Ganz allein die Adelheid

Am 25. April 1990 wurde Oskar Lafontaine bei einem öffentlichen Auftritt in Köln-Mülheim von einer psychisch kranken Täterin mit einem in einem Blumenstrauß versteckten Schlachtermesser lebensgefährlich verletzt. Er hat gottseidank überlebt und ist uns als politischer Quer- und Freidenker ohne falsche Berührungsängste erhalten geblieben, aber der Wahlkampf des charismatischen und bis 1989 sehr populären linksrealistischen Lafontaine um das Kanzleramt in Bonn war am 25.4.1990 definitiv verloren:

SPIEGEL-Artikel aus der Woche nach der Tat

Aktuell ist das Attentat deshalb interessant, weil die konsequente Frau Adelheid Streidel offensichtlich psychisch krank war. Die Umstände sind verblüffend ähnlich dem mutmaßlichen Massenmörder von Hanau. Auch die Adelheid hatte solche Visionen:

Auch der Hanauer Mörder war den Behörden seit einer Weile so bekannt, bekam aber nicht einmal seine Schusswaffe abgenommen. Mangels Kompetenz, aus vorhandenen, sogar aufgedrängten Informationen etwas zu machen, verlangen die Unsicherheitsbehörden jetzt wieder mehr Kompetenzen, insgeheim Informationen zu sammeln 🤔 Verschwörungstheoretiker, wer Schlimmes dabei denkt!
Adelheid ist in der Psychiatrie verschwunden und erst 2014 wieder herausgekommen. Offensichtlicher als bei Tobias R. war bei der Attentäterin Adelheid Streidel, dass sie auch geistig ganz alleine war. Kein schlimmes Medium hatte sie aufgehetzt, keine Partei hatte ihr irgendwelche Stichworte geliefert, also Worte, die das Zustechen verursacht hätten. Jedenfalls hörte man nie etwas davon als braver Bürger und Zeitungsleser im Deutschland von 1990. Alles ging total mit rechten, aber eben verrückten Dingen zu.

Und unser kluger Saarländer, ein Physiker, der sich nicht jeden Bären aufbinden lässt, sondern immer wieder durch entschiedene Ansichten auffällt, hat schon 8 Jahre nach dem überlebten Attentat wieder gezeigt, wie wichtig er zu nehmen war. Als Parteichef der SPD und „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen wurde er von der britischen Sun sogar zum gefährlichsten Mann Europas erklärt:

Wie schon gesagt, niemand hat 1990 in Deutschland öffentlich spekuliert, ob jemand für ein Attentat gegen einen Mann politisch verantwortlich sein könnte, der sich dann später wieder als so wichtig und eben gefährlich erwiesen hat. Auch wir wollen das nicht tun, auch wenn nicht alle anderen jede rechtzeitige, aber außergesetzliche Beseitigung von „gefährlichen Männern“ immer ablehnen.
Es hat damals auch niemand gefragt, ob Adelheid Streidel ein ‚targeted individual‘ gewesen sein könnte und was das überhaupt ist. Wer googelt, findet sofort eine nordamerikanische Seite, die sich auch mit Adelheid als einer solchen ‚verfolgten Person‘ beschäftigt. Und für genau eine solche Person soll sich auch Tobias R. selbst gehalten haben. Deshalb hat er eine Anzeige an die Bundesanwaltschaft geschrieben: Verfolgungswahn! Aber die Schusswaffe durfte er behalten.
Beim ihm, also Tobias R. ist auch sonst alles ganz anders, denn er hat viele Mittäter: Medien, die ihn fütterten, Politiker, die ihn ermutigten, ein bunter Haufen bestehend aus Roland Tichy, Henryk Broder und anderen. Christian Schiffer ist sich im Bayerischen Rundfunk sogar sicher, dass nicht nur Jochen Kopp, sondern auch Daniele Ganser zu demselben allmächtigen, aber widersprüchlichen (alles Tarnung!) Netzwerk gehören, von dem „rechter Terror heute also geplant und zugleich nicht geplant“ wird. Der Wahn hat so seit 1990 eindeutig große Fortschritte gemacht.

Nachtrag 23.02.2020
Als Reaktion auf meinen Artikel hat mir jemand einen ZDF-Beitrag zugeschickt, der genau in die von Christian Schiffer skizzierten Verschwörungstheorien von Adelheid Streidel und Tobias Rathjen hineinpasst:

Gehört das ZDF zum verschwörungstheoretischen Netzwerk von Jochen Kopp? Also ich glaube höchstens die Hälfte davon, denn es ist unglaublich, was der Beitrag da berichtet hat.

Zentrale gegen Selbstverwaltung?

Gestern hat mir eine gute Bekannte erzählt, dass sie auf einer Veranstaltung hier im Stadtbezirk war, über die bisher praktisch nur die Süddeutsche Zeitung berichtet hat:

In der Veranstaltung konnten Bürger von Neuperlach, eines „sozial schwierig“ genannten Stadteils von München, ihre Wünsche für die ‚Sanierung‘ ihres Stadtteils äußern. 250 Teilnehmer haben das laut diesem Bericht getan, in einem Stadtteil mit insgesamt 55000 Einwohnern. Das ist schön, aber nicht repräsentativ.

Was ist mit den kommunalen Gremien?

Eigentlich hätte ich naiv erwartet, dass solche Stadtplanungsprozesse von kommunalen Gremien gesteuert und beschlossen werden. Das wären in diesem Fall unser Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach und der Stadtrat von München. Im Artikel sind sie aber beide als Institutionen nicht erwähnt. Warum nicht? Lediglich Kommunalpolitiker sind als Teilnehmer unter den 250 genannt. Waren die privat oder als Repräsentaten ihrer Gremien dort? Und das Planungsreferat der Stadt München ist erwähnt. Dieses ist aber kein repräsentatives Gremium, sondern ein reines Verwaltungsorgan.
Für mich stellt sich da die Frage, ob hier die demokratisch legitimierten Gremien umgangen werden, besonders auch deshalb, weil beide Gremien am 15. März 2020 im Rahmen der bayerischen Kommunalwahlen neu gewählt werden. Warum fand die Auftaktveranstaltung nur 4 Wochen vor diesen Termin statt? Die Folgetermine mit Bürgerbeteiligung im März und April und einer ‚Aktionswoche‘ vom 4. bis 9. Mai scheinen also von den Ergebnissen und Mehrheiten der Kommunalwahl völlig unabhängig zu sein. Haben wir es hier mit Parallelstrukturen von Bürgerbeteiligung zu tun, die in Konkurrenz zur kommunalen Selbstverwaltung stehen?

Geld vom Bund, Planer aus der Ferne

Das im Artikel erwähnte Förderprogramm ‚Soziale Stadt‘ ist ein Programm des Bundes. Und der Bund steuert hier offensichtlich mit seinem Geld direkt in die kommunale Ebene hinein. Meine Bekannte hat mir berichtet, dass die Berater, die die Veranstaltung durchgeführt hätten, aus Hamburg und Kopenhagen gewesen seien, „wegen europaweiter Ausschreibung“. Auch das ist in dem SZ-Artikel nicht explizit erwähnt, es wird aber der ‚Moderator Daniel Luchterhandt‘ genannt. Und Luchterhandt ist tatsächlich ein Stadtplanungsbüro aus Hamburg; Motto: Städte bewegen.
Mit Geld vom Bund von Hamburg aus einen Stadtteil von München an Bezirksausschuss und Stadtrat vorbei bewegen? Das wirft zumindest Fragen nach der Realität und Relevanz der kommunalen Selbstverwaltung auf.
In einem Nebensatz wird in dem SZ-Artikel auch das Thema Klimawandel erwähnt. Wenn die Berater von Hamburg und Kopenhagen nach München fliegen, um dort die kommunale Selbstverwaltung zu ersetzen, wird das wohl weder kostengünstig noch klimafreundlich sein.

Starker Druck zur Zentralisierung

Subsidiarität war einmal eine Grundidee der Bundesrepublik, besonders aber der Union, also das Prinzip größtmöglicher Selbstverwaltung auf den unteren Ebenen der Gesellschaft (Individuum->Familie->Gemeinde->Region), bevor die Bundes- oder gar die europäische Ebene in Entscheidungen eingreift.
Dieses Prinzip wurde zuletzt auch in der Bildungspolitik massiv in Frage gestellt. Obwohl die Bildungspolitik das letzte Feld wirklich autonomer Entscheidungen der Länder ist, versucht der Bund massiv mit seinem Geld, auch dieses Politikfeld zu zentralisieren. Zum Beispiel hat die GroKo die Etablierung eines ‚Nationalen Bildungsrat‘ beschlossen, aus dem Bayern und Baden-Württemberg wieder ausgestiegen sind. Zu meinem großen Erstaunen hat sich insbesondere auch die FDP massiv für diesen Zentralisierungsversuch stark gemacht. Was Zentralismus mit Liberalität zu tun hat, leuchtet mir allerdings nicht so ganz ein.

Fazit und Ausblick

Die Stadtplanung von Neuperlach, deren Prozesse zumindest Fragen aufwerfen, deutet darauf hin, dass der Bund mit ähnlichen Methoden (Von-der-Leyen-Methode des massiven Einsatzes von Steuergeld und externen Beratern) auch tief in die kommunale Selbstverwaltung eingreifen will. Wozu das?
Ich bin der Meinung, dass das die kommunalen Gremien und die wahlkämpfenden Kommunalpolitiker in München sehr viel stärker und kontroverser interessieren sollte, als es das offensichtlich bisher getan hat.
Aus diesem Grund werde ich einige Fraktionen und Kandidaten für den Bezirksausschuss Ramersdorf-Neuperlach anschreiben und nachfragen, ob sie etwas zu diesem Prozess wissen und was sie davon halten.

Nachtrag 11.03.2020

Fragen und Antworten

Folgende Fragen zu dem oben skizzierten Stadtplanungsprozess habe ich zwei Kandidaten zur Wahl des Stadtrats und des Bezirksausschusses Ramersdorf-Perlach gestellt:

  1. In welchem Maß sind die Gremien Stadtrat und Bezirksausschuss daran beteiligt
  2. Haben die demokratisch gewählten kommunalen Gremien das Entscheidungsrecht oder Geldgeber Bund?
  3. Wie schätzen Sie das Projekt ein?
  4. Sehen Sie die kommunale Selbstverwaltung in Frage gestellt oder sollen/können die Gremien ihre Zuständigkeit sicherstellen?
  5. Was wären für Sie positive Ziele und Ergebnisse des Prozesses?

Rudolf Schabl, Freie Wähler
Platz 4 der Stadtratsliste und Platz 1-3 der Liste für den Bezirksausschuss:

Bislang war mir das Projekt nicht bekannt. Von unserem OB-Kandidaten, der auch im Bezirksausschuss Obergiesing-Fasangarten als Fraktionsvorsitzender für die Freien Wähler tätig ist, habe ich folgende Information erhalten:
Das Programm „Soziale Stadt“ ist ein Förderprogramm, das von der Stadt schon geraume Zeit genutzt wird (die letzen 5 Jahre übrigens in Giesing) und eben auch gewisse Bundeszuschüsse aktiviert. Es ist gut möglich, dass es jetzt die nächsten 5 Jahre in Perlach umgesetzt werden soll. Im Rahmen dieses Programms werden bestimmte Entwicklungen im jeweiligen Bezirk voran gebracht, die allen Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zugute kommen. In die Umsetzung und Fortführung dieses Programms im jeweiligen Viertel werden sowohl der Stadtrat, der jeweilige BA und auch die Bürger*innen vor Ort regelmäßig einbezogen und wirken während der gesamten Laufzeit auch daran mit. Hier habe ich dazu noch weitere Information gefunden.

Dr. Thorsten Stengel, ÖDP
Mitglied im Bezirksausschuss, Platz 4-6 der Liste
für die Neuwahl

  1. Der BA wurde bereits im Vorfeld der Einrichtung des „Soziale Stadt“-Gebietes involviert und kann Anmerkungen und Wünsche äußern, diese werden i.d.R auch berücksichtigt
  2. Es gibt verschiedene Entscheidungsebenen/-gremien, der Bund hat dabei jedoch kein Mitspracherecht; lediglich formale „Regeln“ des Bundes sind zu beachten. Ansonsten entscheiden kommunale Gremien bzw. die kommunale Verwaltung; hier ist der BA ebenso eingebunden.
  3. Sehr positiv, da es u.a. auch eine Art übergeordnetes Stadtplanungsinstrument ist.
  4. Ich sehe hier sogar eine Stärkung der kommunalen Gremien.
  5. Die Hoffnungs besteht, dass manche bereits beginnende Fehlentwicklung (z.B. übermäßige Nachverdichtung) eingegrenzt werden kann

Ich danke beiden Kandidaten für die lehrreichen Antworten auf meine Fragen.

Thüringen: Kasper und Krokodil

Die Aufregung über die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und die politische Hinrichtungs- und Säuberungswelle danach haben jedes vernünftige Maß verloren. Dabei war die Entwicklung absehbar:
Tweet

Paul Schreyer analysiert nun die Hintergründe umfassend und kommt zu klaren (und dazu passenden) Ergebnissen:

  1. Die Ablehnung des Ergebnisses der thüringischen Ministerpräsidentenwahl durch Berliner Politiker offenbart ein demokratisches Defizit
  2. Wir, die Anständigen, gegen sie, die Rückständigen und Bösen: Die Einstellung…ist der Haltung von überzeugten Nazis gefährlich ähnlich: Man verleugnet schlichtweg die Legitimation der Anderen
  3. Betrachtet man das Wahlergebnis, wird klar, dass eine Regierung zwingend,…durch mindestens zwei der drei führenden Parteien getragen werden muss. Das ist das demokratisch erzielte Ergebnis, ob es einem nun gefällt oder nicht
  4. Im Umgang mit der AfD haben sich viele in eine Sackgasse manövriert…Jedenfalls erscheint der Begriff „demokratische Partei“ in seiner derzeitigen Verwendung als inhaltsleere Phrase, die das Argumentieren ersetzt
  5. Die dumpfe Angst, dass mit dem Aufstieg der AfD zugleich…die Zeit des Nationalsozialismus zurückkehrt,…sitzt in vielen Köpfen
  6. Gerade in dieser Verweigerung einer inhaltlichen Debatte liegt die Hauptgefahr für ein plurales politisches System. Wer glaubt, den Gegner – und die Öffentlichkeit – mit seiner Politik und seinen Argumenten sowieso nicht mehr überzeugen zu können, der hat sich von der Idee der Demokratie verabschiedet

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Energiezukunft statt Klimahysterie

Im letzten Beitrag wider die Diffamierung und Hetze gegen Daniele Ganser bin ich wieder auf seinen Vortrag von 2016 in München bei der ÖDP gestoßen, einer bayerischen und besseren grünen Partei:

Energieabhängigkeit hinter der Nebelwand

In diesem sehr sehenswerten Vortrag und auch in seinem Buch von 2012 Erdölrauschträgt der Historiker Dr. Daniele Ganser hervorragend vor, warum die enorme Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, vor allem aus dem Mittleren Osten, strategisch, wirtschaftlich und moralisch so riskant ist, (meine Meinung:) viel riskanter als der Klimawandel.
Das stützt meine bereits in einem Beitrag skizzierte Überlegung, ob der „menschengemachte Klimawandel“ nicht eher eine offizielle Nebelwand für einen Kurswechsel aus geopolitischen Gründen ist, für deren öffentliche Präsentation Daniele Ganser seit Jahren verleumdet wird. Eine Nebelwand deshalb, weil die Politik damit die Öffentlichkeit (teilweise) in dieselbe Richtung lenken kann, ohne aber ihre eigenen früheren Fehler und Verbrechen thematisieren zu müssen, darunter Beteiligung an und Deckung von schwersten Kriegsverbrechen, die heute noch durch die brutale und rechtlose Verfolgung von Julian Assange fortgesetzt werden.

Perspektiven für die Energiezukunft

Ein Bereich, in dem „Klimaschutz“ und Energiegeopolitik definitiv nicht zu denselben Entscheidungen führen würden, ist aber die Verstromung heimischer Kohle. Aus dem Blickwinkel der Energiegeopolitik ist diese ein enormes Plus für die Versorgungssicherheit 😁 der eigenen Bevölkerung, aus Sicht der Klimaschutzbewegung dagegen der maximale Schädling ☹️.

Trotzdem gibt es aber einen weiten Bereich, in dem Klimaschutzziele und die Ziele einer  Verringerung der Energieabhängigkeit zusammenfallen, vor allem dann wenn sie geschickt in die richtige Richtung getrimmt werden:

  • keine ideologisch reinen Lösungen (wie Fahrverbote für Verbrenner, Ölheizungen etc.), die unverhältnismäßig teuer sind und neue Abhängigkeiten schaffen
  • Konzentration auf Energieeffizienz und andere Lösungen, die auch wirtschaftlich rentabel sind
  • Bonus für Dezentralisierung (wichtig in Krisenfällen, z.B. bei Blackouts) und direkten Bürgereinfluss statt für vom Staat administrierte oder von Konzernen beherrschte Zentrallösungen.
    Beispiele: Photovoltaik mit Speicher und Notstromfunktion auf Ein- und Mehrfamilienhäusern, private oder kommunale Blockheizkraftwerke (BHKW)
  • Anzapfen der für „Klimaschutz“ vorgesehenen Fördergelder und durch die Geldpolitik bereitgestellten billigen Kredite für Lokalisierung, sichere Einkommen, Autonomie und Krisenresistenz

Ein wesentlicher Vorteil dieser Denkweise besteht auch darin, dass 20% weniger Energieabhängigkeit für das Leben der Menschen in Deutschland und Europa ein schöner Erfolg wären, 20% weniger deutsche oder europäische CO2-Emissionen für das Weltklima dagegen nicht mehr als ein Furz:
World_fossil_carbon_dioxide_emissions_six_top_countries_and_confederations

In einem späteren Beitrag werde ich ein entsprechendes Projekt vorstellen und unter solchen erweiterten Renditeaspekten durchrechnen.

Timing auch für Ganser zu schwer

Zurück zu Gansers Buch: er brüstet sich damit, dass er in seinem Buch als Erster nachgewiesen habe, dass die konventionelle, also ohne Fracking durchgeführte, Erdölförderung seit 2006 rückläufig sei. Das war 2012, und ich erinnere mich daran, dass ‚Peak Oil‚ zwischen 2005 und 2010 ein ganz heißes Thema war, getrieben durch hohe Ölpreise. Jetzt ist 2020, und die Ölpreise sind immer noch sehr niedrig, so niedrig, dass es die Fracking-Industrie ernsthaft bedroht. So niedrig, dass die Preise weder durch den mysteriösen Drohnenangriff auf die saudischen Ölanlagen noch durch die kriegerischen Akte im Irak ernsthaft gestiegen sind.
Diese Beobachtung bestätigt eine Grundregel bei solchen Prognosen: anfangs bleibt meist viel mehr Zeit für eigenes Handeln, als die viel zu alarmistischen Prognosen vermuten lassen, aber wenn diese Zeit abgelaufen ist, dann geht es oft sehr schnell und für Gegenmaßnahmen ist es dann zu spät. Deshalb:
In der Ruhe der Verfolgung ernsthafter Interessen mit pragmatischen Lösungen liegt die Kraft, nicht in der Klimahysterie.

Nachtrag 05.02.2020
Hier ein Artikel und eine Sendung des Schweizer-Radios DRS 2 von 2012 über Gansers Buch, die beide auch die wichtige Frage des Timings und des kurzfristig übertriebenen Alarmismus illustrieren:

Das Thema Peak Oil galt 2012 vielen noch als brandheiß. Inzwischen ist es aber völlig durch die sogenannte Klimakatastrophe (die keine Katastrophe ist) verdrängt bzw. ersetzt. Immerhin erkennt Ganser:
Natürlich gibt es mittelfristig immer noch Erdöl, auch 2050 noch. Die Frage ist, in welcher Menge und zu welchem Preis
Hier greift mein Ansatz. Energieeffizienz: unbedingt und schon immer!; Substitution: gerne, wo es ökologisch und ökonomisch lohnt, dabei lieber etwas zu viel als zu wenig; Dekarbonisierung um jeden Preis: auf gar keinen Fall!

Nachtrag 18.02.2020
Ich habe das Buch jetzt ganz gelesen. Es ist nicht schlecht, aber in den groben Linien nicht sonderlich neu für mich, in den Details allerdings schon. In den Details habe ich aber auch Einiges zu meckern:

  1. Es gibt einige Schreibfehler im Buch, und manche kehren so oft wieder, dass ich mich frage, ob es bei Orell Füssli kein Lektorat mehr gibt: „Umfall“ statt „Unfall“ kommt zum Beispiel einige Male vor.
  2. Während Ganser im Buch durchgehend und mit guten Argumenten über die absehbare Erschöpfung der Öl- (und auch Gas-) Reserven schreibt, erwähnt er ein Mal, dass die Kohlevorkommen mit Sicherheit noch länger reichen: Jahrhunderte statt Jahrzehnte. Das bringt ihn natürlich in Argumentationsnöte, was deren Einsatz angeht. Hier differenziert er nicht in Knappheits- und Versorgungsargumente einerseits und Klimaargumente andererseits, obwohl beide zu einer ganz verschiedenen Bewertung der Kohleverstromung führen müssen (siehe oben!). Stattdessen nimmt er es einfach als Fakt hin, dass Europa wegen seiner Klimaziele nicht auf Kohle setzen kann. Ich sehe das mit einer gewissen Klimaskepsis anders und könnte mir durchaus vorstellen, in einer Energiekrise der europ. Versorgungsicherheit den Vorzug zu geben.
  3. Ähnlich sieht es mit der Kernenergie aus. Hier betrachtet er die Versorgungslage mit Uran und anderen Kernbrennstoffen überhaupt nicht, sondern zitiert die Skepsis der Bevölkerung, die Schwierigkeiten Kernkraftwerke zu versichern und Ausstiegsbeschlüsse europ. Länder. Er verschiebt also die Debattenebene mit einem gewissen grünen Vorurteil, das auch in diesem Zitat über den „Umfall“ von Fukushima deutlich wird:
    „Die Kombination von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe brachte großes Leid über Japan und forderte 15848 Tote“
    Er verschweigt also, dass das Leid durch die Todesfälle sehr ungleich verteilt war und zu praktisch 100% durch den Tsunami entstanden ist, während der kerntechnische Unfall keinen einzigen direkten Toten verursacht hat. Hier berichtet Ganser unlauter ganz im Sinne grüner Vorurteile.
  4. Ganser argumentiert in seinem Buch so, als ob der Ölpreis von nun an immer nur weiter steigen würde. Das mag langfristig stimmen, war aber kurzfristig eher unwahrscheinlich und ist auch nicht so gekommen:
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    Ganser hat ganz offensichtlich auf dem Höhepunkt der Peak-Oil-Blase gearbeitet und gedacht: Prognosen bleiben schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
  5. Auch bei seinen Peak-Oil- und Peak-Gas-Prognosen hat seine Urteilskraft eine Schlagseite. Er zitiert die ASPO, Association for the Study of Peak Oil und Peak Gas, zur Gasförderung Nowegens:
    „Die ASPO Deutschland glaubt, dass Norwegen möglicherweise schon 2011 bei 120 Milliarden Kubikmeter pro Jahr das Fördermaximum Peak Gas erreicht hat“.
    Wir sind jetzt in der glücklichen Lage, dass wir diese Prognose mit 8 Jahren Abstand überprüfen können. Dabei stellen wir fest, dass sie zu pessimistisch war:

Im Jahr 2011 hatte die Erdasförderung Norwegens eine kleine Delle und ist von gut 106 auf 100,5 Milliarden Kubikmeter gefallen, bevor sie 2017 mit 123,2 Milliarden Kubikmeter ein (vorläufiges) Maximum erreicht hat. Für 2019 berichten und für 2020 erwarten die Norweger:
„Diese ging von knapp 120 auf rund 113 Mio. Kubikmeter zurück. Grund dafür war, dass Unternehmen die Produktion aufgrund der Marktsituation zurückgehalten haben, so die Behörde. Das Öldirektorat rechnet aber schon in diesem Jahr mit einer Trendwende. Die Prognose für 2020 liegt bei einer Gesamtförderung von 238,5 Mio. Kubikmetern, die Erdgasproduktion schätzt das Direktorat auf rund 117 Mio. Kubikmeter“.
(Hier gehen Millionen und Milliarden durcheinander, aber Milliarden ist wohl richtig)
Die Gasförderung erreichte im Jahr 2011 keinen Peak und lag noch 2018 bei 120 Milliarden Kubikmeter und es soll so weitergehen. Wie lange die Förderung auf diesem Niveau bleibt, muss sich aber erst noch zeigen. Die ASPO Schweiz, deren ehrenamtlicher Präsident Daniele Ganser von 2006 bis 2012 war, hat ihren Peak aber schon überschritten und wurde Ende 2018 aufgelöst.

Auch wenn es erstens länger dauert, als zweitens die Peak-Experten denken, bin ich aber nach dem Buch noch überzeugter davon, dass wir uns in den nächsten Jahrzehnten auf eine spürbare Verknappung bei Öl und Gas einstellen sollten. Entsprechende Investitionen, zB eine sparsamere Öl- oder Gasheizung oder ihre Ergänzung um eine mit einer Solaranlage versorgte elektr. Wärmepumpe, könnten wirtschaftlich sein und würden in jedem Fall die Versorgungsicherheit durch eine längere Tankreichweite verbessern. Das wäre doch ein greifbares, schönes Ziel, ganz unabhängig vom CO2-Ausstoß und einem (vielleicht) durch ihn beförderten Klimawandel!

Nachtrag 20.02.2020
Ein Detail scheint mir noch besonders zitierwürdig:
Ted Trainer von der University of New South Wales in Australien ist Befürworter der Energiewende, beklagt aber, dass die Vertreter der erneuerbaren Energien das Potenzial ihrer Lieblingstechniken ‚übertreiben und ihre Schwächen und Limiten ignorieren‘. Es werde noch sehr lange dauern, um den Anteil der erneuerbaren signifikant auszubauen
Es ehrt Ganser und zeigt seine Lauterkeit, dass er diese kritische Stimme so fair wiedergibt und als Quelle dieses Buch angibt. Zum (extrem teuren) Buch hat der Autor auch eine Kurzfassung veröffentlicht, die u.a. hier positiv besprochen wird. Viele der dort vorhandenen Argumente finden sich bis heute bei Kritikern der Energiewende – weil sie schwer widerlegbar sind und deshalb von den Befürwortern nicht beantwortet, sondern mit Ausflüchten und Beschweigen ignoriert werden.
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