Hinz sticht Kunz

oder:

Warum Hinz nicht Kunz sein konnte

Der Fall der SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz aus Essen, die ihr Abitur und ihr Jurastudium erfunden hat, macht Furore. Die Berichterstattung konzentriert sich auf den individuellen Fall: die fällige Häme, die persönlich-moralische und die psychologische Komponente. Wer in diesem Fall aber nur die einzelne Person betrachtet, beraubt sich einer wichtigen gesellschaftlichen Erkenntnis:

Akademische Bildung ist zunehmend ein zur Ausübung von Macht notwendiges Sakrament geworden. Das ist aus demokratischer Sicht nicht positiv.

Zwei 18 Jahre alte Textauszüge analysieren diese Fragen:

Von der höheren Bildung zu den höheren Menschen
Anti-Populismus und Anti-Nationismus

und kommen zu der Ansicht, dass die Entstehung einer großen akademisch gebildeten Schicht sich seit den 1960er Jahren zu einem entscheidenden Widerstand gegen gleichberechtigte demokratische Mitbestimmung und zum entscheidenden Treiber gesellschaftlicher Ungleichheit entwickelt hat.

Bereits vor dem aktuellen Fall Hinz haben wir in den 18 Jahren seit Erscheinen dieser Texte in Deutschland mehrere Phänomene erlebt, die diese soziologische Analyse glänzend beleuchten und bestätigen:

  • Umstrittene Promotionen von Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und Margarita Mathiopoulos haben ihre Karrieren schlagartig beendet
  • Die jahrelangen medialen Huldigungen für Kanzlerin Merkel, oft auch auf der Basis ihrer Promotion in Physik, haben ihre (zu) wenig in Frage gestellte Amtsausübung und damit das Versagen im Amt erst möglich gemacht
  • Der Professoren-Kult unter AfD-Anhängern in der frühen Phase dieser Partei und deren plötzlicher Machtverlust hat deutlich gezeigt, dass die meisten Ökonomie-Professoren unter ihren Gründern zwar beim Fachthema Euro durch tragfähige Analysen glänzen, als wirkliche ‚Political Animals‘ aber nicht überzeugen konnten
  • Der in diesem Jahr verstorbene Lothar Späth erinnert daran, dass mit Realschulabschluss und einer Ausbildung einmal sehr gute Karrieren und Ergebnisse als Politiker und Manager möglich waren, heute aber immer weniger
  • Die Brexit-Entscheidung hat viele Berufspolitiker zu freimütigen Aussagen verleitet, dass man das „unwissende“ Volk solche Dinge nicht entscheiden lassen darf.

Die Plagiat-Fälle zeigen sehr schön, dass es bei akademischen Weihen oft eher um Amulett-ähnliche Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht geht als um wirklich produktive geistige Auseinandersetzung mit einem Thema. Im Zusammenhang mit den ESFS/ESM-Abstimmungen haben die real-existierenden Abgeordneten gezeigt, dass sie schlecht informiert sind über einfache Eckpunkte auch weitreichender Beschlüsse. Common Sense und Eigensinn sind dagegen oft bessere Mittel als ein formaler akademischer Abschluss. Und bei diesen Abschlüssen sind auch noch häufig für die Politik praktisch verwendbare Erfahrungen wie sehr gute Fremdsprachen- oder Wirtschaftskenntnisse Nebensache. Juristische Kenntnisse sind aber eine wichtige Ausnahme.

Die nach den Medienberichten sehr machtbewusste, aber mit einem dünnen Erfahrungshorizont jenseits der Politik gerüstete Petra Hinz scheint diese Zusammenhänge richtig erkannt und über lange Zeit als gekonnte Hochstapelei umgesetzt zu haben. Ihre Abschlüsse waren nicht wirklich geeignet, den Mangel an echter beruflicher Erfahrung zu kompensieren, haben aber gereicht. Die Logik ist schlicht:  Ober sticht Unter, Auftrumpfen geht über Inhalte, gute Argumente und gute Kontakte zu den Bürgern. Dabei war gerade die SPD lange Zeit die Partei, in der auch Arbeiter durch langjährige politische Arbeit Karriere machen konnten. Schon in den 1970er Jahren haben dann Arbeiter die SPD verlassen, weil ihnen plötzlich Studienräte erklärt haben, wie linke Politik wirklich geht. Bei der Union war die Entwicklung deshalb weniger krass, weil sie schon immer eher eine Honoratiorenpartei war.

Die Überbewertung akademischer Bildung ist ein Übel unserer Zeit, das antidemokratische Tendenzen stärkt und auch zunehmend schlechte Ergebnisse produziert. Der anti-populistische Furor, der sich gerne am „Stammtisch“ als seinem liebsten Feindbild abarbeitet, dient dazu, die Ansichten von „Hinz und Kunz“ zu entwerten und aus der politischen Debatte zu halten zugunsten von Ideen, die oft merkwürdig aus dem Nebel bzw. vom Himmel kommen. Dabei ließen sich Stammtische durchaus auch als eine Elementarzelle spontaner demokratischer Debatten unter gleichberechtigten Bürgern interpretieren, denen eine legitime Funktion gegen abgehobene „Befindlichkeiten“ selbsternannter Eliten zukommt.

Das große Thema Erpressbarkeit

Es bleibt die Frage, warum so grobe Fälschungen wie im Fall Hinz so lange „unbemerkt“ bleiben. Die Antwort ist verblüffend einfach: Sie werden natürlich bemerkt und von interessierter Seite garantiert auch in Dossiers gesammelt. Diese kommen aber erst zum Einsatz, wenn ein Politiker unter Druck gesetzt oder abgeschossen werden muss. Wer sich mit einer solchen Leiche im Keller bei einer wichtigen Entscheidung querstellt und wirklich „nur nach seinem Gewissen“ entscheidet, ist so schnell weg vom Fenster wie Petra Hinz in diesen Tagen von der politischen Bühne verschwunden ist.
Deshalb wäre es wünschenswert, dass wir Bürger solche Attribute bei unseren Vertretern weniger hoch bewerten als ihre Person, ihre Ansichten, ihre Verwurzelung, ihre Loyalitäten. Gleichzeitig würde es helfen, solche Details etwas kritischer zu überprüfen. Sonst geraten die Volksvertreter sehr schnell unter die Kontrolle der Leute mit den Dossiers. Häufig genug dürften das in- und ausländische Geheimdienste sein.

Nachtrag 14.8.2016:
Die inzwischen gelaufene Kampagne gegen Hinz und ihre mediale Nötigung zum Mandatsverzicht halte ich für ebenso bedenklich wie symptomatisch. Nur der Wähler hat wirklich ein Recht, sich über Hinz aufzuregen. Ihre Partei ist Beihelfer.
Die Aufregung von SPD und anderen Parteien ist allein dem Imageverlust geschuldet, den die Partei und die politische Klasse insgesamt durch diesen Fall erleiden. Dieser Imageverlust entsteht aber nicht durch den Einzelfall und die Person Hinz, sondern durch die merkwürdigen Strukturen und Zwänge, die dahinter sichtbar werden (ebenso wie im Fall Edathy alias Omani). Genau diese Hintergründe werden aber durch maßlose Moralisierung und Personalisierung verdeckt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s