Wahre Worte zum Farewell

Die wahren Worte kamen von Richard Grenell, dem scheidenden US-Botschafter in Deutschland. Er sagte:

Sie machen einen großen Fehler, wenn Sie denken, der amerikanische Druck sei vorbei. Sie kennen die Amerikaner nicht

Er sagte das als Antwort auf die Interpretation von Noah Barkin:
„Deutschland atmet kollektiv auf“ – wegen Grenells Abschied, der während seiner zweijährigen Amstzeit dafür bekannt war, sehr undiplomatisch Druck auf das ‚Partnerland‘ Deutschland auszuüben.

Barkin hat für sein Aufatmen ca. 1600 Likes erhalten, Grenell für die Antwort aber im etwa selben Zeitraum 28000.
Am nächsten Tag legte Grenell nochmals mit Details zu seinen konkreten Forderungen nach:

Sie wollten immer, dass ich aufhöre, öffentlich zu fordern, dass Sie Ihre Verpflichtungen gegenüber der NATO bezahlen und Nordstream 2 beenden. Aber das ist US-Politik. Und ich arbeite für das amerikanische Volk

Grenells patzige Antwort an Andreas Nick, CDU-Politiker

Dafür bekam er 47200 Likes, steht damit also keineswegs isoliert.

Abgleich mit der „Theorie“

Ich finde die Nennung von Details gut, weil ich sie mit alten Beiträgen abgleichen kann, in denen ich über Dasselbe spekuliert hatte. Diese Forderungen tauchen nämlich so ähnlich immer wieder aus verschiedenen Mündern auf, nicht nur von einem etwas rüpeligen Botschafter.
So war mir vor mehr als einem Jahr aufgefallen, dass der SPIEGEL kaum verklausuliert einer Beraterin von Joe Biden ähnliche Forderungen in den Mund legte und Merkel einen Tritt in den Hintern formulierte:

Einige Wochen später hat die Kanzlerin ganz schlimm gezittert.
Gegen Jahresende hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass das womöglich und sehr wahrscheinlich auch mit dem (von Grenell betriebenen und jetzt als dauerhaft angekündigten) Druck gegen Nordstream 2, der Pipeline zur Hölle, zu tun hat.

Zensuren für Grenell

Auf Twitter hat Grenell für seine Arbeit auch Zensuren bekommen. Natürlich lobte ihn Donald Trump junior:
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Lob gab es auch von Nile Gardiner , einem britischen Außenpolitik-Pundit:

Er sagte sinngemäß, dass Grenells harte Worte in Deutschland dringend nötig seien.

Und ein interessantes Zeugnis kam auch von Peter R. Neumann, dem auf diesem Blog bekannten Terror- und Coronaexperten. Leider hat Neumann um den 28. Mai herum große Teile seiner Twitterhistorie gelöscht, so dass ich sie zunächst nicht mehr gefunden habe. Aber Google kennt sogar zwei Tweets von ihm zu Grenells Abschiedsworten:

Und im Google-Cache ließ sich auch der Originaltext noch finden:
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Und später am Tag entstand noch eine (gegenüber Grenell) höflichere Variante des Tweets:
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Zusätzlicher Adressat war jetzt der neokonservative Publizist und Politiker David Frum.
Die Quintessenz seines Zeugnisses lautet: Grenell hat Recht, aber er verprellt die Verbündeten und ist deshalb ineffektiv.
Bei diesem Zeugnis überrascht es nicht, dass sich Neumann als Anhänger von Joe Biden sieht:
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Passt: gleiche Außenpolitik wie Trump, aber mit anderem Image.
Und ganz nebenbei haben wir gelernt, dass Peter R. Neumann im Kern Außenpolitik macht. Da liegt es auch nahe, dass Terrorismus und Corona im Kern keine Science sind, sondern Felder oder Werkzeuge der Außenpolitik und Neumann dort als sogenannter ‚Spindoktor‘ wirkt.

Ausblick

Neuer Botschafter, also Nachfolger von Grenell, wurde Jeremy Issacharoff

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Das klingt jetzt noch nicht so, als würde er sich von Grenell distanzieren und eine völlig andere Politik machen.

Ausnahmezustand

Innerhalb kürzester Zeit ist Europa, ist Deutschland durch das Coronavirus in den politischen und wirtschaftlichen Ausnahmezustand katapultiert worden. Zum Thema Ausnahmezustand präsentiert dieser Vortrag viele Hintergründe und Beispiele:

Souverän ist,
wer über den Ausnahmezustand entscheidet

Manchmal auch die Finanzbranche

Ab 1:57:24 wird auch die Finanzkrise 2008 als Ausnahmezustand und die Finanzbranche als Souverän behandelt, der über diesen Ausnahmezustand entscheidet.
Die Finanzkrise von 2008 leitete über in die „Eurokrise“ wenige Jahre später und ist bis heute ungelöst: „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ betonten auch verschiedene Autoren immer wieder.
Zum Jahreswechsel bemühten sich viele Medien, diese sogenannten „Crash-Propheten“ lächerlich zu machen und als unseriös darzustellen: SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Augsburger Allgemeine.
In der ARD wurde ein prominentes Buch mit großer Geste in den Müll geworfen:
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Zwei prominente Crash-Autoren waren in dieser hochkarätigen Runde dabei:

Markus Krall: „Ab Sommer 2020 Endspiel für die Banken“

Die Corona-Krise hat im Vergleich zu diesen bösartigen und (natürlich) unbegründeten Prognosen zwei entscheidende Vorteile:

  • Sie kommt überraschend aus dem Nichts
  • Schuld ist statt Finanzbranche+Politik ein bisher unbekanntes Virus

Und auch so bissige Kritik an früheren Reparaturversuchen, die damals von den Verantwortlichen im Parlament demonstrativ ignoriert wurde, verblasst angesichts einer akuten Viruskrise. Es wäre ja auch schlimm, wenn die Politik zugeben müsste, dass ein Crash so lange vorhersehbar war:

Kurz ist jetzt der Retter

will uns die BILD-Zeitung einreden:

Ich glaube nicht daran, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass es gegen das Virus sinnvoll ist, noch die letzte Alpenvereinshütte zu schließen. Solche Extremmaßnahmen sind aber sicherlich gut dazu geeignet, die gesamte Wirtschaft in einen Ausnahmezustand zu treiben, in dem vieles möglich wird und an dessen Ende womöglich die Währungsreform steht.

Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der neue Ausnahmezustand und die Finanzbranche enger verbandelt sind, als es oberflächlich den Anschein hat.

Nachtrag 19.03.2020
Das passt so großartig rein:
Die Welt as we know it löst sich gerade auf…
Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt…“
Das Virus ist wie dafür geschaffen, um uns „das Gefühl der geglückten Angstüberwindung“ überraschend und schnell zu verschaffen. Die vorhersehbare Wirtschaftskrise war dagegen wie: „Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt„.
Glasklar (und natürlich im Rückblick) beschrieben von:
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Nachtrag 21.03.2020
Sehr lesenswert dazu:
„Die ‚Schwarzen Schwäne‘ dienen nur im Nachhinein der falschen Etikettierung der jeweiligen Krise als ‚Lehman-Krise‘ und als ‚Corona-Krise'“
Die neue Weltwirtschaftskrise, das Corona-Virus und ein kaputt gesparter Gesundheitssektor. Oder: Die Solidarität in den Zeiten von Corona. Von Winfried Wolf
Besonders aufschlussreich ist die Tatsache, dass mit der staatlich angeordneten Schließung aller Fachläden wirksam der Einzelhandel von Onlinehandel und Logistikbranche liquidiert wird.

Nachtrag 16.06.2020
Gute Rede am 14.06.2020 in Ulm von Prof. Christian Kreiß, Fachhochschule Aalen, genau zum Thema Corona+Wirtschaft:

„Es geht nicht um einen Diktator“

schrieb Prof. Hans-Christof Kraus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon 2012, als der Syrienkrieg gerade ein Jahr im Gange war.

Heute hat Angela Merkel diesen Versuch, Assad von außen zu stürzen, für einen Fehler und für gescheitert erklärt:

Was hat das zu bedeuten?

Bietet Sie sich als Vermittlerin zwischen den Konfliktparteien an?
Mit den grün unterstrichenen Passagen schont sie jedenfalls erkennbar beide Parteien, die sich in Idlib gegenüberstehen, die türkische Regierung einerseits und die syrisch-russische Allianz andererseits, die sie sehr sachlich und fast neutral als Tatsache beschreibt. Die Türken mögen heute auch Leidtragende des Konflikts sein, aber aus russisch-syrischer Sicht hat die Türkei auch eine wesentliche Rolle dabei gespielt, islamistische Kämpfer in Syrien zu infiltrieren und zu unterstützen. Das deutet sie mit dem letzten, rot unterstrichenen Satz an: wer islamistische Kämpfer entwaffnen könnte, hat wohl auch (viel) Einfluss auf sie. Damit ist sie nahe an der russischen Sicht. Aber sie gibt zu bedenken, dass der Einfluss der Türkei vielleicht überschätzt wird.
Ganz oben im Text finden sich aber noch zwei Hämmer: dem Westen gibt sie auch eine Mitschuld. Er habe wohl damals (irgendwann um 2011 oder davor) den Plan gefasst, die syrische Regierung zu stürzen und sei damit gescheitert. Damals war sie auch schon deutsche Kanzlerin und hat sich durchaus zum Westen gerechnet. War sie dagegen oder distanziert sie sich nachträglich?

Es ging immer um Geopolitik

Jetzt aber die Rückblende auf die Sicht des Geschichtsprofessors Kraus, die heute noch genauso interessant ist wie 2012:

Die wichtigsten Passagen passen hervorragend zu Angela Merkels Kritik:

Es geht nicht vorrangig darum, der syrischen Bevölkerung zu helfen

Im Gegenteil: Sie haben auch nach 1945 immer wieder gerade dort interveniert, wo es ihnen erforderlich schien, die eigene Machtstellung konsequent zu stärken. Nicht zuletzt der Ölreichtum und die auch strategisch entscheidend wichtige Lage der Region zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Arabischen Meer haben gerade dieses Gebiet zu einem Hauptaktionsfeld amerikanischer Außenpolitik werden lassen, bis hin zum letzten Irak-Krieg

Hier war Hans-Christof Kraus sehr nahe an Daniele Gansers Sicht der Politik im Nahen Osten. Und er beschrieb auch die russischen und chinesischen Interessen an Syrien ganz sachlich:

Das Blatt hat sich gewendet

Russen und Chinesen nehmen die gegenteilige Perspektive ein. Die russische Militärbasis am Mittelmeer, im syrischen Hafen Tartus gelegen, steht ebenfalls auf dem Spiel – wie die allgemeine machtpolitische Stellung Moskaus und Pekings im nahöstlich-vorderasiatischen Raum. Der Blick auf einen möglichen militärischen Konflikt zwischen Israel und Iran macht es für die beiden größten Mächte Asiens unabdingbar, hier präsent zu sein.

Es lohnt sich, den ganzen FAZ-Artikel zu lesen. Warum sollte Angela Merkel aus Sicht dieser Beschreibung nicht vermitteln wollen?
Es steht viel auf dem Spiel – für alle Beteiligten. Und die Risiken sind groß.

Nachtrag 09.3.2020
Peter Frey kommentiert:
„Jetzt aber signalisiert ihnen (den Türken) der Wertewesten, dass vor allem sie die Konsequenzen der mit ihm betriebenen, verheerenden Politik schultern sollen“
Das zeigt die Strategie und erklärt auch sehr gut die Wut Erdogans und der türkischen Bevölkerung, die auch in diesem Tagesschau-Bericht zum Vorschein kommt:
„Immer wieder hört man von den Türken, sie fühlen sich inzwischen fremd im eigenen Land. Der innenpolitische Druck auf Erdogan hat in den letzten Monaten zugenommen, etwas gegen die vielen Flüchtlinge zu machen“. Die Flüchtlinge sind natürlich eine Folge einer Syrienpolitik, die die Türkei und westliche Länder gemeinsam verantworten.

Ganz allein die Adelheid

Am 25. April 1990 wurde Oskar Lafontaine bei einem öffentlichen Auftritt in Köln-Mülheim von einer psychisch kranken Täterin mit einem in einem Blumenstrauß versteckten Schlachtermesser lebensgefährlich verletzt. Er hat gottseidank überlebt und ist uns als politischer Quer- und Freidenker ohne falsche Berührungsängste erhalten geblieben, aber der Wahlkampf des charismatischen und bis 1989 sehr populären linksrealistischen Lafontaine um das Kanzleramt in Bonn war am 25.4.1990 definitiv verloren:

SPIEGEL-Artikel aus der Woche nach der Tat

Aktuell ist das Attentat deshalb interessant, weil die konsequente Frau Adelheid Streidel offensichtlich psychisch krank war. Die Umstände sind verblüffend ähnlich dem mutmaßlichen Massenmörder von Hanau. Auch die Adelheid hatte solche Visionen:

Auch der Hanauer Mörder war den Behörden seit einer Weile so bekannt, bekam aber nicht einmal seine Schusswaffe abgenommen. Mangels Kompetenz, aus vorhandenen, sogar aufgedrängten Informationen etwas zu machen, verlangen die Unsicherheitsbehörden jetzt wieder mehr Kompetenzen, insgeheim Informationen zu sammeln 🤔 Verschwörungstheoretiker, wer Schlimmes dabei denkt!
Adelheid ist in der Psychiatrie verschwunden und erst 2014 wieder herausgekommen. Offensichtlicher als bei Tobias R. war bei der Attentäterin Adelheid Streidel, dass sie auch geistig ganz alleine war. Kein schlimmes Medium hatte sie aufgehetzt, keine Partei hatte ihr irgendwelche Stichworte geliefert, also Worte, die das Zustechen verursacht hätten. Jedenfalls hörte man nie etwas davon als braver Bürger und Zeitungsleser im Deutschland von 1990. Alles ging total mit rechten, aber eben verrückten Dingen zu.

Und unser kluger Saarländer, ein Physiker, der sich nicht jeden Bären aufbinden lässt, sondern immer wieder durch entschiedene Ansichten auffällt, hat schon 8 Jahre nach dem überlebten Attentat wieder gezeigt, wie wichtig er zu nehmen war. Als Parteichef der SPD und „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen wurde er von der britischen Sun sogar zum gefährlichsten Mann Europas erklärt:

Wie schon gesagt, niemand hat 1990 in Deutschland öffentlich spekuliert, ob jemand für ein Attentat gegen einen Mann politisch verantwortlich sein könnte, der sich dann später wieder als so wichtig und eben gefährlich erwiesen hat. Auch wir wollen das nicht tun, auch wenn nicht alle anderen jede rechtzeitige, aber außergesetzliche Beseitigung von „gefährlichen Männern“ immer ablehnen.
Es hat damals auch niemand gefragt, ob Adelheid Streidel ein ‚targeted individual‘ gewesen sein könnte und was das überhaupt ist. Wer googelt, findet sofort eine nordamerikanische Seite, die sich auch mit Adelheid als einer solchen ‚verfolgten Person‘ beschäftigt. Und für genau eine solche Person soll sich auch Tobias R. selbst gehalten haben. Deshalb hat er eine Anzeige an die Bundesanwaltschaft geschrieben: Verfolgungswahn! Aber die Schusswaffe durfte er behalten.
Beim ihm, also Tobias R. ist auch sonst alles ganz anders, denn er hat viele Mittäter: Medien, die ihn fütterten, Politiker, die ihn ermutigten, ein bunter Haufen bestehend aus Roland Tichy, Henryk Broder und anderen. Christian Schiffer ist sich im Bayerischen Rundfunk sogar sicher, dass nicht nur Jochen Kopp, sondern auch Daniele Ganser zu demselben allmächtigen, aber widersprüchlichen (alles Tarnung!) Netzwerk gehören, von dem „rechter Terror heute also geplant und zugleich nicht geplant“ wird. Der Wahn hat so seit 1990 eindeutig große Fortschritte gemacht.

Nachtrag 23.02.2020
Als Reaktion auf meinen Artikel hat mir jemand einen ZDF-Beitrag zugeschickt, der genau in die von Christian Schiffer skizzierten Verschwörungstheorien von Adelheid Streidel und Tobias Rathjen hineinpasst:

Gehört das ZDF zum verschwörungstheoretischen Netzwerk von Jochen Kopp? Also ich glaube höchstens die Hälfte davon, denn es ist unglaublich, was der Beitrag da berichtet hat.

Die Afghanistan-Pipeline

Hochinteressante Hintergründe des Einmarsches in Afghanistan im Rahmen der Energie-Geopolitik.

Paul Schreyer

Kunduz-a

30. September 2019   —   Am vergangenen Wochenende fanden in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt, an denen allerdings bloß 20 Prozent der registrierten Wähler teilnahmen. Die politische Lage ist weiterhin so instabil wie seit Jahrzehnten. Abseits der Wahlen bleiben die Taliban ein bestimmender Faktor im Land, jüngst brach Donald Trump direkte Verhandlungen mit ihnen ab. Den folgenden Text, der die Vorgeschichte des Angriffs der USA und der Nato auf Afghanistan schildert, schrieb ich vor 15 Jahren, im Herbst 2004. Es war meine überhaupt erste journalistische Arbeit, entstanden und veröffentlicht damals im Rahmen eines Buchprojektes – eines Romans über 9/11, der auch einen 80-seitigen Faktenanhang enthielt. Das Buch ist lange vergriffen, der vorliegende Text aber, so scheint mir, weiterhin aktuell. Die Pipeline, um die es darin geht, wird derzeit gebaut.

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Politische Kultur und nationale Identität

Zur Wahl in Dänemark bin ich auf diesen ganz hervorragenden Hintergrundbericht hingewiesen worden.
Ich bin von ihm so fasziniert, weil er aktuell und atmosphärisch das bestätigt, was Emmanuel Todd bereits 1990 über das dänische politische System geschrieben hat:

„In Dänemark führt die antirationalistische und populäre religiöse Bewegung, deren Symbol der Theologe und Dichter Grundtvig war, zu einer Neuordnung der gesamten Kirche in einem anti-autoritären Sinne. Im Jahr 1855 erlangen die dänischen Bauern das Recht, ihre Pastoren zu wählen. Die traditionelle lutherische Mechanik löst sich auf“

Die hemmungslos autoritäre Art, in der in Deutschland mit dem erhobenen Zeigefinger über die dänischen Sozialdemokraten geurteilt wird, dürfte exakt die „lutherische Mechanik“ sein, von der Todd spricht und die seit der dt. Wiedervereinigung zunehmend ganz Deutschland in den autoritären Griff genommen hat:

„Die Rechtspopulisten schrumpfen bei der Parlamentswahl in Dänemark stark, weil die Sozialdemokraten große Teile ihrer Agenda kopieren. Das ist billig und effektiv – vor allem aber gefährlich“

Hier also nun der tolle Hintergrundbericht von seidwalk:

seidwalk

Die dänische Folketingswahl 2019 ist Geschichte. Und sie wird Geschichte machen. Unter Führung der Sozialdemokraten hat der linke Block wieder die Zügel übernommen. Er konnte das nur, weil die Sozialdemokratie unter Mette Frederiksen die straffe Einwanderungspolitik der „Dänischen Volkspartei“ in ihre eigene implementiert hat und weil einige ihrer potentiellen Koalitionspartner wie die „Radikale Venstre“ oder die „Sozialistisk Folkeparti“ für ihre Verhältnisse deutlich zulegen konnten.

Effektiv haben die Sozialdemokraten sogar ein paar tausend Stimmen verloren und ihr liberal-konservativer Hauptgegner, die „Venstre“ unter Lars Løkke Rasmussen, ein paar zehntausend Stimmen dazugewonnen, aber durch den Zugewinn auf der ultralinken und vor allem durch den massiven Verlust der „Dansk Folkeparti“ hat sich das Gefüge deutlich verschoben.

Mette Frederiksen hat nun die komplizierte Aufgabe, die bunte, wesentlich radikale Mosaiklinke hinter sich zu einen und mit ihr vor allem ihr sozialpolitisches Programm durchzusetzen. Aber ebenso schwer dürfte es sein, gegen ihre Koalitionspartner und vermutlich mit Hilfe…

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Traurige Moderne – ein Lebenswerk

Das Buch, aus dem ich zu Jahresbeginn ein Kapitel übersetzt und auf diesem Blog veröffentlicht hatte, ist jetzt auch auf Deutsch herausgekommen.

Inhalt

Inhaltsverzeichnis der deutschen Ausgabe
Wie der Titel bereits andeutet, handelt es sich um einen ganz großen Überblick über die Menschheitsgeschichte unter dem Blickwinkel der Frage, die Todd seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie beeinflussen die Familienstrukturen und die Werte, die sie tragen, das Leben der Menschen und der Völker, ihre Geschichte?

Augenmerk auf Deutschland und seine Rolle in Europa

In Interviews hatte Todd bereits vor Erscheinen der Originalausgabe angekündigt, dass das Buch sich besonders intensiv und auch sehr freundlich mit Deutschland beschäftigen würde, seinem (nach meiner Meinung schon immer unbegründeten) Ruf zum Trotz, ‚germanophob‘ zu sein. Das von mir ausgewählte Kapitel bestätigt das auch ganz hervorragend.

Emmanuel Todd hat für die deutsche Ausgabe ein Vorwort geschrieben, in dem er nicht nur erläutert, dass seine Arbeit in der Tradition der „deutschen Historischen Schule“ steht. Er erklärt auch, beinahe schon rührend, die großen Hoffnungen, die er mit der deutschen Ausgabe seiner Arbeit verbindet:

‚Es ist mir eine große Freude, ein Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buches zu schreiben, denn Deutschland nimmt in ihm einen besonderen Platz ein. Dieses Land spielte im Verlauf der Geschichte eine einzigartige Rolle, im Guten wie im Schlechten.

Im Hinblick auf Deutschland ermöglicht dieser Ansatz eine realistische Einschätzung seiner Rolle in der Geschichte und seiner ungeheuren Leistung, im Guten wie im Bösen, ohne das Land durch die unnötige Hypothese von einem deutschen Wesen von der übrigen Welt zu isolieren

Auch wenn man die Fähigkeit von Intellektuellen, den Gang der Geschichte zu beeinflussen, nicht überschätzen darf, so hoffe ich dennoch, dass dieses Buch auf seine bescheidene Weise Deutschland wieder zu einem stärkeren Selbstbewusstsein verhilft. Was wir nämlich brauchen, ist ein luzideres Deutschland‘

Die große Bedeutung Deutschlands zeigt das Inhaltsverzeichnis der Kapitel die sich besonders auf Deutschland beziehen:

5.: Deutschland, der Protestantismus und die Alphabetisierung

Vom Protestantismus zur Massenalphabetisierung

Die Stammfamilie und die Schrift

Von der Stammfamilie zum Protestantismus und umgekehrt

Von der Stammfamilie zur Alphabetisierung

Alphabetisierung und Verstärkung des patrilinearen Merkmals in Deutschland

Die Entwicklung in Schweden und in Russland

6.: Der große geistige Wandel in Europa

Das «westliche Heiratsmuster»: Später Sieg der christlichen Sexualfeindlichkeit

Die Wege der Disziplin

Zerstörung des undifferenzierten Verwandtschaftssystems

Der schwindelerregende protestantische Blick ins Innere und das Zerreißen des Verwandtschaftsnetzes

Der protestantische Militärstaat und die frühen Nationalismen

Der Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung

Der Anteil der Stammfamilie in historischer Sicht oder: Familienstruktur als kontinuierliche Variable

7.: Bildungsaufschwung und Wirtschaftsentwicklung

Warum England und nicht Deutschland?

Die Stammfamilie und die Industrialisierung

8.: Säkularisierung und Krise des Übergangs

Der Katholizismus ohne Gleichheit: 1800–1965

Der Zusammenbruch des Protestantismus: 1870–1930

Der Absturz der Religion und die Ära der Ideologien

Die Krise des Übergangs und die Ideologien

Familienstrukturen und Ideologien

Religion und Ideologie
….

16.: Gesellschaften mit Stammfamilie: Deutschland und Japan

Niedrige Geburtenraten in Deutschland und Japan: Eine Langzeitfolge der patrilinearen Stufen

Frauen ohne Kinder

Der zweite demografische Übergang als Teil der Globalisierung: Eine Fehlanpassung der Gesellschaften mit Stammfamilie?

Unterschiede im Bildungswesen von zwei Stammfamiliengesellschaften

Patrilinearität in Deutschland und Japan, Feminismus in Schweden

Widerstand eines kollektiven Bewusstseins: Der Zombie-Nationalismus

Ökonomischer Vorsprung und demografische Krise

Extrovertiertheit in Deutschland, Introvertiertheit in Japan

17.: Die Metamorphose Europas

Vielfalt der Familienstrukturen am Rande Eurasiens

Die Vielfalt der religiösen Einflüsse

Der Triumph der Ungleichheit in Europa

Industrieller Blitzkrieg im Westen

Die demografische Zerstörung von Osteuropa, dann von Südeuropa

Deutschlands «demografische» Außenpolitik

Der Drang nach Osten

A Bridge Too Far: Patrilineare und endogame Migrationsgemeinschaften (Anmerkung: vgl. dieses Interview)

Das postdemokratische Europa – ganz normal

Augenmerk auf Amerika

Der zweite Schwerpunkt des Buches bildet definitiv die Beschäftigung mit der angloamerikanischen Welt und besonders Amerika. Hier erstreckt sich die Analyse ebenfalls bis in die Gegenwart und zum Verständnis von Donald Trump.

14.: Donald Trump als Wille und Vorstellung

Die Rationalität des Wählervotums für Trump

Bildungsmäßige Schichtung und politische Wahl

Die Zitadellen der Elite: Silicon Valley und Academia

Der ökonomische Konflikt tritt an die Stelle des Rassenkonflikts

Der rassische Triumphalismus und Clintons imperiales Projekt

Clintons Kontrolle über die schwarze Wählerschaft: Ein weiterer Verrat der Eliten

Die Demokratische Partei und ihr Problem mit den Hispanics

Der demokratische Aufbruch hat immer noch fremdenfeindliche Züge

Globales Projekt gegen nationales Projekt

Die absolute Kernfamilie schwindet, und die junge Generation kommt nicht raus

Der Widerstand der amerikanischen Jugend gegen die Fremdenfeindlichkeit

Viele Ideen daraus dürften den Lesern meines Blogs bekannt vorkommen, denn sie wurden schon in diesem großen Interview angesprochen und auch hier, hier und hier.

Auch Ideen aus vielen anderen Kapiteln finden sich in älteren Auszügen insbesondere aus ‚Die Erfindung Europas‚  und ‚Die neoliberale Illusion‚ auf meinem Blog.
In diesem großen Buch fasst Todd nämlich nicht nur seine eigenen Arbeiten neu und großartig zusammen, sondern er resümiert auch die Geschichte einer (westlichen) Welt, die er aktuell an einem Wendepunkt und in einer dramatischen Transformation sieht.

Bisherige Rezeption und Ausblick

Als Todd-Bewunderer und Hobby-Interpret halte ich das Werk natürlich für ein Meisterwerk und gebe eine dringende Kauf- und Leseempfehlung an alle, die bereit sind 30 Euro für ein dickes Buch auszugeben und sich mit der nicht einfachen Kost auseinanderzusetzen. Die Belohnung liegt dann in einem Hintergrund und in einer Begriffswelt, die zu verstehen erlaubt, was in einem historischen Umbruch gerade passiert und woraus die Konflikte gespeist werden, außer aus wirtschaftlichen Interessen und Dummheit.

Aber auch die ersten Leser-Rezensionen bei Amazon.de sind sehr positiv und auch diese Rezension im ‚Bücherregal‘.

Das Erscheinen des Buches auf Deutsch führt auch dazu, dass ich kein weiteres Kapitel des Originals mehr in großen Teilen auf meinem Blog übersetzen werde. Die wirtschaftliche Basis der professionellen Übersetzung eines solchen Werkes mit doch letztlich recht überschaubarer Leserschaft will ich nicht untergraben.

Nachtrag 13.09.2018
Im Deutschlandfunk gibt es eine Rezension von Marko Martin, Autor bei den ‚Salonkolumnisten‘ und Ralf Fücks‘ ‚Liberaler Moderne‘. Aus diesem Umfeld kann Todd  natürlich keine Sympathie erwarten. Aber, dass der Autor das Buch so schlampig gelesen hat, dass er von 3 statt 4 Haupt-Familiensystemen spricht, ist dann doch unter jedem Niveau. Ganz besonders scheint er sich darüber aufzuregen, dass Todd die deutsche Ukraine-Politik als demografische Ausplünderung kritisiert. Der billigste Vorwurf aus der Ecke lautet dann immer „Verschwörungstheorie“.

Nesactium – die schlimmen Istrier

In Istrien, Kroation, ca. 10 Kilometer östlich der Hafenstadt Pula, findet man die Ruinen der alten istrischen Hauptstadt, die später den römischen Namen Nesactium erhielt. Ein Ausflug dorthin lohnt sich, wenn das Badewetter an der Adria einmal zu wünschen übriglässt:

NesactiumLuftbild

Im Jahr 177 vor Christi Geburt ereignete sich hier eine Tragödie.

Das kleine Istrien war erstaunlich lange unabhängig von dem nahen, expandierenden und bereits sehr großen römischen Reich geblieben.

RomIstrien

Die Geschichtsschreibung nennt lapidar die Gründe für den Krieg:

„Nach dem Sieg der Römer über Karthago im 2. Punischen Krieg (218-201 v. Chr.), strebten diese die Herrschaft im gesamten Mittelmeerraum an. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf Istrien, und so waren es eher politische und wirtschaftliche Gründe, die sie veranlaßten, gegen die Histrier militärisch vorzugehen

Hochinteressant ist der Bericht des römischen Historikers Titus Livius, den Sie ganz sorgfältig und aufmerksam lesen sollten:

„Wenige Tage vorher hatten Junius und Manlius begonnen, die Stadt Nesactium, wohin sich der Führer der Histrier und ihr Fürst Aepulo selbst zurückgezogen hatten, mit aller Macht anzugreifen. Dorthin führte Claudius seine beiden neuen Legionen, entließ das alte Heer mit seinen Feldherrn, belagerte selbst die Stadt und beabsichtigte, sie mit Sturmdächern anzugreifen und gab einem Fluß, der an ihren Mauern vorbei floß und der beim Angriff ein Hindernis bildete und die Histrier mit Wasser versorge, in mehrtägiger Arbeit ein neues Bett und änderte seinen Lauf. Dies versetzte die Barbaren in Staunen und Schrecken. Aber auch jetzt dachten sie nicht an Frieden, sondern machten sich daran, ihre Frauen und Kinder umzubringen, und damit diese schreckliche Tat auch den Feinden ein Schauspiel bot, töteten sie die ganz offen auf der Mauer und stürzten sie dann hinab. Unter dem Geschrei der Frauen und Kinder und während des unsagbaren Gemetzels überstiegen die Soldaten die Mauer und drangen in die Stadt ein. Als der König aus dem bangen Geschrei der Flüchtenden merkte, daß die Stadt eingenommen war, stieß er sich sein Schwert in die Brust, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Die übrigen wurden gefangen oder erschlagen. Darauf wurden die beiden Städte Mutila und Faveria mit Gewalt genommen und zerstört. Die Beute war bei einem so armen Volk wider Erwarten groß und wurde ganz den Soldaten überlassen. 5632 Menschen wurden als Sklaven verkauft. Die für den Krieg Verantwortlichen wurden mit Ruten geschlagen und mit dem Beil enthauptet. In ganz Histrien kehrte durch die Zerstörung der drei Städte und den Tod des Königs der Friede ein, und alle Stämme schickten von überall her Geiseln und kamen zur Unterwerfung.“

So wird Geschichte geschrieben:
Grausam und verantwortlich für den Krieg waren die Verteidiger.
Diejenigen, die selbst offen zugaben, kühl kalkulierend das Land angegriffen, 3 Städte zerstört, Beute gemacht und 5632 Menschen als Sklaven verkauft zu haben, haben letztlich nur den Frieden nach Istrien gebracht.

Gönnen Sie sich einfach mal das Vergnügen, die propagandistischen Grundelemente dieses römischen Zeugnisses in heutigen Zeitungsartikeln zu suchen. Die Zeiten sind nicht ungünstig dafür.

 

Die deutsche Polarisierung

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 9: Autorität und Ungleichheit, Deutschland

Dieses Kapitel aus dem insgesamt sehr lesenswerten, aber nur auf Französisch verfügbaren Buch (andere Kapitel auf Deutsch hier) testet an Deutschland die Hypothese, dass die Werte des Familiensystems  eines Landes maßgeblich seine Geschichte bestimmen und sich in ihr widerspiegeln.  Gleichzeitig zeigt es, wie eng die linke und rechte Ideologisierung in Deutschland mit dem Verlust religiöser Gewissheiten Hand in Hand ging, in diesem Fall des protestantischen Glaubens.
In  der aktuellen Lage ist dieses Kapitel zugleich sehr gut geeignet, um zu verstehen, wie die in Deutschland  starke und gefährliche Neigung zur Polarisierung der politischen Auseinandersetzung weiterhin existiert und sich gelegentlich an allzu symbolischen Themen entzündet.

Hier also nun in Auszügen der Originaltext in meiner Übersetzung:

Die deutsche Sozialdemokratie

Der deutsche Sozialismus schreitet im Rhythmus der Entchristlichung voran, soweit, dass die beiden Phänomene – das eine ideologisch, das andere religiös – ein einziges darzustellen scheinen. Die deutsche Sozialdemokratie wird offiziell 1875 geboren, auf dem Parteitag von Gotha, als Zusammenschluss von zwei Grüppchen…
Die Existenz des Allgemeinen Wahlrechts ab 1871 erlaubt es, den unaufhaltsamen Aufstieg dieser Sozialdemokratie zu verfolgen, der mächtigsten in Europa am Vorabend von 1914:

AufstiegSPD

Der Großteil ihres Wachstums findet zwischen 1887 und 1912 statt, wo sie von 10 auf 35% der abgegebenen Stimmen anwächst. Die Sozialdemokratie startet also erst ab dem Moment durch, wo sich die Entchristlichung beschleunigt, also gegen Ende der 1880er[1] Jahre.
Die Zahlen, die das nationale und globale Voranschreiten der deutschen Sozialdemokratie beschreiben, geben allerdings nur eine unvollständige Beschreibung des laufenden Prozesses. Vor 1914 folgt das Wachstum der Entchristlichung: es ist also besonders massiv in den protestantischen Regionen, wo die Ausübung der Religion in sich zusammenfällt; es ist schwach in denjenigen, wo die Religion (also der Katholizismus) standhält:

ZentrumSPDAntisemitismus

Nationalsozialismus

Das Industrierevier an der Ruhr, katholisch, ist keine sozialdemokratische Festung. In Sachsen, in Hessen, in Berlin, im Herzen des entwickelten und dicht besiedelten protestantischen Deutschlands findet der wesentliche Machtzuwachs der Sozialdemokratie statt. In diesen Regionen überschreitet der sozialistische Stimmanteil oft die absolute Mehrheit. 1903 erhält die Sozialdemokratie in Sachsen 59% und 22 von 23 Sitzen; in Berlin 67% und 5 von 6 Sitzen. In diesen Regionen ist sie nicht nur eine mächtige Partei, sie ist eine dominierende Partei…

Am Vorabend von 1914 ist die Sozialdemokratie auf Reichsebene mächtig, ohne eine Mehrheit zu haben, weil sie ja nur etwas mehr als 1/3 der Stimmen erhält. Im protestantischen Deutschland hat die Sozialdemokratie häufig eine Mehrheit, ist aber von der Macht durch ein System (Anmerkung des Übersetzers: das „Dreiklassenwahlrecht“ in Preußen) ausgeschlossen, das faktisch den Fortbestand der Stände des Ancien Régime sicherstellt…

Autorität und Organisation

…Von 1900 an wird die deutsche Sozialdemokratie durch ihre Praxis besser definiert als durch ihre (marxistische) Theorie.
Nach Ebert, der 1913 Bebel an der Spitze der Partei nachfolgt, gilt:
Der Sozialismus ist die Organisation. Die Desorganisation ist der schlimmste Feind des Sozialismus“ [2]
Die Liebe zur Partei definiert besser als jedes doktrinäre Element das Wesen der deutschen Sozialdemokratie und stellt sie Zug um Zug in Gegensatz zum Pariser oder andalusischen Anarcho-Sozialismus.
Die sozialdemokratische Partei ist die erste der großen Massenparteien mit außerparlamentarischem Ursprung, um die Klassifikation von Maurice Duverger heranzuziehen, der politische Organisationen danach unterscheidet, ob sie im oder außerhalb des Parlaments, also in der Gesellschaft selbst, entstehen. Die sozialdemokratische Partei wird sehr schnell eine außergewöhnliche Maschine, trotz der Bismarck’schen Verfolgungen der Jahre 1878-1890. 1912 hat sie 700000 Mitglieder, besitzt ungefähr 100 Zeitungen, stützt sich auf mächtige Gewerkschaften und kontrolliert unzählige Kulturvereine, die sich dem Gesang, Theater oder der Leseförderung widmen. Sie bezahlt mehrere Tausend festangestellte Mitarbeiter. Ihre 110 Parlamentarier im Reichstag bringen politisch weniger Gewicht auf die Waagschale als ihre Bürokratie.
Diese Eignung zur Organisation ist lediglich die sozialistische Variante einer allgemeinen Eignung der deutschen Kultur zur Organisation, die sich vom Autoritätsprinzip ableitet, das der Stammfamilie eigen ist. Die familiäre Disziplin wird zur Disziplin des Parteigängers….

Der ethnozentrische Nationalismus

Die nationalistische deutsche Ideologie wird „rechts“ geboren[3], als Zeitgenossin der Sozialdemokratie, des anderen Produkts der Entchristlichung.  Der Nationalismus  läuft dem Sozialismus jedoch immer ein Stück nach. Zunächst natürlich, weil er einem defensiven antisozialistischen Reflex folgt und die Existenz einer Bedrohung voraussetzt, vor der er anscheinend Deutschland beschützen will. Aber auch, weil die Entchristlichung  in der Arbeiterklasse schneller voranschreitet als in den Mittelschichten: die Ideologisierung des Proletariats  hat deshalb einen Vorsprung vor der der Aristokratie und des Bürgertums, Klein- oder Großbürgertum. Der Vorsprung beträgt nur einige Jahre. Die Sozialdemokratie startet zwischen 1887 und 1903 durch, der Pangermanismus erlebt seine Blüte zwischen 1900 und 1914.

Der deutsche Nationalismus nimmt sofort eine spezielle Form an: anti-universalistisch. Er besteht auf der Existenz einer germanischen Essenz, die eine spezielle Mission des Reichs definiere. Die ‚Botschaft von Fichte‘[4] verbreitet sich. Die Gefahr für Europa kommt daher, dass Deutschland tatsächlich dabei ist, die erste Macht Europas zu werden. Es wächst von 46 auf 63 Millionen Einwohner zwischen 1880 und 1908. Seine Industrie lässt diejenige Großbritanniens weitgehend hinter sich. Der Traum scheint wahr zu werden. 1893 wird der Alldeutsche Verband gegründet, eine Vereinigung und Lobbyorganisation, die in den wichtigsten Parteien der Regierungskoalition nach 1900 vertreten ist[5]. Das Streben nach europäischer  und weltweiter Führung veranlasst Deutschland, sich zunächst mit Russland anzulegen, dann mit Großbritannien. Der Bau einer Kriegsflotte, die es mit Englands Hegemonie auf dem Meer aufnehmen soll, steht im Zentrum der neuen Außenpolitik. Die Alldeutschen nehmen das britische Empire als erste Weltmacht wahr, deren Platz man einnehmen müsse. Das schon 1870 geschlagene Frankreich wird nicht mehr ernst genommen. Russland, dessen demografisches und industrielles Wachstum korrekt wahrgenommen wird, wird nur als langfristige Bedrohung gesehen. Ein Verein für die Ermutigung zur Seepolitik, der Flottenverein, dramatisiert den Konflikt mit England…
Die Machtzunahme der nationalistischen Ideologie ist im Inneren spürbar. Der gleichzeitig antagonistische und komplementäre Charakter der sozialdemokratischen und der alldeutschen Ideologien scheint deutlich bei den Wahlen von 1907 auf, anlässlich derer der Reichskanzler von Bülow  eine nationalistische Thematik durchsetzt. Die Hottentotten-Wahl findet in einem Klima der  kolonialen Konfrontation mit England  statt. Nun aber erlaubt der Appell an den Nationalismus der Regierung tatsächlich, ein Mal das sozialistische Wachstum zu blockieren. Die SPD fällt von 31,7 auf 28,9% der abgegebenen Stimmen…

Der Antisemitismus

Die Definition des germanischen Menschen führt zum Gegenbild des Juden, negative Inkarnation der deutschen Tugenden. Mitte der 1870er Jahre erfindet Wilhelm Marr das Wort Antisemitismus. Sein Bestseller Der Sieg des Judentums über das Germanentum erreicht 12 Auflagen in 6 Jahren. 1879 wird die Antisemiten-Liga gegründet, der erste politische Verein, der aus dem Hass gegen den Juden seine wesentliche Motivation macht. Die Entstehung des Antisemitismus markiert die Mutation des Nationalismus des doktrinären Zeitalters, vertreten durch Fichte oder Hegel, in das ideologische Zeitalter, das charakterisiert wird durch die Anhängerschaft großer Massen an das Ideal der Ungleichheit der Menschen. Man hätte es schwer, bei Hegel eine Denunziation der schädlichen Natur des Juden zu finden. Im Gegenteil enthalten die Grundlinien der Philosophie des Rechts eine Verteidigung der Idee der Emanzipation. Der Zusammenbruch des christlichen Glaubens ist notwendig für die Verbreitung des modernen Antisemitismus. Der christliche Glaube, protestantisch oder katholisch, etabliert zu gut die Verwandtschaft des Juden und des Christen. Der Tod Gottes zieht den von Christus nach sich, das heißt dieses Juden, der Europa seine Religion gab. Das theoretische Band zwischen Juden und Nichtjuden löst sich auf. Die Identifikation ethnischer und biologischer Unterschiede wird möglich. Der Darwinismus gibt sich nicht damit zufrieden, den Glauben an das Alte Testament und die Genesis zu zerstören, er kommt für die ideologischen Rassisten der Jahre 1880-1914 bei der Konkurrenz der Arten an. Die Juden sind kein auserwähltes Volk mehr, das sich irrt (die christliche Sicht), sondern eine Art (Rasse) die gleichzeitig niedriger und gefährlich ist. Das Buch von Marr wird von Pulzer richtig als „Darwin für 5 Pfennige“ beschrieben.
Nach dem ersten Fieber der 1870er Jahre, stellen die 1880er Jahre der Latenz dar, in der der Antisemitismus  auf Berlin beschränkt bleibt. Aber 1887 wird der erste antisemitische Abgeordnete in den Reichstag gewählt. 1890 sind es 5, 1893 16 (Höchststand), 1898 nur 13. Später werden die Etiketten weniger klar. Oder vielmehr hört der Antisemitismus auf, eine spezielle Doktrin zu sein, um das gemeinsame Erbe der deutschen Rechten zu werden… Ab 1900 ist der Antisemitismus nirgendwo mehr, weil er überall ist. 1913 präzisiert der Deutschnationale Handelsgehilfenverband DHV durch einen Zusatz zu seinen Statuten, dass er nicht aufnimmt „Juden und alle diejenigen, die Nationen oder Rassen angehören, die bewusst gegen das Deutschtum gerichtet sind“. Zur damaligen Zeit hatte der DHV 148000 Mitglieder gegen 12380 bei der sozialdemokratischen Konkurrenzgewerkschaft. Besonders interessant ist die Selbstfestlegung der Mittelschichten auf das reine Ariertum, die die gleichzeitige Zurückweisung des Arbeiters und des Juden mit sich bringt, zweier andersartiger und minderwertiger Wesen. Die Welt der Angestellten, die gleichzeitig abhängig beschäftigt und entchristlicht sind, ist besonders anfällig für die antisemitische Ideologie. Die gleichzeitige Zurückweisung der Arbeiter und der Juden durch die Mittelklassen endet in einer objektiven Solidarität: die Sozialdemokratie wird effektiv die Partei der Arbeiter und der Juden. Zwischen 1871 und 1884 umfassten die 14 jüdischen Reichstagsabgeordneten 3 Rechtsliberale, 8 Linksliberale und 3 Sozialdemokraten. Von 1890 an gehörten fast alle jüdischen Parlamentarier der Sozialdemokratie an.

Antisemitismus gegen Sozialdemokratie

Antagonismus und Komplementarität sind die Konzepte, die gemeinsam am besten die Beziehungen zwischen Antisemitismus und Sozialdemokratie  in der deutschen Kultur der Jahre 1870 bis 1914 beschreiben. Die Sozialdemokratie ist die deutsche Form des sozialistischen Anwachsens. Der Antisemitismus konzentriert und fasst die härtesten Tendenzen des deutschen Nationalismus zusammen. Sozialdemokratie und Antisemitismus werden nacheinander aus dem Prozess der Entchristlichung geboren. Der Antagonismus und die Komplementarität lassen sich in der Zeit und im Raum begreifen.
In der Zeit folgen die antisemitischen Schübe denjenigen der Sozialdemokratie. Die erste antisemitische Phase folgt in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre der Gründung der Sozialdemokratie. Die relative sozialistische Stagnation zwischen 1877 und 1885 verlangsamt das Fortschreiten des Antisemitismus. Das sozialistische Durchstarten der Jahre 1887-1893 führt zum ersten politischen und parlamentarischen Erscheinen des Antisemitismus. Die Sozialdemokratie erreicht 23,3% der Stimmen; die antisemitischen Gruppen erreichen 16 Abgeordnete, aber, man muss es festhalten, nur 2,9% der Stimmen. In der Folge entspricht die Verallgemeinerung des antisemitischen  Sentiments in der deutschen Rechten der Stabilisierung der Sozialdemokratie als dominierende Kraft der Linken.
Im Raum ist die Beziehung von Komplementarität und Antagonismus nicht weniger frappierend. Die Zonen des Wachstums des Wahl-Antisemitismus, die Hessen, Sachsen, Thüringen und Berlin sind, sind auch diejenigen der Entwicklung der Sozialdemokratie, selbst wenn der Antisemitismus nur an den Rändern der sozialdemokratischen Einflusszone siegreich ist. Von den 16 antisemitischen Sitzen von 1893, liegen 8 in Hessen, 6 in Sachsen und 2 weitere in Preußen östlich der Elbe….
Man kann jedoch nur betroffen sein vom Antisemitismus der sächsischen Rechten, der in einer Region gedeiht, wo die Juden kaum 0,25% der Bevölkerung stellen. Das Paradox geht bis auf die Ebene von ganz Deutschland: in diesem Land, dessen Rechte 1914 vom Antisemitismus zerfressen ist, gibt es weniger als 1% Juden. Die quantitative Bedeutungslosigkeit der jüdischen Frage wird die Entstehung des Nationalsozialismus  nicht verhindern. Zwischen 1928 und 1932 wird der Antisemitismus der fundamentale strukturierende Faktor des deutschen Nationalismus. Am Vorabend von 1914 ist er erst ein wichtiges aber sekundäres Element.

Der Nationalsozialismus:
Vollendung und Überschreitung des Antisemitismus

Das Auftauchen des Nationalsozialismus wird oft als Ergebnis des Zusammenspiels von zwei Arten der Verzweiflung dargestellt. Zunächst der Wirrnis, die durch die Niederlage (von 1918) und den  Zusammenbruch der traditionellen Monarchie erzeugt wurde; dann der Konjunkturpanik, die durch die große Wirtschaftskrise von 1929 ausgelöst wurde. Der bestimmende Einfluss der Arbeitslosigkeit, der 6 Millionen Deutschen gegen 1930 ihre regelmäßige Beschäftigung nimmt, kann nicht geleugnet werden. Aber man hätte Unrecht, die Machtergreifung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und Hitlers als die Wirkung nur dieser beiden Faktoren zu betrachten. Die einfachste und direkteste vergleichende Geschichte zeigt insbesondere, dass eine streng wirtschaftliche Interpretation ungenügend ist: die Existenz einer Masse von 10 Millionen Arbeitslosen erlaubte in den Vereinigten Staaten den Triumph von Roosevelt, d.h., einer reformistischen Politik, die in keiner Weise die Prinzipien der liberalen Demokratie in Frage stellte. Möglich geworden durch die weltweite Wirtschaftskrise ordnet sich der Nationalsozialismus doch auch in eine deutsche ideologische Kontinuität ein, die nicht in Zweifel gezogen werden kann. Er findet in Deutschland die anthropologischen und religiösen Grundlagen, die für seine Entwicklung unverzichtbar sind. Er ist der Endpunkt der ethnozentrisch-nationalistischen Ideologie, die er in einigen wichtigen Aspekten überschreitet. Der Nationalsozialismus interpretiert in der irrsinnigsten Weise die Werte der Autorität und der Ungleichheit, die von der Stammfamilie getragen werden, indem er sie auf den Begriff der ‚Rasse‘ bezieht, wobei der Ausdruck in seiner biologischen Bedeutung herangezogen wird.
Der Autoritarismus impliziert hier eine Absorption des Individuums durch die Rasse, einer transzendenten Kategorie. Der extremistische Charakter des Rassenkonzepts kommt daher, dass die Zugehörigkeit zu dieser Gruppierung vollkommen ohne Bewusstsein und Willen auskommt. Die Unterwerfung unter Gott, unter den Staat, unter das Edle, unter die Kirche setzte eine minimale bewusste Zustimmung voraus. Die Hypothese eines genetisch bestimmten Wesens zerstört die theoretische Möglichkeit einer Auflehnung des Individuums. Die Hitler’sche Theorie ordnet also den Staat der Rasse unter:
Die grundsätzliche Erkenntnis ist dann die, daß der Staat keinen Zweck, sondern ein Mittel darstellt. Er ist wohl die Voraussetzung zur Bildung einer höheren menschlichen Kultur, allein nicht die Ursache derselben. Diese liegt vielmehr ausschließlich im Vorhandensein einer zur Kultur befähigten Rasse. Es könnten sich auf der Erde Hunderte von mustergültigen Staaten befinden, im Falle des Aussterbens des arischen Kulturträgers würde doch keine Kultur vorhanden sein, die der geistigen Höhe der höchsten Völker von heute entspräche[6]
In dieser Vorstellung leitet sich die Ungleichheit der Menschen von der Existenz der Rassen ab, von denen manche wie die Slawen und Juden den Ruf von Minderwertigkeit haben und andere, wie die Arier, als höherwertig betrachtet werden. Die Kontinuität vom Pangermanismus zum Nationalsozialismus ist evident, ohne vollständig zu sein. Der Nationalsozialismus  kommt in der Praxis bei der banalen Definition eines deutschen Menschen an, der anderen Europäern überlegen ist, dessen Individualität aber geleugnet wird, der absolut unterworfen ist diesem höheren Wesen, das Deutschland ist. Aber wichtige theoretische Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Pangermanismus müssen unterstrichen werden. Der autoritäre und inegalitäre Radikalismus führt den Nationalsozialismus über eine Vergötterung Deutschlands, seines Volkes und seines Staates hinaus. Die zentrale positive Persönlichkeit des Hitler’schen Deliriums ist nicht der Deutsche, sondern der Arier, der seiner Rasse noch stärker unterworfen ist als der Deutsche seinem Staat. Der Nationalsozialismus verwirklicht in extremer Weise, das autoritäre und inegalitäre Potenzial der Stammfamilie, aber so, dass er es abhebt und ablöst von jedem konkreten historischen und kulturellen Träger. Denn wenngleich die Deutschen als Volk existieren, bilden die Arier ihrerseits eine mythische Kategorie auf dem rassischen Feld. Der Begriff des Ariers, die Idee der Rasse verabsolutieren die Ideale von Autorität und Ungleichheit. Der Radikalismus dieser mythologischen Konzepte erlaubt es, ihre Anwendung von der deutschen Wirklichkeit zu entkoppeln: nicht jeder Deutsche ist ein Arier, der über allen Nicht-Deutschen steht. Deutschland selbst wird von seinen  Kranken, seinen Verrückten, seinen Homosexuellen gereinigt werden müssen. Als einfache Umsetzung des Prinzip vom Ariertum wird Deutschland nicht gerettet werden dürfen, wenn es erst einmal von der Koalition der minderwertigen Rassen besiegt worden ist. Zwischen 1943 und 1945 ist Deutschland eines der Opfer des Nationalsozialismus. Hitler strengt sich an, es durch den totalen Krieg ins Grab zu bringen. Er ist kein Nationalist im traditionellen Sinn des Wortes. Er führt das Ideal der Ungleichheit der Menschen über das Konzept der Nation hinaus.
Der Nationalsozialismus universalisiert die Ideologie der Ungleichheit. Er erlaubt in nicht-germanischen Ländern, frei oder besetzt, das Auftauchen von Adepten der Doktrin, die sich mit dem Ariertum identifizieren, ohne deutsch zu sein. Der Judenhass erleichtert diese Internationalisierung  des Ideals der Ungleichheit. Der Jude ist überall, er verkörpert überall das minderwertige Wesen, das schädliche Prinzip, das man zerstören muss; vor allem definiert er auf negative Weise die dominierende Rasse, weil er das Gegenteil des Ariers ist.

[1] Anmerkung des Übersetzers: zuvor war diese Entchristlichung (allein des protestantischen Deutschlands) sowohl durch Bücher der 1880er Jahre, u.a. Nietzsche, als auch durch einen scharfen Rückgang des protestantischen Kirchbesuchs ab 1890 datiert worden.

[2] Von Friedrich Stampfer im Parteiblatt ‚Vorwärts‘ berichtete Meinungsäußerung, siehe Gordon Craig, Germany 1866-1945, S. 403

[3] Anmerkung des Übersetzers: Der Satz klingt in deutschen Ohren redundant, weil hierzulande Nationalismus grundsätzlich ‚rechts‘ verortet wird. Das ist aber ein (ethnozentrisches) Vorurteil: Der französische Nationalismus hat starke Wurzeln in der Franz. Revolution und ist deshalb auch „links geboren“.

[4] Diese erläutert Todd zu Beginn des Kapitels mit Bezug auf die „Rede an die deutsche Nation“ als anti-universalistisch und anti-individualistisch.

[5] P.G. Pulzer: The Rise of Political Antisemitism in Germany and Austria, S. 229. Zwischen 1894 und 1914 gehörten 60 Reichstagsabgeordnete dem ‘Alldeutschen Verband’ an: 15 antisemitische, 9 konservative, 8 Mitglieder der Reichspartei, 28 nationalliberale. Das Buch von Pulzer ist insgesamt von außergewöhnlicher  Qualität.

[6] Auszug aus mein Kampf, S. 389

Meine Kommentare mit Blick auf die heutige Situation:

  • Der autoritäre Charakter der deutschen Sozialdemokratie und die Unterordnung der Abgeordneten unter den Willen der Partei bzw. ihrer Führung, die Gordon Craig so schön für das Kaiserreich u.a. mit einem Ebert-Zitat illustriert hat, findet sich bis heute mühelos in den Tweets führender SPD-Politiker:
    StegnerGoodie
    Ist es nicht köstlich und furchtbar komisch, wenn diese Leute mit einem ganz autoritären Politikverständnis („Klappe halten! Einig sein!“)  dann auch noch ständig davon reden, wie liberal sie sich vorkommen?
  • Todds These lautet verkürzt, dass sich Sozialdemokratie und ethnozentrischer Nationalismus von 1875 bis 1914 aneinander hochgeschaukelt haben. Sie sind nicht rein antagonistisch, sondern durchaus komplementär, da aus demselben Holz gewachsen. Der zitierte Friedrich Ebert war ja schließlich 1914 kein Antagonist des Regimes mehr, sondern hat die SPD in die große Kriegskoalition geführt, Kriegsgegner aus der Partei geworfen und nach dem Desaster gemeinsame Sache mit dem angeblich gegnerischen Militär gemacht, um die Aufstände niederzuschlagen. Diesen Teil ihrer Geschichte und Eberts kehrt die SPD ganz gerne unter den Teppich, aber insbesondere der nicht-linke Sebastian Haffner hat sich darum verdient gemacht, ihn sachlich zu thematisieren: In entscheidenden Momenten der dt. Geschichte machte die SPD immer wieder gemeinsame Sache mit ihren angeblichen Gegnern und auf Kosten vitaler Interessen der Bevölkerung.
  • Auslöser sowohl für den Aufstieg der SPD als auch des völkischen Nationalismus war nach Todd und mit guten Argumenten der Zerfall des protestantischen Glaubens und der Kampf verschiedener Bevölkerungsschichten um einen Platz in einer sich (demografisch, technisch, wirtschaftlich) schnell verändernden Welt
  • Der Jude wurde gewissermaßen zum Kristallisationspunkt dieses Kampfes: als Sündenbock, als Feindbild, als Antithese zu Tugenden, die aus ganz anderen Gründen unter Druck waren.
  • Und genau diesen Mechanismus der Polarisierung kann man nach meiner Meinung heute auch heute wieder beobachten. Er wirkt von zwei Seiten gleichzeitig. Einerseits kann gerade die SPD abweichende und durchaus berechtigte Einwände gegen Fehler bei der Einwanderung in ihren Reihen weniger dulden als jede andere Partei. Damit treibt sie unwiderstehlich und traumwandlerisch auch gemäßigte Kritiker und verdiente Sozialdemokraten wie Guido Reil in die Arme der AfD.
  • Andererseits ist die SPD auch für Islamkritiker und die AfD das allerliebste Feindbild, und kommt immer wieder wegen der Haltung zum Islam heftig unter Feuer. Die SPD entwickelt sich zu etwas wie einem geschützten Raum für Muslime, die politisch aktiv werden wollen. Kein Wunder, wo doch eine einzelne Abgeordnete mit Kopftuch auf dem Ticket der FDP solches Wutgeheul auslöst:
    WahlplakatKilic
  • Die Wut über diese kommunale Kandidatur einer verschleierten Frau halte ich für überdreht. Ich kenne solche Frauen ebenfalls aus dem Elternbeirat einer Kita, wo sie tatsächlich gute Arbeit leisten. Warum nicht in einem Gemeinderat? Warum nicht auf der Liste einer liberalen Partei? Ohne dass die einzelne Person und ihre tatsächliche Arbeit betrachtet wird, und das wäre Sache der örtlichen FDP und der örtlichen Wähler in Neumünster, sollte ein Kopftuch allein keine nationale Aufregung verursachen. Diese ist nicht nur überzogen, sondern auch unklug.
  • Ein großer Unterschied von damals zu heute besteht darin, dass die SPD aus wirtschaftlichen und demografischen Gründen keine Partei im rasanten Aufstieg, sondern im rasanten Abstieg ist. Ebenso ist Deutschland demografisch kein aufstrebendes, sondern ein schrumpfendes Land. Beides hilft womöglich, eine Katastrophe wie 1914 oder gar 1933 zu vermeiden.
  • Eine große Gemeinsamkeit mit damals besteht aber darin, dass Deutschland vor dem Hintergrund scheinbaren wirtschaftlichen Erfolgs in eine schwere gesellschaftliche Krise gerutscht  ist. Die Lage ist sehr gefährlich und polarisiert sich fortlaufend durch Fehler und Eskalation auf beiden Seiten sowie einer Regierung, die bewusst Öl in das schon lange schwelende Feuer gegossen hat. Man möchte gar nicht wissen, wie es weitergeht, falls auch die wirtschaftliche Scheinblüte in eine Krise mündet.

 

Nachtrag 22.06.2018
Dieser Beitrag in der FAZ wirft einen etwas anderen Blick auf das Deutsche Kaiserreich: Das deutsche Kaiserreich war um 1900 ein Laboratorium des demokratischen Aufbruchs. Trotzdem hält sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Legende vom deutschen Sonderweg, einem Land unter der Pickelhaube

 

Die Möglichkeiten des Widerstands

In dem Beitrag über Sebastian Haffner hatte ich sein brillantes englisches Buch von 1940 erwähnt, in dem er die deutsche Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus beschrieb.Jekyll&Hyde

Letzte Woche wurde nun intensiv der Widerstandsgruppe ‚Weiße Rose‘ gedacht, weil einige ihrer Mitglieder am 22. Februar 1943, also vor 75 Jahren, hingerichtet wurden.

Das hat mich auf die Frage gebracht, wie ihr Widerstand nach Haffners Buch einzuordnen wäre. Das Buch hat ja die ungewöhnliche Eigenschaft, dass es seinen Kenntnisstand von 1938 wiedergibt, als er aus Deutschland floh, dass man so den dt. Widerstand also gewissermaßen mit dem Vorwissen eines hellsichtigen Zeitgenossen abgleichen und bewerten kann. Das Ergebnis fällt überraschend und klar aus.

Die Möglichkeiten des Widerstands nach Haffner

Fundamental ist Haffners Einteilung der Gesellschaft in 4 Gruppen:
Deutschland1939

Haffner erwartete nichts von den 1938 noch operierenden Resten der Opposition

Es ist durchaus möglich, jahrelang dort (in Deutschland) zu leben, ohne auch nur im Geringsten die Existenz der im Untergrund wirkenden Kommunisten und Sozialdemokraten, der Deutschen Freiheitspartei, der Schwarzen Front und all der anderen noch kleineren politischen Organisationen zu bemerken. Alles, was außerhalb Deutschlands gelegentlich über geheime Flugblattaktionen dieser Organisationen, über lokale Streiks und über Sabotageakte berichtet wird, ist stark übertrieben. Solche Dinge geschehen zwar, aber ihr Wirkungsradius ist so klein, dass sie statistisch betrachtet fast ignoriert werden können….
Dagegen war der Kampf der Gestapo gegen bereits vorhandene politische Organisationen zweifellos erfolgreich. Die Überbleibsel der organisierten politischen Kräfte, die es 1933 neben den Nazis gegeben hatte, sind in der Defensive oder sind in den Untergrund gedrängt und unwirksam geworden… Diese tun nichts und sind nichts als Todesfallen für ihre Mitglieder
Eher verhalten sie sich so, als ob sie sich damit begnügen würden, von ihren kleinen Funkstationen aus Botschaften zu verbreiten, die vielleicht einige hundert Menschen erreichen und zwei oder drei von diesen beeindrucken, dafür aber ihre Position verraten und ihr Schicksal besiegeln. Kurz gesagt, die Methoden der illegalen Gruppen sind so sinnlos und töricht, dass selbst ihr Mut und ihr Märtyrertum nur Mitleid, aber keine Bewunderung erwecken können.

Eine hohe Meinung hat er jedoch von der illoyalen Bevölkerung

Aus der Nichtexistenz einer Opposition darf nicht das Nichtvorhandensein illoyaler Bevölkerungsschichten gefolgert werden…
Wenn man lange im Land lebt, bleiben einem die weitverbreitete Ablehnung des Regimes, der Hass, die Wut und die individuelle Auflehnung von Millionen nicht verborgen…:
Das regelmäßige und zuverlässige Durchsickern geheimer Informationen, die auffallend häufigen anonymen Warnungen, die Leute vor ihrer Verhaftung erhalten….

Der Geist des Verrats breitet sich wie eine gleichmäßig verteilte Saat auf allen Ebenen und in allen Bevölkerungsschichten aus…
Wir müssen ihn vielleicht vornehmlich unter jenen suchen, die von Anfang an Nazigegner waren und noch am 5. März 1933 gegen die Nazis stimmten, das heißt in der Hauptsache unter den Arbeitern, die früher organisiert waren, unter den strenggläubigen Katholiken und in bestimmten Kreisen der gehobenen Mittelschichten in den großen Städten. Aber wir müssen drei wichtige Einschränkungen machen, die das ganze Bild verändern:

  1. Erstens haben die Nazis ihre letzten großen Stimmengewinne im Jahre 1933 erzielt, und zwar unter jenen Leuten, die aufgrund gewisser Gegendoktrinen, welche in ähnlicher Weise gewaltorientiert waren, der Nazipropaganda bisher kein Gehör geschenkt hatten, insbesondere unter jungen Arbeitern, die früher Kommunisten oder linksextreme Sozialisten gewesen waren und in ihrer Wesensart den Nazis mehr oder weniger verwandt sind. Tatsächlich wurde kein nazifeindlicher Teil der Bevölkerung im Dritten Reich so erfolgreich zum Nationalsozialismus bekehrt wie die früheren Kommunisten
    Hitler gewann außerdem loyale Anhänger, wenn nicht gar neue Nazis, in vielen Teilen der patriotisch gesinnten und erfolgssüchtigen Bourgeoisie, welche bis zum letzten Augenblick „nicht an die Nazis geglaubt hatten“, aber während der Jahre ihrer Herrschaft und Erfolge zu ihnen umgeschwenkt waren.
  2. Zweitens wurden aber im Laufe dieser Jahre viele Leute illoyal, die im März 1933 entweder als ihre getreuen Anhänger oder als deutschnationale Sympathisanten für die Nazis gestimmt hatten…Tatsächlich haben viele dieser Menschen ihr eigenes Denken und Handeln einer sehr kritischen Prüfung unterzogen…
  3. Drittens – und das ist der wichtigste Einwand – wäre es sehr falsch zu denken, jene, die von Anfang an gegen die Nazis waren und nie aufgehört haben, gegen sie zu sein, hätten im Laufe dieser Jahre ihre politischen Meinungen und Grundsätze unverändert beibehalten….Besonders die, die ihren unversöhnlichen Hass gegen die Nazis bewiesen, haben sich oft gezwungen gesehen, alle ihre Meinungen, politischen Anschauungen, geliebten Phrasen und Schlagworte über Bord zu werfen, wenn sie nicht geistig von den Nazis entwaffnet werden wollten.

Verzweifelt und fast hoffnungslos geht das Regime gegen die allgemeine, unorganisierte, man kann fast sagen unpolitische Illoyalität vor…
Es ist sehr leicht, von der hohen Warte der garantierten Bürgerrechte aus diese Deutschen der Feigheit zu bezichtigen, nur weil sie für ihre politischen Überzeugungen den Kopf nicht mit der gleichen Sorglosigkeit auf den Richtblock legen, mit dem andere einen Zettel in die Wahlurne werfen…

Die loyale Bevölkerung opfert alles der Reichsidee

Hier verläuft der dicke Trennstrich zwischen den Loyalen und den Illoyalen. Die Loyalen fühlen sich noch dazu verpflichtet, der Reichsidee ihr persönliches Wohlergehen, ihre persönliche Anständigkeit und die Mission und den Geist Deutschlands zu opfern….

Es ist sehr wichtig, dass wir den Unterschied zwischen den Nazis und den loyalen Deutschen begreifen…
Wer stellt die loyale Bevölkerung in Deutschland dar? In welcher Hinsicht unterscheidet sie sich von den Nazis? Wieso toleriert und unterstützt sie diese trotzdem?
Der loyale Teil der deutschen Bevölkerung, das heißt diejenigen, die dem Naziregime treu dienen, ohne Nazis zu sein, macht heute 40% der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus, und wenn man allgemein von „den Deutschen“ oder „dem Durchschnittsdeutschen spricht, denkt man unwillkürlich an diese Menschen…

Es ist unmöglich, die loyale Bevölkerung in Deutschland, ebenso wie die Nazis, genauer einzugrenzen, und es lassen sich auch keine bestimmten Organisationen, Klassen, Regionen oder Altersgruppen nennen, denen sich die loyalen Bürger zuordnen ließen. Man kann sie nur als einen psychologischen Typus definieren, nicht als eine organisatorische Einheit. Sie sind faktisch überall anzutreffen, in jeder Gesellschaftsschicht, jeder Gegend und jedem kulturellen Bereich
Die Hochburgen der Loyalität sind das Kleinbürgertum und die gehobenen Mittelschichten in der Provinz…Besonders beim Hochadel, bei den orthodoxen Katholiken (aber nicht bei den orthodoxen Protestanten), bei den Arbeitern mittleren Alters und bei den älteren Arbeitern, die durch die Schule der früheren sozialdemokratischen Gewerkschaften gegangen sind, ist ein Mangel an Loyalität festzustellen…Vom regionalen Gesichtspunkt aus betrachtet ist die Bevölkerung in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sachsen loyaler eingestellt als in Süd- und Westdeutschland. Die politische Szene ändert sich jedoch erstaunlicherweise von einer Stadt zur anderen. So ist zum Beispiel Nürnberg eine der loyalsten und Würzburg eine der illoyalsten Städte….

In der staatlichen Verwaltung sind die loyalen Untertanen fast genauso zahlreich wie die Nazis, und unter den Juristen bilden sie noch immer die Mehrheit. Sie sind ziemlich zahlreich an Universitäten und Schulen vertreten. Und der Witz besteht darin, dass die Presse viel mehr loyale und sogar nichtloyale Nichtnazis beschäftigt als Nazis. Einer der höchsten Beamten der Reichsschriftkammer hat, wie ich erfahren habe, geäußert, dass seines Wissens 75% der Redakteure politisch unzuverlässig seien und dass er das dulden müsse, da es nicht genügend fähige Nazijournalisten gebe. Und er könne sie dulden, da die „unzuverlässigen“ Redakteure ihre Aufgabe nicht schlechter erfüllen als die besten Nazis. Von Angst und Ehrgeiz getrieben handeln sie gegen ihr Gewissen und tragen als Mitarbeiter der berüchtigten Nazipresse dazu bei, zynisch die Wahrheit zu entstellen.

Bis vor kurzem hatte das Heer noch als sicherer Hort für konservative Loyalität gegenüber dem Reich gegolten. Aber seit dem 4. Februar 1938[1] ist das Heer zunehmend vom Nazismus durchdrungen. Die jüngeren Offiziere sind in der Regel Nazis.

[1] Am 4.2.1938 wurde der bisherige Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, unter dem unzutreffenden Vorwurf der Homosexualität, entlassen. Hitler übernahm danach das Amt des Reichskriegsministers, machte sich selbst zum Oberbefehlshaber des Heeres und schuf das Oberkommando der Wehrmacht [Anmerkung des Übersetzers]

Der junge Idealismus:
Die ‚Weiße Rose‘

Die Geschichte der ‚Weißen Rose‘ setze ich als in groben Zügen bekannt voraus.
Relativ mühelos ordnet man diese jungen Leute und ihren Inspirator Huber nach Haffners Systematik in die Gruppe der illoyalen Staatsbürger ein. Besonders interessant ist dabei, dass die Geschwister Scholl zwar aus einer nazi-kritischen, christlich-liberalen Familie stammten, Hans Scholl  aber ein ehemals begeistertes Mitglied der Hitler-Jugend war. Er gehört also genau zu jener 2. Gruppe der unerwarteten Illoyalisten, die Haffner schon 1938 besonders aufgefallen waren und die er besonders erwähnenswert fand.

Ungewöhnlich für Illoyalisten im Haffner’schen Sinne waren allerdings ihre Ziele und Methoden:

SophieScholl

Das sind exakt diejenigen der ausgeschalteten Opposition: Leute „wachrütteln“ mit Flugblättern. Haffner schrieb darüber sehr harte Worte:

Botschaften zu verbreiten, die vielleicht einige hundert Menschen erreichen und zwei oder drei von diesen beeindrucken, dafür aber ihre Position verraten und ihr Schicksal besiegeln“
“die Methoden…sind so sinnlos und töricht, dass selbst ihr Mut und ihr Märtyrertum nur Mitleid, aber keine Bewunderung erwecken können“

Die Nachwelt sieht das offensichtlich ganz anders als er:
Kein Widerstand weckt breitere und innigere Sympathie. Die Tatsache seiner vollständigen Aussichtslosigkeit ist essentiell dafür, dass er so weiß und hell strahlt. Das vorhersehbare Scheitern gehört zur Reinheit dazu.

Es kann nicht darum gehen, die Widerstandsgruppe zu kritisieren, deren Mitglieder offensichtlich zu jung, idealistisch und unerfahren waren, um zu verstehen, mit welchem Gegner sie es zu tun hatten.

Die Kritik muss sich an die Nachwelt richten: Liebt ihr den Idealismus wirklich um seiner selbst willen, als „sinnloses und törichtes“  Bekenntnis ohne Wirkmöglichkeit?

Der Loyalismus will sich retten:
20. Juli 1944

Auch die Geschichte des 20. Juli ist hinreichend bekannt. Der Hauptattentäter Claus von Stauffenberg war noch 1940, als Haffner sein Buch schrieb, ein loyaler Offizier und beeindruckt von den phantastischen militärischen Anfangserfolgen. Erst später schloss er sich dem Widerstandskreis an, dem auch schon lange illoyale Offiziere und Diplomaten angehörten.

Weniger bekannt ist, dass schon vor diesem späten Zeitpunkt auch Naziführer Hitler opfern wollten, um ein wenig vom dSchachbrettTeufelst. Reich und vor allem auch ihre eigene Haut zu retten. Zu diesen gehörte auch Heinrich Himmler, der u.a. über seinen persönlichen Adjutanten Karl Wolff auch mit Allen Dulles, dem OSS-Vertreter in Bern und späteren Gründer der CIA, in Kontakt war. Himmler war aber im Gegensatz zu Wolff nicht zu retten. Die Allianz der überlebenden deutschen Loyalisten mit dem US-Establishment war aber auch ohne die Zustimmung der US-Linken um Roosevelt längst unter Dach und Fach, und u.a. in der Person des BND-Chefs Reinhard Gehlen fortan sakrosankt.

Auch in diesem Fall geht es mir weniger um ein Urteil über die Verstrickungen der Beteiligten als um die heillos idealisierte Rezeption durch die Nachwelt:

Der 20. Juli wurde als Symbol der Allianz von deutschen Loyalisten mit dem US-Establishment über alle Maßen idealisiert und verfälscht, Überzeugungstäter mit Opportunisten in einen Topf gerührt, wenn es half, die bestehenden Machtverhältnisse inklusive Ex-Nazis in Top-Positionen zu zementieren. Wundert es da jemanden, dass die Studentenbewegung gegen die offensichtliche Heuchelei rebellierte und nicht recht wusste, ob sie alle Deutschen zu Nazis erklären oder doch eher das Gegenteil behaupten wollte?

Eine besondere Blüte erlebte die Verklärung nach der deutschen Einheit. Das Verteidigungsministerium zog ausgerechnet in den Bendlerblock ein. Von dort zogen dann deutsche Truppen unter der Führung von „Peter von Stauffenberg“ weiter in die Welt hinaus, als sie unter Hitler je gekommen waren. Aber natürlich dieses Mal nur für das Gute in der Welt. Der 20. Juli war das ideale Vehikel für die Remilitarisierung Deutschlands und deshalb immer der staatlich bevorzugte Widerstand.

Das einsame Lamm: Georg ElseGeorgElserr

Der Schreinergeselle Georg Elser von der Ostalb wurde im Gegensatz zur Weißen Rose und zum 20. Juli lange Zeit wenig gewürdigt, sogar verschwiegen oder verleumdet. Langsam hat sich das geändert und so gibt es einige Gedenktafeln und eine sehr gelungene Website zu seiner Geschichte. In Heidenheim widmet sich ein Arbeitskreis dem Leben Elsers.

Ein Illoyaler durch und durch

Nach Haffners Einordnung gehörte er eindeutig zur ‚illoyalen Bevölkerung‘ und passt EinsamerAttentäterganz gut zu Haffners 3. Anmerkung dazu: er hat sich in seinen Gesellen- und Wanderjahren von 1925-32 , die er im Bodenseegebiet verbrachte, zwar entsprechend seinen wirtschaftlichen Interessen im linken, gewerkschaftlich organisierten Milieu auf Veranstaltungen informiert und ist auch Mitglied im Rotfrontkämpferbund geworden. Er hat sich aber nie aktiv in irgendeiner Organisation engagiert.

Verschwiegen und zielstrebig

Nach 1933 gab es keinerlei politische Aktivitäten, aber seine wenigen Freunde wussten, dass er nicht viel vom Nationalsozialismus hielt, ohne dass es irgendjemand an die große Glocke gehängt hätte. Elser scheint Bescheid gewusst zu haben, dass Flugblätter „sinnlos und töricht“ waren und hat ab 1938 still und zielstrebig auf die ernsthafte Tat hingearbeitet.
In seine Pläne hat er  offensichtlich niemanden eingeweiht. Dadurch hat er einerseits das Risiko einer Entdeckung minimiert, andererseits hat er seine engsten Angehörigen und Freunde so auch vor Folter und Vergeltung geschützt: alle wurden zwar nach seiner Verhaftung im Berliner Hauptquartier von der Gestapo verhört, aber ihre Unwissenheit scheint dabei so klar geworden zu sein, dass sie recht unbeschadet aus der Sache herausgekommen sind.

Sehr begrenzte Ziele

ElsterTafel
Gedenktafel für Elser, unweit des Brenztopfs in Elsers Heimatort Königsbronn bei einer Fahrradtour aufgenommen

Elser strebte nicht nach der Weltrevolution, sondern ganz lapidar:

„Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“

Das Entscheidende ist der ohne ideologischen Überbau gezielt gegen den Kopf des Systems geführte Enthauptungsschlag. So kann es funktionieren. Schade, dass er das Ziel durch Pech verfehlt hat!

Technisches Geschick und hoher Einsatz

Es kam seiner Verschwiegenheit sehr entgegen, dass er als außerordentlich geschickter Handwerker technisch in der Lage war, die Bombe ganz allein zu konstruieren und zu bauen. Durch eine Tätigkeit in einem Steinbruch verschaffte er sich auch den Sprengstoff und die Zünder selbst. Die akribischen Vorbereitungen zieht er konsequent durch. Der Einbau der Bombe in die Säule im Bürgerbräukeller ist riskant und eine geradezu unmenschliche Knochenarbeit. Die hölzerne Wandverkleidung baut der Schreiner in ein optimales Versteck für die Bombe um.

König der Illoyalen

Georg Elser aus Königsbronn wäre der unbestrittene König von Haffners ‚Illoyalen Bürgern‘ und agierte bereits 1939 voll auf der Höhe der Erkenntnisse, die Haffner erst 1940 in England veröffentlichte.

Auffälliges, Merkwürdiges

Sowohl die Geschwister Scholl, als auch Claus von Stauffenberg, als auch Georg Elser stammten aus Schwaben.

Hans und Sophie Scholl wurden am 22.Februar 1943 nur 4 Tage nach ihrer Verhaftung hingerichtet, Claus von Stauffenberg am 20. Oder 21. Juli 1944, also innerhalb von 1-2 Tagen nach dem gescheiterten Putsch.
Georg Elser dagegen saß seit seinem Attentat von 1939 und noch zur Zeit der Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose und des 20. Juli. im KZ. Der diskutierte Grund, die Nazis planten, ihn nach dem gewonnenen Krieg in einem Prozess in London als Kronzeugen gegen die Engländer zu präsentieren, erscheint mir unglaubwürdig. Spätestens zum Zeitpunkt des 20. Juli 1944 wäre der Plan Makulatur gewesen, der Krieg war lange verloren. Und warum wurde dann eigentlich der Schweizer Maurice Bavaud, der am 9. November 1938, exakt ein Jahr vor Elser, einen Mordplan gegen Hitler in München nicht umsetzen konnte, nicht ebenfalls als Kronzeuge gegen ausländische Auftragggeber am Leben gelassen, sondern bereits 1941 hingerichtet?
Georg Elsers Ermordung soll jedenfalls Anfang April 1945 einzeln angeordnet und am 9. April in Dachau ausgeführt worden sein, mitten im Chaos des bereits laufenden Zusammenbruchs.

Unter anderem diese Merkwürdigkeit führte schon während des Krieges zu Theorien, dass Elser insgeheim mit Wissen und im Auftrag der Gestapo oder SS gehandelt habe. Diese Theorie verbreitete insbesondere der Pastor Martin Niemöller.

Eine gute Literaturliste über Elser findet man u.a. hier.

Update 24.03.2018

Wegen der Merkwürdigkeiten und Martin Niemöllers Behauptung, dass Georg Elser sein Attentat im Auftrag der SS ausgeführt habe, habe ich ein weiteres BucZitherPlayerh darüber gelesen. Das Buch von Tom Ferry ist insofern interessant, als es zwei Handlungsstränge eng miteinander verzahnt: Elsers Attentatsvorbereitungen, seine späteren Verhöre und seine KZ-Haft einerseits und die Umstände des sogenannten Venlo-Zwischenfalls sowie die KZ-Haft des britischen Geheimdienstmannes Sigismund Payne Best andererseits. Beide sind sich im KZ Sachsenhausen begegnet. Das Buch lässt ausgerechnet den ermordeten Elser in der Ich-Form erzählen und erzählt die Erlebnisse des überlebenden Best in der Er-Form. Praktisch alle Informationen bringt es in Dialoge unter, von denen manche offensichtlich fiktiv sein müssen. Es ist also keine historisch zuverlässige Quelle, bietet aber viele Anreize für Recherchen aus anderen Quellen.
Mindestens zwei starke Argumente sprechen dafür, dass die NS-Führung Vorwissen über Elsers Attentat hatte:

  1. Elsers zahlreiche durchgearbeitete Nächte und bekannte kleine Pannen im Saal des Bürgerbräukellers machen es recht wahrscheinlich, dass seine Aktivitäten nicht ganz unentdeckt geblieben sind.
  2. Die vorzeitige Abreise der NS-Führer Hitler und Göbbels war ungewöhnlich und verdächtig: die Rede dauerte normalerweise 90 Minuten und war von 20:30 – 22:00 Uhr angesetzt. Die Bombenexplosion war auf 21:20 eingestellt und pünktlich. Nun war die Rede aber kurzfristig auf 20:00 Uhr vorgezogen und um 21:07 beendet worden. Und die Berliner NS-Führer blieben auch entgegen früheren Jahren danach nicht im Saal, sondern reisten sofort mit der Bahn nach Berlin ab.

Die Verschwörungstheorie von Martin Niemöller, der übrigens ebenfalls mit Best und Elser in Sachsenhausen einsaß, war also nicht völlig unvernünftig, vielleicht nur nicht ganz korrekt. Sie war eine MIHOP-Theorie: Make It Happen On Purpose. Auch ein LIHOP (Let It Happen On Purpose) wäre aber möglich: Elsers Aktivitäten wären entdeckt, aber laufengelassen worden, um sie für NS-Pläne nutzbar zu machen, z.B. Hand in Hand mit dem Venlo-Zwischenfall, der bereits vorbereitet wurde.
Entscheidend dafür, dass frühe Verschwörungstheorien à la Niemöller verworfen wurden, waren die 1964 entdeckten Vernehmungsprotokolle Elsers. Solche Protokolle sind geeignet eine MIHOP-Theorie zu verwerfen, aber sie sagen naturgemäß nichts über eine LIHOP-Theorie aus, die ja eben davon ausgeht, dass der Attentäter ohne sein eigenes Wissen von Geheimdiensten für andere Zwecke nutzbar gemacht wird.
Die Frage bliebe, wer im Detail die Fäden zog. Immer schon diskutiert wurde die Tatsache, dass Göring in diesem Jahr 1939 ausnahmsweise nicht im Bürgerbäukeller anwesend war.
Und auch eine andere Personalie ist hochinteressant: Arthur Nebe, der Elser als Erster in München verhörte und der Tat überführte (mit den verletzten Knien) war bereits zu diesem Zeitpunkt selbst in die Pläne zur Septemberverschwörung eingebunden gewesen. Später war er Mitverschwörer des 20. Juli, tauchte unter und wurde erst im Januar 1945 gefasst und im März 1945 hingerichtet. Im Buch von Tom Ferry wird Nebe als Beschützer Georg Elsers dargestellt. Eine mögliche Erklärung für sein langes Überleben könnte also sein, dass er durch eine sehr komplexe Gemengelage von Mitwissern, Verschwörern und Intriganten geschützt wurde, die sich erst durch die Verschwörung vom 20. Juli und den herannahenden Zusammenbruch im April 1945 auflöste. Es scheint nicht ganz gesichert zu sein, dass der Befehl zur Verschonung von VIP-Gefangenen wie Best, Schuschnigg, Halder, Schacht und zur Ermordung von Georg Elser von Heinrich Müller unterzeichnet wurde. Müller begegnet wie Nebe, Heydrich und Himmler Elser in Ferrys Buch immer wieder persönlich. Elser war also zweifellos selbst ebenfalls so etwas wie ein VIP-Gefangener. Es bleibt der Verdacht, dass Elser etwas wusste, was sonst fast niemand wusste, und deshalb anders als etwa Halder kurz vor dem Ende noch ermordet wurde, von wem auch immer.
Der Fall Georg Elser und Ferrys Buch sind ein Wundermittel gegen den Irrglauben, man selbst hätte in des NS-Zeit immer genau gewusst, wer die Bösen und wer die Guten waren.

Georg Elser mit Arthur Nebe:
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Quelle und weitere Fotos

Das oben erwähnte Buch von Ortner „Der einsame Attentäter“ geht über alle verbleibenden Zweifel an Elsers Attentat hinweg und verkündet eine geschlossene neue Wahrheit. Nach dem Lesen von Ferrys Buch und vieler Teilaspekte beim Georg-Elser-Arbeitskreis ist mir das eher suspekt geworden. Denn viele Zweifel und Überlegungen lassen sich nicht mehr wegdiskutieren. Und hinter dem Mythos Elser bleibt die Wirklichkeit schwer erkennbar.

Update 5.4.2018

Auf Empfehlung eines Elser-Experten habe ich noch ein drittes Buch gelesen. Es ist für eine Einführung das beste der drei, sehr gut recherchiert und geschrieben.HaasisElser
Haasis berichtet z.B. aus Schweizer Nachforschungen über die Arbeit Elsers in Bottighofen/Thurgau:
Elser hatte die Angewohnheit, im Sommer bei schönem Wetter nachmittags während der Arbeitszeit seine Badehose zu nehmen und an den See zu gehen. Der Meister wie sein Sohn waren einverstanden. Der Sohn fügte vor der Polizei anerkennend hinzu: „Die versäumte Zeit hat er jeweils abends wieder reichlich nachgeholt.“
Elser war mit der Anwendung der flexiblen Arbeitszeit nicht nur seiner Zeit weit voraus, er offenbarte darin ein Selbstbewusstsein, das zu einem Proletarier nicht so recht passte. Und das genau zu der Zeit, als er in kommunistischen Kreisen verkehrte. Wenn Elser, was nicht zu bezweifeln ist, sich als Sozialist fühlte, so war er doch gleichzeitig auch Individualist mit einem Drang zur Selbständigkeit, zur eigenen Verantwortung, mit einem starken Freiheitsbedürfnis. Sein wenig proletarisches Verhältnis zur Arbeit zeigte sich ähnlich an anderen Arbeitsverhältnissen.

Sagen wir so: Elser war ein freisinniger Arbeiter und hat damit gut in die Schweiz gepasst. U.a. den Verlust der Vertragsfreiheit für Arbeiter, also des Rechts, ihren Arbeitgeber frei zu wechseln, hat er später den Nazis sehr übel genommen.