Logik des Bombenterrors von Dresden

– wie Hiroshima eine wahnsinnige Warnung an Moskau

Diese unliebsame Analyse und Meinungsäußerung von vor 2 Jahren kann bei Twitter nicht mehr verlinkt werden. Deshalb gibt es hier auf diesem Blog jetzt meine Übersetzung, zum Verlinken oder nur Lesen:

An diesem Wochenende vor 75 Jahren wurde die deutsche Stadt Dresden durch amerikanische und britische Bombenangriffe aus der Luft plattgemacht. Mindestens 25000 überwiegend zivile Opfer wurden getötet in Angriff nach Angriff von mehr als 1200 schweren Bombern, die wahllos Spreng- und Brandbomben abwarfen. Es brauchte 7 Jahre, um die Trümmer wegzuräumen.

Die Zerstörung Dresdens, eines weltberühmten kulturellen Zentrums barocker Pracht, ist seit langem mit eine verbissenen Kontroverse verbunden. Offizielle britische und amerikanische Militärberichte behaupten, dass sie nötig war, um den Zusammenbruch des Dritten Reichs zu beschleunigen; die Begründung ist im Gleichklang mit amerikanischen Behauptungen zum Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945.

Kritiker sagen jedoch, dass die Massenbombardierung Dresdens bedeutungslos war für die Anstrengung, Nazi-Deutschland zu besiegen. Es war ein mutwilliger Akt des Terrors – ein Kriegsverbrechen -, das von Briten und Amerikanern ausgeführt wurde. Kritiker führen aus, dass die meisten der industriellen und militärischen Ziele in den Randbezirken der schönen Stadt weitgehend unbehelligt blieben von der Bombardierung. Vom britischen Führer im Krieg Winston Churchill wird sogar behauptet, er habe Vorbehalte geäußert über die Moral dieser und anderer wahlloser Bombardierungen deutscher ziviler Zentren.

Glühende Unterstützer der Kampagne von Terror-Bombardierungen sagten, sie würden die deutsche Moral erschöpfen. Das ist ein klassischer Fall davon, wie Zwecke die Mittel heiligen, ganz egal, wie abscheulich die Mittel auch sind.

Es gab damals auch Behauptungen, dass der Schaden für die Nazi-Kommunikation und Transportwege der sowjetischen Roten Armee beim Vormarsch helfen würden.

Aber es gibt gute Gründe, dass die Logik für die Vernichtung Dresdens einen sehr viel finstereren Hintergrund hatte. Es war nicht so sehr ein Terrorakt, der auf Nazi-Deutschland zielte, sondern viel eher eine Demonstration wahnsinniger Macht in Richtung der Sowjetunion.

Ein Bericht der britischen Royal Airforce über die Dresden-Operation notierte, sie würde „den Russen zeigen, was die Leitung der Bomberverbände tun kann“ (siehe die Bildbeschriftung 17 in dieser verlinkten Foto-Dokumentation).

Mitte Februar 1945 war der Frontverlauf der westlichen und östliche Alliiertenverbände so, dass die amerikanischen und britischen Truppen deutsches Gebiet noch nicht erreicht hatten, während die sowjetische Rote Armee die Oder überquert hatte und nur noch 70 Kilometer von Berlin entfernt war, dem Sitz des Dritten Reiches. Der Vormarsch der Sowjets war so eifrig, dass die westlichen Alliierten in Sorge waren, die Rote Armee könnte ganz Deutschland einnehmen.

Viel eher, als den sowjetischen Streitkräften mit den Massenbombardierungen von Dresden, Leipzig und anderen Städten im deutschen Osten zu helfen, erscheint es plausibel, dass, wie der oben erwähnte Bericht der britischen Luftwaffe andeutete, die Westalliierten im Sinn hatten, Moskau eine schockierend brutale, rohe Macht zu demonstrieren. Nicht nur militärische Macht, sondern eine Willensmacht, alle Mittel zu nutzen, um Feinde zu besiegen.

Es gibt hier eine direkte Analogie mit der späteren atomaren Bombardierung Japans. Auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 nach der Niederlage Nazi-Deutschland und der Verteilung Berlins, die den Westallierten viel mehr gemeinsame Kontrolle der deutschen Hauptstadt verschaffte, als dem finalen Frontverlauf entsprach, genoss der amerikanische Präsident Harry Truman die Fähigkeit, einen finsteren Hinweis für Josef Stalin fallenzulassen über die neu erworbene geheime Waffe – die Atombombe.

Genau wie für die vorangegangene britische und amerikanische Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte, gab es bestreitbar wenig militärische Begründung dafür, am 6. und 9. August die Atomwaffen auf Hiroshima und Nagasaki werfen. Wie bei Dresden, war die militärische Bedeutung jener Städte zweifelhaft. Der Tod von 200000 Zivilisten im atomaren Inferno war keine militärische Notwendigkeit, um das kaiserliche Japan zu besiegen, weshalb Trumans Top-Generäle MacArthur und Eisenhower ihm auch davon abrieten.

Wenn also die Bombardierung Hiroshimas oder Nagasakis von einem militärischen Standpunkt unnötig war, um den Krieg im Pazifik zu beenden, warum wurde es dann gemacht?

Wie im Fall Dresden war der Punkt eine monströse Vorführung von Terror, um die Sowjetunion wissen zu lassen, dass nichts tabu sein würde im geopolitischen Patt nach dem Krieg, das vorhergesehen wurde und der Kalte Krieg werden sollte.

Als die Atombomben abgeworfen waren, sei Stalin versteinert gewesen über die Berichte von der überwältigenden neuen Zerstörungskraft. Die Sowjetunion sollte ihre eigene Atombombe erst 1949 entwickeln.

Der Terror, der gegen Hiroshima und Nagasaki entfacht wurde, hat wohl den beabsichtigten Effekt gehabt, die Vormärsche der Roten Armee zu stoppen, die auf die koreanische Halbinsel und weiter nach Japan im Gang waren. Die amerikanische Truppenlinien waren relativ weit weg im Vergleich zu ihrem sowjetischen Gegenüber. Nach dem Atombombenabwurf jedoch kamen die Vereinigten Staaten in einem großen Sprung so weit, beide Gebiete in der Nachkriegszeit zu übernehmen. Ganz ähnlich wie die früheren Gebietsgewinne, die von den Westalliierten im besiegten Deutschland gemacht wurden.

So gehen die moralischen Kontroversen über die britischen und amerikanischen Bombardierungen weit über Argumente hinaus über das Recht oder Unrecht von Massenmord für das mutmaßliche Beenden von Kriegen. Dieses moralische Fehlverhalten ist schwierig genug. Aber noch teuflischer ist der Blick auf ein größeres Geschehen; eines, in dem es dem kalten, kalkulierten Gebrauch von Terror und Völkermord nicht um das Beenden von Kriegen geht, sondern eher darum, einfach geopolitische Macht auszuüben gegen einen erkannten Rivalen in der Nachkriegsära. Terror um des Terrors willen, Böses um des Bösen willen.

Schlussbemerkung: es ist in Mode gekommen, den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland zu verfälschen, indem man behauptet, die Rote Armee sei nach dem Kriegsende eine Besatzungstyrannei in Osteuropa geworden. Es genügt zu sagen, dass wenn die Sowjets auch nur ein Bruchteil der Verbrechen begingen, die die Amerikaner und Briten mit ihren Bombardierungen von Zivilisten in Deutschland und Japan ausführten, würde man bis zum heutigen Tag niemals das Ende von ohrenbetäubenden westlichen Verurteilungen gegen Moskau hören, und auch nicht für Jahrzehnte in der Zukunft.

⏹️

Nur vier Anmerkungen zum Text:

  1. Rein strategisch betrachtet ist es absolut rational, die Gründe für die Bombardierung Dresdens eher beim künftigen Rivalen (Sowjetunion) als beim bereits besiegten Rivalen (Nazi-Deutschland) zu suchen. Dasselbe gilt natürlich auch im Falle Hiroshimas/Japans.
  2. Versuche, den getöteten Zivilisten von Dresden oder Hiroshima/Nagasaki ein „Selberschuld!“ zuzurufen sind nicht nur moralisch schäbig, sondern dienen auch dazu, die nackte, kalte Machtlogik vor dem Publikum (pseudo-)moralisch zu kaschieren.
  3. Die Rationalität ist hier genau dieselbe wie im 3. Video von Christian Rieck aus dem letzten Blogbeitrag, der behauptet, dass die Twitter-Sperre gegen Trump NACH der Wahl 2020 nichts mehr mit Trump (Vergangenheit) zu tun hatte, sondern eine versteckte Botschaft an die Regierung Biden (Zukunft) war.
  4. Mit dem Satz „Terror um des Terrors willen, Böses um des Bösen willen“ verlässt der Autor Finian Cunningham die Logik seiner eigenen Ausführungen davor.
    Es war eben kein Terror um des Terrors willen, sondern Terror um der Macht willen!

2 Kommentare zu „Logik des Bombenterrors von Dresden“

  1. Wenn in früheren Kriegen Städte, die sich zur Wehr gesetzt hatten, dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner abgeschlachtet, vergewaltigt, verstümmelt oder versklavt wurden, so hatte das zwei Gründe. der erste: abschreckende Wirkung für alle anderen Städte, sich nicht zur Wehr zu setzen („passt auf, so wird es euch ergehen“, was sehr wirksam war), der zweite: Austobenlassen der angestauten Grausamkeit der Krieger („die Sau rauslassen“). Es gab immer auch die kalkulierte Einbeziehung der Zukunft. Ob es in diesem Fall die SU war,oder doch eher den Deutschen, denen man etwas „vor Augen führte“, weiß ich nicht.

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  2. Genau so wird’s gewesen sein. Eine brutale Demonstration der Macht auf Kosten des Feindes und zur Warnung an den ehemaligen Verbündeten und künftigen Feind, die Sowjetunion. Nur, der Sieger schreibt die Geschichte. Und der Sieger waren und sind die Anglo-Amerikaner. P.S. Das Stockholm-Syndrom gibt’s nicht nur im Privaten.

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