Trüber Frühling für Europa

Der Gaullist Roland Hureaux hat im französischen Magazin ‚Causeur‘ am 14. Februar einen Kommentar über die außenpolitische Lage Europas veröffentlicht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt:

matruschkas
Souvenirladen in St. Petersburg

Der trübe Frühling, der Europa erwartet

Chronik des Endes einer Herrschaftsepoche

Westeuropa befindet sich heute im Zustand der Schwerelosigkeit. Alles, was seine Politik in den letzten Jahren bestimmt hat, ist dabei zusammenzubrechen, aber Europa weiß das noch nicht.

Am 20. Januar hat Donald Trump sein Amt im Weißen Haus übernommen; er hat bereits Rex Tillerson, der Putin nahesteht, zum Außenminister ernannt. In einigen Wochen werden sich Trump und Putin persönlich treffen. Sie werden wahrscheinlich eine Liste von Problemen regeln, in erster Linie dasjenige des Nahen Ostens, vielleicht das der Ukraine. Sie werden auch über China sprechen. Werden Sie über Westeuropa sprechen? Das ist noch nicht einmal sicher. Zunächst, weil es nichts Dringendes zu regeln gibt, dann, weil die Meinung der Europäer ihnen sehr unwichtig ist, sobald sie sich einig sind. Und danach? Es ist nicht absurd vorauszusehen, dass wenn sich die guten Beziehungen der beiden Mächte bestätigen, sie eine Art von Co-Vormundschaft über Westeuropa installieren werden.

Die Verlassenheit Westeuropas

Die Verlassenheit der Länder Westeuropas ist groß. Zunächst aus Gründen ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage: Rezession, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Geburtenmangel, immense Frustration der Völker. Dann auch aus Gründen ihrer Engagements der letzten 10 Jahre. Die Weigerung Jaques Chiracs im Jahr 2003, am Irakkrieg teilzunehmen, war der letzte Akt des Widerstands einer europäischen Regierung gegen Washington. Seit damals waren die Positionen der Regierungen, der dominierenden Parteien, der wichtigsten Entscheider und der Medien, sich ohne Nuancen an die amerikanische Politik im Hinblick auf Russland und den Nahen Osten anzuschließen; eine Politik, die in Europa darin bestand, den Ukraine-Konflikt zu verschärfen und Sanktionen gegen Moskau zu verhängen, die streng gescholten wurden von einem so maßvollen Mann wie Helmut Schmidt, und im Nahen Osten darin, dschihadistische Bewegungen zu unterstützen, um  vor langer Zeit etablierte Regime zu destabilisieren oder zu stürzen, die von Washington öffentlich angeprangert worden waren.

Es sind in gar keiner Weise die Interessen Europas, die diese Politik erklären, es ist die Unterwerfung seiner Anführer. Sie haben sich in Wahrheit gar nicht nach der amerikanischen Politik als solcher ausgerichtet, sondern nach der neokonservativen Ideologie, die jene seit 25 Jahren inspiriert. Nun hat aber diese Ideologie im November 2016 einen tödlichen Schlag erhalten: die Niederlage Hillary Clintons, die sie personifizierte, für die alle Europäer ohne Ausnahme unter Missachtung des Prinzips der Nichteinmischung Partei ergriffen hatten. Und dann noch einen anderen: die Niederlage der Dschihadisten, die vom Westen unterstützt worden waren, in den Straßen von Aleppo.

Die Reaktion der wichtigsten europäischen Entscheider angesichts des Siegs von Trump war bedeutsam: kalte Communiqués, moralische Lektionen, die ebenso duckmäuserisch wie lächerlich waren (besonders von Seiten der deutschen Kanzlerin). Die Reaktion auf die Ereignisse im Nahen Osten war nicht weniger desolat: unsinnige Denunziation von imaginären Kriegsverbrechen; Initiativen Frankreichs, im Extremfall die Charta der Vereinten Nationen zu ändern, um humanitäre Interventionen zu erlauben in dem Moment, wo diese gerade ein wenig überall ihren desaströsen Charakter gezeigt hatte; Ermutigungen der Briten an gewisse dschihadistische Gruppen, die  Waffenruhe zu brechen, die gerade um Putin beschlossen worden war; und Verlängerung der gegen Russland beschlossenen Sanktionen, während man weiß, dass die USA sie zügig aufheben werden: statt voranzupreschen, graben sich die Europäer in der Leugnung ein.

Angesichts des Zusammenbruchs der neokonservativen Ideologie (ultraliberal in der Wirtschaft und libertär im Gesellschaftlichen), die den gleichen integrativen und globalistischen Charakter hat wie die europäische Ideologie à la Brüssel, sind die Europäer heute wie eine Ente ohne Kopf, die weiterläuft ohne zu merken, dass sie schon tot ist. TTIP, das in gewisser Weise eine Ausdehnung der europäischen Mechanik auf den Nordatlantik darstellte, ist beerdigt.

Zwischen zwei Giganten

Aber das Schwerwiegendste für Europa ist, dass es von nun an mit zwei Giganten zu tun hat: Putin, der in seinem Land populärer ist als jemals zuvor und der angesehene Sieger im Nahen Osten, Trump, der es hinbekommen hat, gegen seine Partei und gegen die Gesamtheit der wirtschaftlichen Oligarchie und der Medien gewählt zu werden.

Keiner der beiden Männer hat Anlass, die geringste Sympathie für die aktuellen Anführer Westeuropas zu haben, die alle gegen sie Partei ergriffen haben, auf dem diplomatischen und militärischen Terrain im Falle Putins, in der Wahlarena im Falle Trumps. Der dritte große Mann, der beunruhigendere, ist Erdogan, dessen Ambitionen sich an einer aufgewühlten innenpolitischen Situation stoßen und den Putin Mühe hat, im Zaum zu halten. Deutlich abgerückt vom Brüsseler Europa bleibt er ein starker Mann.

Angesichts dieser Großen, was für ein Desaster! Deutschland hat sozusagen keine Kanzlerin mehr, so sehr hat sich Angela Merkel diskreditiert, indem sie auf unverantwortliche Weise das Land für eine Million Migranten geöffnet hat. Frankreich hat einen Präsidenten-Zombie, der auf der internationalen Bühne entwertet ist und sich noch nicht einmal zur Wiederwahl stellen konnte. Italien hat den Rücktritt des Illusionisten Renzi gesehen, der politisch so korrekt ist. Frau May scheint noch am besten dazustehen, aber noch wenig bekannt im Ausland scheint sie absorbiert zu werden von Tausend und einer rechtlichen Schwierigkeit des Brexits, wahrscheinlich weil auf keiner Seite des Ärmelkanals jemand wagt, den gordischen Knoten zu durchschlagen. Und lasst uns nicht von Juncker in seinen hellen Stunden sprechen! Das alles vor dem Hintergrund der Krise des Euro, der in der höchsten Not der griechischen Affäre durch den Druck Obamas gerettet wurde. Was wird Trump beim nächsten Mal machen?

Es ist möglich, dass sich Westeuropa, wie es heute funktioniert, auf strukturelle Weise als unfähig erweist, wirkliche Anführer zu erschaffen. In diesem Frühjahr, in dem wir darauf warten, was die französische Präsidentenwahl bringt, die erste im Kalender, wird die Sternenleere, die heute diejenige Westeuropas ist, ganz groß sichtbar werden. Eine ganzer historischer Zyklus kommt für es an ein Ende.

Mein Kommentar:
Ich lasse diesen Text inhaltlich einfach mal so stehen. Man kann das so sehen, muss aber natürlich nicht. Man sollte aber wissen, dass dieses Thema viele in unserem Nachbarland so sehen, rechte und linke Souveränisten, keineswegs nur Anhänger von Le Pen.
Roland Hureaux ist ein konservativer gaullistischer Kommentator der Außenpolitik, der sich am ehesten irgendwo in dem Umfeld einordnen lässt, das den konservativen Präsidentschaftskandidaten Fillon unterstützt.
Denken Sie einfach mal darüber nach, wo Sie in Deutschland eine solche schonungslose Analyse der Lage Europas erwarten würden. Aus welcher Partei, in welcher Zeitung?

Nachträge 26.2.2017:
Lost in EU: Warum Frankreich an der EU verzweifelt.
Die FAZ sieht das Thema ganz anders als Hureaux: Zurück zur russischen Normalität, verwendet aber lustigerweise das gleiche Matruschka-Foto. Die Welt ist klein.

Nachtrag 06.3.2017:
Kein Land in Westeuropa ist (von allen guten Geistern) verlassener als Deutschland. Wie von Hureaux im Artikel (und bereits früher) ausgeführt, wird ihm das von Erdogan vorgeführt: Sultan Erdogan fordert Tribut von Merkel – und sie zahlt.

Nachtrag 10.3.2017:
ZEIT: Es wird einsam um Deutschland. Deshalb brauche Deutschland Frankreich so dringend. Nach meiner Meinung werden die deutsch-französischen Beziehungen damit auf Dauer überlastet. Es darf nicht passieren, dass Frankreich der einzige Freund wird, der die Feindseligkeit aller anderen kompensieren muss. Außerdem ist Angela Merkel dafür die komplett falsche Kanzlerin: sie hat keinerlei Beziehung zu Frankreich, versteht noch nicht einmal die Sprache. Sie hat nur sterile Machtbeziehungen zu französischen Politikern, keinerlei Einblick in die Gemütslage der Franzosen, in ihre Spaltung auch und gerade im Verhältnis zu Deutschland. So wird die deutsch-französische Achse zuerst überlastet werden und dann wird sie brechen, mit katastrophalen Folgen für Deutschland. Es bleibt absolut notwendig, mit Polen, Großbritannien und Italien gleichermaßen in einem guten Dialog zu bleiben, zum Wohle auch des deutsch-französischen Verhältnisses!

Nachtrag 18.3.2017:
Ein Althistoriker aus Belgien sieht Das Ende des Westens.

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Wie Freihandel versagt

Trump machte sich schon vor seinem offiziellen Amtsantritt daran, dem unbegrenzten Freihandel ans Leder zu gehen, und drohte zunächst Autobauern mit kräftigen Zöllen, wenn sie in Mexiko Autos bauen und in den USA verkaufen wollen. Stellt er mit dem Freihandel ein unumstrittenes Erfolgskonzept in Frage?
Emmanuel Todd hat vor 19 Jahren in seinem Buch „L’illusion économique“ (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion“) beschrieben, worin das Problem des unbegrenzten Freihandels besteht und dass er (gemeinsam mit anderen Ursachen) für die weltweiten wirtschaftlichen Ungleichgewichte mitverantwortlich ist.
Seine Grundthese lautet, dass durch den Freihandel ein rein mikroökonomischer (Kosten-)Wettbewerb der Unternehmen entsteht, der die Nachfrage unweigerlich hinter die Produktivität zurückfallen lässt und damit in die Krise führt. Um diese Idee zu entwickeln, beschreibt er zunächst die makroökonomischen Erfolge der Nachkriegszeit in allen Industrieländern des Westens:

Die Regulierung der globalen Nachfrage durch die Nationen

Die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft hängt sehr banal von zwei Faktoren ab: ihrer technologischen Fähigkeit, das Angebot von Gütern und Dienstleistungen zu erhöhen, und ihrer  gesellschaftlichen Fähigkeit, die Nachfrage nach diesen Gütern und Dienstleistungen zu erweitern. Der Konsum muss im Takt mit der Produktion voranschreiten. Die sehr hohen Wachstumsraten, die man in den meisten westlichen Ländern nach dem zweiten Weltkrieg beobachtete, erklärten sich durch die Kombination eines technologischen Schubs mit einer Entfesselung des Konsums. Der technische Fortschritt leitete sich aus der Anwendung der schlecht genutzten Erfindungen der Jahre 1930-1945 ab, die bis dahin durch die Krise und den Krieg eingefroren waren. Die Dynamik der Nachfrage resultierte ihrerseits nach dem Krieg aus der Entstehung eines neuen sozialen Konsenses über die Verteilung der Früchte des Wachstums. Alle – Arbeiter, Angestellte, Führungskräfte, Bauern und Rentner – sollten von regelmäßigen Erhöhungen ihrer Einkünfte profitieren. Der makroökonomische Effekt dieses neuen Konsenses war eine implizite und dauerhafte Vorwegnahme der Erhöhung der Produktion. Die stark integrierten Gesellschaften der Nachkriegszeit waren in der Lage, durch Konsum alle Produktivitätsgewinne zu absorbieren und so die Vollbeschäftigung sicherzustellen. Der Sozialpakt regelte das Uraltproblem des Absatzes, sogar ein wenig zu gut, da ja gegen Ende der 1960er Jahre die Vorwegnahmen der Einkommensteigerung die Oberhand gewannen über das Potenzial zur Produktionssteigerung, so dass der Verzug eine strukturelle Tendenz zur Inflation nach sich zog…

Der grundlegende Rahmen der Neuaufstellung der Produktivkräfte und der Erweiterung des Konsums war damals die Nation. In einer Gesellschaft, die sich stark ihrer Einheit bewusst ist, der Solidarität der wirtschaftlichen Akteure, der Tatsache, dass der Produzent Konsument sein muss, betrachtet ein Unternehmen die Reduzierung seiner Gehaltsmasse nicht als eine Priorität. Es weiß, dass die Gehälter, die es ausschüttet, ein Teil des globalen Konsums sind, von dem es für seinen Absatz abhängt. Es ist wahr, dass ein Unternehmen, das seine Gehälter erhöht, nicht wirklich seinen eigenen Absatz erhöht, sondern eher den anderer Unternehmen. Das Say’sche Absatztheorem will die theoretische Unmöglichkeit der Überproduktion zeigen, indem es unterstreicht, dass das Angebot seine eigene Nachfrage erzeugt, indem jedes Unternehmen gleichzeitig Produktion schafft durch die Güter, die es auf den Markt bringt, und Konsum durch die Einkünfte, die es verteilt. Es kann nicht angewendet werden auf technologisch dynamische Volkswirtschaften, in denen eine Erweiterung des Konsums diejenige der Produktion begleiten, vorwegnehmen muss. Aber in der aufgeklärten Welt der Nachkriegszeit verbindet ein komplexes und subtiles Spiel die Unternehmen miteinander und die Arbeiter mit den Arbeitgebern, damit eine optimierte globale Nachfrage aufrechterhalten wird. Ihre Vorwegnahmen sind nicht rational und individuell, sondern vernünftig und kollektiv. Im Fall einer Dejustierung greift der Staat, ein nationaler wirtschaftliche Akteur, ein, um den Konsum zu unterstützen. Während der ganzen Nachkriegszeit hat das Wachstum der Bevölkerung dazu beigetragen, dass die Nachfrage und die Produktion nach oben getrieben wurden.

In diesem keynesianischen mentalen System haben die Akteure die Idee verinnerlicht, dass das Voranschreiten des Konsums essentiell ist und dass eine Volkswirtschaft, die vom technologischen Fortschritt getrieben wird, immer von einer Tendenz zur Konsumschwäche bedroht ist. Die optimale Welt von Keynes kombiniert ein gutes Verständnis der wirtschaftlichen Akteure für das Problem des Absatzes und einen sozialen Pakt, der den Konsum begünstigt, der in der Praxis nur im nationalen Rahmen voll realisiert werden kann. Der Triumph des Keynesianismus war deshalb ebenso sehr ein gesellschaftlicher wie ein intellektueller Moment. Aus Sicht der späteren Geschichte und im Besonderen  des Vergessens des Problems der globalen Nachfrage durch die europäischen Regierenden der Jahre 1985-1995 kann man behaupten, dass der Sieg von Keynes mehr dem  hervorragenden Zusammenhalt der Nachkriegsnationen, dem gesellschaftlichen Faktor, verdankt als der ökonomischen Kompetenz der Eliten jener Zeit, dem intellektuellen Faktor. Machtvoll integriert durch die Massenalphabetisierung hatten die Nationen von 1945 gerade die schrecklichste der Prüfungen durchlebt. Der zweite Weltkrieg hat die Arbeit des ersten vollendet und zum Punkt der Vollendung des Gefühls der nationalen Einheit geführt. In jedem Land, Sieger oder Besiegten,  hat das Leiden die Gruppen und Klassen im Gefühl eines gemeinsamen Schicksals zusammengeführt, sei es glücklich oder tragisch. Von da kam die einfache Entstehung, als der Frieden erst einmal wieder gekommen war, einer wirtschaftlichen Regulierung im Stil von Keynes.

Aber was wird aus einer solchen tendenziellen Erhöhung der Nachfrage, wenn sich die Nationen für den Freihandel öffnen oder sich ihm vielmehr ausliefern?

Freihandel und Konsumschwäche

Der Freihandel trennt geografisch, kulturell und psychologisch das Angebot von der Nachfrage. Er verknüpft die Produzenten eines Landes A mit den Konsumenten der Länder B, C, D, E und umgekehrt. Aus der Sicht der Nation wie des Unternehmers zerfällt die globale Nachfrage in zwei Komponenten, die innere Nachfrage und die äußere Nachfrage, was die schicksalhafte Gleichung wiedergibt: Dg=Di+Dx. Der Freihandel erschafft ein wirtschaftliches Universum, in dem der Unternehmer nicht mehr das Gefühl hat, mit den Gehältern, die er auszahlt, zur Bildung einer globalen Nachfrage auf nationaler Ebene beizutragen. Die Gehälter, deren Aggregation auf weltweiter Ebene nur eine unzugängliche Abstraktion ist, stellen von nun an für das Unternehmen nur noch Produktionskosten dar, die so weit wie möglich zu reduzieren, es ein Interesse hat. Eine solche logische Konfiguration erzeugt ideale Bedingungen für einen systematischen Rückstand der globalen Nachfrage gegenüber der Produktivität, die vom technischen Fortschritt geschaffen wird. Dass der Handel außerhalb der Nation gestellt wird, bringt den Kapitalismus in sein primitives, vorkeynesianisches  Stadium zurück: das eines Systems, dessen Akteure es nicht mehr schaffen, die Idee einer globalen Nachfrage  zu erfassen, und total vom mikroökonomischen Spiel der Kräfte dominiert werden.
Die Lektüre der amerikanischen Handbücher für internationale Ökonomie, die unversiegbar über die positiven Effekte des Freihandels für die Produktivität schwätzen, schweigen sich typischerweise aus über die Auswirkungen auf die Nachfrage. Sie spekulieren unermüdlich über die Kostenvorteile für die Verbraucher, deren Existenz problematisch wird. Eine solche Auslassung ist in sich selbst bemerkenswert: es ist nicht vorstellbar, dass ein Problem, das die Mehrheit der Ökonomen zwischen 1930 und 1965 beschäftigt und gepeinigt hat wie durch Verzauberung  jedes intellektuelle und praktische Interesse verloren hat. So viel Schweigen dröhnt im Kopf. Die Welt scheint in die Zeit vor 1930 zurückgefallen zu sein. …

Der Freihandel, wenn er bis an seine äußersten Konsequenzen getrieben wird, schafft die Möglichkeit einer makroökonomischen Regulierung ab…

Ravi Batra, ein nonkonformistischer amerikanischer Volkswirt, hat für die meisten der entwickelten Länder systematisch offengelegt, wie die Gehälter, also der Konsum, sich von der Produktivität unter der Wirkung des Freihandels abgekoppelt haben…

Die Freihandels-Illusion

Der Protektionismus wird offiziell von den westlichen Eliten als eine überholte Doktrin betrachtet, als ökonomisch und politisch schädlich. Jeder Schutz, selbst ein partieller, für die nationalen Märkte würde die Konkurrenz  behindern und zur Stagnation führen, die den Planeten um Spezialisierungen berauben würden, die allen nützen. Jedes Land zu zwingen, Dinge zu produzieren, die anderswo zu geringeren Kosten produziert werden können, würde bedeuten, die Produktivität und den mittleren Lebensstandard der ganzen Welt zu senken. Die Wiederherstellung  der Zollrechte würde zur Entfesselung der Nationalismen und zum Krieg führen. Wenn man den Ideologen des Freihandels folgt, sei der Protektionismus  die letztliche Ursache der Probleme des frühen 20. Jahrhunderts gewesen….
Die politischen Führer des Westens feiern im Kern den Freihandel und seine Vorzüge, und nutzen als minimales intellektuelles Gepäck im Allgemeinen einige schlecht verdaute Seiten von Adam Smith und von Ricardo über die absoluten oder komparativen Vorteile des internationalen Handels. Sie haben dabei eine deutliche Vorliebe für das völlig archaische Ricardo’sche Beispiel Portugals, das seinen Wein gegen Textilien handelte, die aus Großbritannien kamen. Diese ökonomische Pseudo-Kultur ist voller Boshaftigkeit, da ja Portugal ganz offensichtlich durch zwei Jahrhunderte des Handels mit Großbritannien in der Unterentwicklung festgehalten wurde, während dieses letztere, das durch sein Freihandelsdogma gelähmt war, sich verbot, auf die neuen amerikanischen und deutschen Konkurrenten zu reagieren, und so einen originalen Weg in die relative Unterentwicklung definierte.

Aber welche Bedeutung hat schon die Geschichte und die Realität der Welt!  Warum sollte man sich für das wirtschaftliche Durchstarten Großbritanniens interessieren, das im 17. und 18. Jahrhundert dank  mächtiger protektionistischer Maßnahmen stattfand? Die Schiffahrtsgesetze behalten ab 1651 den Transport von Waren englischen Schiffen vor; die indischen Baumwollstoffe sind während des Aufstiegs der Textilindustrie von Lancashire aus Großbritannien verbannt; der Export britischer Ausrüstungsgüter ist von 1774 bis 1842 verboten.  Lasst uns ebenso das amerikanische industrielle Durchstarten vergessen, das sich nach dem Sezessionskrieg dank Zollschranken abspielte, die 40% des Werts der importierten Objekte überschritten! Lasst uns auch nicht vom deutschen Durchstarten am Ende des 19. Jahrhunderts sprechen, das nicht eine solche Macht gehabt haben könnte, wenn Bismarck nicht 1879 den Protektionismus gewählt hätte. Lasst uns, um ganz sicher zu gehen, auch die Gegenwart abschaffen, dieses Japan, zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, das über sein initiales Durchstarten hinaus protektionistisch bleibt. Lasst uns schamhaft die Augen von diesen unterbewerteten asiatischen Währungen abwenden, die unter dem Regime von flexiblen  Wechselkursen eine der modernen Formen des Protektionismus darstellen. Schließlich wollen wir uns weigern, das Wesentliche zu sehen, das globale Resultat des modernen Freihandels im Sinne des Wohlergehens der Bevölkerungen: die Absenkung der Zollschranken im überwiegenden Teil der westlichen Welt wurde von einem Fall der Wachstumsrate der Weltwirtschaft begleitet und von einem furchtbaren Anstieg der inneren Ungleichheiten in jeder Gesellschaft.

Die Fanatiker des Freihandels, die an den Dynamismus des Planeten glauben wollen, hören nicht auf,  bruchstückhafte Daten vorzubringen, lokale oder sektorielle. Sie schinden bei sich selbst Eindruck mit dem Durchstarten, in Europa und Asien, von Irland, Singapur oder des küstennahen China, um nur einige Vorzeige- und untypische Volkswirtschaften aus der Mitte der 1990er Jahre zu zitieren. Sie versichern uns, dass der von diesen winzigen Ländern oder weiten, aber minderheitlichen Regionen gewählte Weg von der Gesamtheit der sich entwickelnden Welt verfolgt werden kann, und entrüsten sich im Voraus über eine mögliche Rückkehr der fortgeschrittenen Gesellschaften zur Protektion. Sie geraten in Verzückung über den weltweiten Boom bei Faxgeräten und Mobiltelefonen, ohne die offensichtliche Tatsache zu erwähnen, dass der Anstieg der Ungleichheiten in jeder Gesellschaft mechanisch die Entwicklung von Partialmärkten für die Privilegierten sicherstellt. Ohne dass sie besonders high-tech wären, fallen der „Führer für Hotels mit Charme“, dasChanel No. 5“ und dieGrands- Crus-Weine“  in diese Kategorie….

Die globalen Daten sind jedoch wenig beeindruckend. Der Weltwirtschaft geht es immer weniger gut. …

Es ist ziemlich leicht, einen logischen Zusammenhang herzustellen zwischen der Wachstumsschwäche und der Öffnung für den Freihandel. Aber man muss dafür aufhören, den internationalen Handel allein wahrzunehmen im Sinne des Angebots von Gütern und Dienstleistungen, wie es fast immer der Fall ist in den rechtmeinenden Handbüchern der Ökonomie, und die Frage stellen nach der globalen, d.h. der weltweiten Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen.

Kommentare:

  • Die notorische Schwäche der Nachfrage mangels Einkommen in der globalisierten Wirtschaft wurde, insbesondere in den USA, aber auch in Europa, teilweise durch exzessive Kredite gemildert, was ein wichtiger Grund für die ausufernde Verschuldung ist. Inzwischen ist diese Verschuldung selbst an ihre Grenze gestoßen und nicht mehr steigerbar. Das ist der Grund, warum das Thema des Freihandels gerade jetzt mit Macht zurückkommt.
    Die Verschuldung ist in dieser Betrachtung also keine letzte Ursache, kein weiteres Argument gegen den Keynesianismus, sondern selbst nur eine Folge einer angebotsorientierten, freihändlerischen Politik, die die elementaren Erkenntnisse von Keynes in den Wind geschlagen hat.
  • Die inzwischen extrem hohen deutschen Exportüberschüsse sind ein Hinweis darauf, dass auch Deutschland kläglich dabei versagt, Angebot und Nachfrage in ein Gleichgewicht zu bringen. Deutschland schafft es damit zwar, seine Arbeitslosigkeit ins Ausland zu exportieren, was aber keine Lösung für das globale Problem darstellt. Die ganze Aussichtslosigkeit der konservativen deutschen Ansicht, dass Deutschland ein Vorbild für andere Länder sei, ist damit offensichtlich.
  • Wie der Zufall so will, hat gerade heute der renommierte Schweizer Volkswirt Mathias Binswanger in der ZEIT darauf hingewiesen, dass Freihandel natürlich nicht immer für alle Beteiligten vorteilhaft ist. Diese Tatsache werde aber von der herrschenden Lehre ignoriert. Erfreulicherweise nimmt er sich ebenfalls Ricardos Beispiel des Freihandels zwischen Portugal und England vor, um die Irrtümer zu erläutern. Er kommt zum selben Ergebnis wie Todd: Portugal war der Loser in diesem Deal und ist ihn auch nicht ganz aus freien Stücken eingegangen.
  • Todds Schlussfolgerung, dass der ungehinderte Freihandel nicht funktioniert und zu grundlegenden Problemen in der Weltwirtschaft führt, scheint mir zuverlässiger zu sein, als die Lösung einer Rückkehr zu den national und keynesianisch regulierten Volkswirtschaften der Jahre 1950-1980. Er nennt den starken nationalen Zusammenhalt nach dem Krieg als einen der begünstigenden Faktoren. Man kann also davon ausgehen, dass die Suche nach einem neuen Modell schwierig und chaotisch wird. Ein Präsident Trump mit seinem Teilverständnis und vielen ökonomischen Beratern aus der etablierten (Finanz-)Wirtschaft, die bisher dem Freihandel anhängen, könnte also viel Chaos anrichten und leicht an der epochalen Herausforderung scheitern. Jedenfalls leitet er aber die offizielle Abkehr vom Freihandelsdogma ein. Und genau hier liegt auch der Grund für Todds begrenzte Sympathie für die Präsidentschaft von Trump.

Nachtrag 26.2.2017:
Patrick Kacmarczyk: Wachstum durch Freihandel – Ein Mythos