischen Produktivität ausdrückt. Die Privilegierten nach Reich, der selbst Anwalt ist, sind nur noch ausnahmsweise die wissenschaftlichen und technischen Meritokraten, die von früheren Generationen angepeilt worden sind…
Als Michael Young 1958 in „The Rise of the Meritocracy“… die neue soziale Schichtenbildung beschrieben hatte, die logisch aus dem Bildungsfortschritt entstehen musste, waren seine Meritokraten noch Wissenschaftler…
Der Meritokrat der Jahre 1950-1970, Anführer einer egalitären Gesellschaft, begründete seine Existenz durch seine technische Fähigkeit, die Natur zu dominieren und aus ihr die Produktivitätsgewinne für alle zu erzielen. Der Meritokrat des Jahres 2000 dominiert die Gesellschaft und entzieht aus ihr das Einkommen für sich selbst…
Es ist nicht alles falsch in den Erklärungen der Ungleichheit, die die spezifische ökonomische Nützlichkeit bestimmter höherer intellektueller Ausbildungen hervorheben. Man findet in jeder industriellen Gesellschaft einen erhöhten Anteil von Individuen, deren intellektuelle und technische Kompetenz erklärt, dass sie besser bezahlt werden als Arbeiter ohne Qualifikation, ein Phänomen, das im Zeitalter der Automatisierung besonders offensichtlich ist. Aber wir wissen alle, dass weder die Doktoren der Molekularbiologie, noch die Ingenieure, die die Atomkraftwerke, den Airbus, den TGV und die Ariane-Rakete ersonnen haben, noch sogar die Informatiker, die die Algorithmen ausarbeiten, die zur Ersetzung der unqualifizierten Arbeit notwendig sind, die wirklich privilegierten des Systems sind. Der Multiplikationsfaktor, der es erlaubt, vom Lohn eines Arbeiters zum Gehalt eines Forschers zu kommen, ist weder in Frankreich noch in den USA maßlos zu nennen.
Der industrielle Wert eines Ingenieurs ist unbestreitbar höher als der eines unqualifizierten Arbeiters. Aber es ist nicht möglich, die Nützlichkeit eines Arbeiters direkt derjenigen eines Anwalts oder eines hohen Beamten gegenüber zu stellen. Die amerikanischen Anwälte, die ihr Gehalt aus der Ausbeutung der Fehlfunktionen ihrer Gesellschaft ziehen, haben keinen wirtschaftlichen Wert auf internationaler Ebene. Es ist außerdem gewiss, dass die Inspektoren der französischen Finanzverwaltung zwar sehr gut aufgestellt sind, um ihre Privilegien beim Gehalt und der Arbeitsplatzsicherheit zu verewigen, aber für die französische Gesellschaft wegen ihrer krassen Inkompetenz in Wirtschaftsfragen eher einen Netto-Kostenfaktor als einen Gewinn darstellen. Ihre soziale Nützlichkeit ist negativ. Wenn wir die Informatiker aus Frankreich ausweisen, bricht das Bruttoinlandsprodukt zusammen. Wenn wir die Inspektoren der Finanzverwaltung deportieren, die den starken Franc lieben, wird sich das Bruttoinlandsprodukt wieder erholen. Aber wir können bei einem höheren Gehaltsniveau selten bestimmen, was von einem inneren ökonomischen Mehrwert kommt, und was sich von einer spezifischen Fähigkeit ableitet, der Gesellschaft Werte zu entziehen, von einer sozialen Rente zu profitieren…

In einem früheren Kapitel hat sich Todd insbesondere mit den USA beschäftigt, die nach seiner Darstellung in den 50er bis frühen 60er Jahre ihren höchsten kulturellen und Ausbildungsstand erreicht hatten und den europäischen Nationen weit enteilt waren, bevor sie diesen Stand weder verbessern noch halten konnten und von einem brutalen Rückschlag ereilt wurden, von dem sie sich bis heute nicht mehr erholt hätten. Er schreibt nach einer ausführlichen Besprechung der Bildungsstatistiken, die diesen Befund belegen:

Der Absturz der Jahre 1963-1980

…Man kann, wenn man sich dieses Absackens nicht bewusst ist, die zahlreichen regressiven Phänomene nicht verstehen, die in den 70er, 80er und 90er Jahren das amerikanische Leben befallen: die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die intellektuelle und künstlerische Provinzialisierung, die Entstehung eines schnellen und gewalttätigen Kinos, die Entwicklung absurder Sozial- und Geschichtswissenschaften, die den Konflikt zwischen Mann und Frau ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen (gender studies), die Obsession mit sexueller Belästigung, die Infragestellung der Abtreibung, die Rückkehr von Kreationisten, die Darwin und der Entstehung der Arten feindlich gegenüberstehen, die Verrottung der Justiz und eine Repression mit einer Anzahl von Individuen, die eine Strafe im Gefängnis absitzen, die zwischen 1980 und 1993 von 1´840´400 auf 4´879´600 ansteigt. Die massive Wiederkehr der Todesstrafe drückt besser als jedes andere Phänomen die geistige Regression aus, die die amerikanische Gesellschaft befallen hat: die Anzahl der Häftlinge, die in der Zelle auf ihre Hinrichtung warten, steigt zwischen 1980 und 1994 von 688 auf 2890. Diese Modernität entkoppelt sich effektiv von der Idee des Fortschritts.

Fazit:

  1. Todd sieht die Ursache für den Niedergang sowohl von Demokratie als auch Nationen in einer neuen Ungleichheit, die die Ergebnisse von Jahrhunderten der Egalisierung und Demokratisierung angreift.
  2. Eine neue Kultur der Ungleichheit gehe von dem erheblichen (i.A. ca. 20%) Teil der Bevölkerung aus, der sich mit seiner höheren Bildung zu einem höheren Menschen machen wolle.
  3. Dieser Teil der Bevölkerung sei in Europa in der 68er-Epoche unter linker Flagge gesegelt, habe aber jedes linke Ideal, insbesondere das einer A-Priori-Gleichheit der Menschen und einer meritokratischen Ausübung von Führung beinahe flächendeckend über Bord geworfen und in sein Gegenteil verkehrt.
  4. Die rein ökonomische Begründung der Ungleichheit sei nicht haltbar. Die Ungleichheit sei nicht Folge, sondern der geistige Motor, der die wirtschaftliche Entwicklung (in einer fatalen Richtung) antreibe.
  5. Die „Illusion“ im Titel seines Buches bezieht sich also nicht nur auf die Illusionen in den Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung (die er auch erläutert, unter anderem an Hand der Entwicklung der Demografie und der massiven Ungleichgewichte und Verschuldung in der Weltwirtschaft, was sich inzwischen brillant bestätigt hat), sondern vor allem auch in der Verdrehung der Beziehung von Ursachen und Wirkungen.
  6. Todd ist ein überragender Denker auch linker (=egalitärer), vor allem aber rationalistisch-liberaler Ausrichtung, wie es nur sehr wenige gibt. Mit seinem furchtlosen Nonkonformismus und seiner legendären Vorhersagekraft bei der empirischen Analyse auch und vor allem linksautoritärer Regressionen hat er seit seinem spektakulären Erfolg von 1976 nicht nachgelassen: „Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft.
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