Ich bin nun mal Deutscher

Biografie eines klugen Preußen und Patrioten

IchBinNunMalDeutscher_klein

Lebenslauf in Eckdaten

1907 geb. als Raimund Pretzel u. Sohn eines Lehrers
1933 Er will nicht dem NS-Regime dienen und beendet die Juristerei nach dem 2. Staatsexamen, wird Journalist
1938 Er folgt seiner halbjüdischen Geliebten nach England
1939/40 Haffner wird als verdächtiger Ausländer 2x interniert und versucht mit Frau und bald 3 Kindern als Publizist, der den Krieg (u.a. zus. mit George Orwell) unterstützt, Fuß zu fassen
1941 Haffner schreibt fortan als Kopf der Redaktion für die Zeitung ‚Observer‘ in London über Deutschland und die Welt
1956 H. kehrt als Deutschland-Korrespondent nach Berlin zurück
1961 H. verlässt den Observer, schreibt für ‚Welt‘, ‚Christ und Welt‘
1962 H. ergreift in der Spiegel-Affäre Partei für den Spiegel und überwirft sich darüber mit seinen konservativen Blättern, schreibt fortan für den ‚Stern‘ und eher für Willy Brandts Kanzlerschaft
1967 H. ergreift vehement Partei für die Freiheit der Studentenbewegung und gegen das staatliche Vorgehen. Er wird zu einer Art Verräter-Paria für die konservative dt. Politik und Publizistik. Er beginnt nach und nach mit der Veröffentlichung seiner historischen und politischen Bücher
1990 Haffner fremdelt mit der deutschen Vereinigungspolitik und steht dazu
1999 Haffner stirbt in seiner Geburtsstadt Berlin

Die hier besprochene Biografie des Autors Uwe Soukup[1] kann ich wärmstens empfehlen. Sie konzentriert sich sehr auf die intellektuelle Haltung und die publizistische Entwicklung von Sebastian Haffner. Das private Leben Haffners spielt nur am Rande und klatschfrei eine Rolle.
In der folgenden Zusammenfassung konzentriere ich mich auf Aspekte von Haffners Denken, die nach meiner Meinung dauerhaft und vor allem in der aktuellen politischen Lage ein guter Leitfaden sind.

Das Verhältnis zu England

England blieb zeitlebens das Land, das ihm Zuflucht gewährt hatte, als er Deutschland verlassen musste, und das er für seine Freiheiten in der Debatte und im Denken bewunderte. Dem Kriegspremier Winston Churchill widmete er eine Biografie.

Dabei hatte ihm England einen kühlen Empfang bereitet: um ein Haar wäre er im Frühjahr 1939 abgeschoben worden. Nach Kriegsbeginn wurde er zwei Mal als „feindlicher Ausländer“ für mehrere Monate inhaftiert. Die Engländer hatten Angst vor Spionage und Sabotage durch deutsche Agenten. Die Regierung befürchtete außerdem auch Übergriffe gegen unschuldige deutsche Emigranten bei einer Verschärfung des Krieges, insbesondere im Zusammenhang mit zivilen Opfern bei Luftangriffen. Deshalb ließ sie die Emigranten von Komitees in 3 Kategorien einteilen und Tausende von ihnen in den beiden gefährlichsten Kategorien internieren. Haffner selbst wurde als nichtverfolgter Emigrant in die gefährlichste Kategorie eingeteilt. Die Behandlung war streng, aber korrekt. Haffner hegte keinen Groll, sondern nahm es sportlich:

„Ich nehme es den Engländern gar nicht übel. Sie mögen diesen halben Schwindel, zu dem ich verurteilt war, nicht, das mögen sie noch heute nicht, und das ist ein anständiger Zug bei ihnen. Für mich war das sehr bedrohlich.“

Man vergleiche diese Haltung mit dem Getue um Flüchtlinge im heutigen Deutschland, denen nicht einmal eine medizinische Altersfeststellung zumutbar sein soll!

Das Verhältnis zu Deutschland

Haffner Verhältnis zu seinem Land könnte durch nichts besser ausgedrückt werden als durch den Titel dieser Biografie: „Ich bin nun mal Deutscher“.
Diese Haltung hielt ihn zeitlebens von zwei Übeln fern: von einem dummen Nationalismus, der sich über andere Nationen erhebt, aber gleichzeitig auch von einem irrationalen Hass auf die eigene Nation. Schon kurz nach seiner Emigration nach England machte er seinem englischen Publikum in seinem ersten Buch klar, dass die Deutschen keineswegs alle Nazis seien. Nur eine Minderheit seien sie:

Deutschland1939

Ihre enorme Macht erhielten die Nazis durch Hitler an der Spitze des Staates und die „loyalen“ Staatsbürger, die den Staat unterstützen, egal, was er tut. Gegen diese Neigung seiner Landsleute, sich Regierungshandeln eher zu fügen, als es mit eigenem Verstand kritisch zu prüfen und ggf. auch mutig in Frage zu stellen, hegte er seit seiner Erfahrung mit dem Hitlerismus eine intensive Abneigung.

Überlegungen zur Deutschen Geschichte

Seine Gedanken zur Deutschen Geschichte, die er in zahlreichen Büchern niedergelegt hat und ihm auch den Ruf einbrachten, ein ernsthafter Historiker zu sein, neigten nie der These zu, dass die Deutschen schlechtere Menschen seien als andere – ein wenig sehr zu obrigkeitstreu, gutgläubig und feige allerdings schon.
Die Frage, die ihn tief beschäftigte, war immer, ob und inwiefern das Reich, in dem er aufwuchs, das Deutsche Reich Wilhelms II., eine Fehlkonstruktion war und Hitler die „schlechtestmögliche Wendung“ (Dürrenmatt)  des Deutschen Reiches.
Die Schlüsselfigur zum Verständnis dieses Reiches war natürlich Bismarck. Diesen Staatsgründer sah er anfangs in „Germany: Jekyll & Hyde“ sehr kritisch, milderte später aber sein Urteil in dem Maße, wie er anerkennend[2] feststellte, dass Bismarck selbst von großen Bedenken über die Haltbarkeit dieses Reiches geplagt wurde und genau deshalb bis zur Abdankung 1890 eine äußerst vorsichtige Politik betrieb.
In seinem Buch „Von Bismarck zu Hitler“ finden sich dazu mindestens zwei bemerkenswerte Passagen. Zunächst berichtet Haffner Bismarcks Zögerlichkeit, den 1866 gegründeten Norddeutschen Bund auf Süddeutschland auszudehnen:

„Ich spreche das Wort Norddeutscher Bund unbedenklich aus, weil ich es, wenn die nötige Konsolidierung des Bundes gewonnen werden soll, für unmöglich halte, das süddeutsch-katholisch-bayerische Element hinzuzuziehen. Letzteres wird sich von Berlin aus noch für lange Zeit nicht gutwillig regieren lassen.“

Dann ein Zitat Bismarcks, mit dem der sich 1871 an den französischen Geschäftsträger in Berlin wandte:

„Einen Fehler haben wir begangen, indem wir euch Elsass-Lothringen wegnahmen, wenn der Friede dauerhaft sein sollte. Denn für uns sind diese Provinzen eine Verlegenheit, ein Polen mit Frankreich dahinter.“

Für mich als romanophilen Süddeutschen sind das tiefe Einblicke:
Der kluge Preuße Bismarck hatte Angst vor dem Limes, einer kulturhistorischen Grenze weitgehend unterschätzter Mächtigkeit. Und der kluge Preuße Haffner hat das richtig erkannt.

Haffner und die Spiegel-Affäre

Seine Abneigung gegen den Autoritarismus wurde nach seiner Heimkehr nach Deutschland erstmals wieder in der Spiegel-Affäre 1962 heftig aktiviert: Haffner gehörte zu den schärfsten Kritikern von Strauß und Adenauer. Als seine konservativen Zeitungen diese Kritik so nicht drucken wollten, verbreitete er sie kurzerhand über andere Kanäle und überwarf sich nicht nur mit seinen Blättern, sondern mit einem erheblichen Teil des konservativen journalistischen Spektrums. Er erinnerte sich daran, dass viele von ihnen bereits in der NS-Zeit staatliches Handeln publizistisch unterstützt hatten, und wandte sich mit Grausen von ihnen ab. Er war bisher zwar ein kalter Krieger gewesen und blieb ein Konservativer und Antikommunist, aber damit wollte er dann doch nichts zu tun haben. Die zeitweilige Stilllegung der Spiegel-Redaktion hielt er für einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit, den er nur aus Prinzip bekämpfte.
Denn den Spiegel selbst mochte er eigentlich gar nicht, weder seine journalistische Arbeit, noch seine Sprache. Angebote des ihm dauerhaft dankbaren Rudolf Augstein, für den Spiegel zu arbeiten, lehnte er deshalb beharrlich ab.

Später äußerte er über seine Rolle die Ansicht, dass er in der Spiegel-Affäre wahrscheinlich zu viel für den Spiegel und seine Aufwertung in der öffentlichen Meinung getan habe.

Haffner und der demokratische Machtwechsel

Nach der Spiegel-Affäre überdachte er seine Haltung zu Adenauer. Neben seinem autoritären Auftreten, das sich eben in der Affäre deutlicher als je zuvor gezeigt hatte, ärgerte er sich auch über Adenauers Kühle gegenüber England, die er „als  gegenüber einem Verbündeten gerade noch erträglich“ beschrieb und die einen starken Kontrast bildete zu Adenauers Beziehungen zu den USA und zu Frankreich.
Haffner schrieb laut Biograph über den fälligen Abgang Adenauers:

„Eine Regierungskrise ist etwas Gesundes, eine Staatskrise etwas Todgefährliches. Ja, man könnte weitergehen und sagen: Regierungskrisen sind das von der Demokratie bereitgestellte Mittel, Staatskrisen zu vermeiden.“ Eine Staatskrise wäre gegeben, wenn die Regierung ohne jede personelle Konsequenzen weiterregieren würde. Dann wäre „das allgemeine Vertrauen der Bürger in die Verfassungsgrundsätze der Gewalten- und Kompetenzenteilung, der Bindung der vollziehenden Gewalt an Gesetz und Recht, des Ausschlusses jeder Gewalt- und Willkürherrschaft“ nicht mehr intakt. Die Bürger müßten sich fragen: „In was für einem Staat leben wir eigentlich?“

Urteilen Sie selbst: Sind diese Sätze nicht wie geschrieben für die heutige Merkel-Krise?

Sympathie für Brandt, Kritik an der SPD

Ein weiterer Grund für seine Entfremdung von den Konservativen war seine Sympathie für Willy Brandt, dessen Ambitionen auf die Kanzlerschaft er bereits vor der Spiegel-Affäre journalistisch wohlwollend begleitet hatte. Verstärkt wurde dieses Wohlwollen durch die polemischen Angriffe von CDU-Wahlkämpfern auf die Emigrationsgeschichte Willy Brandts. Der Emigrant Haffner solidarisierte sich mit Brandt und entfremdete sich stärker den Daheimgebliebenen, mit denen er seit 1956 konstruktiv und ohne Vorwürfe zusammengearbeitet hatte.
Später scheute er sich aber nie, die SPD und ihre Politiker hart zu kritisieren, sei es wegen des Verhaltens der Berliner Stadtregierung während der Studentenunruhen, wegen der Notstandsgesetze oder des Radikalenerlasses. Zu den Notstandsgesetzen  schrieb er:

„Diese Politik „entspricht im übrigen völlig den eingeschleiften SPD-Traditionen von 1914, 1918 und 1932. Wer von der SPD anderes erwartet hatte, ist selber schuld. Unerwartet, und ein bisschen peinlich, war höchstens das Pathos, mit dem Brandt nachträglich versicherte, gegen den Missbrauch der Notstandsverfassung werde die SPD auf die Barrikaden gehen. Die SPD wird niemals auf die Barrikaden gehen, und übrigens wären diese verfetteten älteren Herrschaften dort auch zu gar nichts nutz. Ihr Kampfplatz, wo sie zu etwas nutz hätten sein können, war das Parlament, und dort haben sie, wie immer, den Pass verkauft.“

Er beobachtete die autoritären Züge der SPD-Politik mit scharfen liberalen Augen, auch rückblickend in seinen historischen Büchern. Insbesondere den Verrat der SPD 1914 an ihrem pazifistischen Programm und den Verrat an der Revolution von 1918/19 geißelte er scharf. Sein Buch über die Revolution hieß zunächst „Der Verrat“, später „Die verratene Revolution“, dann schließlich „Die dt. Revolution 1918/19“. Insbesondere der SPD-Säulenheilige Friedrich Ebert kam da nicht gut weg. Aber auch die SPD von 1933, die sich bis heute als Kämpfer gegen den Nazismus feiert, hielt er schon in seinem Werk von 1939 für ebenso bankrott wie alle übrigen Parteien. Von der Exil-SPD in London um Erich Ollenhauer hielt er schon während des Krieges extrem wenig, und sie mochten ihn auch nicht.

Haffner und die 68er

Durch seine harte Kritik am 2. Juni 1967 wurde Haffner so etwas wie eine bürgerliche Ikone der Studentenbewegung. Insbesondere durch diese im „Stern“ veröffentliche Polemik wurde er aber auch zur „persona non grata“ bei den staatstragenden deutschen Konservativen. Er unterstützte tatsächlich die Studentenbewegung in dem Maße wie sie auch liberale und seine Themen ansprach. Sein Verständnis endete aber sehr hart dort, wo es in den Terrorismus der RAF hineinging:

Ja, auch ich habe Ulrike Meinhof ein bisschen gekannt[3] und zu Zeiten ganz gerngehabt. Mit Politik hat das alles nichts zu tun. Gut, auch der junge Stalin hat Raubüberfälle verübt, um die Partei zu finanzieren, aber wo ist hier die Partei? Gut, in jeder Revolution geschehen Gewalttaten, aber wo ist hier die Revolution?… Baader, ein deutscher Mao? Eher ein deutscher Mackie Messer.[4]

Haffner war empört darüber, wie die RAF die gesamte Linke diskreditierte. Wer ein wenig über die RAF, ihre merkwürdigen Personen und Hintergründe gelesen hat, mag ermessen, wie tief er damit schon 1972 schürfte.

Haffner und die deutsche Wiedervereinigung

Ab 1990 lag er, von der Öffentlichkeit nur noch wenig beachtet, sehr überkreuz mit dem weltpolitischen Umbruch und der Wiedervereinigung Deutschlands. Insbesondere die wirtschaftliche Vereinigung mit der Einführung der D-Mark hielt er (ähnlich wie der damalige Kanzlerkandidat der SPD, Oskar Lafontaine) für einen Fehler, der zu einer riesigen Arbeitslosigkeit führen würde. Jenseits der praktischen Bedenken plagte ihn aber die Frage, ob ein großes Deutschland, in Europa ähnlich übermächtig wie das Deutsche Reich, das er intensiv studiert hatte, wieder zu ähnlichen Problemen führen würde wie damals[5].

Seine Kritik machte auch vor Michael Gorbatschow nicht halt:

„Gorbatschow ist ein russischer Linksintellektueller, so wie hier unsere linksliberalen Intellektuellen, die im Grunde genommen so denken wie die Redaktion der ‚Zeit‘ und damit kann man keine Supermacht regieren“

Und diese Kritik machte sich auch Vorbehalte zu eigen, wie sie zum Beispiel in England und Frankreich gegenüber der dt. Wiedervereinigung bestanden:

„Es ging sehr gut mit den zwei Deutschland. Wenn wir die nicht mehr haben, weiß ich nicht weiter.“

Auf Einwände, dass er mit seinen Befürchtungen ziemlich allein dastehe, antwortete Haffner:

„Das bin ich gewohnt“

Ich muss mich hier outen: ich gehörte damals ebenfalls zur Lafontaine/Haffner-Fraktion und war eher unglücklich mit der Wiedervereinigung, vor allem aber mit dem Umzug der Bundeshauptstadt nach Berlin. Das war eine weitere Altlast Adenauers: Hätte er die Hauptstadt nicht aus privaten Gründen nach Bonn bestimmt, hätte Frankfurt am Main die historisch begründete Hauptstadt Westdeutschlands werden müssen. Und von dort wäre sie womöglich nicht mehr nach Berlin umgezogen!

Fazit

Haffner war ein großartiger Publizist und politisch-historischer Denker mit einem freien, nonkonformistischen und unideologischen Kopf. Als solcher schaffte er es wie andere große Köpfe, gleichzeitig Emigrant und Heimkehrer, Deutschlandkritiker und ohne Zweifel Patriot zu sein.

Jedem der das Bedürfnis hat, das Kleinklein, die Parteilichkeit und die Wirren der Gegenwart zu verlassen, um darüber zu lesen, was auf Dauer wirklich wichtig ist, kann ich dieses gebraucht sehr günstig erhältliche Buch eines guten Autors nur wärmstens empfehlen.

[1] Uwe Soukup ist ein eher linksorientierter Publizist, der sich inzwischen u.a. mit Büchern zum 2. Juni 1967 hervorgetan hat und mit Haffner über das Thema der ‚verratenen‘ Revolution von 1918/19 Anfang der 90er Jahre in Kontakt gekommen war. Er hat einige Bücher Haffners erneut herausgegeben, u.a. hat er das brillante ‚Germany: Jekyll & Hyde‘ von 1940 erstmals auf Deutsch herausgebracht. Er besticht durch die große Sachlichkeit, mit der er gleichermaßen Haffners konservative Grundhaltung und seine (liberal motivierte) Parteinahme für die Linke behandelt.

[2] In dieser Anerkennung für Bismarcks Klugheit trifft er sich mit der Bewunderung meines Lieblingshistorikers und -sozialwissenschaftler Emmanuel Todd für Bismarck.

[3] Haffner hat Beiträge für ‚konkret‘ geschrieben

[4] Kolumne im Stern aus dem Februar 1972 über Andreas Baader

[5] Eine erneute Parallele zu den Überlegungen Emmanuel Todds

Gelesene lesenswerte Bücher
AnmerkungenZuHitlerJekyll&HydeVonBismarckZuHitler

Weitere wahrscheinlich lesenswerte Bücher

DieSiebenTodsündenDieVerrateneRevolutionGeschichteEinesDeutschenSelbstmordDesDtReichesPreußenOhneLegendeChurchillÜberlegungenWechselwählerTraurigerPatriotBiographieSchmied

Update 26.3.2018

Ich bin gerade wieder über einen Blogbeitrag von Jörg Lau gestolpert, den ich vor 8 Jahren gelesen habe, damals als regelmäßiger Leser und Kommentator auf seinem Blog. Es ging um Haffners Ansicht und Weitsicht von 1980 über Europas Interessen im Afghanistan-Konflikt:
Ob die Amerikaner in ihrem eigenen Interesse richtig gehandelt haben, als sie den russischen Einmarsch in Afghanistan, ein mit Amerika nicht verbündetes Land, mit wirtschaftlichen und sportlichen Sanktionen beantwortet haben, ist nicht unsere Sache zu entscheiden; wir sind nicht gefragt worden. Denkbar gewesen wäre auch eine ganz andere amerikanische Reaktion, bis hin zu einem russisch-amerikanischen Zusammenwirken. Denn schließlich haben es die Russen in Afghanistan mit demselben Gegner zu tun wie die Amerikaner im benachbarten Persien, nämlich einem wiedererwachten, ebenso antiwestlichen wie antiöstlichen, militanten islamischen Glaubensfanatismus; und ein gemeinsamer Gegner, sollte man meinen, legt eher Allianz nahe als Konflikt. Wie auch immer, dieser Konflikt ist nicht unser Konflikt. Afghanistan ist nicht unser Verbündeter, un wir sind kein Weltpolizist. Wir sind in Afghanistan nicht einmal ideologisch engagiert. In dem ideologischen Konflikt zwischen dem Kommunismus und der westlichen Demokratie sind wir Partei; aber zwischen Kommunismus und Islam sind wir neutral. Wenn Amerika glaubt, in diesem Konflikt Partei nehmen zu sollen, ist es seine Sache, nicht unsere. Unser klares Interesse – ein wirkliches Lebensinteresse – ist, zu verhindern, daß die mittelöstlichen Wirren auf Europa übergreifen; und es trifft sich gut, daß sich dieses Interesse mit dem ganz Europas deckt – ganz Europas: unserer westeuropäischer Partner sowohl wie der osteuropäischen Verbündeten Rußlands.

Update 11.9.2018
Im Urlaub habe ich jetzt auch dieses Buch gelesenDieSiebenTodsünden. Sehr lesenswert!
Und heilsam für alle, die glauben, Deutschland habe keine Chance gehabt, den unseligen 1. Weltkrieg gegen Russland, Frankreich und England zu vermeiden.
Haffner führt aus, dass die politische Führung, die den Krieg gegen England vermeiden wollte, von den Militärs kalt erwischt wurde, die seit 1913 nur noch den Schlieffenplan hatten, und damit die Neutralität von Englands Vorfeldstaat Belgien verletzen mussten: fahrlässiges Informationsproblem / Militär-Eigenmächtigkeit.
Andererseits hätte ein Deutschland, das England in der Weltpolitik herausfordern wollte (Flottenrüstung) sich dringend mit Frankreich über Elsaß-Lothringen verständigen müssen. Man wollte zu viel und war nicht in der Lage, zu wählen und für die Präferenz auch Verzicht zu üben und innenpolitisch zu vertreten. Derselbe unempathische Größenwahn, den man auch in der Europolitik seit 2010 wieder beobachten kann: das Hineindenken in die verständlichen Interessen der anderen und das flexible Dealen um eine möglichst gute Zukunft funktionieren einfach nicht im gleichen Maß wie die Ausübung nackter Macht.

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5 Kommentare zu „Ich bin nun mal Deutscher“

  1. Mit einem „deutschen Patrioten“ kann ich nichts anfangen. Die deutsche Volksgruppe hat ja gar kein „Vaterland“. Hatte sie 1960 oder 1970 eins? Wenn es damals eins gegeben haben sollte: hätte das nach 1970 so spurlos verschwinden können?

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    1. Haffner ist 1956 in das Land zurückgekommen, das er trotz 18 Jahren in England immer noch als seine Heimat ansah. Er musste sich damit sogar gegen seine Frau und seine Kinder durchsetzen, die nur England kannten. Und nach 1970 ist für Haffner seine Heimat nicht spurlos verschwunden.
      Für mich übrigens auch nicht, denn ich habe da erst begonnen, meine Heimat zu entdecken 🙂

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