Die Basis: Wirtschaft

Christian Kreiß ist gemeinsam mit Frank Roedel und dem Mediziner Andreas Sönnichsen Spitzenkandidat der neuen Partei dieBasis in Bayern für die Bundestagswahl am 26.9.2021. Er kandidiert auch im Wahlkreis Fürstenfeldbruck.

Wer ist Christian Kreiß?

Der Lebenslauf von Christian Kreiß aus einer Veröffentlichung der Bundestagsfraktion der Grünen:

Kreiß war Co-Autor einer grünen Studie über ‚geplanten Verschleiß‘

Der Wikipedia-Eintrag über Christian Kreiß ist (Stand heute) auch gar nicht mal so negativ und durchaus tauglich für eine erste Information.

Der Kreiß seiner Bücher

Die oben erwähnte Studie für die Bundestagsfraktion der Grünen war die Grundlage für das Buch über geplanten Verschleiß:

Die rechts neben dem Buchcover zitierte Inhaltsangabe und Rezension gibt ganz gut Auskunft über das Buch. Eine kritische Reszension gab es in der FAZ (hinter Paywall) , in der Süddeutschen Zeitung auch. Natürlich ist es schwer beweisbar, dass der Verschleiß geplant ist, aber es ist naheliegend, und dass immer mehr Produkte schwer oder gar nicht zu reparieren sind, ist eine Tatsache. Wollen wir das? Ich nicht. Wie kommt man wieder raus: schwierig. Aber durch Initiative von unten eher als durch Regelungen von Oben. Vielleicht geht das auch nur in einer schweren Krise?

Ich habe selbst zwei Bücher von Kreiß gelesen. Zunächst das Mephisto-Prinzip:
Im Youtube-Kanal einer Fürstenfeldbrucker Sozialinitiative hat Christian Kreiß sein Buch selbst vorgestellt:

In der Ökonomie und in größeren Zeitungen ist das Buch praktisch gar nicht zur Kenntnis genommen worden.

Gegen den Neoliberalismus

Es fällt auf, dass dieses Buch fast ausschließlich in sozialen, christlichen, ökologischen und lokalen Medien vorgestellt und (positiv) besprochen worden ist.
Das passt zu meinem Verständnis der Ideen, die in dem Buch enthalten sind: Kreiß zeigt sich als christlich (protestantisch: Luther wird in dem Buch oft zitiert) geprägter Kritiker des ungezügelten (Finanz-)Kapitalismus.

Er ist aber kein bewusster Sozialist/Zentralplaner, sondern ein in ihrer Praxis und Theorie kundiger Anhänger einer (menschengerechten) Marktwirtschaft. Als solcher sah er die globale Wirtschaft (und Gesellschaft!) 2019 kurz vor einem Abgrund stehen, den er auf die Zersetzung von Anstand und Moral durch die entfesselte Ökonomie zurückführt. Diese seien Grundlage für eine funktionierende Marktwirtschaft. Da die Entfesselung der Ökonomie das Programm des Neoliberalismus ist, ist Kreiß ein christlich-sozial-grün orientierter Gegner des Neoliberalismus.

Das zweite und hochaktuelle Buch von Kreiß, das ich gelesen habe, beschäftigt sich mit gekaufter, also korrupter Wissenschaft:

Hier beschreibt Kreiß z.B. wie Facebook mit 7,5 Mio Euro einen Lehrstuhl für die Ethik künstlicher Intelligenz an der TU München finanziert hat. Er bezeichnet die angebliche Unabhängigkeit des Lehrstuhlinhabers Christoph Lütge und der Forschung als Illusion, denn Facebook kann laut Vertrag (bei Nichtgefallen) die zugesagte Förderung jederzeit einstellen. Andere Beispiele sind die Einflußnahme u.a. der Autoindustrie auf Gefälligkeitsforschung im Komplex des Diesel-Abgas-Skandals. Viele Inhalte finden bereits sich in diesem Artikel in der Süddeutschen wieder.

Spannende Personalie Christoph Lütge

Bei der Recherche zu diesem Artikel ist mir aufgefallen, dass der von Christian Kreiß als von Facebook geförderter Inhaber des Ethik-Lehrstuhls an der TUM kritisierte Christoph Lütge exakt derselbe ist, der von Markus Söder aus dem bayerischen Ethikrat geworfen wurde, weil er die Corona-Politik kritisiert hat:

Das ist natürlich eine bemerkenswerte Tatsache: Lütge steht also in der Corona-Politik auf derselben Seite wie Kreiß: gegen den Lockdown und eine nicht diskursbereite Politik.
Andererseits löscht Facebook angeblich Coronapolitik-kritische Kommentare und profitiert (gemeinsam mit anderen Tech-Konzernen) von der Corona-Politik. Das bedeutet nach dem ersten Anschein, dass Lütge von Facebook doch wesentlich unabhängiger ist, als Kreiß vermutet hatte.
Die Welt scheint wesentlich komplexer zu sein, als es allzu einfache Zeichnungen der Frontlinie suggerieren. Davon nehme ich mindestens mit, dass sich unsere Welt (und das Denken über sie) in einem tiefen Umbruch befindet, in dem alte Gewissheiten und Fronten rasant verfallen.
Christoph Lütge kritisiert inzwischen nicht nur den Lockdown, sondern auch die Instrumentalisierung der Wissenschaft durch die Politik:

Und mit dem bereits auf diesem Blog behandelten Michael Esfeld hat er ein Buch herausgebracht:

Weitere Bücher

Kreiß hat viel geschrieben. Die Stoßrichtung der Titel ist ähnlich wie in den beiden, die ich selbst gelesen habe:

Ein Werbeverbot sehe ich allerdings auch kritisch: Es gibt immer wieder gute Ideen. Warum sollte man für die nicht werben dürfen? Wer entscheidet, ob Werbung berechtigt ist oder nicht? An dieser Stelle kann die gute Absicht sehr leicht in Zwangsbewirtschaftung umschlagen.
Aus der richtigen Analyse eines Problems, hier einem erkennbaren Übermaß von unehrlicher Werbung, folgt nämlich noch lange keine Lösung.
Entscheidend wäre, dass Menschen Werbung sehr viel kritischer betrachten. Ich vermeide schon lange Produkte, für die zu viel geworben wird: schließlich kostet Werbung viel Geld, und der Aufwand, der in die Werbung geht, kann nicht mehr für Herstellung und Qualität des Produkts ausgegeben werden.

Fazit

Ich finde die Kritik von Christian Kreiß in vielen Punkten nachvollziehbar und gerechtfertigt. Mit seinen Büchern positionierte sich Christian Kreiß jedenfalls langfristig nicht als rechts, sondern eher als links, vielleicht sogar „links-grün“, wie das rechte Feindbild heißt.
Einerseits wäre ich sehr dankbar, wenn sich nach Jahren wieder eine moderat linke Politik herauskristallisieren könnte, die für mich wieder wählbar ist.
Richtige Fragen und berechtigte Kritik garantieren aber andererseits noch keine richtigen Antworten.
Christian Kreiß ist ein gut informierter und streitbarer Kopf. Ich werde bis zur Bundestagswahl weiter darüber nachdenken, ob ich die Basis und ihn wählen und verstärkt für sie werben soll.
Die Freien Wähler und andere sind weiter im Rennen, u.a. mit der Kritik von Hubert Aiwanger an Impfpflicht und Impf-Apartheid.
Es bleibt unübersichtlich und schwierig zu erkennen, für welche Politik einzelne Akteure wie Kreiß wirklich stehen und in welchem Ausmaß sie Recht haben und etwas in einer Richtung bewegen wollen und können, die ich unterstützen will.

3 Kommentare zu „Die Basis: Wirtschaft“

  1. Super Vorstellung von Herrn Kreiß. Ich habe damit einige Anhaltspunkte für meine persönliche Einordnung gefunden. Ich habe schon bisher rein verdachtsmäßig Herrn Kreiß in die Nähe von Herr Häring gestellt. Ihre Vorstellung der Person bestätigt mir das wieder. Die anscheinende kirchliche Orientierung des Herrn Kreiß gibt mir dagegen wieder Bedenken. Sollte diese Orientierung nämlich irrelevant sein, dann würde sie sicher nicht erwähnt werden.

    Und was heute von der ev. Kirche zu halten ist, ist offensichtlich (unter Kirche verstehe ich hier die Organisation aus der ich wegen deren Haltung zum Corowahn ausgetreten bin – nicht die Kirchen-Gemeinden).

    (Gerade war doch auch diese unsägliche Käsmann wieder evangelisch-heilig-moralapostelisch unterwegs … Sowas braucht kein Mensch.)

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    1. Danke für die Rückmeldung. Ich habe nichts von „kirchlich“ geschrieben, weil ich dazu keine Infos habe. Ich habe lediglich die Argumentationsmuster als christlich identifiziert. Was sonst, wenn jemand „mephistelisches“ Denken in der Wirtschaft beobachtet, kritisiert und Martin Luther zitiert?

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