Brexit – den Engländern folgen

Brexit, was nun? Der Historiker und Demograf Emmanuel Todd äußert sich exklusiv in einem langen  Gespräch im Atlantico (Text auch auf diesem Blog), um in der Tiefe die Bedeutung der britischen Abstimmung zugunsten eines Austritts aus der Europäischen Union zu analysieren. Ich gebe das hier in mehreren Teilen wieder.

Teil 1: „Die 4. Etappe, nach dem Erwachen von Deutschland, von Russland und des Vereinigten Königreichs, muss das Erwachen Frankreichs sein. Den Engländern zu folgen, entspricht unserer revolutionären Tradition.“

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Atlantico: Am 23. Juni hat sich das Vereinigte Königreich entschieden, aus der Europäischen Union auszutreten. Emmanuel Todd, man kann sich vorstellen, dass Sie sehr zufrieden sind mit diesem Ergebnis.

Emmanuel Todd : Das ist offensichtlich, aber nicht wirklich das Problem. Ich interessiere mich als Historiker der französischen Schule von Fernand Braudel und meines Lehrers Emmanuel Le Roy-Ladurie für das, was auf lange Sicht passiert. Ich versuche, mich der Kurzfristigkeit der Aufregung der Politiker zu entziehen.

Der Brexit gehört zu einem globalen Phänomen, über das ich arbeite und das alle am weitesten entwickelten Gesellschaften betrifft, einschließlich Amerika, Kanada, Australien, Japan: die Divergenz. Die Demografen wissen, dass die Fruchtbarkeiten sehr verschieden sind, dass manche Bevölkerungen sich reproduzieren, dass andere das nicht schaffen. Die Arbeiten von Atkinson und von Piketty zeigen, dass die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Anstiegs der Ungleichheiten verschieden sind.

Die Anthropologie der Familienstrukturen erlaubt es, den Ursprung dieser Unterschiede und dieser allgemeinen Divergenz zu verstehen. Was gerade im Zusammenhang mit der Globalisierung passiert, ist nicht nur, dass die nationalen Kulturen Widerstand leisten, sondern dass der Stress und die Leiden der Globalisierung die Gesellschaften dazu bingen, sich nicht mehr zu öffnen und zu konvergieren, sondern im Gegenteil in sich selbst, in ihren Traditionen und anthropologischen Fundamenten die Kraft zu finden, sich anzupassen und neu aufzubauen. Das ist das, was ich beobachte, und zwar über den europäischen Kontext hinaus.

Japan ist in einer Periode der Rückbesinnung auf sich selbst. Die Leute träumen von der Edo-Zeit, in der sich das Land auf autonome Weise entwickelte, ohne dass Europa etwas davon wusste.

Es sind Kräfte derselben Ordnung, die es erlaubt haben, Kandidaten wie Bernie Sanders oder Donald Trump in den Vereinigten Staaten hervorzubringen, die einen Ausstieg aus dem „Washingtoner Konsens“ und aus dem Globalisierungsdiskurs verlangen mit einem Traum der Neugründung der amerikanischen Nation.

In Europa ist das noch interessanter, weil wir ein System von alten Nationen sind. Europa hat diesen Prozess als Erstes gestartet, weil Deutschland zuerst ausgestiegen ist. Die Problematik der Rückkehr der Nation ist Deutschland 1990 durch seine Wiedervereinigung aufgezwungen worden. Das war seine Pflicht, es musste seinen östlichen Teil wieder aufbauen. Es hat eine Art Vorsprung gehabt, der es seit ungefähr 2010 beinahe durch Zufall in seine Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent gebracht hat. Das zweite Land in Europa, das sich nach vielen Wirren auf ein nationales Ideal rückbesonnen hat, ist Russland. Das sowjetische Imperium hat sich aufgelöst, Russland hat zwischen 1990 und 2000 eine Periode furchtbarer Leiden durchlebt, aber die Machtübernahme von Putin hat schließlich diese Rückkehr Russlands zu einem nationalen Ideal verkörpert, Rückbesinnung auf eine neo-gaullistische Idee von Unabhängigkeit. Es hat die Russen 15 Jahre gekostet, um in eine ökonomische, technologische und militärische  Situation zu kommen, in der sie keine Angst mehr vor den Vereinigten Staaten haben müssen. Das ist, was man schrittweise in Georgien, auf der Krim und dann in Syrien feststellen konnte. Man kommt zu einer Situation, in der die westlichen Armeen, die Syrien überfliegen wollen, Russland um Erlaubnis fragen müssen.

Dieses Referendum über den Brexit ist in dieser Logik der Schritt 3:
Die Neuentstehung des Vereinigten Königreichs als Nation.

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Atlantico: Und was wäre die Besonderheit des Vereinigten Königreichs in dieser Dynamik der Rückkehr zur Nation?

Sie sind nicht die ersten, aber das ist wahrscheinlich die wichtigste Etappe, weil es eines der zwei Länder ist, die die Globalisierung angeführt haben.
Mit Margaret Thatcher hatten sie ein Jahr Vorsprung vor den Vereinigten Staaten bei der neoliberalen Revolution. Sie gehören zu den Ländern, die als erste diese Logik angetrieben haben. Eine anglo-amerikanische Rückkehr zum nationalen Ideal ist wichtiger als das deutsche Heraustreten oder die russische Stabilisierung. Seit dem 17. Jahrhundert wird die ökonomische und politische Geschichte der Welt von der anglo-amerikanischen Welt angetrieben.
Die englische Nation hat zwei kombinierte und widersprüchliche Besonderheiten: Es handelt sich zunächst um die individualistischste und offenste Kultur Europas: das ist das Land, das die politische Freiheit erfunden hat. Dann ist es paradoxerweise auch eine nationale Identität auf ethnischer Basis, die praktisch ebenso solide ist wie die japanische. Wie die Japaner wissen die Engländer, wer sie sind.

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Atlantico: Wenn man ihrem Gedankengang der Rückkehr zur Nation folgt, welches Land ist dann das nächste nach Deutschland, Russland und nun dem Vereinigten Königreich?

Um zu akzeptieren, was ich Ihnen sagen werde, muss man sich von den Gemeinplätzen über England lösen, diese merkwürdigen Engländer, die zweistöckige Busse haben, die links fahren, die Humor haben, eine respektierte Königin, etc. Alles das ist wahr. Aber man muss die Engländer vor allem als Anführer unserer Modernität sehen, in der langen Sicht nach Braudel.
Die industrielle Revolution ist aus England und Schottland gekommen und hat Europa ökonomisch umgestaltet. Die französischen, deutschen, russischen und anderen industriellen Revolutionen sind nur Folgen davon. Aber noch vor der wirtschaftlichen Transformation haben die Engländer unsere liberale und demokratische Moderne erfunden. Der wirkliche Ausgangspunkt war 1688, das, was die Engländer die „Glorious Revolution“ nennen, durch die die parlamentarische Monarchie etabliert worden ist. Wenn sie die „englischen Briefe“ von Voltaire von 1734 lesen, werden Sie seine Bewunderung für die englische Modernität sehen, mit sehr komischen Sachen über die Quaker oder die Abwesenheit eines Sexuallebens bei Newton. 1789 ist es der objektive Traum der französischen Revolutionäre England einzuholen, das Modell der politischen Modernisierung.  Das ist das Modell von Daron Acemoglu und James Robinson in ihrem Bestseller Why Nations Fail, das ich umso lieber akzeptiere, als sie sehr viel Sympathie für Frankreich haben. Sie unterstreichen, dass das, was die französische Revolution gebracht hat, für den ganzen Kontinent von größter Wichtigkeit war, dass unsere Revolution das Ideal der Volksbeteiligung allgemein verbreitet hat. Jedenfalls hat England  die repräsentative Regierung erfunden.
In diesem Kontext ist es nicht unlogisch festzustellen, dass das erste Referendum, das wirklich Konsequenzen für die Europäische Union haben wird, das historische Referendum, im Vereinigten Königreich stattgefunden hat. Ein Referendum ist eine ungewöhnliche Prozedur in England. Aber der Gegenstand dieses Referendums war, das ist ganz klar, dass die erste Motivation der Brexit-Wähler nach den Nachwahlumfragen noch vor der Einwanderung die Wiederherstellung der Parlamentssouveränität war. Denn bis zum Brexit war das englische Parlament nicht mehr souverän, obwohl das absolute Prinzip der politischen Philosophie für die Engländer die Parlamentssouveränität ist.

Ich schließe: logisch betrachtet muss die 4. Etappe nach dem Erwachen Deutschlands, Russlands und des Vereinigten Königreichs das Erwachen Frankreichs sein. Den Engländern zu folgen, entspricht unserer revolutionären Tradition.

Kommentar zu Teil 1:

  • Dass die Parlamentssouveränität ein wichtiger Brexit-Treiber war, ist korrekt. Auf diesen Beitrag hatte ich bereits an anderer Stelle verwiesen.
  • Den Rest von Teil 1 lasse ich einfach mal so stehen. Es ist immer Geschmackssache, wie man die Zukunft aus den großen Linien der Vergangenheit ableitet. Was Todd sieht, ist in der Realität nur eine Möglichkeit, aber eine Sichtweise, die in Frankreichs Opposition, auch bei rechten und linken Souveränisten und Gaullisten viel Unterstützung hat. Die regierenden Sozialisten sind geistig und politisch tot und haben für die Zukunft wenig Bedeutung. Frankreich ist ein Land, das auf Dauer die Unzufriedenheit seiner Bürger und ernsthaften Kritiker (anders als Deutschland) nicht unterdrücken und sich selbst deshalb neu erfinden wird, ohne viel Rücksicht auf das zu nehmen, was ein Hollande heute zusagt.
    Die deutschen Medien täuschen uns über diese Aussicht dadurch, dass sie diese Ideen allein im Front National ansiedeln und wahlweise dämonisieren oder lächerlich machen. Wer sich auf die deutschen Medien verlässt, ist aber verlassen.

Teil 2: Das Ende des Westens

Teil 3: Merkels Deutschland im manischen Modus

Teil 4: Brexit – wie geht es weiter?

 

 

Anti-Populismus und Anti-Nationismus

Der letzte Auszug aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion„) stellte die These auf, dass Demokratie und Nation durch die Entstehung einer höher gebildeten Schicht in allen entwickelten Gesellschaften mehr oder weniger stark unter Druck geraten seien. Die neue Ungleichheit sei nicht Folge der  Globalisierung und des Neoliberalismus, sondern der Ausbreitung neuer Bildungsunterschiede. Die neue soziologische Ungleichheit sei ihrerseits der Motor der  Globalisierung und dessen, was wir gemeinhin „Neoliberalismus“ nennen.
In diesem  Auszug geht es jetzt um die Techniken und Argumente, mit denen die höher gebildeten Schichten das Volk entmündigen und entmachten wollen:

Der Anti-Populismus in Frankreich

Der Mai 1968 stellt einen Wendepunkt dar. Die Ereignisse setzten ein letztes Mal die Solidarität der Arbeiterschaft und der linken kulturellen Elite in Szene. Die revoltierenden Studenten proklamieren lautstark ihre Solidarität mit der Welt der Fabriken. Das Unterbewusstsein der linken Bewegung ist jedoch bereits inegalitär…. Als die Agitation einmal abgeklungen ist, beinhalten die nachfolgenden linken Bewegungen eine starke antipopuläre Komponente. 20 Jahre vor Maastricht, mehr als 10 Jahre vor der Entstehung des Front National, beginnt die Anklage gegen das französische Volk, seine Neudefinition als intellektuell und moralisch ungenügend durch Eliten, die sich für links halten…
Die Verteufelung des Volkes ist der Entstehung des Populismus um 15 Jahre vorangegangen. Um genau zu sein, hat sie diese Entstehung provoziert…

Das Unterbewusstsein ist inegalitär und leitet sich von der neuen kulturellen Schichtenbildung ab. Es drückt sich auf brutale Art durch die Verachtung der populären Haltungen aus, wenn sich ganz präzise politische Anlässe bieten. Die Anhänger des Neins zum Maastricht-Vertrag werden mit unkultivierten Wesen in Verbindung gebracht, manchmal mit Analphabeten. Das Volk „versteht nicht“ die „Notwendigkeit“ der Währungsunion, noch die von Reformen für mehr Flexibilität, die einer Senkung der Gehälter, die einer Infragestellung der Sozialversicherung oder der Umgehung des Rentensystems durch Pensionsfonds. Die Verblendung der Eliten sticht hier ins Auge, weil es ja offensichtlich ist, dass das einfache Volk im Gegenteil die Spielchen mächtig gut versteht, die man mit ihm spielen will.

Eine allgemeine Tendenz der Presse, das Ausmaß von Problemen mit Analphabetismus zu überschätzen, verrät die neue soziokulturelle Situation. Eine Überschrift der Tageszeitung „Le Monde“ vom 3. Mai 1996 … ist charakteristisch: „26% der Schulkinder können am Ende der Regelschulzeit nicht lesen oder rechnen.“ Eine solche Darstellung suggeriert die Existenz eines guten Viertels von Analphabeten in der französischen Bevölkerung. Die Betrachtung der Detailergebnisse im Artikel selbst zeigt, dass nur 9% der Schüler die Basiskompetenzen beim Lesen nicht beherrschen und dass 23,5% Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Die logisch absurde Vereinigung der beiden Kategorien führt zu Definition einer großen kulturell zurückgebliebenen Klasse, eines illegitimen Volkes. Rein anekdotisch kann man gar nicht anders als vom mathematisch fehlerhaften Titel des Artikels ableiten, dass sein Autor zu den 23,5% der Franzosen gehört, die Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Aber das beharrliche Bestehen der Presse auf diesem Fehler zeigt das inegalitäre kulturelle Vorurteil. Am 27. September 1997 zögert die Wochenzeitung „Le Point“ nicht zu behaupten, dass 40% der Kinder nicht lesen können. Der bereits radikale Pessimismus der „Monde“ wird weit überschritten, aber auf Kosten jeder soziologischen Glaubwürdigkeit. Bei diesem Niveau von Analphabetismus, das für bestimmte Länder der Dritten Welt typisch ist, müssten wir ständig von Passanten angesprochen werden, damit wir ihnen helfen, einen Straßennamen zu entziffern, ihre Kreditkarte zu benutzen oder eine Telefonnummer zu tippen.
Mit der Denunziation des „Populismus“ durch die „Eliten“, zwanghaft in der ersten Hälfte der 90er Jahre, streift das inegalitäre Unterbewusste am Auftauchen ins Bewusstsein vorbei. Der Populismus ist eine der französischen politischen Kultur völlig fremde Kategorie. Er ist unvorstellbar im Land von 1789, 1830, 1848, 1871 und 1936. Was denunziert wird, ist also ganz einfach das Volk und sein Recht sich auszudrücken durch Wahl, Streik oder eine Demonstration.…

In den kultivierten Klassen führt die Kombination eines egalitären Unbewussten und eines inegalitären Unterbewussten dazu, dass sie sich mit den Immigranten solidarisch fühlen und losgelöst von den Arbeitern mit älteren französischen Wurzeln… Das Paris derjenigen mit einem Hochschulabschluss … hat sich entflammt für die Verteidigung der Rechte der Immigranten, nachdem es bewegt wurde durch die Probleme der illegalen Einwanderer ohne Papiere, aber es gelingt ihm immer noch nicht, sich für das Volk in den Provinzen zu interessieren, das gefoltert wird von einer Europa- und Wirtschaftspolitik, die nicht aufhört, die Arbeitslosigkeit steigen zu lassen.

Die Ablehnung der Immigranten durch die Arbeiter, die Liebe der höheren linken Kader ausschließlich für die Immigranten sind die beiden komplementären Gesichter der gleichen Tendenz der französischen Gesellschaft zur Perversion des egalitären Sentiments.

Die Fragmentierung der Nationen als endogenes Phänomen: der Anti-Nationismus

Wir können jetzt den wirklichen Sinn der Angriffe verstehen, deren Objekt die Nation ist, von Seiten der Ökonomen, die ihre Überwindung feiern, wie von Seiten der Ideologen, die ihre intrinsische Barbarei stigmatisieren. Die offensichtliche Auflösung der Nation ist ein endogenes Phänomen, das aus der Aufspaltung der kulturellen Sphären resultiert. Ihre Entstehung war eine Wirkung der egalitären Homogenisierung, ihre Infragestellung eine Folge der kulturellen Aufspaltung. Man sieht, wie der Anti-Nationismus eine Ungleichheitsmaschine ist. Denn die Nation, die die Reichen und die Armen in ein Netz aus Solidaritäten einschließt, ist für die Privilegierten in allen Augenblicken eine Unannehmlichkeit. Sie ist die Voraussetzung von Institutionen wie der Sozialversicherung, die in der Praxis ein System der nationalen Umverteilung ist, unverständlich ohne die Hypothese einer Gemeinschaft von solidarischen und gleich(wertig)en Individuen. Der Anti-Nationismus ist für die höheren Klassen, die sich von ihren Verpflichtungen befreien wollen, funktional, wirksam und diskret. Er ist geeignet, den der (französischen) Gesellschaft innewohnenden Egalitarismus zu delegitimieren, indem er ein ganz und gar ehrenwertes Projekt aktiviert, das den Nationalismus überwindet und mit ihm die Phänomene von Aggressivität zwischen Völkern…
Die endogene Dynamik der Fragmentierung der Nationen drückt sich aus durch die wirtschaftliche Öffnung und führt zu dem sichtbaren und bewussten Phänomen, das die Globalisierung ist….

Vom demografischen, anthropologischen Standpunkt oder vielleicht sogar vom gesunden Menschenverstand aus, sind das Volk und die Nation essentiell ein und dieselbe Sache. Ich würde sagen, dass die Infragestellung Frankreichs durch die französischen Eliten das Erscheinen des National-Populismus provoziert hat.

Ein Widerspruch für alle Nationen:
die Koexistenz von Gleichheit und Ungleichheit


Die Homogenisierung durch die Massenalphabetisierung ist eine Errungenschaft, die in keiner Weise durch das ungleiche Fortschreiten der höheren Bildung in Frage gestellt wurde. Die verschiedenen entwickelten Nationen der Welt sind heute auf der Ebene der Primärbildung homogener als jemals zuvor in ihrer Geschichte…
Das ist das fundamentale Paradoxon der entwickelten Gesellschaften: die Überlagerung einer unangetasteten nationalen Homogenität und einer neuen Schichtenbildung, die mit der Entwicklung der sekundären und höheren Bildung in Zusammenhang steht. Die privilegierten Klassen versuchen, den Widerspruch so zu drehen, dass sie sich einen Anstieg des Analphabetismus in den unteren Klassen einreden. Aber die soziologische Wahrheit ist, dass die entwickelte Welt mit dem Widerspruch seiner primären nationalen Homogenität und kulturellen Schichtenbildung darüber leben muss. Deshalb ist das Verschwinden der Nation eine Illusion, auch wenn der Anti-Nationismus sehr wohl eine Doktrin unserer Zeit ist. Er ist eine tragische Illusion, deren Macht zu einer wirtschaftlichen Inkohärenz der entwickelten Welt geführt hat durch die desaströsen Experimente, die der komplett freie Welthandel und die Währungskonstruktion Europas darstellen.

Kommentar:

  • Die für die Argumentation zentrale Beobachtung Todds zur Übertreibung und Instrumentalisierung des Analphabetismus durch die Medien kann ich aus persönlicher Erfahrung bestens bestätigen: jahrelang habe ich solche Hiobsbotschaften ebenfalls in den Zeitungen gelesen und wirklich geglaubt, dass die Schulbildung der Kinder generell den Bach runtergeht. Als dann meine ältesten Kinder in der Grundschule waren und ich mir die Arbeitsblätter und Lernkonzepte mal genauer angesehen habe, hat es mich wie der Blitz getroffen: das war (in einer ganz normalen Grundschule genau zwischen einem eher einfachen und einem bürgerlichen Stadtteil Münchens) in Darstellung und Niveau um Klassen besser als alles, was wir in der guten alten, heilen Zeit der 70er Jahre in der Grundschule eines Schwarzwald-Dorfes gemacht hatten. Und auch heute noch ist die Grundschule genauso gut, wie ich täglich an meiner jüngeren Tochter sehe. Todd hat Recht: das Volk wird nicht dümmer, solange es nicht zu sehr auf das selbstgefällige Gewäsch von Medienleuten hört.
  • Fast jeder kennt derzeit die Kommentare in Medien, dass es ein Fehler gewesen sei, das britische Volk über den Brexit abstimmen zu lassen. Die gleiche Art von Geringschätzung gerade in als „links“ geltenden Medien für die demokratische Praxis der bewährten Schweizer Volksabstimmungen ist mir schon zuvor deutlich aufgefallen. Solche Ressentiments haben keine empirische Grundlage: das schweizerische politische System produziert seit 150 Jahren bessere Ergebnisse als das deutsche. Sie gründen in einem inegalitären, antidemokratischen Unterbewusstsein, mit dem „höhere“ Menschen (alias: moderne Priester) sich einreden, dass sie das Volk zu seinem Besten bevormunden sollten. Und wichtig ist, dass diese Tendenzen nicht neu sind, sondern für wachere, intelligentere Beobachter (als ich es bin) schon sehr lange erkennbar sind und zum Beispiel in diesem Buch schon vor 18 Jahren detailliert beschrieben wurden.
  • Mir ist das von Todd beschriebene Phänomen einer völlig verzerrten Elitensicht erstmalig 2002/2003 in der Debatte um den 2. Irakkrieg extrem stark aufgefallen: alle öffentlichen Argumente für den Krieg standen erkennbar auf wackligen Beinen und haben sich bald als Unsinn erwiesen. Trotzdem war „dumm und unwissend“ damals immer nur das oppositionelle Volk, das sich besonders zahlreich und wütend in England versammelt hat. „Verantwortungslos und populistisch“ waren diejenigen Politiker und Journalisten, die aus dem Elitenkonsens ausgeschert sind, nicht diejenigen, die ihn mit falschen Behauptungen und offenen Drohungen erzwingen wollten. Todds Analyse bringt es auf den Punkt: es handelt sich um einen mit Argumenten nicht widerlegbaren Anspruch einer selbsternannten „Elite“, auch gegen das Volk zu regieren und „Populisten“ deshalb als besonders gefährliche Gegner zu bekämpfen.
  • Todd führt den französischen Anti-Populismus allein auf die 68er Bewegung zurück und bestätigt damit eine Ansicht, die in der deutschen Rechten ebenfalls sehr verbreitet ist.Es wäre aber absurd zu behaupten, dass er der Rechten nachläuft, denn er polemisiert schon seit Jahrzehnten gegen den Elitenkonsens, insbesondere den linken. Andererseits hindert ihn das nicht daran, sich für die soziale Frage und gleichzeitig für die Assimilation von muslimischen Einwanderern stark zu machen. Im dritten Schritt lehnt er dann wieder Masseneinwanderung scharf ab. Ein bewundernswerter Freigeist und sozialliberaler Patriot!
    In Deutschland gibt es auch einen sehr alten Anti-Populismus, der früher gerne gegen links aktiviert worden ist. Aber den 68er Anti-Populismus gibt es hierzulande sicherlich auch. Dieser verbündet sich gerne mit dem alten Anti-Populismus und geißelt dann „die Querfront“.

Höhere Bildung, höhere Menschen

Der vorangegangene Text aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion) behauptete im letzten Satz:
Genau eine kulturelle Entwicklung, eine notwendige Folge des Alphabetisierungsprozesses, hat die Idee der Ungleichheit begünstigt und diese doppelte Verneinung (von Nation und Demokratie) ermöglicht.
Diese Entwicklung wird in diesem Kapitel beschrieben:

Von der höheren Bildung zu den höheren Menschen

Wenn die Alphabetisierung der Massen einmal realisiert ist, bleiben die Gesellschaften nicht stehen in einem stabilen Zustand der allgemeinen primären Bildung. Die Menschheit geht ihren Marsch nach vorne weiter durch die Verbreitung der Sekundärbildung und der Hochschulausbildung. Aber die Entstehung einer postprimären Bildung, die quantitativ bedeutend ist, bricht die Homogenität des sozialen Körpers. So bricht ein neuer soziokultureller Zyklus an: Die Entstehung einer massiven Gruppe, die durch höhere Studien definiert wird, seien sie abgeschlossen oder nicht, ist eines der entscheidenden Phänomene der Nachkriegszeit, die versteckte Kraft, die auf die meisten der wesentlichen ökonomischen und politischen Veränderungen drückt. Diese Entwicklung wurde zunächst als ein positives Phänomen wahrgenommen, als eine der unzähligen und zuträglichen Erscheinungsformen des Fortschritts. Die Entwicklung der Universitäten und der Anzahl von Studenten war eine neue Jugend der Welt, die sehr schnell in der gesamten westlichen Sphäre in mächtige Bewegungen des Protests mündet: gegen den Krieg in Vietnam, den sexuellen Konformismus und den Autoritarismus der Vergangenheit. Aber diese Studenten, die sich mit der Zeit in Erwachsene reifen Alters verwandeln, haben schließlich durch Zusammenballung zusätzlicher Schichten eine wahrhafte soziokulturelle Schichtstufe gebildet, die intellektuelle Kompetenzen, moralische Gewohnheiten und spezifische politische Werte trägt, von denen wir sehen werden, dass sie heute weit davon entfernt sind, die Idee vom Fortschritt zu begünstigen.

Die glückliche Überraschung der Jahre 1500-1900 wird gewesen sein, dass die Schrift, die zu Beginn das magische Instrument der Priester gewesen war, tatsächlich für alle zugänglich war. Die schmerzhafte Offenbarung der Jahre 1950-1990 wird gewesen sein, dass die Sekundär- oder  Hochschulbildung nicht in egalitärer Weise auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt werden kann.

Man kann die wahre Ursache der Rückkehr der Idee von der Ungleichheit unter den Menschen nicht besser auf den Punkt bringen. Diese Ursache ist nicht ökonomisch, sondern tiefer im Unterbewusstsein der fortgeschrittenen Gesellschaften angesiedelt: es handelt sich um die kulturelle Fragmentierung, die durch die Sekundär- und Hochschulbildung herbeigeführt worden ist. Dieses Unterbewusste beeinflusst alle bewussten Vorstellungen von der sozialen Struktur. Die Lehren von der Ungleichheit florieren; die ökonomischen Ungleichheiten verschärfen sich. Wir finden hier eine gegenüber dem Aufstieg des Ideals der Gleichheit während der Phase der Homogenisierung der Gesellschaft durch die Massenalphabetisierung umgedrehte Bewegung. Der Vormarsch der Primärausbildung zog den der Demokratie nach sich; derjenige der Sekundär- und Hochschulausbildung die Wiederinfragestellung der Demokratie…

Auch zur Frage der Legitimation der Höherstellung der höher gebildeten Schichten trifft Todd in diesem Buch Aussagen:

Die Wiederkehr der Ungleichheit und die Fragmentierung der Nationen

…Was soll es für die ökonomische Theorie, dass die Bestbezahlten der Bestbezahlten nicht die Wissenschaftler sind und die Ingenieure, deren wirtschaftliche Nützlichkeit gewiss ist, sondern die Verhandler von Verträgen und die Medienleute – die von Robert Reich in „The Work of Nations“ so genannten „Manipulateure der Symbole“, deren Aktivität sich nicht in einer Erhöhung der nationalökonomischen Produktivität ausdrückt. Die Privilegierten nach Reich, der selbst Anwalt ist, sind nur noch ausnahmsweise die wissenschaftlichen und technischen Meritokraten, die von früheren Generationen angepeilt worden sind…
Als Michael Young 1958 in „The Rise of the Meritocracy“… die neue soziale Schichtenbildung beschrieben hatte, die logisch aus dem Bildungsfortschritt entstehen musste, waren seine Meritokraten noch Wissenschaftler…
Der Meritokrat der Jahre 1950-1970, Anführer einer egalitären Gesellschaft, begründete seine Existenz durch seine technische Fähigkeit, die Natur zu dominieren und aus ihr die Produktivitätsgewinne für alle zu erzielen. Der Meritokrat des Jahres 2000 dominiert die Gesellschaft und entzieht aus ihr das Einkommen für sich selbst…
Es ist nicht alles falsch in den Erklärungen der Ungleichheit, die die spezifische ökonomische Nützlichkeit bestimmter höherer intellektueller Ausbildungen hervorheben. Man findet in jeder industriellen Gesellschaft einen erhöhten Anteil von Individuen, deren intellektuelle und technische Kompetenz erklärt, dass sie besser bezahlt werden als Arbeiter ohne Qualifikation, ein Phänomen, das im Zeitalter der Automatisierung besonders offensichtlich ist. Aber wir wissen alle, dass weder die Doktoren der Molekularbiologie, noch die Ingenieure, die die Atomkraftwerke, den Airbus, den TGV und die Ariane-Rakete ersonnen haben, noch sogar die Informatiker, die die Algorithmen ausarbeiten, die zur Ersetzung der unqualifizierten Arbeit notwendig sind, die wirklich privilegierten des Systems sind. Der Multiplikationsfaktor, der es erlaubt, vom Lohn eines Arbeiters zum Gehalt eines Forschers zu kommen, ist weder in Frankreich noch in den USA maßlos zu nennen.
Der industrielle Wert eines Ingenieurs ist unbestreitbar höher als der eines unqualifizierten Arbeiters. Aber es ist nicht möglich, die Nützlichkeit eines Arbeiters direkt derjenigen eines Anwalts oder eines hohen Beamten gegenüber zu stellen. Die amerikanischen Anwälte, die ihr Gehalt aus der Ausbeutung der Fehlfunktionen ihrer Gesellschaft ziehen, haben keinen wirtschaftlichen Wert auf internationaler Ebene. Es ist außerdem gewiss, dass die Inspektoren der französischen Finanzverwaltung zwar sehr gut aufgestellt sind, um ihre Privilegien beim Gehalt und der Arbeitsplatzsicherheit zu verewigen, aber für die französische Gesellschaft wegen ihrer krassen Inkompetenz in Wirtschaftsfragen eher einen Netto-Kostenfaktor als einen Gewinn darstellen. Ihre soziale Nützlichkeit ist negativ. Wenn wir die Informatiker aus Frankreich ausweisen, bricht das Bruttoinlandsprodukt zusammen. Wenn wir die Inspektoren der Finanzverwaltung deportieren, die den starken Franc lieben, wird sich das Bruttoinlandsprodukt wieder erholen. Aber wir können bei einem höheren Gehaltsniveau selten bestimmen, was von einem inneren ökonomischen Mehrwert kommt, und was sich von einer spezifischen Fähigkeit ableitet, der Gesellschaft Werte zu entziehen, von einer sozialen Rente zu profitieren…

In einem früheren Kapitel hat sich Todd insbesondere mit den USA beschäftigt, die nach seiner Darstellung in den 50er bis frühen 60er Jahre ihren höchsten kulturellen und Ausbildungsstand erreicht hatten und den europäischen Nationen weit enteilt waren, bevor sie diesen Stand weder verbessern noch halten konnten und von einem brutalen Rückschlag ereilt wurden, von dem sie sich bis heute nicht mehr erholt hätten. Er schreibt nach einer ausführlichen Besprechung der Bildungsstatistiken, die diesen Befund belegen:

Der Absturz der Jahre 1963-1980

…Man kann, wenn man sich dieses Absackens nicht bewusst ist, die zahlreichen regressiven Phänomene nicht verstehen, die in den 70er, 80er und 90er Jahren das amerikanische Leben befallen: die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die intellektuelle und künstlerische Provinzialisierung, die Entstehung eines schnellen und gewalttätigen Kinos, die Entwicklung absurder Sozial- und Geschichtswissenschaften, die den Konflikt zwischen Mann und Frau ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen (gender studies), die Obsession mit sexueller Belästigung, die Infragestellung der Abtreibung, die Rückkehr von Kreationisten, die Darwin und der Entstehung der Arten feindlich gegenüberstehen, die Verrottung der Justiz und eine Repression mit einer Anzahl von Individuen, die eine Strafe im Gefängnis absitzen, die zwischen 1980 und 1993 von 1´840´400 auf 4´879´600 ansteigt. Die massive Wiederkehr der Todesstrafe drückt besser als jedes andere Phänomen die geistige Regression aus, die die amerikanische Gesellschaft befallen hat: die Anzahl der Häftlinge, die in der Zelle auf ihre Hinrichtung warten, steigt zwischen 1980 und 1994 von 688 auf 2890. Diese Modernität entkoppelt sich effektiv von der Idee des Fortschritts.

Fazit:

  1. Todd sieht die Ursache für den Niedergang sowohl von Demokratie als auch Nationen in einer neuen Ungleichheit, die die Ergebnisse von Jahrhunderten der Egalisierung und Demokratisierung angreift.
  2. Eine neue Kultur der Ungleichheit gehe von dem erheblichen (i.A. ca. 20%) Teil der Bevölkerung aus, der sich mit seiner höheren Bildung zu einem höheren Menschen machen wolle.
  3. Dieser Teil der Bevölkerung sei in Europa in der 68er-Epoche unter linker Flagge gesegelt, habe aber jedes linke Ideal, insbesondere das einer A-Priori-Gleichheit der Menschen und einer meritokratischen Ausübung von Führung beinahe flächendeckend über Bord geworfen und in sein Gegenteil verkehrt.
  4. Die rein ökonomische Begründung der Ungleichheit sei nicht haltbar. Die Ungleichheit sei nicht Folge, sondern der geistige Motor, der die wirtschaftliche Entwicklung (in einer fatalen Richtung) antreibe.
  5. Die „Illusion“ im Titel seines Buches bezieht sich also nicht nur auf die Illusionen in den Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung (die er auch erläutert, unter anderem an Hand der Entwicklung der Demografie und der massiven Ungleichgewichte und Verschuldung in der Weltwirtschaft, was sich inzwischen brillant bestätigt hat), sondern vor allem auch in der Verdrehung der Beziehung von Ursachen und Wirkungen.
  6. Todd ist ein überragender Denker auch linker (=egalitärer), vor allem aber rationalistisch-liberaler Ausrichtung, wie es nur sehr wenige gibt. Mit seinem furchtlosen Nonkonformismus und seiner legendären Vorhersagekraft bei der empirischen Analyse auch und vor allem linksautoritärer Regressionen hat er seit seinem spektakulären Erfolg von 1976 nicht nachgelassen: „Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft.

Demokratie und Nation

Ein Text anlässlich des Brexits vom vergangenen Donnerstag entnommen aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion“). Die zentrale Aussage des in Cambridge in Geschichtswissenschaft promovierten und für einen französischen Intellektuellen sehr anglophilen Emmanuel Todd lautet:
Demokratie und Nation sind also nur die zwei Gesichter, inneres und äußeres, einer Gesellschaft, die durch die Massenalphabetisierung homogenisiert worden ist. Das ist der Grund, warum diese beiden Konzepte für die Menschen des 19. Jahrhunderts so nah beieinander lagen. Der aktuelle Wille, sie zu trennen, indem man die Demokratie positiv beurteilt und die Nation negativ, wäre ihnen als eine logische Unmöglichkeit erschienen… Die Nation zu verneinen bedeutet in der Praxis auch, die Demokratie zu verwerfen.

Und hier die ausführlichere Ableitung dieser Aussage:

Von der Massenalphabetisierung zur Gleichheit

Nach einer kurzen Einleitung über die Beobachtungen Alexis de Tocquevilles zur (im 19. Jahrhundert) unaufhaltbar fortschreitenden Gleichheit der Menschen in den westlichen Gesellschaften fährt Todd fort:
„Nichts kann dieses Fortschreiten auf die Gleichheit der Bedingungen besser erklären als die Diffusion der Alphabetisierung von oben nach unten auf der sozialen Leiter, von den Priestern zu den Adligen und den Bürgerlichen, dann zu den Handwerkern, den Händlern, den Bauern, den Landarbeitern und den Industriearbeitern. Die Schrift ist das fundamentale Mittel des Zugangs zum religiösen oder technischen Wissen; sie erlaubt die Beherrschung der Zeit. Sie ist ursprünglich das Privileg einer hierokratischen Kaste und als solche die Erzeugerin von Ungleichheit. Sie dehnt sich in der Folge in Etappen auf die Gesamtheit der Bevölkerung aus und löst damit gleichzeitig wirtschaftliche Entwicklung und Angleichung der (Lebens)Bedingungen aus. Jeder dieser entscheidenden Schritte verursacht einen demokratischen Schub auf dem politischen oder religiösen Feld. Die protestantische Reformation, die die Gleichheit des Laien und des Priesters im Zugang zur  Heiligen Schrift und zu Gott will, beginnt in Deutschland, wo gerade der Buchdruck erfunden worden ist. In der Folge, wenn 50% der erwachsenen Männer lesen und schreiben können, scheint geradezu mechanisch eine Revolution auszubrechen: in England in der Mitte des 17., im Pariser Becken am Ende des 18., in Russland am Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn wir die Idee akzeptieren, dass die tiefsten Unterschiede unter den Menschen sich auf dem Gebiet der intellektuellen Ausbildung und des Wissens einstellen, müssen wir zugeben, dass lesen und schreiben können 1789 den Bauern auf das Niveau des Adligen hebt und 1848 den Proletarier auf das Niveau des Bürgerlichen. Die Massenalphabetisierung erzeugt eine objektive Gleichheit auf dem geistigen Gebiet. Sie löscht die Phänomene der Vorherrschaft aus, die ursprünglich durch die Erfindung der Schrift erzeugt worden sind.
In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Männer und der Frauen lesen kann und in der die fortdauernde Verbreitung der Alphabetisierung nahelegt, dass eines baldigen Tages alle dieses Ausbildungsstadium erreicht haben werden, ist die Entwicklung des demokratischen Ideals normal und natürlich. Die Individuen, die die höheren Stufen des Ausbildungsprozesses, Sekundar- und Hochschulausbildung, erreichen, stellen noch einen sehr kleinen Anteil der Bevölkerung einschließlich der wirtschaftlich privilegierten Klassen dar. Die Alphabetisierung wird in ihrer finalen Phase als ein besonderer Moment der Homogenisierung der Gruppe erlebt. Sie wird begleitet von einer Standardisierung der Kommunikation durch das Verschwinden peripherer Sprachen und Dialekte. Auf der politischen Ebene bringt sie eine ausgedehnte und glaubwürdige Gemeinschaft von Männern hervor, die dieselbe Sprache sprechen, lesen und schreiben und folglich debattieren, argumentieren, entscheiden und wählen können. Wenn diese homogene Gemeinschaft ihre innere Struktur betrachtet, denkt sie sich als eine Demokratie. Wenn sie nach außen schaut, denkt sie sich als eine Nation.

Demokratie und Nation sind also nur die zwei Gesichter, inneres und äußeres, einer Gesellschaft, die durch die Massenalphabetisierung homogenisiert worden ist. Das ist der Grund, warum diese beiden Konzepte für die Menschen des 19. Jahrhunderts so nah beieinander lagen. Der aktuelle Wille, sie zu trennen, indem man die Demokratie positiv beurteilt und die Nation negativ, wäre ihnen als eine logische Unmöglichkeit erschienen. Heute findet man sich gut, wenn man den Nationalismus und seine barbarischen Konsequenzen verwirft; aber die Nation zu verneinen bedeutet in der Praxis auch, die Demokratie zu verwerfen. Genau eine kulturelle Entwicklung, eine notwendige Folge des Alphabetisierungsprozesses, hat die Idee der Ungleichheit begünstigt und diese doppelte  Verneinung ermöglicht.“

Anmerkungen zum Brexit und zur EU aus der Perspektive dieses Textes von Todd:

  1. Die von den Brexit-Befürwortern in Anspruch genommene demokratische Motivation ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Ein sehr schönes Beispiel für eine rein demokratische Begründung des Brexits findet man beispielsweise hier.
  2. Die EU hat völlig unabhängig von der konkreten Gestaltung ihrer Institutionen einen fundamentalen Mangel für eine demokratische Ordnung: ihre Vielsprachigkeit erschwert den meisten Bürgern einen direkten Zugang zu Debattenbeiträgen und macht sie noch erheblich abhängiger von Informationsvermittlern, als sie es bereits in einer nationalen Demokratie sind. Weil beispielsweise der oben verlinkte Debattenbeitrag von Ambrose Evans-Pritchard 99,9% der deutschen Zeitungsleser nicht bekannt ist, ist es für hiesige Medien ein Leichtes, englische Brexit-Befürworter pauschal als ausländerfeindliche, ungebildete, arbeitslose Volldeppen, Landeier und Rentner darzustellen, obwohl Ambrose in mehreren europäischen Staaten studiert und gearbeitet hat und ein hoch angesehener Wirtschaftskolumnist ist, der das Brexit-Lager in vielen Beiträgen davor gewarnt hat, die wirtschaftlichen Probleme eines Brexits zu leicht zu nehmen oder unnötig politisches Porzellan in Europa zu zerschlagen.
  3. Der Demograf und Historiker Emmanuel Todd ist seit der ersten Hälfte der 90er Jahre ein Gegner der verstärkten europäischen Integration und insbesondere des Euro. In einem Text von 1995 erläutert er, wie es zu dieser Haltung gekommen ist, obwohl er die europäische Einigung bis dahin mit viel Wohlwollen gesehen hatte und noch immer der Meinung ist, dass sie bis ca. 1980 eine friedensstiftende Wirkung für die Völker Europas hatte.
  4. Der Konflikt zwischen dem Brexit- und dem Remain-Lager ist also nachvollziehbar ein Konflikt über die Abwägung von Vor- und Nachteilen internationaler Kooperation durch supranationale Strukturen, die beinahe notwendigerweise weniger demokratisch sind als nationale.
  5. Bei einer Reform der EU in Richtung zu weniger Zentralismus und mehr Gestaltungsfreiheit für die Nationalstaaten und die Regionen hätten sowohl die Brexit-Befürworter in England als auch die Brexit-Gegner vor allem in Schottland, Nordirland und London (und die übrigen Europäer) gemeinsam glücklicher werden können als mit dem Brexit und dem möglichen Verfall des Vereinigten Königreichs. Es ist (aus heutiger Sicht) ein Versäumnis der EU, das nicht angeboten zu haben und ein Fehler von David Cameron, das nicht hart genug gefordert zu haben als Gegenleistung für seine Unterstützung der Remain-Kampagne.
  6. Weder Brexit-Befürworter noch Brexit-Gegner sind Lichtgestalten oder Monster. Auch die Frage, welche Entscheidung einen Rückschritt darstellt, wird sich (wenn überhaupt) erst in ferner Zukunft beantworten lassen.
  7. Todds Überlegungen sind deshalb besonders wertvoll, weil er sie systematisch und ohne Effekthascherei bereits lange vor den Ereignissen und Konflikten entwickelt hat, die sich dann mit ihnen erklären und einordnen lassen. Er argumentiert also ungewöhnlich glaubwürdig nicht als Interessenvertreter oder Lobbyist, sondern als Sozialwissenschaftler und -philosoph, der Entwicklungen vorausdenkt und ihnen nicht hinterher läuft.
  8. Im letzten Satz des Textes merkt Emmanuel Todd an, dass eine ganz bestimmte Entwicklung zu mehr Ungleichheit und dann zu weniger Nation und weniger Demokratie in den westlichen Gesellschaften geführt hat. Diese eine Ursache und ihre vielen Folgen (Ungleichheit, Internationalisierung, Denationalisierung, wirtschaftliche Globalisierung, Demokratieverlust, Populismusverachtung) werden in weiteren Blogbeiträgen behandelt werden.
    Nachtrag vom 2.Juli 2016:
  9. Die barbarischen Konsequenzen des Nationalstaats, die Emmanuel Todd ausdrücklich anerkennt, kann man zum Beispiel am Hartmannswillerkopf besichtigen:
    Hartmannswillerkopf
    Ich habe das im Mai dieses Jahres getan, über 35 Jahre nach dem ersten Besuch, zu dem unser katholischer Pfarrer seine Ministranten hierhergeführt hatte.
  10. Solche Barbarei durch Nationalstaaten ist ein Argument, um ihre Wiedereinsetzung als alleiniger Entscheidungsrahmen ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Aber sie ist kein Grund, Macht ohne ernsthafte demokratische Kontrolle an die EU abzugeben, die EU als Institution und Personen von demokratischer Herausforderung freizustellen und absolut zu setzen. Denn exakt 100 Jahre nach den Gemetzeln am Hartmannswillerkopf war die EU an der Herbeiführung ähnlich umfangreicher Gemetzel in der Ostukraine beteiligt, mindestens durch Fahrlässigkeit.
  11. Das Argument, dass für die Ostukraine allein Russland verantwortlich ist, lasse ich kategorisch nicht gelten. Schließlich haben sowohl Deutschland als auch Frankreich allein die jeweils andere Seite für das Morden in den Vogesen verantwortlich gemacht, ebenfalls ohne dass sich die Opfer dafür irgendetwas kaufen konnten. 100 Jahre später ist es aber noch ebenso unmöglich wie damals, eine der beiden Seiten von Schuld freizusprechen. Das gilt selbstverständlich für das Deutsche Reich, aber es gilt auch für Frankreich (L’Alsace a tout prix!: Das Elsaß um jeden Preis!)

E. Todd über Merkels Einwanderung

Beim Lesen und Übersetzen von Emmanuel Todds Arbeiten habe ich mich in den letzten Monaten mehr als einmal gefragt, was Todd wohl über Merkels „Willkommenskultur“ denkt. Beim wiederholten Googeln danach bin ich jetzt fündig geworden.
In dem Interview, das er ursprünglich mit Atlantico geführt hat, geht es zunächst um innerfranzösische Themen, den aktuellen Streik der CGT und insbesondere seinen vielbeachteten Vorwurf, dass die sozialistische Regierung Hollande die faschistischste französische Regierung seit 1944 sei: „rosa Faschismus“. Er beklagt, dass die Linke in Frankreich nicht mehr links sei und damit auch die liberale Rechte in Schwierigkeiten bringe (In Deutschland beobachten wir ja gerade ein ähnliches Phänomen mit vertauschten Rollen). Der Sozialistischen Partei und Hollande wirft er konkret vor, dass sie sich um den Willen der Wähler in keinster Weise mehr scheren und sogar der Bedeutung von Wahlen und der Meinungsfreiheit ans Leder wollen: „Die sozialistische Partei ist wahrscheinlich gefährlicher für die Meinungsfreiheit als die Rechte„. Dieser Gedanke ist bei ihm nicht neu, sondern findet sich in den letzten 20 Jahren immer wieder in Büchern wie „Nach der Demokratie“ oder „Die ökonomische Illusion“ (dazu demnächst mehr auf diesem Blog). Explizit hatte er früher schon sozialistischen Politikern wie Lionel Jospin und Jacques Delors (früherer Chef der EU-Kommission) antidemokratisches Denken vorgeworfen.

In der allerletzten Frage des Interviews kommt aber die Merkel’sche Einwanderungswelle zur Sprache:
Die deutsche demografische Schwäche war ein Motor der Entscheidung Angela Merkels, die die massive Ankunft von Migranten im Land begünstigt hat. Der Brexit wird genährt von der Furcht der Briten, dass sie immer mehr innereuropäische Migranten in ihr Land kommen sehen. Sind die demografischen Tendenzen dabei, Rache an der EU zu nehmen?

Die Antwort Emmanuel Todds:
Die Europäische Union war ein verrücktes Projekt, alle Demografen wissen genau, dass die Gesellschaften nicht konvergieren. Es genügt, die Kennzahlen der Fruchtbarkeit zu betrachten. Und wenn es Konvergenz gibt, dann nach unten, hin zum Mangel (an Kindern), außerhalb der Inselchen, die Frankreich, England und Skandinavien sind. Dort wo die Frauen das Recht haben, Kinder und eine interessante Arbeit zu haben.
Die Demografie sagt zunächst, dass die europäischen Nationen immer noch existieren und dass die Vereinigung über die Währung nicht funktionieren wird. Es lohnt sich nicht einmal weiter zu gehen, allein schon deshalb hatte ich das Scheitern des Euro vorausgesagt. Es handelt sich sehr wohl um die Rache der Demografie. Die Variablen der Demografie haben die Eigenheit, langsam aber irreversibel zu sein mit Phänomenen der Beschleunigung, wenn sich Generationenbrüche vollziehen. Das läuft sehr langsam, bevor es offensichtlich wird, aber im Allgemeinen ist es zu spät, wenn es offensichtlich wird, sind die Probleme von einer solchen Massivität, dass keinerlei Migration sie lösen können wird. In Frankreich sieht man es nicht, weil das Land kein demografisches Problem hat. Deutschland ist bei all seiner Rationalität dem kurzfristigen ökonomischen Denken in die Falle gegangen. Es wird das wahre Land der Einwanderung in Europa sein, besessen von seinem Arbeitskräfteproblem. Die Verwüstungen, die durch die Austerität in Südeuropa angerichtet worden sind, spielen unter diesem Gesichtspunkt Deutschland in die Hände, das versucht, die qualifizierten Arbeitskräfte aus Volkswirtschaften in Auflösung zu gewinnen. In Deutschland fehlt praktisch jedes Jahr ein Drittel der Kinder. Aber nun, mit dieser massiven Einwanderung aus Syrien, aus dem Irak und aus Afghanistan, patrilinearen Systemen mit vom Start weg erhöhter Endogamie, wird das für Deutschland nicht zu bewältigen sein. Das wird Phänomene der Segregation, der Schichtenbildung und der Gewalt produzieren. Aber man darf den deutschen Pragmatismus nicht unterschätzen. Die deutsche Gesellschaft wird Möglichkeiten haben, sich zu organisieren, aber der Preis, der zu bezahlen sein wird, wird die Entstehung einer Kastengesellschaft sein, mit einem extrem harten politischen und polizeilichen System. Alles ist möglich.

Mein persönliches Fazit:

  1. Todd kann sich durch die jüngste Entwicklung voll in dem bestätigt sehen, was er 1990 vorausgesagt hat: die Einwanderung wird das Thema werden, bei dem die europäischen Nationen jeweils ihre eigenen Wege suchen und finden werden, weil sie es müssen. Er hat dort schon geschrieben, dass die Demografie sie dazu zwingen wird. Bei aller notwendigen Kritik an einzelnen tagesaktuellen Aussagen führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass er eine unbestechliche langfristige Perspektive und Historie an richtigen Prognosen hat, zu der ihm absolut niemand auch nur das Wasser reichen kann.
  2. Todd hat meine eigenen Überlegungen und Urteile überraschend klar bestätigt:
  3. Fragesteller und der Interviewte gehen davon aus, dass Merkel kurzfristig nicht alternativlos gehandelt hat oder von den Ereignissen überwältigt worden ist. Sie sehen (wie viele andere in der französischen Öffentlichkeit) eine planmäßige Komponente, die in der katastrophalen deutschen Demografie und einem kurzsichtigen wirtschaftlichen Denken begründet liegt.In Deutschland wird dagegen eine überwiegend moralische, heuchlerische Erzählung gepflegt.
  4. Bei der Bewertung seiner Aussagen über die Probleme Deutschlands bei der Integration der Einwanderer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan muss man berücksichtigen, dass er in Frankreich den Ruf hat, ein hoffnungsloser Islamversteher zu sein, der die Verantwortung für Probleme immer bei der Mehrheitsgesellschaft suche statt bei den Eingewanderten bzw. dem Islam. Er hält tatsächlich den Islam für zweitrangig und sieht die Ursache eher in den patrilinearen endogamen Familienstrukturen, wie im Zitat auch geäußert. Es ist sicherlich nicht falsch, das zu unterscheiden und auf die genaue Ursache der offensichtlichen Probleme zu verweisen. Und als Provokateur hält er natürlich auch gerne dagegen, wenn eine Mehrheit alle Probleme nur bei einer Minderheit sucht und zum Beispiel die soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung unterprivilegierter Franzosen und Einwanderer, insbesondere auch der jungen Leute, gleichzeitig unter den Teppich kehrt. Entscheidend ist jedenfalls, dass es geradezu absurd wäre, Todd als islamophob hinzustellen.
  5. Merkel und ihre Unterstützer von links und rechts sind wahlweise dumm oder unehrlich über das, was sie tun und was es für die deutsche Bevölkerung in der Zukunft bedeuten wird. Es hilft nicht weiter, diese Dummheit und die Lügen zur besseren Moral zu erklären.
  6. Meine Befürchtung, dass die Massenmigration aus dem Nahen und Mittleren Osten einen autoritären deutschen Polizeistaat hervorbringen wird, der skrupellos eine Gruppe einer ethnisch und sozial fragmentierten Bevölkerung gegen die andere ausspielen wird, ist von Emmanuel Todd voll bestätigt worden: Kastengesellschaft mit einem extrem harten politischen und polizeilichen System. Der weiterhin systematisch nicht aufgeklärte Fall des sogenannten NSU ist vielleicht nur ein erster Vorgeschmack darauf, wie das laufen könnte.
  7. Die deutsche Sozialdemokratie, die das nicht sieht oder nicht sehen will, ist ebenso autoritär und antidemokratisch, wie es Todd den französischen Sozialisten vorwirft.
  8. Eine autoritäre und zumindest teilweise xenophobe, teilweise wirtschaftsliberale  Rechte bietet an und für sich natürlich keine Hoffnung auf eine positive und liberale Zukunft in Deutschland. Das demografische Problem hat sie über Jahrzehnte mitverursacht, durch ihren Ökonomismus, sinnlose Exportweltmeisterei und Sparerei. Ein Teil der autoritären Rechten steht zudem weiter treu an Merkels Seite, leugnet Merkels Verantwortung für die aktuellen Probleme und nutzt diese gleichzeitig für neue Sicherheitsgesetze und Unfreiheiten gegen alle, Staatsbürger und Neueinwanderer gleichzeitig. Ein Teil des oppositionellen Rechtsspektrums stört sich an jedem Individuum, das die „falsche“ Hautfarbe hat, sei es Staatsbürger und gut integriert oder nicht. Das ist weder mit dem objektiven demografischen Problem noch mit meinen Wertvorstellungen kompatibel.
    Die Rechte ist aber gleichzeitig ein Gegengift gegen eine mindestens ebenso autoritäre, verkommene und in Teilen die eigene Nation zutiefst hassende Linke. Gegen eine Linke, die jedes Problem leugnet, das eine so massive Einwanderung aus archaischen Gesellschaften darstellt, und die wirklich jede Thematisierung von Problemen (die nicht von oben angestoßen wird) mit der Nazi-Keule beantwortet. Es bleibt mir gleichzeitig ein Mysterium wie man sich für „links“  halten und gleichzeitig die schlecht bezahlten Schichten der arbeitenden Bevölkerung so verachten kann, die durch Masseneinwanderung am meisten zu verlieren haben und sich deshalb auch am heftigsten dagegen wehren.
  9. Für einen eigentlich sozialliberalen Familienvater mit 4 Kindern bleibt in dieser toxischen politischen Konstellation die Frage nach einer Auswanderung auf der Tagesordnung, als letzte Option der Flucht vor einem autoritären Verfall der Freiheit oder sogar offenem Bürgerkrieg. Vorbild ist mir mein Ur-Ur-Großvater, der 1850 (nach dem Scheitern der Badischen Revolution) in die Westschweiz emigriert ist und den französischsprachigen Zweig meiner Verwandtschaft begründet hat. Um es ganz klar zu sagen: es gibt Nationen, die besser in der Lage sind, Einwanderung in ihrem Sinne zu steuern und dann, im zweiten Schritt, die Eingewanderten fair zu behandeln und wirklich voll als Staatsbürger zu akzeptieren. Niemand ist auf Gedeih und Verderb verpflichtet, den Dauermurks, den weltfremde Linksfrömmler (Kein Mensch ist illegal. Grenzen gibt es nicht, Sozialhilfe bei uns aber jederzeit. Geschenkte Menschen) und Rechtsspinner, die nicht neben einem Boateng wohnen wollen, den sie gar nicht kennen, IM ZUSAMMENWIRKEN anrichten.

Erfindung Europas: Ergänzungen

Die Klassifikation der Familiensysteme

Todd klassifiziert Familiensysteme in zwei Dimension nach den Gegensatzpaaren Liberal/Autoritär und Egalitär/Inegalitär:Klassifikation

Zunächst betrachtet er diese Eigenschaften historisch bei Bauernfamilien vom 15. bis 19. Jahrhundert, wo sie folgende Bedeutung hatten:

Autoritär war ein Familiensystem dann, wenn ein junger Bauer nach Heirat und Übernahme eines Hofes immer noch der Autorität seiner Eltern unterworfen blieb. Empirisch messbar hat sich das in der Regel dadurch ausgedrückt, dass die Eltern auf demselben Hof wohnen blieben, den der Sohn übernommen hat. Entsprechende Geschichten um die Hofübernahme, die Unterdrückung der jungen Generation (insbesondere auch der Schwiegertochter!) durch Altbauern, die nicht „abgeben“ wollen, dürften dem einen oder anderen aus dem ländlichen Raum bekannt sein.

Liberal war ein Familiensystem dann, wenn ein junger Bauernsohn in der Regel seiner eigenen Wege ging, das Elternhaus verließ und sich einen eigenen Hof erwarb oder pachtete oder einen anderen Beruf annahm. Wenn er den Hof der Eltern übernahm, zogen diese in der Regel in einen eigenen Haushalt und sich selbst aus der Führung des Hofes zurück. Empirisch messbar (z.B. in Volkszählungen) war die getrennte Haushaltsführung.

Egalitär war ein Familiensystem dann, wenn die Kinder, insbesondere die Söhne, gleichwertig waren. Materiell hat sich das vor allem dadurch ausgedrückt, dass das Erbe der Eltern unter ihnen gleich aufgeteilt wurde. Eine typische Form dafür ist die Realteilung, bei der insbesondere das Land fortlaufend aufgeteilt wurde, so dass die Flurstücke immer kleiner wurden.

Inegalitär war ein Familiensystem dann, wenn die Söhne nicht gleichwertig waren, weil ein einziger praktisch alles geerbt hat, das sogenannte Anerbenrecht.

Karte der Familiensysteme Europas

Diese Karte stammt nicht von E. Todd, sondern ist in einer sehr lesenswerten englischen Einführung in „Invention de l’Europe“ von Graig Willy zu finden:

KarteFamiliensysteme.jpg

Die absolute Kernfamilie (gelb) war in England und anderen Nordseeanrainern sehr verbreitet[1].
Die egalitäre Kernfamilie (blau) war in Nordfrankreich und anderen von den Römern geprägten Gesellschaften verbreitet (Polen und Rumänien werden in dem besprochenen Buch nicht behandelt).
Die Gemeinschaftsfamilie (rot) dominiert in Osteuropa, kommt aber auch in Enklaven in Südeuropa vor.
Die Stammfamilie (dunkelgrün) ist sehr verbreitet, weil sie eine Grundform bäuerlicher Sozialstruktur ist, dominiert aber in Europa nur Irland, Schweden und Länder Mitteleuropas, insbesondere Deutschland. Außerhalb Europas haben auch Japan und Korea ein Stammfamiliensystem.

Zwei Farben auf dieser Karte sind in der 2×2-Matrix noch nicht erfasst:

Unter unvollständiger Stammfamilie fasst Todd Verschiedenes zusammen. Erklärtermaßen gehören dazu Regionen, in denen die Stammfamilie dominiert, aber das Anerbenrecht nicht (mehr) konsequent angewendet wird. Es könnten sich dahinter aber auch Unklarheiten oder Ungenauigkeiten verbergen. Im so kolorierten Rheinland muss man zum Beispiel die Frage stellen, ob hier nicht die Stammfamilie mit egalitären Einflüssen römischen Ursprungs koexistiert, es sich also um eine Übergangszone zwischen blauen und dunkelgrünen Gebieten handelt[2]. Es gibt andererseits in Württemberg große Gebiete, die eindeutig und ausschließlich Realteilung betrieben haben, also definitiv nicht inegalitär geprägt sind. Die fränkischen Ursprünge  als möglichen Zusammenhang zwischen Alt-Württemberg und dem Rheinland (Rheinfranken) blendet Todd weitgehend aus, was ihm auch manche deutsche Kritiker vorwerfen. Man muss im Hinterkopf behalten, dass Todd, wenn er von Deutschland spricht, stark den norddeutschen und preußischen Teil im Kopf hat, beinahe als Antithese zu Nordfrankreich. Die süd- und westdeutschen Traditionen mit ihren vielen kleinteiligen Unterschieden unterschätzt er dabei offensichtlich. Dabei könnten sie in seinem eigenen Denkmodell einen Schlüssel zum Verständnis liefern, warum die Bundesrepublik von 1949 bis 1990 erheblich anders verfasst (beispielsweise: frankophiler) war als das preußisch dominierte Kaiserreich von 1871-1918 und auch das wiedervereinigte Deutschland nach 1990.

Die endogame Gemeinschaftsfamilie unterscheidet sich von der Gemeinschaftsfamilie dadurch, dass Ehen vorzugsweise im weiteren Verwandtenkreis geschlossen werden. Alle traditionellen europäischen Familiensysteme sind exogam, meiden also Heirat im Verwandtenkreis. Endogamie ist traditionell in den Familiensystemen der islamischen Welt verbreitet, z.B. arabischen und türkischen, aber auch im jüdischen Familiensystem, das aber nach Todd ansonsten ein Stammfamiliensystem ist.

Bedeutung der Familiensysteme

Das Familiensystem ist für Todd ein wissenschaftliches Lebensthema. Er sieht es als etwas wie die Mikrostruktur einer Gesellschaft, die mit unendlich vielen kleinen Prägungen festlegt, was ihre  Bürger als gerecht oder normal empfinden. Wer von klein an erlebt, wie in der Familie einer alles erbt und die anderen leer ausgehen, empfindet das dann auch im Großen als gerecht. Wer eine Gleichverteilung des Erbes verinnerlicht hat, empört sich leicht auch über andere Ungleichheiten zwischen Menschen. Die Unterschiede mögen bei jedem Einzelnen schwach wirken, würden aber in einer Gesellschaft mit ihren vielen ähnlich denkenden Mitgliedern in Summe eine enorme Kraft entfalten, wenn es um die Akzeptanz großer, politischer Entscheidungen gehe.
Die so gebildeten politischen Überzeugungen einer Gesellschaft seien sehr zählebig und überlebten auch eine Änderung der ursprünglich prägenden informellen Erbregeln durch eine gesetzliche Festlegung. Insofern sei es kein Zufall, dass England eine liberale, marktwirtschaftliche politische Ordnung hervorgebracht habe, während es in Italien, Portugal und Frankreich starke und regionale kommunistische Bewegungen gegeben habe, die sich am russischen Vorbild orientierten. Die Sozialdemokratie Deutschlands habe einen ganz anderen Charakter als die Labour Party in England, weil beide in einer inegalitären Gesellschaft entstanden seien, die Sozialdemokratie zusätzlich in einer autoritären, Labour dagegen in einer liberalen, die eine durchorganisierte und staatsgläubige Sozialdemokratie nicht toleriere.

Folgende Tabelle gibt einen sehr groben Überblick über die tendenziellen politischen Orientierungen der vier Haupt-Familiensysteme Europas:

Family-Character.jpg

(übernommen aus der sehr lesenswerten Buchbesprechung von Craig Willy)

[1] Unter anderem auch in Ostfriesland, was möglicherweise erklärt, warum die Ostfriesen in Deutschland als anders oder leicht merkwürdig angesehen werden.
[2] Frage: inwieweit hängt das sprichwörtliche Spannungsverhältnis zwischen Rheinländern und Westfalen mit solchen Unterschieden zusammen?

Erfindung Europas: Europäer und Immigranten

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Schlusskapitel

Europäer und Immigranten

Das Verschwinden der Makro-Ideologien bedeutet nicht die Auslöschung der fundamentalen Werte von Freiheit und Autorität, von Gleichheit und Ungleichheit. Ursprünglich von den Familienstrukturen getragen strukturieren diese Paare antagonistischer Werte weiterhin zahlreiche soziale Haltungen und organisieren das konkrete Funktionieren der Gesellschaften, nicht nur ihre Träume. Das Verschwinden des Sozialismus zieht nicht das Verschwinden von sozialen Klassen nach sich, das Verschwinden des Nationalismus bedeutet nicht das Verschwinden der Nation. Allein das Verschwinden des Himmelsreiches löst die Gemeinschaft der Gläubigen, die christliche Gruppe, auf. Die Arbeiter- und nationalen Gruppen bestehen weiter als objektive Entitäten, die durch den Beruf und durch die Sprache definiert werden.
Die Untersuchung der industriellen und politischen Transformationen der Jahre 1965-1990 hat die Fortdauer eines autoritären Zuges in bestimmten Gesellschaften zum Vorschein gebracht, der in der Lage ist, den Rückzug der Industrie zu bremsen, das Parteiensystem und die Liebe zum Staat zu stabilisieren, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und, was allein die Domäne der Politik angeht, in Italien und Schweden. Die Veränderungen der Jahre 1965-1990 offenbaren in anderen Gesellschaften die Fortdauer eines liberalen Zuges, der als Katalysator sozioprofessionelle oder politische  Entwicklungen besonders schnell macht, in Großbritannien, in Frankreich, in Dänemark, in Spanien, in den Niederlanden. Die Werte von Autorität oder von Freiheit, die die postindustrielle Moderne anführen, werden wahrscheinlich nicht mehr allein von den Familiensystemen getragen. Die Familie spielt eine Rolle, aber man kann vernünftigerweise einer Institution, die so sehr von demografischen Krisen geschüttelt wird, keine übertriebene Fähigkeit zur Transmission zusprechen. Die Schule, die Nachbarschaft und die Unternehmen dienen auch als Mittler. Man kann eine Diffusion der traditionellen Werte in die Gesamtheit des sozialen Körpers postulieren. Die ideale Gesellschaft, die endlich realisiert wurde, ist ebenso sicher durch diese Werte strukturiert wie die erträumte Gesellschaft  der Sozialisten, der Nationalisten oder der Christen.

Zum Abschluss dieses Buches habe ich mich entschieden, das dauerhafte Wirken dieser Werte in einem zentralen Bereich zu beobachten, dem der Einwanderung. Die Begegnung mit dem Fremden, der von draußen kommt, zwingt die vielfältigen europäischen Gesellschaften zu einer Selbstbestimmung. Europa, das demografisch durch seine geringe Fruchtbarkeit niedergedrückt wird, braucht Einwanderer. Die Beibringung von Fremden auf seinen Boden ist eine der Bedingungen für sein Überleben. Alle europäischen Gesellschaften werden in den kommenden Jahren für die Einwanderer eine soziale Eingliederung der einen oder anderen Art definieren, ihren Status in der Gesellschaft definieren müssen. Die Fremden sind meistens Arbeiter. Ihr Alphabetisierungs- und Qualifikationsniveau erlauben im Allgemeinen keine Eingliederung auf einem höheren Niveau der sozialen Struktur. In genau dem Moment, wo die Ideologien verschwinden, die vom Proletariat und von der Nation träumen, stellt das Niederlassen neuer Menschengruppen ganz konkret einige wesentliche Fragen, die die Definition der Klasse und der Nation betreffen. Die Geschichte könnte nicht listiger, boshafter oder perverser sein.

Die von den verschiedenen europäischen Gesellschaften gegebene Antwort ist nicht einheitlich. Sie hängt einmal mehr von den traditionellen Werten von Freiheit oder Autorität, von Gleichheit oder Ungleichheit ab. Die Wahl der drei Großen der Immigration in Europa – Frankreich, Deutschland und Großbritannien –  ist verschieden und diese Verschiedenheit spielt in einem neuen oder sogar künftigen Bereich wieder die unendliche Partie der Unterschiede zwischen europäischen Kulturen durch. Werden die Einwanderer frei und gleich sein? Werden sie eine abgetrennte Kategorie, ein Stand des Ancien Régime sein, das im Herzen der postindustriellen Gesellschaft wiederbelebt wird? Werden sie frei, aber verschieden sein? In der Annäherung an das Jahr 2000 scheinen die postindustriellen Gesellschaften den anthropologischen Zwängen noch nicht entkommen zu sein, die sie aus den Gründerzeiten geerbt haben.
Frankreich bleibt im Jahr 1990 der Erbe Roms. Die Werte von Freiheit und Gleichheit erlegen ihm  weiter das Dogma einer notwendigen Assimilation der eingewanderten Bevölkerungen auf, seien diese europäischen, islamischen, afrikanischen oder asiatischen Ursprungs, selbst wenn die statistischen Daten nicht erlauben, die Macht des assimilierenden Mechanismus zu belegen. Die Anwesenheit eines großzügigen Staatsbürgerschaftsrechts, das automatisch die Französisierung von 95% der in Frankreich geborenen Kinder sicherstellt, beweist alleine noch nicht, dass die Einwandererkinder wirklich freie und gleiche Bürger werden. Um zu assimilieren, reicht es nicht aus, die Gleichheit der Rechte und Pflichten zu dekretieren. Es ist auch notwendig, dass sich französische und eingewanderte Bevölkerungen durch Heirat und die Produktion von Kindern mischen, die nicht in der Lage sind, eine eindeutige und getrennte Herkunft zu definieren. Der Prozess hat höchstwahrscheinlich schon begonnen, aber die französische Verwaltungspraxis, die sich weigert, Individuen gemäß ihrer religiösen oder ethnischen Herkunft zu registrieren, verbietet jede empirische Analyse des Phänomens der Bevölkerungsmischung. Diese administrative Praxis illustriert übrigens aufs Schönste die Kohärenz der Gründungsprinzipien der Republik, die individualistisch und egalitär sind.

Es ist paradoxerweise die Existenz des Front National, die erlaubt hat, 1988 empirisch die Fortdauer der liberalen und egalitären französischen Tradition im Bereich der Assimilation zu verifizieren. Die Infragestellung des Staatsbürgerschaftsrechts, die die extreme Rechte gefordert hat und die die Regierung Chirac für einen Moment akzeptiert hat, wurde von der Bevölkerung verweigert. Das war die wahre Auskunft der Fieberanfälle in den Wahlen von 1988. Der Anstieg des Front National auf 14,5% darf das wesentliche Phänomen dieser Periode nicht verdecken: die Wiederwahl mit 55% der Stimmen eines sozialistischen Kandidaten, der beschuldigt worden war, Einwanderern das Wahlrecht geben zu wollen. Die zeitweilige Ausrichtung der Regierung Chirac auf die Thematik des Front National zum Ausschluss (der Einwanderer) hat nur ein konkretes Ergebnis gehabt: die Niederlage einer Rechten, die sich gegen die nationale Tradition positioniert hatte. Es bleibt abzuwarten, ob diese Tradition standhalten kann gegen ein dauerhaft erhöhtes Niveau von Einwanderung aus der Dritten Welt.

Die Bedrohung durch die extreme Rechte, eine Folge des Zerfalls der Arbeiterklasse, der kommunistischen Partei und der katholischen Kirche, hat also komischerweise zunächst das  traditionelle französische Konzept der Gleichheit der Menschen reaktiviert, das oberflächlich durch die Mode vom „Respekt vor dem Unterschied“ geschwächt worden war, die zwischen 1968 und 1980 aus der angelsächsischen Welt importiert worden war. Die Bewegungen der französischen  Wählerschaft entziehen sich der Kontrolle der kulturellen, politischen oder intellektuellen Eliten, d.h. der bewussten Sphären der Gesellschaft. Der Egalitarismus ist im nationalen Unbewussten angesiedelt. Die Wähler des Front National selbst sind wahrscheinlich verkannte Universalisten, ohne dass die Politiker der Rechten oder der Linken es bemerken. Sie fordern weniger die Vertreibung der eingewanderten Bevölkerungen ins Meer als ihre absolute Anpassung an die Sitten und Gewohnheiten der französischen Mehrheit. Die Unfähigkeit der politischen Eliten einen brutalen assimilatorischen Diskurs der Art „Die Einwanderer werden Franzosen wir alle anderen ein, ob sie es nun wollen oder nicht“ hat die Entstehung des Front National begünstigt. Das elitäre Gerede über das Recht auf den Unterschied erzeugt Inkonsistenz und Angst im Land des universellen Menschen.

Im Land der Ordnung und der Hierarchie, in Deutschland, führt die Anwesenheit von Einwanderern zu sehr verschiedenen Reaktionen. Das Staatsbürgerschaftsrecht wird weder in Frage gestellt noch geändert. Es stellt sicher, dass 95% der Kinder, die in Deutschland mit ausländischen Eltern geboren werden, auch Ausländer bleiben. Um 1989 waren 70% der in Deutschland lebenden Ausländer im Land geboren. Dieses sehr klare rechtliche System erlaubt übrigens zu verifizieren, dass Mischehen in Deutschland sehr selten sind. Die Gesamtheit der juristischen und sozialen Mechanik führt auf deutschem Boden zur Gründung eines Ausländerstandes, ein modernes Analogon der Stände des Ancien Régime, ein unfreiwilliger Nachfolger des Proletarierstandes im wilhelminischen Deutschland. Die Nichtintegration der Türken in Deutschland reproduziert in verschärfter Form die negative Integration des sozialdemokratischen Proletariats der Jahre 1880-1914. Der ethnische und religiöse Unterschied erneuert und steigert um ein Vielfaches eine Tradition der Separation der Arbeiterschaft, denn die Einwanderer sind natürlich mehrheitlich Arbeiter. Wenn sich das Einbürgerungsrecht und die Sitten in Deutschland nicht ändern, wird das Land seine traditionelle Ständestruktur wiederfinden. Die Homogenisierung der deutschen Gesellschaft, die Mischung der Klassen, die im Zweiten Weltkrieg gründlich umgesetzt worden ist[1], wird dann nur einige Jahrzehnte angedauert haben.  Die Repräsentation der Ausländer als Körperschaft auf der lokalen Ebene institutionalisiert den segmentierten und hierarchischen Charakter der deutschen Gesellschaft. Sie bestätigt, dass die Eingewanderten nicht als Individuen existieren. Die negative Integration erstreckt sich auf das religiöse Feld: gegen Ende der 80er Jahre führt das deutsche statistische Jahrbuch, das es gewöhnt war, Katholiken und Protestanten zu unterscheiden, eine neue Kategorie ein, die Moslems.

Deutschland und Frankreich, die an ihre jeweiligen autoritären und inegalitären bzw. liberalen und egalitären Werte gefesselt sind, verhalten sich weiterhin wie zwei gegensätzliche Pole in Europa.

Großbritannien macht seinerseits weiter mit einem Fahren auf Sicht und wird dabei von Konzepten geleitet, die dazwischen liegen. Sein nichtegalitärer Individualismus produziert eine bestimmte Wahrnehmung des Einwanderers. Während es am Anfang sehr offen war, verschließt sich Großbritannien nach und nach der Einwanderung  aus dem Neuen Commonwealth, d.h. aus den ehemaligen nicht-weißen Kolonien. Diese Schließung verhindert nicht die Stabilisierung einer bedeutenden Population mit britischer Staatsangehörigkeit auf britischen Territorium, die aber aus Afrika, von den Antillen, aus Pakistan oder Indien stammt. Wie in Frankreich stimmt die Nationalität bereits nicht mehr mit der ethnischen Herkunft überein. Umso mehr als Großbritannien im Gegensatz zu Deutschland bereitwillig Einbürgerung praktiziert. Aber es scheint so, dass man in Großbritannien mehr als in Frankreich der Entstehung ethnischer Ghettos beiwohnt, einem Rückzug der Gemeinschaften antillischen, muslimischen oder indischen Ursprungs auf sich selbst. Die Mechanik des Respekts vor dem Unterschied produziert unweigerlich diese Effekte. Die Sitten sind objektiv verschieden: die Assimilation erfordert die Zerstörung dieser Unterschiede, eine Anstrengung der Respektlosigkeit. In diesem Stadium der Analyse scheint die britische Praxis auch eine Trennung des deutschen Typs zu finden, weil sie ebenfalls das Prinzip der Gleichheit nicht kennt. Aber die englische Kultur ist zutiefst individualistisch und kann es nicht verhindern, das Individuum jenseits der Rasse, der Ethnie und der Religion wahrzunehmen. Sie erlaubt Anpassungen und individuelle Erfolgsgeschichten, die im autoritären System undenkbar sind. Der reine Individualismus erlaubt eine Häufigkeit von Mischehen, die nicht vernachlässigbar ist[2]. Der englische Liberalismus duldet auch eine große Autonomie der Immigranten. Insgesamt ermutigen diese Charakteristiken eine Selbstorganisation der ethnischen Gemeinschaften und ihre Teilnahme als Gruppe am Spiel der britischen Institutionen. Die islamischen oder farbigen Bevölkerungen wählen Repräsentanten in die  Kommunalräte und selbst ins Parlament. Die Anwesenheit in Großbritannien von Abgeordneten oder Kommunalräten, die aus „ethnischen Minderheiten“ hervorgegangen sind (ein Phänomen, das in Frankreich keine Entsprechung in derselben Größenordnung hat) zeigt gleichzeitig die Offenheit des britischen politischen Systems und die Geschlossenheit des sozialen Systems. Sie legt die Entstehung eines liberal-differenzierenden Modells nahe, das bereits in den USA im Vollausbau wirkt.

Die Entstehung einer spezifischen Repräsentation der ethnischen Minderheiten in Großbritannien erinnert seltsam an die Entwicklung einer spezifischen Repräsentation der Arbeiterschaft zu Anfang des (20.) Jahrhunderts. Die ersten Gewählten von Labour im House of Commons waren häufig Arbeiter, getreue Abbilder ihrer Gemeinschaften. Die geschlossenen Gemeinschaften der Bergarbeiter lieferten der Arbeiterbewegung besonders solide Stützpunkte. War die englische Arbeiterklasse vielleicht am Ende von fast 200 Jahren Industrialisierung eine eigene ethnische Gruppe geworden? Die antillischen oder pakistanischen Gemeinschaften scheinen an dem Punkt zu sein, dass sie diese Geschichte im Zusammenhang mit Wahlen wiederholen, die gleichzeitig auf Unterschieden bestehend und individualistisch ist.

Einer der Gemeinplätze der aktuellen soziologischen Literatur ist es, über die Fähigkeiten der verschiedenen Einwanderergruppen zu spekulieren, sich zu integrieren[3]. Man unterstreicht, dass die Einwanderer bis zu einem bestimmten Datum europäischen Ursprungs und christlich waren und dass die Existenz eines gemeinsamen kulturellen Hintergrundes den autochthonen und eingewanderten Bevölkerungen den Prozess der Integration erleichterte. Man unterstreicht auch, dass die Einwanderung aus der dritten Welt spezifische Probleme verursacht, weil sie Völker in Kontakt versetzt, die verschiedene familiäre und religiöse Traditionen mitbringen, manchmal gegensätzliche. Durch ganz Europa hindurch fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die eingewanderten islamischen Gruppen, die in Großbritannien, Frankreich und Deutschland stark vertreten sind. Die schwarzen Bevölkerungen in Großbritannien und Frankreich beunruhigen weniger, weil ihre Kultur schon bei der Abreise teilweise europäisch war. Die Bewohner der Antillen sprechen Englisch oder Französisch. Die familiären Gewohnheiten der afrikanischen und antillischen Bevölkerungen gewähren übrigens den Frauen eine sehr große Autonomie und passen sich sehr gut den französischen und britischen Sitten an. Die islamische Kultur erscheint den Europäern im Gegenzug essentiell antifeministisch: sie zieht alle Besorgnisse, alle Ablehnungen auf sich. Man kann einen gewissen Widerstand der islamischen Bevölkerungen gegen die Assimilation nicht leugnen, weil der familiäre Unterschied durch die Existenz eines alten und kohärenten religiösen Systems gestärkt wird.  Aber man muss auch feststellen, dass überall im Europa der Jahre 1985-1990 die Frauen islamischer Abstammung nach und nach ihre Fruchtbarkeit an die der umgebenden europäischen Bevölkerungen anpassen. Die algerischen Frauen haben immer weniger Kinder in Frankreich. Die türkischen Geburtenraten in Deutschland gehen zurück. Die Frauen pakistanischen Ursprungs entwickeln sich in Großbritannien  in Richtung der familiären und sexuellen Gewohnheiten des europäischen Typs. Kein Indikator bringt klarer ans Licht, dass der Widerstand der islamischen Bevölkerungen gegen die Assimilation zu einem erheblichen Teil ein Mythos ist. Die Wahrheit ist ganz einfach, dass keine Kultur, die aus der dritten Welt hervorgegangen ist, mehr als eine Generation der Auswalzung durch die postindustrielle europäische Kultur widerstehen kann, die übergriffig und dominierend ist. Der Widerstand kann nur ein letztes Ehrengefecht sein. Die islamische Religion selbst ist mehr als  bedroht. Sie hätte vielleicht in  einer gläubigen und verfolgenden christlichen Welt überleben können. Im gleichmäßig dechristianisierten, agnostischen Europa der Jahre 1990-2000, sind die Überlebenschancen des Islam ungefähr Null. Während wir uns dem Jahr 2000 nähern erscheinen Türken, Araber und Pakistani ganz und gar geeignet für die Assimilation. Das wirkliche Problem, da wo es existiert, befindet sich nicht auf der Seite der eingewanderten Bevölkerungen, sondern auf der Seite der aufnehmenden Bevölkerungen, von denen einige entsprechend ihrer Tradition fähig erscheinen zu assimilieren, während sich andere durch gegenteilige Traditionen daran machen auszugrenzen. Die britischen, französischen und deutschen Reaktionen zur islamischen Assimilation sind verschieden, wie es ein oder zwei Jahrhunderte zuvor die Reaktionen zur Assimilation der Juden waren – gefordert von Frankreich, akzeptiert von Großbritannien und verweigert von Deutschland. Die Juden stellen in Europa nicht mehr die Idee der Andersartigkeit dar. Auf der Ebene eines Planeten, der durch die Beschleunigung der Kommunikation und des Austauschs vereint wird, erscheint das Judentum nur noch als eine Komponente der jüdisch-christlichen Tradition unter anderen. Während wir uns dem Jahr 2000 nähern, ist es der Islam, der im kollektiven Unbewussten der diversen Nationen Europas die Idee des Unterschieds verkörpert. Ironischerweise ist der islamische Unterschied dabei, in einem Europa, das seine Einheit sucht, die Fortdauer fundamentaler Unterschiede zwischen europäischen Kulturen offen zu legen. Wenn das Kind des Algeriers französisch wird, wenn das Kind des Türken ein Türke bleibt, der in Deutschland lebt, wenn das Kind des Pakistaners ein besonderer Typ eines britischen Bürgers wird: wer wird dann im Jahr 2000 Europäer sein? Die Anwesenheit von Immigranten reaktiviert in Europa den Konflikt zwischen französischen, deutschen und britischen Konzeptionen der Staatsbürgerschaft. Für einen Kontinent, der versucht, eine gemeinsame Bürgerschaft zu definieren, ist das ein kapitales Problem. Von der Fähigkeit der europäischen Völker, diese tausendjährigen, eher anthropologischen als politischen Unterschiede zu überwinden, hängt die Form Europas ab, vielleicht sogar seine reelle Existenz.

Wird Europa universalistisch sein? Wird es Respekt vor dem Unterschied haben? Wird es ethnozentrisch sein? Die Europäer werden sich nicht definieren können, ohne sich über die Definition des Anderen einig zu werden.

[1] Zur Homogenisierung der deutschen Gesellschaft durch den Nationalsozialismus und den Krieg siehe die Zusammenfassung von David Schönbaum Die braune Revolution

[2] Für einige Zahlen siehe D. Coleman „Ethnic intermarriage in Britain“ Population Trends, 40, S.4-9. Ehen zwischen Antillischen und „Weißen“ sind häufiger als zwischen Pakistanis und „Weißen“. Ähnliche Studien gibt es für Frankreich nicht. Genaugenommen bringt die Existenz selbst von Untersuchungen in Großbritannien, die die Individuen nach der Ethnie klassifizieren, das Fortbestehen eines differenzierenden Modells zum Ausdruck, selbst wenn das Resultat der Untersuchung zeigt, dass Großbritannien sehr weit vom deutschen Trennungsmodell entfernt ist.

[3] Eine rituelle Übung, der ich in La Nouvelle France geopfert habe, wo man eine Beschreibung des arabischen Familiensystems vom endogamen Typs findet (S. 233). Die Studien zur islamischen Besonderheit übertreiben im Allgemeinen das Gewicht des religiösen Faktors und unterschätzen die Bedeutung der Endogamie als Widerstandsfaktor gegen die Assimilation.