Entstehung der ‚Europäischen Kultur‘

In seinem jüngsten Buch von August 2017

OuEnSommesNous

„Wo stehen wir?
Eine Skizze der Menschheitsgeschichte“

hat der Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd seine Betrachtungen zur Geschichte Europas und Amerikas aus früheren Büchern  einerseits nochmals in einem großen Bogen systematisiert und andererseits auf die Gegenwart ausgedehnt, um die dramatischen Ereignisse der letzten Jahre (Wirtschaftskrisen, dt. Migrationspolitik, Brexit und die Präsidentschaft Trump) zu erörtern.
Wichtige Grundlagen dafür sind die Werke, die ich auf diesem Blog bereits in längeren Auszügen besprochen habe: „Die Erfindung Europas“ und „Die ökonomische Illusion“.

In diesem Buch mit fast 500 Seiten gibt es nun einige Kapitel, in denen er sich besonders intensiv mit Deutschland beschäftigt und die ich deshalb in Auszügen auf meinem Blog vorstellen will.

Im ersten Auszug geht es um die Frage, wie, wann und wo das entstanden ist, was wir immer wieder einmal als Europäische Kultur (oder auch: Abendländische Kultur) bezeichnen. Als Zutaten identifiziert er in den Kapiteln 4-7:

  • das jüdisch-christliche Erbe
  • die christliche Neigung, die Sexualität zu zügeln und exogam zu heiraten, die sich in alle europäischen Familiensysteme eingenistet hat
  • im Zusammenhang damit die späte Heirat und Familiengründung der Europäer
  • die vor allem durch die Reformation beschleunigte Massenalphabetisierung
  • die dadurch angestoßene Zivilisierung des gesamten Lebens, die nach und nach u.a. zu einer drastischen Reduzierung der Totschlagshäufigkeit auf dem gesamten Kontinent geführt hat (im Vergleich zu früher und zum Rest der Welt)

Die Wiege, in der sich auf diese Weise irgendwann im 16. Jahrhundert die bis heute dominierende europäische Kultur initial entwickelt hat, stand für Todd in Deutschland, auch wenn spätere Schritte wie die Industrialisierung in England und die Demokratisierung in Amerika und Frankreich ihren Ausgang nahmen.

Ein Schlüsselkapitel über den Kern der europäischen Kultur ist das Kapitel 6, das ich deshalb hier teilweise übersetzt habe:

Die große europäische mentale Transformation

Wir würden falsch liegen, wenn wir im Lesenlernen nur den Erwerb einer Technik sähen. Man beginnt heute, die Erweiterung der Gehirnfunktionen zu ermessen, die durch eine  intensive und frühzeitige Gewohnheit zu lesen ausgelöst wird. Intelligente Kinder lernen gewiss leichter das Lesen. Aber es ist für das Verständnis der Menschheitsgeschichte noch wichtiger zu erfassen, dass insbesondere das Lesen die Kinder intelligenter macht. Wie die Aneignung einer Fremdsprache ist das Aneignen des Lesens vor der Pubertät einfach, danach schwierig. Man kann davon ausgehen, dass sich das Gehirn durch die Alphabetisierung verändert während einer entscheidenden Phase der Entwicklung des menschlichen Organismus.

Das Lesen schafft einen neuen Menschen. Es verändert die Beziehung zur Welt. Es erlaubt ein komplexeres Innenleben und bringt eine Transformation der Persönlichkeit mit sich, zum Besseren und zum Schlechteren. Vom 19. Jahrhundert an fiel den Gründern der „Statistik  der Sitten“ auf, dass mit schöner Regelmäßigkeit eine Erhöhung der Selbstmordraten auf diejenige der Alphabetisierungsraten folgte[1].

David Riesman hat 1950 in „Die einsame Masse“ eine schöne Beschreibung der psychischen Transformation gegeben, die das regelmäßige Ausüben des Lesens begleitet. Nach ihm trägt diese bei zur Transformation einer Persönlichkeit auf traditioneller Basis, die früher von der Konvention reguliert wurde, in eine neue Persönlichkeit, die durch einen inneren Kreisel  gelenkt wird.

„Der Mensch, der ‚von innen gelenkt‘ wird, der für die Vernunft offen ist auf dem Weg des Gedruckten, entwickelt häufig eine Persönlichkeitsstruktur, die ihn zwingt, länger zu arbeiten mit weniger Ruhezeit und Gemächlichkeit, als man davor für möglich gehalten hätte.“

David Riesman bezeichnet die Lektüre der Bibel durch die Protestanten als ein zentrales Phänomen. Das klassische Beispiel in der Geschichte des Westens ist natürlich die Übersetzung der Vulgata in die gesprochenen Sprachen, eine Übersetzung, die den normalen Leuten zu lesen erlaubt, was früher den Priestern vorbehalten war. Er beschreibt anschließend die Störungen, die durch diese Lektüre ausgelöst wurden: „Die übertriebenen Wirkungen, die ich im Sinn habe, sind diejenigen, die die Individuen betreffen, deren Spannungen und Schuldgefühle durch den Druck des Gedruckten vergrößert werden.“

Wie es häufig ist, ist es hier eher die Beobachtung der Geschichte als die psychologische „Wissenschaft“, die uns am besten erlaubt zu verstehen, was der Mensch ist. Das bildungsmäßige Durchstarten Europas wurde in der Tat begleitet von einer globalen und messbaren mentalen Transformation in vielen Bereichen: die Unterdrückung der Sexualität, der Rückgang der privaten Gewalt, die Entwicklung von Tischmanieren und die Entstehung einer Besessenheit von der Hexerei erlauben uns, die Entstehung eines neuen Menschen in West- und Mitteleuropa auf die Jahre 1550 – 1650 zu datieren.

Das „Modell der westlichen Ehe“ –
ein verspäteter Sieg der christlichen Ablehnung der Sexualität

Um die Wechselwirkung zwischen dem Erlernen des Lesens und der mentalen Transformation zu erfassen, wollen wir von dem ausgehen, was am eindeutigsten und einfachsten zu quantifizieren ist: die langfristige Entwicklung eines demografischen Parameters. Noch um 1930 passen die Karten der Alphabetisierung und des erhöhten Heiratsalters auf befremdliche Weise zusammen

Alphabetisierung1930

Heiratsalter1930

Für die Frauen überschreitet das mittlere Alter bei der Heirat 26 Jahre in einer Gesamtheit von Ländern, die ihr Zentrum in der lutherischen Welt und / oder in der Stammfamilie haben, zwischen Skandinavien und der Schweiz. Aber selbst in den protestantischen Ländern, in denen die Kernfamilie vorherrscht – England, Niederlande, Dänemark – überschreitet das mittlere Alter der Frauen bei der Heirat 25 Jahre. In den katholischen Ländern Europas stuft es sich ab zwischen 25 Jahren für Italien und 23 Jahren für Frankreich. Wir liegen hier, außer vielleicht im Fall Frankreichs, sehr weit über dem ursprünglichen Heiratsalter des Homo Sapiens, wie man es beispielsweise in den Gruppen von sesshaften Jäger und Sammlern oder bei den Bauern in den entferntesten Randlagen Eurasiens messen kann. Auf den Philippinen war das Alter bei der Heirat für die Frauen um 1948 22,1 Jahre bei den Tagalogs, 18,4 Jahre bei den Jäger und Sammlern Agta um 1980, wie wir im Kapitel 2 gesehen haben.

John Hajnal hat 1965 ein Modell der europäischen Ehe identifiziert, die einmalig ist durch ihren aufgeschobenen Charakter und die Bedeutung des endgültigen Zölibats. Das westliche Europa von Hajnal unterscheidet sich in diesen Punkten klar vom Rest der Welt, einschließlich Osteuropa, weil ja um 1930 in Polen, in Ungarn oder in Russland, um nur diese 3 Länder zu nennen, die Ehe viel frühzeitiger und das Zölibat sehr selten war [2]. Nach Hajnal wurde das europäische Modell charakterisiert durch ein Heiratsalter von Frauen, das über 23 Jahren lag, und noch öfter über 24, gegenüber weniger als 21 Jahren anderswo.

Hajnal hat das Erscheinen des europäischen Modells datiert, in dem er die Stammbäume von Familien aus Württemberg, aus Genf und des englischen Adels genutzt hat. Seine Schlussfolgerung ist sicher, aber vorsichtig: das Modell der europäischen Ehe existierte im Hochmittelalter nicht, müsste aber zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert das Licht der Welt erblickt haben. Wir können heute diese Schlussfolgerung verfeinern. Die Arbeit von Wrigley et Schofield erlaubt uns nicht, für das Heiratsalter weiter zurückzugehen als in die Jahre 1640-1649, aber sie liefert uns die ältere Entwicklung einer eng verwandten Variablen, des Anteils des endgültigen Zölibats. Nun stellen diese Forscher aber eine Erhöhung von 8 auf 24 Prozent des Anteils der niemals verheirateten Individuen von der Generation der um 1555 geboren zu der der um 1605 Geborenen  fest.

Wie für die anderen Variablen, die wir untersuchen werden, ist jedenfalls eine Verhaltensänderung im Hinblick auf die Ehe und die Sexualität spürbar zwischen 1550 und 1650.

Als er dieses fundamentale Element der europäischen Geschichte nachgewiesen hat, hat Hajnal trotzdem einen dreifachen Fehler begangen: er hat sein europäisches Modell kräftig nach Westen verschoben und dadurch zwei wesentliche erklärende Faktoren verfehlt, die lutherische Reformation und die Stammfamilie, d.h., ganz einfach das deutsche Herz der mentalen Revolution. Es ist wahr, dass Deutschland 1965, als die Hypothese von Hajnal ans Licht kam, besiegt und geteilt war. Die Wahrnehmung seiner geografischen und historischen Zentralität war kein Selbstläufer mehr. Man dachte in Kategorien der Ost/West-Konfrontation. 2017 in einer Europäischen Union, die von Deutschland dominiert wird, dürfte eine Rezentrierung der Hypothese von Hajnal nicht allzu schwer zu akzeptieren sein.

Lassen wir uns in die sehr lange Frist zurückversetzen, eher die christliche als die von Braudel[3]: die späte Heirat und das massenhafte Zölibat scheinen zwischen 1550 und 1650 endlich das alte Projekt der sexuellen Enthaltsamkeit umgesetzt zu haben, das mehr als ein Jahrtausend zuvor an den Ufern des Mittelmeeres von den Kirchenvätern ausgearbeitet worden war. Unsere Karten zeigen uns an, dass die lutherische Reformation die Initiatorin der Bewegung war und dass die katholischen Regionen in dieser Sache Nachläufer waren. Die Gegenreformation hat in der Tat ein analoges, aber etwas softeres Modell der Unterdrückung der Sexualität verfolgt. Merken wir jedoch an, dass in den Regionen der Stammfamilie, die katholisch geblieben waren – in Österreich, in Bayern, in einigen Schweizer Kantonen, in Norditalien oder in Irland – das Modell der Unterdrückung der Sexualität eine Macht erreicht hat, die der des protestantischen Modells würdig war.

Die Pfade der Disziplin

Die Erhöhung des Heiratsalters, einer zentralen mentalen Variable, ist Robert Muchembled nicht entgangen, da er ja seine Erhöhung im Artois zwischen dem 16. Jahrhundert und 1650 von 20 auf 25 Jahre bei den Frauen und von 24-25 auf 27 Jahre bei den Männern bemerkt hat[4]. Das wirkliche Thema von Muchembled ist jedoch die Bändigung der privaten Gewalt: im 13. Jahrhundert konnte sich die Rate von Mord und Totschlag auf bis zu 100 Fälle pro 100000 Einwohner belaufen gegenüber weniger als 1 heute in den meisten Ländern Westeuropas.

Auch hier müssen wir feststellen, dass zwischen 1600 und 1650 ein erster Knick die Rate von Mord und Totschlag halbiert hat. Im Gegensatz zu Hajnal verfehlt Muchembled das geografische Ziel nicht ganz, da ja nach ihm die Ausgangszone der protestantische Norden Europas ist, ein Pol, zu dem er Frankreich und die katholischen Niederlande hinzufügt:

„Der Rückgang der blutigen Gewalt in Europa beginnt im protestantischen Norden –Skandinavien, England, Vereinigte Provinzen – aber auch in Frankreich und den katholischen Niederlanden, bevor er sich zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert auf den ganzen westlichen Teil des Kontinents verallgemeinert. Da der initiale Trend ganz verschiedene Typen von Staaten betrifft, darunter wenig zentralisierte Staaten, könnte er nicht mit rein politischen Begriffen dadurch erklärt werden, dass die absolute Monarchie vorangetrieben wurde. Er ist auch nicht spezifisch protestantisch. Im Kern auf der Verantwortung und der Schuldhaftigkeit des Individuums beruhend zulasten des Gesetzes von der Schande und der kollektiven Ehre, findet sich die zugrundeliegende Ethik auch im katholischen Frankreich und in den spanischen Niederlanden, die von einer noch fordernden Form des barocken Katholizismus geprägt waren.“

Aber Deutschland ist immer noch nicht da, die bereits festgestellte Auswirkung eines  Rückstands der historischen Forschung zu diesem Land.
Wie auch immer es sei, die historische Demografie und die quantitative Geschichte der Gewalt bestätigen, indem sie sie erweitern, die ursprüngliche Intuition von Norbert Elias (1897-1990), der im Jahr 1939 in „Der Prozess der Zivilisation“ eine Veränderung der Gesamtheit der westlichen Verhaltensweisen offengelegt hatte, die von der Sexualität bis zu den Tischsitten reichte.

Die bewirkte Fortentwicklung des individuellen Verhaltens kann heute bis hierher als ein Fortschritt erscheinen: das ist klar im Fall des Lesenlernens und beim Rückgang des Gewaltniveaus, ein bisschen weniger wahrscheinlich bei der Erhöhung des Heiratsalters und der Zölibatsrate: die sexuelle Abstinenz wird heute nicht mehr als ein positiver Wert anerkannt. Aber erinnern wir trotzdem daran, dass die späte Heirat und der Zölibat die erste Etappe einer Kontrolle der Fruchtbarkeit bildeten, die eine gewisse Fähigkeiten zum Sparen begünstigten, eine notwendige Bedingung für das wirtschaftliche und industrielle  Durchstarten.

Ich würde diese Erinnerung an die große europäische mentale Transformation gerne mit einem Bestandteil abschließen, das seine dunkle Seite unterstreicht und an die irrationale Dimension der protestantischen Reformation und seiner jüngeren Schwester, der katholischen Gegenreformation, erinnert…

Die Geschichte enthüllt uns tatsächlich die psychischen Kosten dieser Transformation des Homo Sapiens. Lassen wir den religiösen Hass aus, den Aufstieg der absolutistischen Staaten, den großen und den kleinen. Lassen wir die Zunahme des Krieges aus, die der Erwerb des Monopols auf „legitime“ Gewalt durch den Staat begleitet hat, da ja der für die innere Befriedung des Verhaltens zu bezahlende Preis ohne jeden möglichen Zweifel die kollektive Umlenkung der Gewalt war. Geben wir uns damit zufrieden, die Konsequenzen bei den Individuen und ihre Ängsten, ihren Familien und Dörfern zu ermessen.
Die Jahre 1550-1650 waren auch diejenigen der großen Hexenverfolgung, unter der Hunderte ländlicher Gemeinschaften, angeführt von paranoiden Magistraten, Tausende von alten Frauen auf den Scheiterhaufen brachten, die verdächtigt wurden, mit dem Teufel zu paktieren, und überall außer in England, mit Inkuben und Sukkuben zu schlafen…

Alle Länder waren betroffen, aber einmal mehr scheint die geografische Verteilung der Fieberschübe ihr Zentrum in Deutschland und seinen Rändern zu haben, Flandern, Lothringen, die Franche-Comté, Schlesien, Schweden….
Trevor-Roper stellt keinen signifikanten Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Regionen fest. Wir können aber dieser doppelten und komplementären Offensichtlichkeit nicht entkommen: die betroffenen katholischen Zonen liegen meistens in der Nähe der Pole der Entstehung der Reformation und werden durch die Stammfamilie charakterisiert.

Die Erfindung des Erstgeburtsrechts ist ebenfalls, wie wir bereits gesehen haben, diejenige der Patrilinearität, ein besonders deutliches Phänomen in Deutschland. Wir können also ohne großes Irrtumsrisiko den gegen die Frauen gerichteten Wahn der Hexenverfolgung mit der damals in Gang befindlichen Veränderung der Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Verbindung bringen. Auf der Gesamtheit des Kontinents, finden sich die Paare später in einem Umfeld der Leugnung des Vergnügens und des Fleisches. In Deutschland beginnt der Status der Frau zu sinken. Im Ursprung der großen Hexenverfolgung können wir einen Anfang der Entstehung des patrilinearen Prinzips erkennen…

Zerstörung des Systems der undifferenzierten Verwandtschaftsverhältnisse

Wir verfügen von jetzt an über alle Elemente, die besser als zur Zeit von Norbert Elias erlauben, die Transformation des Westens zu verstehen. Ich bin mir bewusst, dass die Errungenschaften der Forschung der Jahre 1960-1990 zur Alphabetisierung, zum Heiratsalter, zur Gewalt oder zur Hexenverfolgung zu sehr Frankreich oder Großbritannien betreffen, und nicht ausreichend Deutschland.

Dieses Informationsdefizit hat uns jedoch nicht daran gehindert, Deutschland den Platz beim Abheben des Westens zu geben, der ihm zusteht: vor England und vor Frankreich. Es war gewiss nicht der Startplatz der wissenschaftlichen und politischen Revolution des 17. Jahrhunderts, die sich auf England konzentrierte, aber es hat den Bildungssockel geschaffen, die Massenalphabetisierung. Familiäre und religiöse Dynamiken haben sich in Deutschland zusammengefunden, um das Bildungsniveau der gesamten Bevölkerung einschließlich der Bauern anzuheben.
Die mittelalterliche Dynamik hätte aus Italien den Ort des Abhebens machen müssen, aber die katholische Gegenreformation, die die Leser von religiösen Texten verfolgt hat, weil sie a-priori als Ketzer angesehen wurden, schafft das Kunststück, das Land der Renaissance, das von Leonardo da Vinci und Galilei, in den Zustand der Bildungsstagnation zu versetzen. Die religiöse Entwicklung ist jedoch wahrscheinlich nicht die einzige Verantwortliche: Die Blüte eines patrilinearen Gemeinschaftsfamiliensystems, das besonders in Mittelitalien[5] stark war, hat vermutlich zum Erfolg der Gegenreformation und der kulturellen Blockade Italiens beigetragen.

Eine solche Darstellung der Geschichte erkennt die Besonderheit Deutschlands an, lehnt aber das Bild von einer uralten germanischen Kultur ab. Die entstehende patrilineare Stammfamilie trennt schrittweise, vor allem ab dem 14. Jh., Deutschland von Nordfrankreich und England. Aber wenn wir über das 11. Jh. hinaus zurückgehen, verschwindet die „deutsche Besonderheit“. Wie bereits vorher gesagt, finden wir dann ein Kernfamiliensystem und ein System undifferenzierter Verwandtschaft, kurz, einen Homo sapiens, der vom Christentum kaum modifiziert war. In jenen fernen Zeiten kämpfte die Kirche  noch, um die moderate Exogamie in eine absolute Exogamie zu verwandeln.

Das Studium der großen europäischen mentalen  Transformation der Jahre 1550-1650 erlaubt uns zu verstehen, in welchem Ausmaß die Wirkung der christlichen Religion langsam und partiell war bis zur finalen Beschleunigung durch die Reformation. Die sexuelle Abstinenz, von der der heilige Augustinus und die östlichen Kirchenväter schon geträumt hatten, musste bis zum 16. Jh. warten, um eine langsam eine gemeinsame soziale Praxis zu werden. Der Protestantismus war also wirklich, wie er vorgab, eine Rückkehr zur ursprünglichen christlichen Botschaft….

 

Anmerkungen und Folgerungen aus Todds Text:

  • Der als ‚germanophob‘ missverstandene Todd hat also tatsächlich in diesem Buch eine kleine Hommage an die historische Rolle Deutschlands untergebracht, wie er es in einigen Interviews angekündigt hatte
  • Gleichzeitig geht das bei ihm (selbstverständlich) nicht auf Kosten anderer großer europäischer Kulturnationen wie England, Frankreich und Italien, sondern im Kontext von deren eigenen Leistungen
  • Die europäische (von manchen auch „abendländisch“ genannte) Kultur ist keine völkische, sondern eine aus religiösen und sozialen Bewegungen entstandene Kultur mit jüdisch-christlichen Wurzeln. Damit ist sie durch Zuwanderung aus fremden Kulturen nicht a-priori verloren.
  • Gleichzeitig zeigen die Fakten, zum Beispiel der Rückgang der blutigen Gewalt um einen Faktor 10 seit dem 16. Jahrhundert, was für Europa und seine Kultur auf dem Spiel steht.
  • Der ausweislich der PKS für 2016 ebenfalls grob diskutierte Faktor 10 bei der Gewaltbereitschaft junger Zuwanderer gegenüber der von bereits über Generationen hier Lebenden dürfte also auf mehr als rein individuelle Faktoren zurückzuführen sein. Den kulturellen Faktor durch Religion und vor allem Endogamie sieht Todd grundsätzlich immer als wesentlich an.

[1] U.a. hatte auch der französische Soziologe Émile Durkheim in seinem Standardwerk ‚Der Selbstmord‘ Ende des 19. Jh. bereits festgestellt, dass protestantische Regionen (in Deutschland) mit mehr Selbstmorden zu kämpfen haben als ansonsten vergleichbare katholische. Diese alte Beobachtung stützt die von Todd hier aufgezeigten Zusammenhänge.

[2] „European Marriage Patterns in Perspective“ in David V. Glass und David E. C. Eversley, Population in History. Essays in Historical Demographie, London1965

[3] Emmanuel Todds Arbeiten stehen selbst in der Traditionen der franz. Historischen Schule nach Braudel, die gesellschaftliche Entwicklungen auf lange Sicht betrachtet. Er meint hier aber nicht diese historische Sicht, sondern im einfacheren Sinn den langen Blick zurück in die Geschichte des Christentums

[4] Robert Muchembled, Die Geschichte der Gewalt vom Ende des Mittelalters bis heute, Paris, Seuil, 2008, s. auch die englische Ausgabe

[5] Mittelitalien war später auch die Hochburg des italienischen Kommunismus, nach Todd kein Zufall, sondern ebenfalls eine Folge der egalitär-autoritären Natur der Gemeinschaftsfamilie, die auch in Russland und China dominierte

Nachtrag 11.03.2018
In diesem Gespräch erläutert Manfred Spitzer im Detail, warum die ‚Europäische Kultur‘ keineswegs nur, oder nicht einmal in erster Linie, durch Migration bedroht ist: Die elektronischen Medien bedrohen nach seiner Meinung den Spracherwerb, die Lese- und Denkfähigkeit der Kinder. Es lohnt sich sehr, davon mindestens die erste Hälfte anzuschauen.NatachaPolony
In diesem Buch stellt Natacha Polony die Bedrohungen der nationalen Kultur durch kulturfremde Migration und elektronische Medien in etwa auf dieselbe Stufe. Das Buch war ein recht großer Erfolg in Frankreich und ist in der Gesamtperspektive nicht schlecht, aber nicht so tief und detailliert wie das, was Spitzer zu berichten weiß.

 

 

Nachtrag 29.09.2018
Das Buch von Emmanuel Todd ist jetzt auf Deutsch verfügbar.

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Ein Gedanke zu „Entstehung der ‚Europäischen Kultur‘“

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