Individuum und Gesellschaft

Textauszüge entnommen aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion“).

Elemente der Anthropologie für Ökonomen

Die Wirtschaft gehört zur bewussten Schicht des Lebens der Gesellschaften. Sie steht sogar im Zentrum des Bewusstseins, das die Gesellschaften von sich selbst haben können, weil sie sich auf das Einfachste im Menschen stützt: die Logik des individuellen Eigennutzes. Die wirtschaftliche Aktivität, und nicht nur die Theorie, findet eine Hauptgrundlage im Streben jedes Individuums nach dem größten Nutzen mit dem geringsten Aufwand, einer Haltung, ohne die das Überleben und der Fortschritt der Art nicht vorstellbar sind. Die politischen Philosophien, die versucht haben, die Existenz dieser individuellen Rationalität zu leugnen, ausgebaut zu politischen Versuchen der Ausrottung der Logik des Profits, haben nur zur Entstehung totalitärer Gesellschaften geführt, die berufen sind zu stagnieren und dann zu zerfallen. Das Individuum mit seiner Suche nach Vergnügen und seinem Vermeiden von  Mühen existiert. Diesen Krümel von Rationalität und die ökonomischen Gesetze zu leugnen, die sich davon ableiten, ist eine erste Absurdität.
Eine zweite Absurdität besteht darin zu glauben, dass nur die wirtschaftlichen Gesetze und Individuen existieren. Man muss, um das Funktionieren und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften zu verstehen, auch das Axiom einer spezifischen Existenz des Kollektiven aufstellen, einer Gruppe, deren Struktur nicht vollständig eine individuelle und bewusste Rationalität aufweist. Die Analyse dieser umfassenden, überindividuellen und unbewussten Formen war das Ziel der Soziologie Émile Durkheims, aber  die Sozial- und Kulturanthropologie hat am besten ihre entscheidenden Funktionen ans Licht gebracht. Ohne sie ist das Überleben der Art ebenfalls nicht vorstellbar.

Das elementare Beispiel einer vorindustriellen Gesellschaft, die dem Mangel der Subsistenz  ausgesetzt ist, erlaubt zu verstehen, wie individuelle wirtschaftliche Rationalität und unbewusste anthropologische Werte zusammenspielen.
Wie reagiert eine bäuerliche Gesellschaft ohne moderne Verhütungsmittel in der klassischen Situation nach Malthus, in der die Bevölkerung schneller wächst als die landwirtschaftliche Produktion? Je nach Zivilisation unterschiedlich.
Im Europa des Ancien Régime, das charakterisiert war durch einen relativ hohen Status der Frau und durch eine gewisse Anzahl von christlichen Verboten, beobachtet man einen Anstieg des Heiratsalters und eine Ausbreitung des endgültigen Zölibats bei Männern und Frauen. Die sexuelle Abstinenz wird als die einzig akzeptable Form der Geburtenkontrolle angesehen. Das war übrigens auch die Wahl von Malthus, Nationalökonom und Pastor.
In Nordchina, wo das System des patrilinearen Verwandtschaftsverhältnisses die universelle und frühzeitige Ehe mit sich bringt, besteht die ganz andere Antwort auf die demografische Spannung in einer größeren Häufigkeit des Kindsmords an weiblichen Säuglingen, eine vernünftige Lösung bei Abwesenheit des biblischen „Du sollst nicht töten!“.
In Tibet spielt die erhöhte Sterblichkeit der kleinen Mädchen eine Rolle bei der demografischen Regulierung, die durch eine gewisse Nachlässigkeit bei der Pflege der Neugeborenen weiblichen Geschlechts entsteht, ebenso wie die Erhöhung des Ausmaßes an Zölibat. Aber der tantrische Buddhismus ist nicht so radikal wie das Christentum in seiner Ablehnung der Sexualität. Die Männer, die der Möglichkeit der Heirat beraubt sind und nicht Mönche werden, sehen für sich ein Recht auf sexuellen Zugang zur Ehefrau ihres ältesten Bruders anerkannt, der das Familienvermögen erbt. Diese Sitte wird oft und ein wenig oberflächlich als tibetische Polyandrie beschrieben.

Die Vielfalt der anthropologischen Untergründe, die hier familiäre und religiöse Dimensionen zusammenführen, implizieren verschiedene Lösungen für das universelle wirtschaftliche Problem des Mangels. In diesem Beispiel ist das Entscheidende weniger die Vielfalt der Lösungen als der unbewusste Charakter der anthropologischen Regulierung, das System der Werte, das von der Gruppe geteilt wird und das a-priori definiert, was vorstellbar ist und was nicht. Dieses Unbewusste der Werte der Gruppe dient als Rahmen für eine rationale wirtschaftliche Anpassung der Akteure, die ihrerseits bewusst stattfindet: Die europäischen, chinesischen oder tibetischen Individuen wissen, dass sie ein wirtschaftliches Problem lösen. Sie sehen aber nicht, dass sie dem Gesetz gehorchen, dass sie das Gesetz der Gruppe leben, ein unsichtbares Bad, das ihre Handlung modelliert.
Hier liegt vermutlich einer der Ursprünge der Kraft der ökonomischen Argumentation, die sich immer und überall auf einen spontanen und populären Ökonomismus stützt, der der formalen Entwicklung der Wissenschaft vorangegangen ist. Denn wenn man einen europäischen, chinesischen oder tibetischen Bauern bittet, sein Verhalten zu rechtfertigen (sexuelle Enthaltsamkeit, Kindsmord oder Polyandrie), wird jeder mit einer gleichen proto-ökonomischen Argumentation antworten, indem er auf dem Begriff des Mangels besteht: „Weil mein Grund begrenzt ist, kann ich nicht heiraten, ist es mir unmöglich,  alle meine Kinder großzuziehen oder bin ich gezwungen, die Frau meines ältesten Bruders zu lieben“. Die anthropologische Festlegung, der Sinn, der lokal den fundamentalen Taten des Lebens durch das anthropologische System gegeben wird, wird durch einen blinden Fleck maskiert.  Das oberste Paradox ist es, dass die Vielfalt der Reaktionen, Widerschein der Pluralität der anthropologischen Untergründe, das Hervortreten einer gleichen ökonomischen Logik an allen Orten nicht verhindert, die die Illusion einer Kommunikation zwischen Gesellschaften erzeugt. Die ökonomische Argumentation erscheint im Inneren jedes Wertesystems notwendig und legitim. Alle diese anthropologischen Formationen, wenn sie sich einmal entwickelt haben, alphabetisiert worden sind und angefangen haben, Forscher und Wissenschaftler zu produzieren, werden anfangen, Ökonomen zu exportieren, die anlässlich ihrer internationalen Kolloquien mühelos kommunizieren können beim Zelebrieren der individuellen Rationalität. Der Homo Oeconomicus ist in gewisser Weise universell, aber er handelt immer im Inneren eines unbewussten anthropologischen Systems.

…..

Der absolute Individualismus vergreift sich an der menschlichen Natur ebenso sicher wie der Totalitarismus. Deshalb endet die Verneinung der Gruppen und der kollektiven Überzeugungen immer damit, dass sie die Entstehung unerwarteter und perverser Formen von Gruppen provoziert. Der aktuelle Antinationismus der französischen und angelsächsischen Eliten, der einen vollendeten und befriedeten kollektiven Glauben verwirft, hat in den vergangenen Jahren ganz natürlich zur Blüte von vielfältigen Glaubensformen geführt, die sich auf unwahrscheinlichere und weniger nützliche Gruppen als die Nation beziehen: Rasse, Pseudoreligion, Tribalismus, Regionalismus, hysterisierte sozioprofessionelle Identitäten, Zugehörigkeit zu Gruppen, die durch eine sexuelle Präferenz definiert werden, ohne natürlich den regressiven Nationalismus vom Typ Le Pen zu vergessen. Diese primitiven Auswüchse sind das Gegenstück des ultraliberalen und Maastricht’schen Antiglaubens.

Unser Jahr 2000 erscheint schon wie aus einem philosophischen Märchen des 18. Jahrhunderts hervorgeholt, das sich als Ironie-Thema das ebenso unlösbare wie nichtexistente Problem der Beziehung des Individuums zur Gruppe gegeben hätte.
Es gibt eine doppelte anthropologische Offensichtlichkeit:

  1. Das Individuum existiert mit seiner Persönlichkeit, seinen eigenen Wünschen, seinen Vorzügen und Mängeln und seiner Fähigkeit zum ökonomisch rationalen Kalkül.
  2. Die Gruppe existiert und ohne sie ist das Individuum nicht vorstellbar, weil es aus ihr seine Sprache, seine Sitten und sein A-Priori bezieht, das nicht verifiziert, aber notwendig ist für das Leben, dass nämlich die Dinge einen Sinn haben.

Die anthropologische Realität ist also, dass das Individuum absolut existiert und dass die Gruppe absolut existiert, was in keiner Weise verhindert, dass das Ausmaß der Integration des Individuums in die Gruppe enorm variiert je nach familiärem oder anthropologischem System. Aber das Individuum gegen das Kollektiv zu stellen, ist eine metaphysische Absurdität. Dieser Dualismus kann nicht zur Einheit reduziert werden. Wir sehen jedoch immer wieder in regelmäßigen Abständen Ideologien heraufziehen, die behaupten, dass entweder allein die Gruppe existiert, eine Hypothese die geradewegs in den Totalitarismus führt, oder dass allein das Individuum existiert. Das ist eine ebenso radikale Wahl, die zu einem Ergebnis führt, das gar nicht in jedem Punkt so anders ist, weil sie ein Individuum mit sich bringt, das von der Leere aufgesaugt wird statt vom Staat zerquetscht zu werden.

Kommentare:

  1. Geniale Einsichten über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die mich im Ergebnis an geglückte katholische Versuche erinnern, beides unter einen Hut zu bringen. Es ist kein Zufall, dass Todd den Verlust des christlichen Glaubens in Europa immer als ein enormes gesellschaftliches und politisches Risiko beschrieben hat. Eine positive Haltung gegenüber der katholischen Metaphysik ist in diesem Text deutlich erkennbar. Das sollte man wissen, um nicht seine scharfe Polemik gegen den Zombie-Katholizismus als grundsätzlich anti-katholisch falsch zu verstehen.
  2. Sehr interessant sind die Ausführungen über die Ökonomie als eine große Gemeinsamkeit zwischen den Kulturen, die aber zu Missverständnissen führt. Damit bereitet er eine der wesentlichen Erkenntnisse des Buches vor: die Existenz mehrerer, extrem verschiedener Kapitalismen in der heutigen Welt. Der angelsächsische Kapitalismus von Gesellschaften individualistischer Prägung ist chronisch defizitär, konsumiert also mehr als er produziert. Der Kapitalismus der Stammfamilie (Japan, Korea und Deutschland) produziert chronisch Überschüsse, weil die Gesellschaften zu viel „sparen“. Die französische neigt bei den Defiziten zur angelsächsischen Wirtschaft, ist aber womöglich überhaupt kein Kapitalismus. Die Koexistenz dieser Volkswirtschaften, die Dasselbe zu meinen glauben, aber etwas komplett Verschiedenes tun und dabei aufeinander angewiesen sind, führt zu ständigen Ungleichgewichten und zu extremer Instabilität der Weltwirtschaft. Diese Aussage aus dem Jahr 1998, also 2 Jahre vor der Dotcom-Krise und 10 Jahre vor der Schuldenkrise, erklärt auch heute bestens die Nichtlösung der Schuldenkrise. Mit dieser Analyse hat er die Ökonomen lange abgehängt, die heute mühsam versuchen zu verstehen, was in ihrer schönen globalisierten Wirtschaft schief läuft.
  3. Das Beispiel vom Kindsmord an weiblichen Säuglingen in der bäuerlichen Gesellschaft Nordchinas erscheint weit in der Vergangenheit zu liegen. Tatsache ist aber, dass die langjährige Ein-Kind-Politik zu einem massiven Überschuss an Männern in China geführt hat. Offensichtlich sind Schwangerschaften mit Mädchen stärker abgebrochen worden als mit Jungen. Die beschriebene Tradition scheint also in der Gegenwart fortzuwirken.
  4. Diese Tradition zeigt die Bedeutung uralter kultureller Prägungen und deren enorme Unterschiede in der Welt, auch ihren massiven Widerspruch zu christlich-abendländischen Traditionen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass die islamische Welt zwar die Freiheit und den Status von Frauen im Vergleich mit Europa beschränkt, aber dass es dort keine solche Tradition der Vernachlässigung und Tötung weiblicher Säuglinge gibt. Statistiken des Zahlenverhältnisses zwischen Jungen und Mädchen sind da recht eindeutig und unbestechlich. Die starke Betonung kultureller Unterschiede zwischen Europa und islamischer Welt ist also deutlich der geografischen (und teilweise auch kulturellen) Nähe und der starken Zuwanderung aus diesen Ländern geschuldet. Würden wir beginnen, uns damit zu beschäftigen, würden wir auch zahllose weitere Gründe für kulturelle und moralische Inkompatibilität zwischen europäischen und asiatischen Zivilisationen finden, zu chinesischen und indischen beispielsweise. Einige zehntausend Chinesen und Vietnamesen in Deutschland sind kein Problem und auch eine Bereicherung, mit Millionen Neueinwanderern sähe das bald anders aus. Es ist kein Rassismus, das zu behaupten, sondern ein demütiger Realismus. Ich behaupte nicht, dass die chinesische Kultur der deutschen oder europäischen gegenüber absolut betrachtet minderwertig sei.
  5. Neben Islamfeinden, die die islamische Welt im Vergleich womöglich viel zu düster zeichnen, wäre es gerade auch Multikulti-Gläubigen zu empfehlen, sich ein wenig mit anthropologischen Fakten zu beschäftigen, die sich eben nicht in allen Fällen mit einer billigen Moral- und Toleranzsoße zudecken lassen. Also: Wie sieht es aus mit der Toleranz für die bevorzugte Tötung weiblicher Föten? Und mit der Abtreibung als Türöffner für eine solche Praxis? Ist das christliche Abtreibungsverbot also wirklich nur ein reaktionäres Relikt gewesen oder hat es immer noch einen moralisch einwandfreien Kern? Apropos: Todd bringt in dem Text oben deutlich zum Ausdruck, dass die Tradition sexueller Enthaltsamkeit im christlichen Europa in Zeiten des Mangels tatsächlich eine Alternative zur Kindstötung geboten hat, wie sie in Asien (und anderswo) praktiziert wurde. Natürlich kennt das christliche Abendland eine Menge Heuchelei, zum Beispiel Schwangerschaften, Abtreibungen und Kindstötungen im Kloster. Die christliche Sexualmoral hat darüberhinaus aber auch positive Wirkungen gehabt.
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