Erfindung Europas: Dänemark

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 12: Die Freiheit allein

Dänemark

Die absolute Kernfamilie hält ganz Dänemark besetzt mit Ausnahme des äußersten Südens von Jütland (Nord-Schleswig) und einigen Inseln des Südens, wo die Stammfamilie identifiziert werden kann. Es handelt sich also um eine ziemlich homogene Nation auf anthropologischer Ebene, deren Einheit natürlich durch die Insellage bewahrt bzw. geschaffen worden ist. Dänemark ist eine Ansammlung von Inseln zwischen Schweden und Deutschland. Selbst die Halbinsel Jütland, die lange Zeit durch Sümpfe vom Kontinent abgeschnitten war, kann als eine Art Insel angesehen werden. Das ideologische Schicksal dieser kleinen Nation wird also durch zwei fundamentale und widersprüchliche Faktoren entscheidend beeinflusst. Der dänische anthropologische Untergrund, die absolute Kernfamilie, führt zu rein liberalen Konzeptionen; der kulturelle Druck der beiden großen Nachbarn des Südens und Nordens, die zur selben lutherischen Sphäre gehören, aber von der Stammfamilie dominiert werden, hält den Ausdruck dieser liberalen Tendenzen im Zaum. Oberflächlich betrachtet erscheint Dänemark wie Schweden oder Sachsen von sozialdemokratischer Tradition. Die Detailanalyse der dänischen Geschichte und des dänischen politischen Lebens bringt dort aber die Bedeutung liberaler Verhaltensmuster ans Licht, so dass man im Falle dieses Landes von „Liberalismus mit sozialdemokratischer Fassade“ sprechen kann.

Religion und Freiheit

In Dänemark sind die ersten Bekundungen der Freiheit wie in England und Holland religiös. Solide in die autoritäre lutherische Welt eingeschlossen und wenig entwickelt nehmen die dänischen Inseln im 17. Jahrhundert nicht an der liberalen Mutation des Arminianismus teil. Bis zum 18. Jahrhundert erscheint die dänische Kirche als eine klassische lutherische, para-staatliche Bürokratie, die sich um die Alphabetisierung ihrer Getreuen bemüht, aber in keiner Weise die Begriffe von Hierarchie und Disziplin in Frage stellt. Die protestantische Erweckung vom Beginn des 19. Jahrhunderts ist aber in Dänemark nicht wie in Norddeutschland oder selbst in Schweden ein randständiges Phänomen, das höchstens zur Entstehung von einigen Sekten führt, die besonders im extremen schwedischen Norden bei den Lappen einflussreich waren[1]. In Dänemark führt die antirationalistische und populäre religiöse Bewegung, deren Symbol der Theologe und Dichter Grundtvig war, zu einer Neuordnung der gesamten Kirche in einem anti-autoritären Sinne. Im Jahr 1855 erlangen die dänischen Bauern das Recht, ihre Pastoren zu wählen[2]. Die traditionelle lutherische Mechanik löst sich auf. Die Entchristlichung, die am Anfang der 1880er Jahre beginnt, lässt den Liberalismus aus dem religiösen in den sozialen und politischen Bereich überwechseln.

[1] Zu den protestantischen Erweckungen in Skandinavien: K. Suolimna, „The popular revival movements“ in Nordic Democracy, S. 598-608. Zu Laestadius und den Lappen: C. Mériot, Les Lapons et leur société, S. 275-325

[2] J.-J. Fol, Les Pays nordiques aux XIXe et XXe siècles, S. 116

Eine liberale Bauernschaft

Am Ende des 19. Jahrhunderts ist Dänemark wie Schweden, Norwegen und Finnland noch eine Nation von Bauern. Die metaphysische Leere, der auf eine Phase intensiver liberaler religiöser Aktivität folgt, führt dort praktisch sofort zu einer ideologischen Mobilisierung der Bauernschaft. So gut wie überall werden Volkshochschulen gegründet; die ländlichen Gemeinschaften statten sich spontan mit Kooperativen aus[1].  In einigen Jahren strukturiert sich die dänische Landwirtschaft um, sie gibt die Getreideproduktion auf und wird ein starker Exporteur von Milchprodukten. Die Industrialisierung ist verzögert und langsam. Dänemark ist ein einzigartiges Beispiel eines wirtschaftlichen Abhebens, das fast ausschließlich auf dem landwirtschaftlichen Fortschritt begründet ist. Die dänischen Bauern werden, ebenso wie die englischen Industriellen, entschiedene Anhänger des Freihandels. Damit bringen sie ebenso sehr ihr liberales Temperament zum Ausdruck wie ihr wirtschaftliches Interesse. Man kann sich sogar fragen, ob in Dänemark die Unterstützung der Bauernschaft für den Liberalismus nicht der Umstrukturierung der Landwirtschaft vorausging und ob die Exportorientierung nicht eine praktische Konsequenz der ideologischen Ausrichtung ist.

Das Netzwerk der Volkshochschulen und der Genossenschaften erlaubt ab 1880 überall auf dem dänischen Land die Implantierung  der liberalen Partei[2], der Venstre (die „Linke“). Am Ende des 19. Jahrhunderts ist der Liberalismus in Dänemark nicht wie in Deutschland und Schweden eine bürgerliche Doktrin in der Minderheit, eine näherungsweise Imitation der triumphierenden Liberalismen von England und Frankreich. Der dänische Liberalismus schlägt Wurzeln und wird die politische Ideologie der ländlichen Welt. Das ist eine ganz normale politische Ausrichtung im Milieu der absoluten Kernfamilie.  Die Namensgebung der liberalen Partei als „Die Linke“, entstanden um die Rechte (Højre) zu bekämpfen, gibt in Dänemark wie in England die Existenz eines starken und natürlichen dualistischen Bewusstseins preis, das sich der Einstimmigkeit der autoritären und  monolithischen Gesellschaften des deutschen und schwedischen Typs entgegenstellt. Der Liberalismus kann nur funktionieren, wenn die Aufspaltung der Meinungen als ein normales Phänomen anerkannt wird. Die Konzepte von Links und Rechts institutionalisieren die Mechanik der Aufspaltung in Parteien und folglich den Liberalismus, selbst wenn sich die „links“ genannten Parteien in Dänemark wie im Frankreich der III. Republik letztlich auf der rechten Seite des politischen Schachbretts ansiedeln.
In Dänemark dominiert der Liberalismus die politische Landschaft bis gegen 1913, als die Sozialdemokratie sich als die stärkste der Parteien herausbildet[3]. Das dänische politische System wird jedoch niemals seiner liberalen Matrix entkommen.
Die Venstre ist unzweideutig eine bäuerliche Partei. Noch 1971 lässt die Karte ihrer Wahlergebnisse eine charakteristische Dominanz im westlichen Teil Jütlands erkennen, in den am dichtesten landwirtschaftlichen Zonen (Karten 74a und 74b). Die Venstre lässt es niemals daran fehlen, den landwirtschaftlichen Freihandel zu unterstützen. Diese Haltung manifestiert sich ab Anfang der 1960er Jahre in einem Willen, dem (Anm. des Übersetzers: europäischen) Gemeinsamen Markt beizutreten. Die Venstre ist jedoch keine agrarische Partei, die entstanden ist, um die Interessen einer bestimmten sozialen Klasse zu vertreten. Diese Partei definiert sich durch eine liberale politische Doktrin, die von der Bauernschaft angenommen wird. Sie ging historisch der Entstehung der anderen dänischen Parteien voran, insbesondere derjenigen der Sozialdemokratie.

In Schweden und in Finnland, wo man seit der Zwischenkriegszeit bedeutende bäuerliche Bewegungen findet, kann man von agrarischen Parteien sprechen. Ihr Machtgewinn verläuft zögerlich in den 1920er Jahren als Reaktion auf die Gründung der sozialistischen Bewegung, die sich wesentlich als Arbeiterbewegung betrachtet, selbst wenn das Proletariat wie in Finnland praktisch nicht existiert. Die schwedischen und finnischen Agrarier definieren sich auch durch ihre Ablehnung des bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts und ihr Auftauchen führt tatsächlich zur Schwächung oder Auslöschung des liberalen Einflusses im bäuerlichen Milieu. Die historische Abfolge, die erlaubt die Liberalen, Sozialisten und Agrarier in den skandinavischen Ländern zueinander in Beziehung zu setzen, ist entscheidend. In Schweden und Finnland, Ländern mit autoritärer Tradition (Stammfamilie bzw. Gemeinschaftsfamilie), die gleichzeitig sehr bäuerlich und stark alphabetisiert sind, ist die Bauernbewegung eine Konsequenz der Arbeiterbewegung. In Dänemark fügt sich die Bauernbewegung unabhängig vom sozialistischen Phänomen in die Kontinuität des bürgerlichen Liberalismus ein.

Dänemark: Wahlen zum Folketing (1929-1988)
Anteil der abgegebenen Stimmen (in %)
  Kon-ser-vative Venstre Radi-cale Venstre Sozial-
demo-
kraten
Volks-sozia-listen Sozia-listi-sche
Linke
Kom-mu-nisten Fort-schrittspartei
1929 16,5 28,3 10,7 41,8     0,3  
1932 18,7 24,7 9,4 42,7     1,1  
1935 17,8 17,8 9,2 46,1     1,6  
1939 17,7 18,2 9,5 42,9     2,4  
1943 21,0 18,7 8,7 44,5        
1945 18,2 23,4 8,1 32,8     12,5  
1947 12,4 27,6 6,9 40,0     6,8  
1950 17,8 21,3 8,2 39,6     4,6  
1953-I 17,3 22,1 8,6 40,4     4,8  
1953-II 16,8 23,1 7,8 41,3     4,3  
1957 16,6 25,1 7,8 39,4     3,1  
1960 17,9 21,1 5,8 42,1 6,1   1,1  
1964 20,0 21 5,3 42,0 6,0   1,3  
1966 18,7 19,3 7,3 38,2 10,9   0,8  
1968 20,4 18,6 15,0 34,2 6,1 2,0 1,0  
1971 16,7 15,6 14,3 37,3 9,1 1,6 1,4  
1973 9,2 12,3 11,2 25,7 6,0 1,5 3,6 15,9
1975 5,5 23,3 7,1 30,0 4,9 2,1 4,2 13,6
1977 8,5 12,0 3,6 37,1 3,9 2,7 3,7 14,6
1979 12,5 12,5 5,4 38,3 5,9 3,6 1,9 11,0
1981 14,4 11,3 5,1 32,9 11,3 2,6 1,1 8,9
1984 23,4 12,1 5,5 31,6 11,5 2,7 0,7 3,6
1987 20,8 10,5 6,2 29,3 14,6 1,4 0,9 4,8
1988 19,3 11,8 5,6 29,8 13,0 0,6 0,8 9,0
Quellen: für die Jahre 1929-1943 Statistisches Jahrbuch von Dänemark 1945; für die Jahre 1945-1988 spätere Ausgaben

[1] Zu den Volkshochschulen und den Genossenschaften zwischen 1870 und 1900: P. Manniche, Denmark a Social Laboratory, S. 41-135.

[2] Zur Entstehung der dänischen Parteien K.E.Miller, Government and Politics in Denmark, S. 57-94.

[3] Das Allgemeine Wahlrecht wird durch die Verfassung von 1915 eingeführt. Seit 1849 haben jedoch alle unabhängigen Individuen männlichen Geschlechts das Wahlrecht, eine Regel, die die Dienstboten ausschließt. Ohne vollständig repräsentativ zu sein, drücken die Wahlen vor 1915 die Haltungen des Volkes aus, nicht nur die Vorlieben der bürgerlichen Eliten.

Sozialistische Unentschiedenheiten

Der dänische Sozialismus wird im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts unter deutschem Einfluss geboren. Sein Programm von Gimle von 1876 folgt mit einem Jahr Abstand auf das von Gotha, das den wirklichen Beginn der deutschen Sozialdemokratie markiert. Man findet bei den dänischen Sozialisten eine marxistische Terminologie wieder, die eine Sozialdemokratie wie die anderen anzukündigen scheint. In Wahrheit stellt die europäische Ausdehnung des Sozialismus der dänischen  Kultur dasselbe Problem wie diejenige des Protestantismus dreieinhalb Jahrhunderte zuvor. Die geringe Größe des Königreichs erlaubt ihm nicht, sein liberales Temperament ganz und offiziell zum Ausdruck zu bringen. Dänemark übernimmt deshalb also die äußerlichen Formen der Sozialdemokratie, wie sie die äußerlichen Formen des Lutherismus akzeptiert hatte. Es kann es nicht besser machen, weil das kulturelle Gewicht Deutschlands lokal in beiden Epochen besonders stark war. Die Reformation folgt auf den deutschen Aufbruch des 15. Jahrhunderts; die Entwicklung der Sozialdemokratie fällt in der Zeit und im Raum zusammen mit dem machtpolitischen Aufstieg  des 2. Deutschen Reiches. Von Bismarck 1864 während des 2. Preußisch-Dänischen Krieges vernichtend geschlagen, der ihm zwei Fünftel seines Territoriums amputierte, ist Dänemark gezwungen, Deutschland ernst zu nehmen —  am Ende des 19. ebenso wie in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Es bleibt ihm nur übrig, bei der deutschen Welt die Sprache des Staatssozialismus auszuleihen, der sich von den autoritären Traditionen der Stammfamilie ableitet. Ab den 1930er Jahren tritt Schweden die Nachfolge Deutschlands als regionales Modell der staatlichen Integration an. Die Sozialdemokratie erringt dort die Vorherrschaft und ihre ökonomischen Erfolge, die zum Schluss ganz Europa beeindrucken, müssen das benachbarte Dänemark beeinflussen, das weniger Bevölkerung hat und weniger industrialisiert ist. Auf der Ebene der skandinavischen Welt gibt Schweden das Bild einer Großmacht ab oder zumindest das eines großen Bruders. Aber die Übernahme der äußerlichen Formen des sozialdemokratischen Rituals erstickt das dänische liberale Temperament nicht. Die wirklichen Mechanismen des politischen Lebens zeigen die Hartnäckigkeit der familiären Determinante.

Ermutigt durch die deutsche und schwedische Nähe in einer Zeit, in der die Gesamtheit der lutherischen Welt in den Staatssozialismus umzukippen schien, drängte sich die „Sozialdemokratie“ schnell als eine der bestimmenden Kräfte des dänischen politischen Systems auf. 1913 überholt ihr Wahlergebnis zum ersten Mal das der Liberalen, und in der Mitte der 20er Jahre wird die sozialdemokratische Partei klar die erste des Landes. Sehr schnell zeigt der dänische Sozialismus jedoch einen Hang zur ideologischen und politischen Gleichgültigkeit, die seiner englischen und holländischen Cousins würdig ist. Von 1909-1910 unterstützte die sozialdemokratische Partei die von der „radikalen Linken“ (Radikale Venstre) gebildete Regierung, einer Formation, die aus einer  fortschrittlichen Abspaltung von der liberalen Partei entstanden war. Sie tut es zwischen 1913 und 1920 noch ein Mal. In der Folge erlaubt die Tolerierung oder Stützung der radikalen Linken die Bildung sozialdemokratischer Minderheitsregierungen  oder Koalitionen von 1924-26, von 1929 bis zum Krieg, zwischen 1947 und 1950, zwischen 1953 und 1964[1].

Die Sozialisten dominieren das dänische parlamentarische Spiel, aber sie haben nicht wie ihre schwedischen  Gegenstücke eine Vormachtstellung. Die Rechte, die sich aus den liberalen und den konservativen Parteien zusammensetzt, ist nicht wie in Schweden an den Rand gedrängt. Sie bleibt eine mögliche Regierungskraft. Der Sozialismus ist in Dänemark in der Minderheit. Er erreicht 1935 in der Spitze 41,6% der abgegebenen Stimmen, um am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf Ergebnisse um 40% herum zurückzufallen. Die schwedische Sozialdemokratie erreicht 1932 46% der Stimmen und fällt vor 1973 niemals unter 45%. Zwei Mal überschreiten die schwedischen Sozialisten 50% der Stimmen, zuerst 1936 und 1940 und dann erneut 1968. Der Autoritarismus der Regionen der Stammfamilie nährt eine allgemeine Bereitschaft, dominierende politische Kräfte zu definieren, manchmal vorherrschende, seien sie sozialdemokratisch, christdemokratisch oder ethnozentrisch- nationalistisch. Die Schwelle von 45% der abgegebenen Stimmen, die von der ersten regionalen politischen Kraft erreicht und lange Zeit gegen eine fragmentierte Opposition gehalten wird, ist also einer der häufigen Indikatoren der Stammfamilie – ein Indikator, den man in Dänemark nicht findet. Mit einer ersten Kraft, die sich um die 40% bewegt, und einer regierungsfähigen Opposition definiert sich das Königreich Dänemark als ein fragmentiertes und liberales System, ein politisches Spiegelbild der absoluten Kernfamilie.
Wenn die schwedische Sozialdemokratie nicht die absolute Mehrheit erhält, kann sie auf die Unterstützung oder die wohlwollende Enthaltung von 3 bis 5% kommunistischer Stimmen zählen. Zu dieser erdrückenden Kraft muss häufig die der Agrarier hinzugerechnet werden,  die der Sozialdemokratie in der ganzen Zwischenkriegszeit näher steht als der Rechten. Der dänische Sozialismus muss seinerseits seine Verbündeten rechts von sich finden, im liberalen Lager. Die radikale Linke, seine institutionelle Verbündete während eines halben Jahrhunderts, gewährleistet seinen Regierungsvorrang, garantiert aber auch die Kontinuität der liberalen Tradition sogar im Inneren des sozialistischen Lagers. Die radikale Linke ist keine große Partei, aber ihre Anwesenheit und ihre fortwährende Rolle symbolisieren die liberale Natur des dänischen ideologischen Systems.

Die schwedische Sozialdemokratie ist dominant. Der dänische Sozialismus ist dauerhaft unter liberaler Aufsicht. In dem Maße, wie die Venstre im Allgemeinen schwerer wiegt als die dänische konservative Partei, kann man es so sehen, dass der Liberalismus zwischen 1920 und 1964 im Herzen des dänischen politischen Systems bleibt. Er kontrolliert die Linke und dominiert die Rechte.

Die absolute Kernfamilie ist nicht nur liberal, sie ist auch nicht egalitär und begünstigt folglich das Prinzip der Differenzierung. In einem Land, das einheitlich die absolute Kernfamilie vorweist (die  Ausnahme von Nordschleswig und der Insel Fünen außer Acht gelassen), einheitlich von lutherischer Tradition und einheitlich entchristlicht, können die sozialen Unterschiede zwischen Individuen nur ökonomisch sein. Die Bedeutung des Berufs bei der Definition des Status ist ein Gemeinplatz in der dänischen Soziologie. Die typisch dänische Gewohnheit, den Beruf eher als den Vornamen zu nutzen, um im Telefonbuch die alphabetische Reihenfolge der Individuen zu definieren, die denselben Familiennamen besitzen, macht die Bedeutung der sozio-ökonomischen Klassifikation offensichtlich[2]. Grundsätzlicher betrachtet, ist kein europäisches System politischer Parteien mehr ein Abbild der wirtschaftlichen Schichtung als das dänische: die Sozialdemokratie ist die Partei der Arbeiterklasse, die Venstre die der Bauern, die Konservative Partei die Partei der urbanen Mittelschichten[3] – vielleicht müsste die Radikale Venstre als die Partei der Kleinbauern und der Intellektuellen betrachtet werden. Dieses Zusammenfallen von Parteien und Klassen drückt sich auf der Ebene der Karten aus. Die Venstre ist stark in den landwirtschaftlichen Zonen mit mittelgroßen Höfen von Jütland (Karten 74a und 74b). Die Radikale Venstre ist ziemlich bedeutend auf den Inseln und entspricht also den alten Gebieten großer Güter, wo in unserer Zeit die Kleinbauern dominieren (Karten 75a und 75b). Die konservative Partei ist vor allem im urbanen Milieu, besonders im Ballungsraum Kopenhagen, vertreten (Karte 76b). Was die sozialdemokratische Partei angeht, ist sie gleichmäßig über das Staatsgebiet verbreitet wie die dänische Arbeiterklasse, weil sie einer diffusen Industrialisierung entsprungen ist, die auf der Nahrungsmittelindustrie und der Elektrotechnik gründet.

Man findet hier den englischen oder holländischen Mechanismus der Koexistenz in der Verschiedenheit wieder, der hier eher auf ökonomische Klassen als auf religiöse oder ethnische Gruppen angewendet wird. Diese Situation ist charakteristisch für eine Gesellschaft, die nicht an die Existenz eines universellen Menschen glaubt, der über die Erscheinungsformen der Religion, der Ethnie und der Klasse hinausreicht. Der Vergleich der dänischen und schwedischen Fälle erlaubt zu präzisieren, dass die liberale Eigenschaft des familiären und sozialen Systems die differenzierende Mechanik der inegalitären Eigenschaft noch betont. In Schweden trennt die Stammfamilie, die offen  inegalitär und autoritär ist, die Klassen, bringt aber ein Bestreben mit sich, die Gesellschaft vertikal zu integrieren. Sie begünstigt eine Liebe zum Staat, die gewiss die Gruppen dazu bringen kann, sich um seine Kontrolle zu schlagen, die sie aber auch in einer gemeinsamen Verehrung vereinen kann. In Dänemark unterscheidet die absolute Kernfamilie die Gruppen durch ihre nicht-egalitäre Eigenschaft, sie bringt sie aber in keinerlei Staatsbewunderung wieder zusammen. In der Praxis trennt sie besser. Ganz konkret veranlasst die Liebe zum Staat in Schweden ein Gutteil der Mittelklassen zur Unterstützung der Sozialdemokratie. In Dänemark gibt es nichts dergleichen, und der Sozialismus ist schwächer, da rein eine Angelegenheit der Arbeiter.

[1] Zur politischen Geschichte Dänemarks, K.E. Miller Government and Politics in Denmark, S. 34-56.

[2] K.E. Miller Government and Politics in Denmark, S. 13-15 zur Kombination des Bewusstseins der Klassenunterschiede und der individuellen Mobilität. Diese Kombination findet sich auch in England; sie ist typisch für die absolute Kernfamilie, die die Individuen als verschieden ansieht, aber kaum an die erbliche Übertragung individueller Eigenschaften glaubt.

[3] Zu den Konstanten der Wahlgeografie s. K.E. Miller, S. 103-109

Null-Nationalismus und Pazifismus

Dänemark vereint alle Bedingungen für die Entstehung von dem, was man als Null-Nationalismus bezeichnen könnte. Mit seinen 5 Millionen Einwohnern von 1990 ist es eines der kleinsten Länder Europas, das vernünftigerweise nicht von weltweiten, europäischen oder auch nur regionalen Eroberungen träumen kann. Seit dem 17. Jahrhundert löscht die Macht Schwedens diejenige von Dänemark im skandinavischen Raum aus. Auch begünstigen die Werte der absoluten Kernfamilie einen aggressiven Nationalismus nicht. Ihre nicht-egalitäre Eigenschaft nährt ein starkes nationales Bewusstsein, bringt aber gar keine hierarchische Ordnung der Völker der Erde mit sich. Die liberale Eigenschaft des anthropologischen Systems unterstellt ein Recht der Völker zu koexistieren, ohne dass eine zentrale und dominierende Struktur das planetare Ganze kontrolliert.
Der dänische Nationalismus kombiniert also zwei Schwächen, die eine von den anthropologischen Werten abgeleitet, die andere von der konkreten internationalen Machtlosigkeit einer kleinen Nation. Das Ergebnis ist nicht einmal der bewaffnete Neutralismus von Ländern wie Schweden oder der Schweiz, sondern ein reiner und einfacher Pazifismus, der manchmal zur einseitigen Abrüstung führt. Am Vorabend des 2. Weltkriegs, verfügt Dänemark, obwohl es sich im Kontakt mit Hitler-Deutschland befindet, über eine Armee von 800 Männern. Der Hang zur einseitigen Abrüstung, der 1940 den Nazi-Truppen eine besonders friedliche Invasion ermöglicht, ist nicht nur typisch für die Parteien der Linken und die Arbeiterklasse. Er kann sich auch auf der Rechten zeigen, in den Mittelschichten, selbst wenn die Konservative Partei sehr wohl den zerbrechlichen nationalistischen Pol des dänischen ideologischen Systems darstellt. Die Fortschrittspartei, die 1973 als eine Abspaltung der Rechten hervortritt, will auch die einseitige Abrüstung, trotz der sowjetischen Bedrohung. Die Mitgliedschaft in der NATO, Konsequenz des desaströsen Scheiterns des Pazifismus der Jahre 1920-1940, verhindert also nicht die Aufrechterhaltung einer unterirdischen, aber mächtigen pazifistischen Strömung.

Der Null-Nationalismus schwächt offensichtlich die dänische Rechte, die sich nicht als Trägerin einer Mission behaupten kann, die über die schlichte Verteidigung der materiellen Interessen der Mittelschichten hinausgeht. Die Konservative Partei, die am stärksten der Idee der nationalen Integrität anhängt, schafft es also nicht, sich soziologisch über die städtischen Mittelschichten hinaus auszudehnen. 1971 überscheitet sie 20% der Stimmen nur im Ballungszentrum Kopenhagen. Anderswo fällt sie in der Regel unter 16%, außer in Süd-Jütland, wo die Erinnerung an die deutsche Bedrohung ein nationalistisches Element aktiviert (DK 9). Die Geschichte von Nord-Schleswig erinnert ein wenig an die von Elsass-Lothringen. Es wird Dänemark 1864 entrissen, nach dem Ende des 1. Weltkrieges wieder angegliedert, 1940 erneut erobert… Die Erinnerung an diese Prüfungen nährt dort nationalistische Haltungen, die dem elsässischen Gaullismus ähnlich sind. Das ist der Grund, warum die Konservative Partei dort 1971 zum Beispiel 17,9% der Stimmen erreicht gegen nur 12,7 und 10,7% in den Provinzen Ribe und Vejle, die unmittelbar nördlich davon liegen (DK 10 und 11). Eine gewisse Wirkung der Stammfamilie, die lokal anwesend ist und zu einem aggressiveren Ethnozentrismus führt als die absolute Kernfamilie, ist nicht auszuschließen. Eine antideutsche Wirkung der lokalen Stammfamilie wäre paradox, da ja die Anwesenheit dieses anthropologischen Typs ein gewisses familiäres „Deutschsein“ der Bevölkerungen dänischer Sprache in dieser Region offenbart. Aber die Besonderheit der Stammfamilie ist hier wie in Belgien wie in Irland, dass sie unter identischen Völkern die einen gegen die anderen aufbringt. Es ist jedoch nicht vernünftig zu hoffen, dass man zwischen Grenzeffekten und anthropologischen Effekten bei der Definition des lokalen Mikro-Nationalismus unterscheiden kann. Dasselbe Problem stellt sich übrigens auf der anderen Seite der Grenze, im deutschen Schleswig-Holstein, wo der Nazismus Anfang der 1930er Jahre seine erstaunlichsten Wahlerfolge erzielt hat. Der Nationalismus wird dort gleichzeitig durch die Stammfamilie und ein anti-dänisches Ressentiment stimuliert[1].

Insgesamt ist der Nationalismus in Dänemark ein unbedeutendes ideologisches Element, und diese Quasi-Abwesenheit bezeugt weitgehend die „sozialistische“ Orientierung des politischen Systems. Sozialistisch im allgemeinen Sinne und nicht spezifisch sozialdemokratisch. Die Arbeiterbewegung kann als die große Kraft des dänischen ideologischen Systems beschrieben werden, aber das Temperament dieses Sozialismus erscheint näher bei dem englischen oder niederländischen Labour-Typus als dem deutschen oder schwedischen sozialdemokratischen Modell.

Das sozialdemokratische Bild Schwedens, der mächtigsten der skandinavischen Nationen, sollte nicht auf die Wahrnehmung der anderen abfärben, sei es Dänemark, Finnland oder Norwegen. Alle ideologischen Systeme Skandinaviens sind sehr wohl nach links orientiert und von der sozialistischen oder Arbeiterbewegung dominiert. Aber jeder dieser Sozialismen ist besonders. In Schweden findet man tatsächlich ein sehr reines sozialdemokratisches Modell. In Finnland definiert die Existenz einer mächtigen kommunistischen Partei ein anderes Gleichgewicht. In Dänemark prägt der Abdruck des Liberalismus die sozialistische Bewegung. Die Linksorientierung, ein all diesen Ländern gemeinsames Phänomen, folgt aus gemeinsamen Faktoren. Der Lutherismus, der in allen anwesend ist, verschwindet auf besonders radikale Weise zwischen 1880 und 1930 und hinterlässt einen maximalen sozialen Raum für die Entwicklung moderner Ideologien, sozialistischer oder nationalistischer. Er hinterlässt auch als Erbe ein besonders hohes kulturelles Niveau, das die Folge einer frühzeitigen Alphabetisierung ist. In allen diesen Ländern, die auf europäischer Ebene winzig sind, ist die nationalistische Option verschlossen, weil zu offensichtlich unvernünftig. Im Kontext der Jahre 1900-1930 kann allein der Sozialismus die metaphysische Leere auffüllen, die durch das Verschwinden der religiösen Glaubensformen erzeugt wurde. Die Sozialismen vielmehr. Die Familienstrukturen wirken weiter und produzieren eine Vielfalt an skandinavischen Sozialismen. Die Stammfamilie ermutigt eine reine Sozialdemokratie in Schweden; die Gemeinschaftsfamilie begünstigt den Kommunismus in Finnland; die absolute Kernfamilie erlaubt in Dänemark die Entstehung einer Kraft, die sozialdemokratisch genannt wird, aber von ungewöhnlich liberalem Temperament ist. Was natürlich den dänischen Sozialismus von seinen englischen und niederländischen Entsprechungen unterscheidet, ist die Tatsache, dass er dominant ist, also sich gegenüber keine Kraft von rechts von gleichwertiger Größe vorfindet, wie die englische konservative Partei oder den niederländischen liberal-protestantischen Block.

[1] Die kleine dänische Nazi-Partei der 1930er Jahre ist ebenfalls in Nordschleswig zuhause, wo sie in Opposition zur lokalen deutschen Nazi-Partei steht. In den Wahlen von 1943, die während der deutschen Besatzung abgehalten wurden, erhielt die DNSAP (Dänische Nazi-Partei) 4,5% der Stimmen in Süd-Jütland im Vergleich zu 1,8% in der Gesamtheit des Landes. M. Djurssa „Denmark“ in Fascism in Europe, S. 245.

 

Erfindung Europas: Die Schweiz

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 10: Autorität und Ungleichheit, Die kleinen Nationen

Die Schweiz

Die helvetische Konföderation ist zu drei Vierteln ein Land deutscher Sprache und Kultur. 1960 sprachen 74,4% der Schweizer Deutsch, 20,2% Französisch, 4,1% Italienisch und 1% Rätoromanisch (Karte 53). Das germanische Übergewicht erscheint noch stärker, wenn man nicht den aktuellen, den erreichten Zustand der Konföderation betrachtet, sondern die Geschichte ihrer Entstehung. Die drei Urkantone Schwyz, Uri und Unterwalden, die seit 1291 verbunden sind, sind alle deutschsprachig. Die Welle der Beitritte der Jahre 1351-1352 mit Zürich, Bern, Luzern, Zug und Glarus war ebenfalls von deutscher Sprache. Die Vergrößerung der helvetischen Gemeinschaft auf Freiburg und Solothurn 1481, auf Basel, Schaffhausen und Appenzell am Anfang des 16. Jahrhunderts führt immer noch nicht aus der germanischen  Sphäre hinaus. Spät, zur Zeit der protestantischen Reformation, erlaubt die diplomatische und militärische Expansion von Bern die Annexion eines französischsprachigen Raums. Der Übertritt Genfs, des Waadtlands und der Region von Neuchâtel zum Protestantismus findet unter Berner Einfluss statt.

Wie der Rest der deutschen Sphäre wird die Schweiz durch die protestantische Reformation geteilt. Die urbanen und fortgeschrittenen Kantone folgen Zürich und Bern auf dem Weg einer besonders radikalen Reformation, derjenigen von Zwingli. Die ländlichsten oder traditionellsten Kantone wählen die Treue zum Katholizismus. Die ältesten Schweizer Kantone, Schwyz, Uri und Unterwalden gehören zum diesem harten Kern des erhaltenen Katholizismus, der sich in der mittelöstlichen Schweiz befindet (Karte 54a). Das italienische Tessin, das unter dem Einfluss von Uri steht, bleibt also im Gegensatz zur Mehrheit der französischsprachigen Zonen[1] im Orbit der katholischen Kirche.

Die religiöse Spaltung teilt die deutschsprachige Welt in zwei ungleiche Teile. Der Protestantismus, der die Mehrheit hat, stützt sich auf die urbansten, bevölkerungsreichsten und schließlich industriellsten Zonen. Der minoritäre Katholizismus befindet sich in einer defensiven Situation. Aber paradoxerweise sorgt diese Spaltung in der Konföderation als Gesamtheit für ein System mit drei Polen, das sich im Gleichgewicht befindet. Der dominierende Pol und damit der, der die Zentralisierung vorantreibt, entspricht der deutschsprachigen und protestantischen Schweiz, mit ihren Zentren in Bern und Zürich. Die beiden dominierten Pole sind jeweils die deutschsprachige katholische Schweiz und die französischsprachige Schweiz, die aber mehrheitlich protestantisch ist. Zusammen können die deutschsprachig Katholischen und Französischsprachigen (die in erster Linie protestantisch, in geringerem Maße katholisch sind) die zentralisierenden Bestrebungen des deutschen und protestantischen Herzens des Systems blockieren oder zumindest mäßigen.

Sprachliche und religiöse Gruppen in der Schweiz (1941)
Deutschsprachige Protestanten 47%  
Deutschsprachige Katholiken 28%  
Französischsprachige 20% 13% Protestanten
7% Katholiken
Italienischsprachige 3% Katholiken
Andere 1%  
Quelle: Statistisches Jahrbuch der Schweiz, 1944

Im Gegensatz zu dem, was man in Belgien beobachten kann, wo die sprachliche Spaltung keine anthropologische Spaltung überschneidet, unterscheiden sich die romanische und die deutsche Schweiz bei den Familienstrukturen. Der charakteristische Typ des germanischen Teils des Landes ist wie in Süddeutschland die Stammfamilie; derjenige des französischsprachigen Teils des Landes ist wie in der benachbarten Franche-Comté die egalitäre Kernfamilie.

Vom Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt die Schweiz eine industrielle Revolution, die derjenigen Großbritanniens auf dem Fuße folgt. Das helvetische Modell bevorzugt jedoch die Entwicklung einer höherwertigen Industrie. Ganz ohne Rohstoffe, aber reich an einer durchalphabetisierten Bevölkerung wählt die Schweiz im Gegensatz zu Großbritannien die Erzeugung komplexer Güter: Qualitätstextilien, Chemie, Uhrmacherei und sehr schnell Werkzeugmaschinen. 1880 erscheint die Schweiz neben Belgien und Großbritannien als eine sehr industrialisierte Zone. Gegen 1930 beschäftigt die Industrie in der Schweiz 45% der aktiven Bevölkerung, beinahe ebenso viel wie in Belgien.

Das schweizerische ideologische System bildet sich also auf einem bekannten Gelände: Stammfamilie, frühzeitige Alphabetisierung, religiöse Spaltung,  industrieller Entwicklungsschub. Alle diese Variablen finden sich auch im Deutschland der Jahre 1870-1930. Die Existenz einer französischsprachigen Minderheit und die Unfähigkeit des deutschsprachigen protestantischen Pols, das nationale System komplett zu kontrollieren, sind aber zwei Aspekte, die die Schweiz vom deutschen Modell wegführen. Sie erlauben, das einfache Überleben des helvetischen Föderalismus und einige Besonderheiten der Schweizer Ideologien zu erklären, handele es sich um die Sozialdemokratie oder den ethnozentrischen Nationalismus.

Die helvetische Sozialdemokratie

….

Der Schweizer Ethnozentrismus zwischen
Nationalismus und Regionalismus

Die außerordentliche Kraft des Schweizer Ethnozentrismus kommt daher, dass er sich gleichzeitig auf das nationale Gefühl und die Anhänglichkeit an den Kanton stützt. Er ist zweigestaltig: Die Bilder der helvetischen Konföderation und des Kantons stellen zwei Versionen desselben Ideals der Autonomie dar. Das Prinzip der Verschiedenheit, das von der Ungleichheit der Brüder genährt wird, erlaubt die Bejahung von zwei Partikularismen, die aufhören sich Konkurrenz zu machen, nachdem die Konföderation zwischen 1848 und 1874 ihren Gleichgewichtspunkt erreicht[1]. Auf nationaler Ebene drückt sich der Ethnozentrismus dieses kleinen Landes wie in Schweden durch eine strikte Bejahung der Neutralität aus. Das Prinzip des Unterschieds drückt sich durch einen Rückzug von der Welt aus. Der Anstieg der kantonalen Bindungen reproduziert auf regionaler Ebene diesen Rückzug von der Welt.

Im politischen System wird der Ethnozentrismus durch mehrere Parteienkräfte ausgedrückt, die beinahe alle auf den (Liberalen) Radikalismus der Jahre 1840-1880 zurückgehen. Die Schweizer Radikalen identifizieren sich mit dem Prozess des Aufbaus der Konföderation. Ursprünglich ist der Schweizer Radikalismus dem deutschen Nationalliberalismus sehr nahe, der sehr viel stärker zentralisierend und antiklerikal ist als liberal im französischen oder englischen Sinn des Konzepts. Der Schweizer Radikalismus ist liberal im deutschen Sinn: er will die Freiheit des Staats von der Kirche Roms. 1847 führen die Schweizer Radikalen gegen die im Sonderbund vereinten katholischen Kantone einen wirklichen Krieg, der die Entstehung der modernen helvetischen Konföderation erlaubt[2].

Freisinnig-demokratische und Schweizerische Volkspartei repräsentieren am Ende einer bewegten organisatorischen Geschichte schließlich das Gros der radikalen Tradition. (Die Schweizerische Volkspartei umfasst insbesondere eine agrarische Tradition). Die Fragmentierung der zentralistischen Freisinnigen Partei erlaubt es dem Nationalismus, auch die Bestrebungen der Kantone zu verkörpern.

Als der Zentralstaat erst einmal solide hergestellt war, wurde das Prinzip der Autonomie der Kantone ein funktionaler Mythos, auf den sich die Ideologie der helvetischen Autonomie stützen kann. Die Freiheit des Kantons gegenüber der Konföderation garantiert die Freiheit der Schweiz gegenüber der Welt und, vor allem, gegenüber Europa. In einem Land, in dem die Dezentralisierung auf theoretischer Ebene die Unabhängigkeit des neutralen Staates begründet, ist es natürlich, eine Fragmentierung der zentralistischen Partei zu beobachten. In ihrer gespaltenen Form kann die freisinnige Bewegung gleichzeitig die komplementären Prinzipien des Zentralismus und der kantonalen Autonomie ausdrücken.

Zusammen erreichen die verschiedenen aus dem Radikalismus hervorgegangenen Strömungen, die die beiden Ebenen des Ethnozentrismus zum Ausdruck bringen, überall in der deutschen Schweiz 50% der Stimmen, mehr als 60% der Stimmen in den beiden fundamentalen Kantonen Bern und Zürich, die mehr als alle anderen für die Zentralisierung stehen.

Der Neutralismus ist in der Schweiz wie in Schweden die charakteristischste Form des ethnozentrischen Nationalismus, die von der Stammfamilie in einer kleinen Nation erzeugt wird. In beiden Fällen verbindet sich das nationale Gefühl mit einer Identifikation mit dem „Kleinen“, mit dem „Schwachen“. Im Falle Schwedens mischt sich das Bild von der kleinen Nation mit dem von der ausgebeuteten Klasse, dem Proletariat. Die Sozialdemokratie absorbiert und nutzt das neutralistische Ideal. In der Schweiz mischt sich das Bild von der kleinen Nation mit dem vom kleinen Kanton, der von der globalen Gemeinschaft mit Absorption bedroht wird. Der Kanton ersetzt also die Arbeiterklasse als Bildnis der Schwäche. Diese Fixierung auf die lokale Gruppe erklärt die relative Machtlosigkeit der Schweizer Sozialdemokratie. Das Ideal der Integration in die Arbeiterklasse erhält zu allen Zeiten Konkurrenz durch das der Zugehörigkeit zum Kanton. Das Prinzip der negativen Integration, das typisch ist für politische Kulturen, die sich von der Stammfamilie ableiten, die die Individuen verbinden und die Gruppen trennen, identifiziert in der Schweiz die lokale Gruppe als idealen Differenziator.

[1] Die Bundesverfassung von 1848 stellt einen wirklichen Zentralstaat her. 1874 ereignet sich die letzte große zentralisierende Verfassungsreform. Zur Schweizer Verfassung siehe E.Bonjour et al. A Short History of Switzerland, S. 267-273 und 302-309.

[2] Hervorragende ideologische Beschreibung des Schweizer Radikalismus in D.L. Seiler Partis et familles politiques, S. 356-357

[1] Die Französischsprachigen des Berner Jura, des Kantons Freiburg und des Wallis bleiben jedoch katholisch.

Die romanische Schweiz und der ‚Homo helveticus‘

Die romanische Schweiz akzeptiert die ideologischen Tendenzen, die durch das deutschsprachige und protestantische Herz des Systems definiert wurden, ohne ihnen wirklich zu folgen. In den Kantonen Waadtland, Genf, Neuchâtel, äußert die Freisinnige Partei ein wirklich individualistisches Temperament. Sie hat außerdem in diesen drei Kantonen Konkurrenz von einer liberalen Partei, die um 1975 je nach Ort 14 bis 22% der Stimmen erhält[1]. Die Treue zum Kanton ist ziemlich schwach in der romanischen Schweiz, die relative Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber den lokalen Wahlen drückt sich durch eine viel weniger starke Wahlbeteiligung als in der deutschen Schweiz aus[2]. Das typische ethnozentrisch-nationalistische Ideal der Neutralität hat in der französischsprachigen Zone nicht die Mehrheit wie in der deutschsprachigen Zone. Die Volksabstimmung, eine besonders helvetische Einrichtung, ist ein sehr schönes Instrument der politischen Analyse, das es erlaubt, die Unterschiede in den Haltungen zwischen den romanischen und germanischen Regionen zu sehr präzisen Problemen zu messen. Nun ist aber die Weigerung, an internationalen Institutionen teilzunehmen, in der deutschen Schweiz immer viel stärker. 1920 ist es das massive Stimmen der romanischen Schweiz für den Beitritt, das die Schweiz in den Völkerbund eintreten lässt. Die französischsprachige Welt schafft es nicht, diesen Erfolg bei der Gründung der UNO zu wiederholen.

Durch ihre egalitären Familienstrukturen in einem soliden Glauben an den universellen Menschen gefestigt hängt die romanische Schweiz nicht voll dem nationalen Mythos eines besonderen Homo helveticus an. Das Verhalten der romanischen Schweizer ist besonders vom theoretischen Standpunkt aus interessant, weil es sich um eine von zwei europäischen Bevölkerungen handelt, deren Familienstrukturen egalitär und deren Religion protestantisch ist. Die andere ist die finnische Bevölkerung. Im französischschweizerischen und finnischen Fall ist der Protestantismus – mit seiner Doktrin von der Ungleichheit der Menschen, den geretteten und den verdammten – regionalen Gruppen durch Eroberung aufgezwungen worden, die das familiäre Prinzip der Ungleichheit der Brüder nicht kennen und die deshalb keinerlei Prädisposition für die metaphysische Ungleichheit haben. Was nun aber in der romanischen Schweiz auf ideologischem Gebiet zum Vorschein kommt, wenn das religiöse System zusammenbricht, ist der Egalitarismus der Familienstrukturen, nicht der besonders harte Inegalitarismus der calvinistischen Metaphysik. Egalitärer Liberalismus, Anarcho-Sozialismus, ein Hauch von Kommunismus, Unterstützung für universelle Institutionen: das Wesentliche der „französischen“ politischen Tradition (d.h. die der egalitären Kernfamilie) findet sich in der romanischen Schweiz wieder, nachdem der Calvinismus ausgelöscht ist. Dieses Beispiel demonstriert den Vorrang der Familienstrukturen im Prozess der Festlegung der modernen Ideologien und den zweitrangigen, vorübergehenden Charakter der religiösen Werte. Dasselbe logische Schema lässt sich im Fall Finnlands beobachten: der von Schweden aufgezwungene Lutherismus löscht dort den Egalitarismus der finnischen Gemeinschaftsfamilie nicht aus. Man sieht in dieser Region lutherischer Tradition also eine bedeutende kommunistische Partei auftauchen.

[1] Les Élections au Conseil national 1979, S. 63

Die helvetische Christdemokratie

Schweizer Harmonie und belgische Uneinigkeiten

Die Koexistenz von Bevölkerungen verschiedener Sprachen scheint der helvetischen Konföderation keine unüberwindlichen Schwierigkeiten zu machen. Germanische und Lateinische scheinen in der Schweiz eine Gleichgewichtslage definiert zu haben. Man kann Dasselbe nicht von Belgien sagen, wo Flamen und Wallonen sich im Lauf des 20. Jahrhunderts immer konfrontativer gegenüberstehen. Ein paradoxer Kontrast für einen Spezialisten der Familienstruturen: Flamen und Wallonen unterscheiden sich in nichts bei diesem fundamentalen Aspekt der anthropologischen Organisation, Deutschschweizer und romanische Schweizer sind Träger verschiedener Familienstrukturen, die sich in den Prinzipien entgegenstehen. Flamen und Wallonen sind ethnologisch ähnlicher als Alemannische und Romanische. Flamen und Wallonen haben ein Familiensystem vom Typ Stammfamilie in einer etwas weichen Ausprägung. Die deutschsprachigen Schweizer haben ein beinhartes, total deutsches Stammfamiliensystem. Die romanischen Schweizer sind auf der Familienebene den Bewohnern der Franche Comté oder des Pariser Beckens nahe. Wallonen und Flamen, die bei der Sprache verschieden, aber sonst in jedem Punkt ähnlich sind, stehen sich konfrontativ gegenüber. Allemannische und Romands der Schweiz, die in beiden Punkten verschieden sind, ertragen sich mit einem gewissen Enthusiasmus. Das Paradox löst sich auf, wenn man die Idee akzeptiert, dass die Stammfamilie die Wahrnehmung von Unterschieden nährt, von tatsächlichen oder mythischen Unverträglichkeiten, und dass die egalitäre Kernfamilie den Glauben an den universellen Menschen ermutigt, ähnlich wie man selbst, an jedem Ort und in jeder Zivilisation. In Belgien nehmen sich Flamen und Wallonen als verschieden war und bekämpfen sich, weil sie Gefangene der inegalitären Werte der Stammfamilie sind. In der Schweiz ist die Situation nicht symmetrisch. Die Deutschsprachigen, die von der Stammfamilie konditioniert sind, nehmen sicherlich die französischsprachigen als verschieden war; sie nehmen ja auch die Deutschen aus der Bundesrepublik als verschieden war! Die Wahrnehmung dieser Verschiedenheit erzeugt keinen Verfolgungswahn einer romanischen Bedrohung, weil die Französischsprachigen in der Konföderation nur eine kleine Minderheit darstellen, ein Fünftel der Bevölkerung. Die Haltung der romanischen Schweiz ist der eigentliche Schlüssel zur helvetischen Harmonie: konditioniert durch die egalitären Werte ihres Familientyps glaubt sie an den universellen Menschen und kann sich deshalb weigern, die objektiven Unterschiede zwischen deutsch- und französischsprachigen zu sehen. Sie kann also ohne Beklemmung ihre Minderheitssituation akzeptieren. Es ist diese Abwesenheit des ethnozentrischen Nationalismus in der romanischen Schweiz, die das helvetische Wunder möglich macht.

Erfindung Europas: Ursprung und Grenzen der Toleranz

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 12: Die Freiheit allein, Großbritannien

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Von der Toleranz zum Ghetto

Die Akzeptanz der Verschiedenheiten stellt jedoch die kulturellen Systeme des englischen Typs vor unüberwindliche Probleme, sobald die wahrnehmbaren ethnischen Merkmale wichtig werden, seien es Sitten oder physische Äußerlichkeiten. Nirgendwo ist es den englischen Bevölkerungen gelungen, mit Gruppen nichteuropäischen Ursprungs zu verschmelzen: nicht mit den Indianern Amerikas, nicht mit den schwarzen Bevölkerungen, die in die Neue Welt verfrachtet worden sind, nicht mit den australischen Aborigines, nicht mit den Chinesen Hong Kongs, um sich nur an einige Beispiele zu halten. Die Unfähigkeit der angelsächsischen Bevölkerungen, einmal in eine koloniale Situation versetzt, Mischlinge zu produzieren, bildet einen Kontrast mit der spanischen oder portugiesischen Leichtigkeit auf diesem Feld. Die lateinische Welt bezieht aus dem Egalitarismus ihrer dominierenden Familienstrukturen einen aktiven Universalismus, der in der Lage ist, die objektiven Unterschiede zwischen den Völkern zu ignorieren, seien sie Hautfarben oder Lebensweisen. Der Fall der alten portugiesischen und spanischen Kolonialreiche, deren Gründung ins 16. Jahrhundert zurückreicht, zeigt übrigens, dass der Glaube an die Existenz eines universellen Menschen in der Praxis sehr wohl viel älter ist als die Französische Revolution und in ihrem Fall verbunden ist mit dem egalitären Katholizismus der Jahre, die auf die protestantische Reformation folgten. In dem Maße, wie die Verschmelzung der Völker in Mexiko, in Brasilien oder in Peru durch die Vergewaltigung der eingeborenen Frauen vor sich gegangen ist, erscheint es eher exakt, vom Glauben an das Prinzip der „universellen Frau“ zu sprechen als vom Glauben an den „universellen Menschen“.
Die amerikanische Erfahrung, eine Komponente des englischen Falles vom Standpunkt der historischen Anthropologie, definiert eine praktische Grenze zwischen Toleranz und Separation. Alle europäischen Völker verschmelzen ohne Schwierigkeit in den Vereinigten Staaten, der Respekt vor den Unterschieden und den Traditionen verhindert nicht eine allgemeine Angleichung an die dominierenden Werte der angelsächsischen Welt der Gründer. Das hyperindividualistische amerikanische Familiensystem unterscheidet sich heute vom englischen Modell nur in Nuancen, und das nach Jahrhunderten der Assimilation sehr unterschiedlicher europäischer Bevölkerungen. Aber die allzu sichtbaren schwarzen Bevölkerungen sind gefangen in der Mechanik des Respekts vor dem Unterschied und hören nicht auf, ihr Ghetto zu reproduzieren. In ihrem Fall führt die Toleranz zu einer objektiven Form von Apartheid.

Kapitel 12: Die Freiheit allein, Niederlande

Juden und Schwarze

Der Liberalismus und die Gleichgültigkeit gegenüber der Gleichheit führen zu einer „individualistischen“ Konzeption des Lebens der Völker; jede ethnische Gruppe wird als eine nicht reduzierbare Individualität angesehen, die weder assimiliert oder zerstört werden kann noch muss. Wenn das fragliche Volk nahestehend ist, in seiner physischen Erscheinung und Lebensweise, führt der Respekt vor der Verschiedenheit zur Toleranz. Wenn es kulturell oder genetisch entfernter scheint, führt der Respekt vor der Verschiedenheit zu einer Spaltung rassistischer Art. Das Niederländische hat durch das Afrikaans, Sprache der calvinistischen Siedler Südafrikas, der Welt das Wort ‚apartheid‘ gegeben, das eine rassistische Institution der Separation von schwarzen und weißen Gemeinschaften bezeichnet.

In Kontakt gesetzt mit schwarzen Bevölkerungen hat die niederländische Kultur (verwandt mit der englischen Kultur, sehr ähnlich auf der familiären Ebene) das Schlimmste produziert. Aber um den differenzierenden Mechanismus gut zu verstehen, der durch die absolute Kernfamilie eingraviert ist, ist es wichtig zu verstehen, dass sie auch das Beste produzieren kann. Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft von Holland, die schließlich durch den nazistischen Besatzer während des zweiten Weltkriegs deportiert und massakriert worden ist, lässt das Potenzial der Toleranz des niederländischen kulturellen Systems erkennen.

Wenn das Maß des Antisemitismus eine einfache Funktion der Zahl von Juden wäre, die in einer gegebenen Region wohnen, hätte er in Holland und nicht in Sachsen oder Hessen um 1900 sein nordwestliches Epizentrum finden müssen. Denn Amsterdam umfasst zu diesem Zeitpunkt, anders als Leipzig oder Frankfurt, eine sehr bedeutende jüdische Bevölkerung. 1899 stellen die Juden 6% der Bevölkerung Nord-Hollands (gegenüber weniger als 1% derjenigen von Sachsen)[1]. Die Größe dieser Gemeinschaft ist allgemein wenig bekannt, weil ihre Anwesenheit in der holländischen Bevölkerung niemals messbare antisemitische Reaktionen ausgelöst hat. Das ist die Welt, aus der Spinoza stammt. In Holland waren die Juden frei wie die Arminianer, wie Descartes oder Locke, wie die Täufer. Man ist versucht zu sagen: „wie die Katholiken“, weil ja diese, die unmittelbar nach den Unabhängigkeitskriegen wie Kolonisierte behandelt wurden, sehr schnell toleriert wurden. Wenn der wahrnehmbare Unterschied nur religiös ist, produziert der absolute Individualismus eine bemerkenswerte Toleranz.

Im Fall des niederländischen Judentums ist die absolute Kernfamilie, um genau zu sein, nicht der einzige Faktor der Toleranz. Der Calvinismus, der so hart ist zu den Schwarzen von Südafrika, vereinfacht im Gegenteil die Beziehungen zwischen Christen und Juden in Europa. Im Gegensatz zum Lutherismus, der die Gesamtheit der Heiligen Schrift für sich in Anspruch nimmt, hat der Calvinismus, orthodox oder arminianisch, im Grunde nur eine Leidenschaft für das Alte Testament, ein Merkmal, das ihn in der Praxis dem Judentum nahebringt. Der Lutherismus ist ebenso sehr wie der Katholizismus den Evangelien, dem Kreuz und Christus treu. Der Calvinismus glaubt im Grunde nur an den Ewigen und macht aus Christus ein Person geringerer Bedeutung. Wenn sie die Bibel lesen und die Leiden des hebräischen Volkes kommentieren, sind die Calvinisten das Volk Israel. Dieser Mechanismus absoluter Identifikation erklärt wahrscheinlich unabhängig von anderen Faktoren wie dem Familiensystem den relativ leichten Antisemitismus in den Gemeinschaften der calvinistischen und biblischen Tradition. Sogar in Deutschland: die calvinistisch-orthodoxen Minderheiten stellen dort unter Hitler das Gros der Getreuen der Bekennenden Kirche, die im Gegensatz zu den diversen lutherischen Bürokratien, dem nazistischen Dogma widerstehen[2]. Der ursprünglich calvinistisch-arminianische Hintergrund der Vereinigten Staaten erklärt zum Teil die diplomatische Treue Amerikas zum Staat Israel. Für England muss an zwei Tatsachen erinnert werden. Cromwell, puritanischer Anführer und Bibelleser, führt für die Juden das Aufenthaltsrecht auf englischem Boden wieder ein. Zwei Jahrhunderte später ist England der erste der europäischen Staaten, der von einem Premierminister jüdischer Herkunft, Disraeli, regiert wird.
In den Niederlanden könnte die calvinistische Komponente zu einer Erklärung des Streiks der Hafenarbeiter von Amsterdam beitragen, der im Februar 1941 geführt wurde, um gegen die Verfolgung der niederländischen Juden zu protestieren[3]. Dieses Beispiel aktiver Solidarität, das selten ist in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, geht über einfache Toleranz hinaus und setzt einen gewissen Grad kultureller Affinität voraus.

Fragmentierung und Toleranz

Das liberale aber nicht egalitäre soziale Leben, das sich von den Werten der absoluten Kernfamilie ableitet, erlaubt also die friedliche Koexistenz von sehr verschiedenartigen sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen.

Das liberale Merkmal der absoluten Kernfamilie erlaubt den verschiedenen Gruppen sich gegenseitig wie respektable Persönlichkeiten in einer nicht autoritären Gesellschaft zu betrachten, in der sich nicht die Frage nach dem einzigen Schlussstein stellt, der das Ganze dominiert. Die autoritäre Stammfamilie verlangt im Gegensatz dazu die vertikale Integration der Gesamtheit der sozialen Struktur, die Unterwerfung aller Untergesellschaften unter eine einzige Macht. Der Kampf um diese Macht bringt die rivalisierenden Blöcke gegeneinander in Stellung in einem Konflikt, dessen letztliches Ziel nur eine komplette Beherrschung der Gesellschaft sein kann.

Die Abwesenheit des Prinzips der Gleichheit, gemeinsames Merkmal der anthropologischen Typen absolute Kernfamilie und Stammfamilie, erklärt in beiden Fällen den Mechanismus der Trennung der Blöcke. Die An- oder Abwesenheit des autoritären Merkmals bestimmt den gewalttätigen oder friedlichen Charakter der Trennung.

[1] Volkszählung von 1930, Band 9, S.58-59

[2] Zur Bekennenden Kirche und der speziellen Rolle der Reformierten (der Calvinisten) siehe K.S. Latourette, Christianity in a Revolutionary Age, Band 4, S. 262-266

[3] M. Braure, Histoire des Pays-Bas, S. 117

 

 

Erfindung Europas: Vorwort zur 2. Auflage

Übersetzung aus dem Buch „L’invention de l’Europe“ von E. Todd
Vorwort zur zweiten Auflage von 1995

Dieses Buch ist nicht „für“ oder „gegen“ Europa geschrieben. Sein Ziel ist die Verifikation einer Hypothese über die Existenz einer Verbindung zwischen der Vielfalt der regionalen Familienstrukturen und gewissen Phänomenen religiöser, kultureller, wirtschaftlicher, ideologischer Divergenzen, die für die Jahre von 1500 bis 1990 charakteristisch waren. Ich hatte diese These auf globaler Größenordnung schon in den Werken „Der dritte Planet: Familienstrukturen und ideologische Systeme“ (1983) und „Die Kindheit der Welt: Familienstrukturen und Entwicklung“ (1984) getestet, aber auf mehr summarische Art.
Die für die Abfassung von „Die Erfindung Europas“ notwendigen Forschungen zogen sich über die Jahre 1984-1990 hin, einer Epoche, in der die europäische Vereinigung nicht Gegenstand einer bedeutenden Debatte war. Kurz: vor Maastricht. Ich war damals „ein guter Europäer“, a priori jeder Bewegung gewogen, die zu mehr Einheit führte, selbst wenn mein Vorwort von 1990 eine gewisse Beunruhigung durchscheinen lässt angesichts des wirtschaftszentrierten und abstrakten Charakters des europäischen Projekts. Seither haben herrschende Klassen ihren Willen bekräftigt, die staatliche Vereinigung des Kontinents durch die Einrichtung einer gemeinsamen Währung zu beschleunigen. Ich habe im Frühjahr 1992 lange gezögert, um schließlich mit Nein zu stimmen beim Referendum vom September[1]. Ohne jeden Seelenzustand und im Gefühl, die einzig vernünftige Wahl zu treffen. Meine Opposition zum Vertrag von Maastricht leitet sich direkt von meiner Kenntnis der Anthropologie und der Geschichte des Kontinents ab. Eine wirkliche Empfindlichkeit für die Vielfalt der europäischen Sitten und Werte kann nur zu einer Schlussfolgerung führen: Die zentralisierte monetäre Steuerung von Gesellschaften, die so verschieden sind wie, zum Beispiel, Frankreich und Deutschland, muss zu einer massiven Fehlfunktion führen, in einer ersten Phase in der einen oder anderen Gesellschaft, in einer zweiten Phase aber in beiden. Es steckt in der Ideologie der Vereinigung ein Wille, die menschlichen und sozialen Realitäten zu brechen, der seltsam, aber unwiderstehlich an den Marxismus-Leninismus erinnert. Auch jener kombinierte ein Projekt der ökonomischen Transformation mit einer souveränen Verachtung der kulturellen und nationalen Vielfalt. Der aktuelle Zustand der Ex-Sowjetunion und von Ex-Jugoslawien zeigt uns, bis zu welchem Punkt die staatliche Vereinigung von oben sicherer zu ethnischem Hass führt als zum ewigen Frieden.

Heute haben die ökonomischen Zwänge, die auf einigen europäischen Gesellschaften und insbesondere Frankreich lasten, das seit fast 10 Jahren der internen monetären Steuerung durch eine Politik beraubt ist, die sich Politik „des starken Francs“ nennt, glücklicherweise noch keine expliziten Gefühle des Misstrauens gegenüber unseren europäischen Partnern zum Vorschein gebracht. Der Front National wird im Wesentlichen weiterhin als ein Phänomen wahrgenommen, das mit der Einwanderung in Verbindung steht und nicht mit dem Bau an Europa. Aber der Schub für die extreme Rechte in der Arbeiterschaft zwischen 1988 und 1995 ist besonders spektakulär im gesamten industriellen Bogen, der vom Norden in den Osten Frankreichs führt. Es handelt sich um Regionen, in denen die Politik der monetären Konvergenz die Industrie eher verwüstet als transformiert hat, was eher zur Auslöschung als zur Umwandlung gering qualifizierter Arbeit geführt hat. Die Analyse der individualistischen Familienstrukturen des Nordostens des Pariser Beckens hätte erlaubt zu verstehen und vorherzusehen, dass die Angleichung der lokalen Arbeiterbevölkerung auf das deutsche Qualifikationsniveau, das sich in weiten Teilen von den autoritären und inegalitären Tugenden der Stammfamilie ableitet, im Zeitraum einer Generation nicht vorstellbar war (siehe die Kapitel 4 und 5, die den anthropologischen Grundlagen des kulturellen und industriellen Fortschritts gewidmet sind).

Wir müssen uns bewusst sein, dass der Ausdruck der sozialen Verzweiflung durch eine Ideologie der extremen Rechten, die für sich ein regressives Konzept der Nation in Anspruch nimmt, auch ein Produkt der wirtschaftlichen Vereinigung Europas ist. So legitim und notwendig es in den Jahren 1945-1980 war, führt das europäische Projekt heute nicht mehr zum Frieden. Es könnte in den kommenden Jahren im Gegenteil zu einem Wiederanwachsen von feindlichen Gefühlen zwischen den Völkern führen, die gegen 1980 nicht mehr existierten. Die Dekonstruktion der Nationen durch ihre herrschenden Klassen erzeugt Nationalismus in Gesellschaften, die von einer brutalen wirtschaftlichen Transformation durchgeschüttelt werden und in denen die traditionellste und friedlichste nationale Identität wie eine letzte Zuflucht war. Es wäre im Übrigen absurd sich einzubilden, dass Deutschland, das wirtschaftlich viel stabiler ist als Frankreich, aber kulturell viel verunsicherter, diesem Prozess der Destabilisierung der Mentalitäten durch die Währungsunion entkommen kann. Das Verschwinden der Mark, das ein identitärer Ankerpunkt während der ganzen Nachkriegszeit war, müsste logischerweise zu einem mächtigen Gefühl der Unsicherheit in Deutschland führen.

Ich hoffe also, dass dieses Buch, das völlig außerhalb jedes polemischen Kontextes geschrieben wurde und an dem ich nicht eine Zeile geändert habe, gewissen Pro-Europäern ohne Vorurteil erlauben wird, in Ruhe über die Tragweite der gestellten Probleme nachzudenken, die anthropologische und historische Dichte der Nationen zu ermessen, die es zu fusionieren gilt. Ich hoffe vor allem, dass manche unter ihnen, die wie ich von guten europäischen Gefühlen gestartet sind, auch zu dem Schluss kommen, dass der Vertrag von Maastricht ein Werk von Amateuren ist, Ignoranten der Geschichte und des Lebens der Gesellschaften.

Dieses Buch bleibt grundsätzlich das Ergebnis einer zeitlosen und unpolitischen Forschung von wissenschaftlichem Charakter über die Beziehungen einer anthropologischen Variable, der Familie, und historischen Variablen: Religion, kultureller und wirtschaftlicher Fortschritt, Ideologien. Aber wenn das wissenschaftliche Modell gültig ist, kann man sich in der Zukunft zwei mögliche Funktionen für das Werk vorstellen.
Entweder kommt die gemeinsame Währung nicht. Dann wird „Die Erfindung Europas“ als ein Beitrag zum Verständnis gewisser historischer Unmöglichkeiten erscheinen.
Oder die gemeinsame Währung wird eingeführt. Dann wird dieses Buch in zwanzig Jahren erlauben zu verstehen, warum eine staatliche Vereinigung, die ohne Vorhandensein eines kollektiven Bewusstseins durchgedrückt wurde, eher einen Dschungel erzeugt hat als eine Gesellschaft.

Emmanuel Todd,
November 1995

[1] September 1992: französische Volksabstimmung über die Einführung des Euros, Anmerkung des Übersetzers

Erfindung Europas: Reformation und Gegenreformation

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Religion und Moderne
Kapitel 3: Reformation und Gegenreformation

Im Jahr 1500 war Europa noch zusammengeschweißt durch die Einheit des Glaubens. Als sich das Zeitalter der Moderne ankündigt, zwischen der Erfindung des Buchdrucks und der Entdeckung Amerikas, ist es einfach christlich, erkennt die Existenz der einen geistlichen Autorität an, der katholischen Kirche, und das trotz der politischen Fragmentierung seines Gebietes, trotz der Vielfalt seiner Familien- und Agrarstrukturen. Von Italien bis Schweden, von Portugal bis Sachsen sind Glaubenselemente und Rituale dieselben und werden von einer religiösen Elite getragen, die sich in einer einzigen Sprache, Latein, ausdrückt.

Diese Einheit ist das Ergebnis einer langen Geschichte, die von der frühzeitigen Entwicklung des Christentums im römischen Teil des Kontinents vom 1. bis 4. Jahrhundert bis zur verspäteten Bekehrung Finnlands am Ende des 13. Jahrhunderts führt. Im Jahr 1500 sind die südlichen Regionen Europas seit mehr als 1200 Jahren christlich, einige Teile Nordeuropas sind es erst seit ein wenig mehr als 200 Jahren. Aber man hätte Unrecht, das Christentum des Nordens a priori für weniger solide als jenes des Südens zu halten. Manche Aspekte seiner Geschichte würden vielmehr dazu tendieren, es stärker zu machen. In Finnland, in Schweden, in Norwegen, in Dänemark, in Schottland, in Irland, im Norden der Niederlande, in Nord- und Zentraldeutschland hat die religiöse Bekehrung den Zugang zur Zivilisation dargestellt. Die Gründung der Kirchen in der barbarischen Welt hat die Einführung der Schrift in Gesellschaften ermöglicht, die damals nur die mündliche Kommunikation kannten. Das lateinische Alphabet begnügt sich nicht damit, die lateinische Sprache zu transportieren: es erlaubt die Transkription der eingeborenen Sprachen, seien diese skandinavisch, finnisch, deutsch oder keltisch. Die Schrift macht die Entstehung von Institutionen möglich, das heißt von sozialen Gedächtnissen: im Norden Europas wie anderswo markiert ihre Einführung das Ende der Vorgeschichte. Die Kirche gewährleistet also in Skandinavien, in einem Teil der germanischen (Anmerkung des Übersetzers: gemeint ist hier wohl konkreter die deutsche) Welt, im Norden und Westen der britischen Inseln den Eintritt der Völker in die Geschichte. Sie ist die Begründerin. Im Süden, in Frankreich, in Italien oder in Spanien erscheint das Christentum, das ja älter ist, nur als ein verspätetes Element der Zivilisation in Gesellschaften, die die diffuse Erinnerung an eine vorangegangene römische Geschichte bewahren, die nicht christlich war, sondern heidnisch. Das hohe Alter des südeuropäischen Christentums und der Begründungscharakter des nordeuropäischen Christentums halten sich die Waage. Im Jahr 1500 ist Europa einfach christlich.

Die protestantische Reformation bricht den Kontinent entzwei. Mittel- und Nordwestdeutschland, Skandinavien, ein Teil der Niederlande und der Schweiz, Schottland und schließlich England nach vielem Zögern bilden eine reformierte Welt, die von Rom getrennt ist. 1517 von Luther eröffnet, führt die protestantische Krise sehr schnell zu einer stabilen Teilung des europäischen Raumes. Wie Pierre Chaunu[1] anmerkt, nimmt das reformierte Europe schon 1560-1580 seine endgültige geografische Form an. Seine Karte ist festgelegt und wird sich bis ins 20. Jahrhundert kaum noch bewegen. Im Angesicht der neuen protestantischen Welt definiert sich der Katholizismus – von nun an ein italienischer, französischer, spanischer, portugiesischer, österreichischer, flämischer, irischer, süd- und westdeutscher, zentral- und südschweizerischer durch das Konzil von Trient zwischen 1545 und 1563 neu. Zwei religiöse Systeme stehen sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gegenüber und geben sich dann damit zufrieden, getrennt zu leben.

[1] P. Chaunu, Le Temps des Réformes, 2. Auflage, S. 473-474

Das Wesen des Protestantismus: ein Widerspruch

Wie jedes religiöse System existiert der Protestantismus auf zwei Ebenen gleichzeitig. Er ist Teil der erfassbaren Welt, und er definiert auch ein Jenseits. Er ist eine irdische Praxis und eine Metaphysik. Im Geist der Angehörigen des Systems sind die beiden Ebenen nicht verschieden, sondern durch die Gewohnheit vermischt und durch eine Theologie zusammengeschweißt. Um das Wesen des Protestantismus zu verstehen, seine Entstehung in nur einigen Regionen des europäischen Kontinents, seine historischen Implikationen und seine theologischen Variationen, ist es notwendig, die beiden Ebenen, die irdische und die metaphysische, zu trennen und sei es um den Preis gewisser Schematisierungen. Im Herzen der protestantischen Botschaft, die die Geschichte beschleunigt und Europa zerteilt, findet man tatsächlich einen Widerspruch, einen fundamentalen, zwischen irdischen und metaphysischen Zielvorstellungen. In der irdischen Welt schlägt die Reformation eine Demokratisierung vor und verwirklicht sie auch. In der metaphysischen Ordnung proklamiert sie die Knechtschaft und die Ungleichheit der Menschen.

Die irdische Komponente des Protestantismus:
Demokratisierung des religiösen Gewissens

Das entscheidende irdische Ziel der lutherischen Reformation ist die Abschaffung des Kleriker-Monopols im religiösen Leben. Der Protestantismus will das Ende einer gespaltenen Religion, die intensiv von einem spezialisierten Stand gelebt, aber einer Gemeinschaft passiver Gläubiger nur in Form diverser Rituale verabreicht wird, die taub und stumm gehalten werden durch den liturgischen Gebrauch des Lateins, das sie nicht verstehen. Im Appell „An den christlichen Adel deutscher Nation“, der 1520 veröffentlicht wurde und Deutschland in Bewegung setzt, bezeichnet Luther die Unterscheidung zwischen Laien und Klerikern als erste Mauer, die von Rom erbaut sei und die Deutschland niederreißen müsse. Mit diesem starken Ausdruck, der die Vorstellung seiner Zeitgenossen fesselt: „Wir sind alle Priester.“
„Man hat‘s erfunden, dass Papst, Bischöfe, Priester und Klostervolk der geistliche Stand genannt wird, Fürsten, Herrn, Handwerks- und Ackerleute der weltliche Stand. Das ist eine sehr feine Erdichtung und Trug. Doch soll niemand deswegen schüchtern werden, und das aus dem Grund: alle Christen sind wahrhaftig geistlichen Standes und ist unter ihnen kein Unterschied außer allein des Amts halber, wie Paulus I. Kor. 12, 12 ff. sagt, dass wir allesamt ein Leib sind, (obwohl) doch ein jegliches Glied sein eigenes Werk hat, …“
Gegen die von Rom etablierten Gesetze fordert Luther „gleyche Christenn“. Von diesem fundamentalen Streben nach Gleichwertigkeit des christlichen Volkes leiten sich sehr viele Aspekte des protestantischen Programms her: Zugang für alle zu den Heiligen Schriften, die Übersetzung der religiösen Texte und Messen in die Volkssprache, die Ehe für Priester, die Abschaffung der Klosterorden, die Ablehnung der Autorität des Papstes, die als Schlussstein des Priesterstandes angesehen wird. Ein einfaches Ziel fasst die Vielfalt der Angriffslinien zusammen: im irdischen religiösen Leben weist die Reformation die Autorität der Priester und die Ungleichheit der Menschen zurück.

Die metaphysische Komponente des Protestantismus:
Knechtschaft und Ungleichheit der Menschen

Im metaphysischen Herzen der Reformation findet man ein verschärftes Bewusstsein für die Anwesenheit des Bösen in der Seele der Menschen, eine verfeinerte Wahrnehmung der Rolle des Satans in ihren Leben und ein erneuertes Interesse für das Konzept der ewigen Verdammnis. In diesem Europa des 16. Jahrhunderts wird das Topos der Ursünde, von Adams Fall, der den der Menschheit nach sich zieht, zu einem Problem der Gegenwart. Der Fall wird nicht als alte Geschichte wahrgenommen, sondern als ein Hauptereignis und als ein Element des täglichen Lebens. Nachdem er die Verdammnis des Menschen festgestellt hat, legt Luther die Bedingungen für seine Errettung fest, d.h. des Freikaufs von seiner Schuld und seines Eingangs in das ewige Leben. Zwei Aussagen sind fundamental. Die erste lautet, dass der Mensch seine Errettung nicht selbst sicherstellen kann ohne die Hilfe (den Willen, die Gnade) Gottes. Die zweite lautet, dass nicht alle Menschen gerettet werden.
Das Topos der Machtlosigkeit des Menschen, gegenwärtig in vielen Texten, ist zentral für die Abhandlung „Über den geknechteten Willen“ (De servo arbitrio, 1525), einer Antwort auf die Verteidigung des freien Willens, die von Erasmus[1] vorgestellt wurde. Das Problem ist offensichtlich nicht das der Allmacht Gottes, in dem in der Theorie alle Christen übereinstimmen, sondern das der Auswirkung dieser Allmacht auf die menschliche Freiheit. Ist der Mensch in der Lage, selbst seine Errettung zu gewährleisten, indem er während seines irdischen Lebens frei das Gute wählt und das Böse zurückweist? Die Frage ist schmerzhaft in der ganzen christlichen Problematik präsent seit ihren Ursprüngen. Die Antwort Luthers ist klar und negativ:
„Wenn aber Gottes Vorherwissen und Allmacht zugegeben wird, so folgt daraus natürlich mit unantastbarer Folgerichtigkeit, dass wir nicht durch uns selbst geschaffen sind oder leben oder irgend etwas vollbringen, sondern alles geschieht nur durch Gottes Allmacht. Da er aber im Voraus wusste, dass wir so sein würden und uns auch jetzt so erschafft, lenkt und regiert, was kann dann, so frage ich, überhaupt erdacht werden, das in uns frei sei, dass es so oder anders geschehe, als Gott es vorausgesehen hat und nun ins Werk setzt? So steht also Gottes Vorherwissen und Allmacht im schärfsten Gegensatz zu unserm freien Willen. Denn entweder irrt Gott in seinem Vorherwissen und wird sich dann auch in seinem Tun irren – was doch unmöglich ist – oder wir handeln und werden geleitet nach seinem Vorherwissen und Handeln. Als Allmacht Gottes aber bezeichne ich nicht jene Macht, durch die er vieles nicht tut, was er wohl könnte, sondern jene handelnde Kraft, durch die er machtvoll alles in allem wirkt; und in diesem Sinne nennt ihn auch die Schrift allmächtig. Und diese Allmacht und dieses Vorherwissen Gottes zerstört – so sage ich – von Grund aus die Lehre vom freien Willen.“

Dieser allmächtige Gott kennt und wählt seine Erwählten. In der systematisierten und radikalisierten Form des protestantischen Denkens, das Calvin vorstellte, wählt sich Gott aus, bestimmte Menschen zu retten und die anderen zu verdammen. Das ist die doppelte Prädestination. Aber dieser Dualismus, diese Ungleichheit der Menschen angesichts des Heils ist eine logische Notwendigkeit. Wenn nur Bestimmte gerettet werden, sind die anderen verdammt. Es gibt also zwei Sorten von Menschen, ein Konzept, das mit einer extremen Klarheit aus manchen Werken Luthers hervorgeht, manchmal in Sätzen, die wie direkt vom Heiligen Augustinus übernommen scheinen:
„Hier müssen wir Adams Kinder und alle Menschen in zwei Teile teilen: die ersten zum Reich Gottes, die andern zum Reich der Welt. Die zum Reich Gottes gehören, das sind alle Rechtgläubigen in Christus und unter Christus[2].“
Das ist die augustinische Thematik der zwei Reiche, die tatsächlich das Problem der Erwählung einiger und der Zurückweisung der anderen betrifft. Theoretisch betrachtet kann der unterscheidende Blick Luthers sich auf die umgebende Welt richten:
„Aber schau Dich um und beginne damit, Dir vorzustellen, dass die Welt voll sei von echten Christen, bevor Du so tust, als ob du sie christlich und nach dem Evangelium regierst. Aber Du wirst es niemals schaffen, denn die Welt und die Masse sind und bleiben Nichtchristen, obwohl alle getauft sind und den Namen Christen tragen.[3]
Eine biblische Episode macht die Wirkung der göttlichen Vorsehung besonders offensichtlich, die auswählt, d.h. gleichzeitig erwählt und zurückweist: die Geschichte von Jakob und Esau, in der der väterliche Segen und das Erstgeburtsrecht ohne Prozess und Berufung vom Älteren auf den Jüngeren übertragen werden. Nur die Nachkommen Jakobs, des Jüngeren, werden das Volk Israel sein, erwählt vom Ewigen. Die Episode ist im „Reich Gottes“enthalten, wird aber im „Geknechteten Willen“ ausgiebig genutzt[4].
„Inwiefern hat der freie Wille Jakob geholfen? Inwiefern hat er Esau geschadet? Kraft der göttlichen Vorsehung und Vorbestimmung (praescientia et destinatione) war ja festgelegt, sogar schon, bevor sie geboren wurden und etwas getan haben, was das Schicksal jedes von ihnen sein müsse, nämlich dass der eine dienen müsste und der andere dominieren[5].“
Calvin verschärft in dem Kapitel, das er der Prädestination in der „Unterweisung in der christlichen Religion“ widmet, die Ausdrucksweise, fügt aber dem Sinn nicht viel hinzu. Wie hätte er das machen können? Die ganze Problematik der Gnade, der Erwählung und der Vorbestimmung ist beim Heiligen Augustinus[6] bereits vorhanden. Calvin gibt sich damit zufrieden, die Konzepte symmetrischer zu gestalten:
„Wir nennen Prädestination den ewigen Rat Gottes, durch den er bestimmt hat, was er aus jedem Menschen machen will. Denn er erschafft sie nicht alle im gleichen Zustand, sondern ordnet den einen das ewige Leben an, den anderen die ewige Verdammnis. So sagen wir je nach dem Ende, für das der Mensch erschaffen ist, dass er für den Tod oder das Leben vorbestimmt ist[7].“
Aber Calvin ist hier nur ein getreuer Exeget Luthers: die Geschichte von Jakob und Esau bildet ebenfalls den Kern seiner Demonstration[8].Verzögert und geboren inmitten der Auseinandersetzungen ist die calvinistische Theologie durch die katholische Kritik geklärt, die die inegalitären Folgen des Konzepts der Erwählung deutlich macht. In der Defensive, ist Calvin in der „Unterweisung in der christlichen Religion“ gezwungen, das Konzept der Ungleichheit zu nutzen, um es zurückzuweisen:
„Es ist also falsch und bösartig, dass manche Gott der Ungleichheit in der Gerechtigkeit anklagen, weil er in seiner Vorsehung nicht allen Menschen Dasselbe tut[9].“
Er verneint, dass es so sei, aber das Wort ist ausgesprochen: Ungleichheit.
Die metaphysische Komponente der Reformation führt also zur Knechtschaft und Ungleichheit der Menschen vor Gott. Sie ist eine veritable konzeptionelle Negation ihrer irdischen Komponente, die die Freiheit und Gleichheit der Christen gegenüber dem Klerikerstand einfordert.
Auf der irdischen Ebene sind die Begriffe der Gleichheit und Freiheit logisch verbunden. Die Zurückweisung der Autorität der Priester macht nur Sinn, weil die Christen gleich sind: sie sind alle Priester. Auf der metaphysischen Ebene bilden die Begriffe von Autorität und Ungleichheit ebenfalls eine logische Gesamtheit: im Mechanismus der Vorsehung, wie er insbesondere in der Geschichte von Jakob und Esau aufscheint, ist die ungleiche Auswahl der privilegierte Ausdruck der absoluten Autorität des Ewigen. Trotz der Existenz dieser globalen logischen Strukturen, die Gleichheit mit Freiheit und Ungleichheit mit Autorität kombinieren, ist es möglich, die „metaphysischen“ Konzepte von Autorität und Ungleichheit, die „irdischen“ Konzepte von Freiheit und Gleichheit zu trennen, um zu beobachten, wie das protestantische Denken die Begriffe von irdischer Gleichheit und himmlischer Ungleichheit, von Freiheit gegenüber der Kirche und von Unterwerfung unter Gott versöhnt.

[1] „De libero arbitrio“ von Erasmus stammt von 1524.

[2] „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ S. 79.

[3] „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ S. 87.

[4] „Das Reich Gottes“, Buch XVI, Kapitel 36.

[5] Der geknechtete Wille, S. 156.

[6] Und besonders in seinen Antworten an die Mönche von Adrumète und der Provence, Gesammelte Werke, Band 24, S. 311-323, 359-363, 573-585, 715-729, etc.

[7] Institution de la religion chrétienne, Band 3, S. 62.

[8] Ebd. Band 3, S. 66-71.

[9] Ebd. Band 3, S. 83.

Protestantismus und Freiheit: dem Körper entflohener Autoritarismus

Schon in der Eröffnung der „Freiheit eines Christenmenschen“, eines frühen Textes, da er ja von 1520 datiert, gibt Luther preis, dass die Beziehung des Protestantismus zur Autorität nicht einfach sein wird. Er bringt nach und nach zwei Sätze vor:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“
„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Der Rest des Textes ist ein Nachdenken über diesen Widerspruch. Die Lösung liegt für Luther im Dualismus der menschlichen Natur, der körperlichen und der spirituellen, in der Koexistenz eines äußeren Menschen und eines inneren Menschen[1]. Aber entgegen einigem rhetorischen Anschein stellt dieser Dualismus nicht einen äußeren Menschen als Diener einem inneren freien Menschen gegenüber. Der innere Mensch ist frei nur von der äußeren Welt. Er ist Gott durch den Mechanismus des Glaubens unterworfen, dieses Glaubens, der allein vor der Verdammnis bewahrt, dieses Glaubens, der eine Wahrnehmung der Allmacht Gottes und der Kleinheit des Menschen verlangt.
„Daß du aber aus dir und von dir, das ist aus deinem Verderben, kommen mögest, so setzt er dir vor seinen lieben Sohn Jesum Christum und läßt dir durch sein lebendiges, tröstliches Wort sagen: DU sollst in denselben mit festem Glauben dich ergeben und frisch auf ihr vertrauen. So sollen dir um desselben Glaubens willen alle deine Sünden vergeben, all dein Verderben überwunden sein und du gerecht, wahrhaftig, befriedet, fromm und alle Gebote erfüllet sein, von allen Dingen frei sein“
Diese Freiheit wird als eine Unterwerfung unter die göttliche Autorität erlebt. An dieser Stelle stößt sich der protestantische metaphysische Autoritarismus an einem praktischen Problem: der Zurückweisung der äußeren Autorität der Kirche von Rom, wie sie durch ihren Papst, ihre Bischöfe und ihre Priester verkörpert wird, durch den inneren Menschen. Der Protestantismus will eine mächtige göttliche Autorität, lehnt aber die Delegation dieser göttlichen Autorität an eine menschliche Institution ab. Luthers Doktrin zeichnet also ein weißes Feld über dem Menschen, besser im tiefsten Inneren des Menschen, eine furchterregende Kontrollinstanz, deren Ausdrucksmöglichkeiten nicht definiert werden. Ein Protestant wird sagen, dass er die Anordnungen Gottes empfängt, ein laizistischer Philosoph wird es so sehen, dass der Protestant seinem Gewissen gehorcht; ein Psychoanalytiker wird eine Kontrolle des Individuums durch das Über-Ich zur Sprache bringen. Aber wie die Interpretation auch immer sei: Der Lutheranismus ist niemals liberal; er ist autoritär, verweigert aber die irdische Ausübung der religiösen Autorität durch Menschen.

[1] Luther erscheint hier wie ein wirklicher Erbe der rheinischen mystischen Tradition und besonders von Meister Eckhart. Zur Unterscheidung zwischen „innerem Menschen“ und „äußerem Menschen“ siehe besonders „vom edlen Menschen“ von Meister Eckhart in den Abhandlungen, S. 144-153.

Gleichheit in der Gegenwart, Ungleichheit in der Zukunft

Die Koexistenz der Begriffe von irdischer Gleichheit und metaphysischer Ungleichheit macht dem Protestantismus in der Praxis wenig Probleme, weil sich die Gleichheit in der Gegenwart aufhält, die Ungleichheit, d.h. das Paar Verdammnis/Errettung , dagegen in der Zukunft. Der zeitliche Abstand stellt die Kompatibilität der Konzepte sicher. Gewiss, wenn man sich an den Buchstaben des Protestantismus hält, hält sich die metaphysische Ungleichheit der Menschen genau genommen nicht in der Zukunft auf, sondern außerhalb der Zeit. Gott ist das Ewige. Seine Vorsehung ist absolut. Die Zeit ist für ihn eine zweitrangige Variable. Die Erwählung der einen und die Zurückweisung der anderen sind, auf der Skala Gottes, in der Ewigkeit angesiedelt. Nach Luther gehen die Erwählung Jakobs und die Zurückweisung Esaus ihrer Geburt voraus.Die Theologie gibt sich Mühe, den Standpunkt des Ewigen zu erfassen. Aber die gewöhnlichen Menschen sind bescheidener: das Heil und die Verdammnis sind für sie Perspektiven, gewiss metaphysische, aber auch zukünftige, die ihre möglichen Schicksale nach dem Tod beschreiben.
Die Ablehnung der irdischen religiösen Ungleichheit, der Überlegenheit des Priesters über die Laien, ist im Gegensatz dazu eine gegenwärtige, unmittelbare Forderung. Aber diese Gleichheit der religiösen Bedingungen in der Gegenwart verhindert in keiner Weise die künftige Ungleichheit.

Das Wesen des Katholizismus: ein umgekehrter Widerspruch

Die lutherische Abspaltung zwingt den aufrechterhaltenen Katholizismus, sich neu zu definieren. Wie der Protestantismus, aber gegen den Protestantismus muss der Katholizismus zwei Komponenten des religiösen Lebens stabilisieren: die eine eine irdische, die andere eine metaphysische. Weil sie nun aber die Reformation auf den beiden Feldern verneint, kommt die Gegenreformation, in aller Logik, auch bei einem Widerspruch zwischen irdischen und metaphysischen Zielen heraus, aber beim Gegenteil von dem, bei dem die Reformation angekommen war.
Die Reformation forderte die Freiheit und Gleichheit der Christen auf Erden durch die Beseitigung der Macht der Priester, aber bejahte die metaphysische Ungleichheit der Menschen und die absolute Autorität Gottes.
Die Gegenreformation fordert die Unterwerfung und Ungleichheit der Christen auf Erden durch Annahme der Macht der Priester, aber sie bejaht die metaphysische Gleichheit der Menschen und ihre Freiheit bei der Erreichung des Heils oder der Verdammnis.

Die irdische Komponente des Katholizismus: religiöser Elitarismus

Das entscheidende irdische Ziel der katholischen Gegenreformation ist die Stärkung des klerikalen Monopols im religiösen Leben. Der Katholizismus vertieft in der Praxis die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien, indem er, wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte der Christenheit, reihenweise Dorfgeistliche schafft, die dem Ideal entsprechen: gebildet und keusch. Schluss mit dem mittelalterlichen Pfarrer, der unkultiviert und (débauché) war, menschlich, dem Laien so nah. Aber man täusche sich nicht: die neue Anstrengung bei der Ausbildung katholische Priester ist eine praktische Umsetzung des Dogmas der Besonderheit des Priesters, die sich dem protestantischen Begriff eines Priesters entgegenstellt, der dem Laien ähnlich ist. Auf der Seite der Laien entwickelt die katholische Kirche als Reaktion auf den Protestantismus eine heftige Feindseligkeit gegen die Verbreitung der Heiligen Schrift, eine instinktive Verachtung des Buches. Ein Laie, der die Bibel liest oder irgendein anderes religiöses Buch, löst in der katholischen Welt einen Reflex des Misstrauens aus, ob er nun zu einem Akt der Unterdrückung führt oder nicht. Diese intellektuelle und soziale Polarisierung, die den Laien die Bücher verweigert und eine bessere Ausbildung der Priester sicherstellt, ist gut und gerne die Umkehrung der protestantischen Praxis. Die irdische Komponente des Katholizismus ist ungleich und autoritär.

Die metaphysische Komponente des Katholizismus: Gleichheit und Freiheit

Auf der metaphysischen Ebene definiert sich die Kirche auch gegen den Protestantismus, aber mit der notwendigen Vorsicht. Sie stellt sich nämlich als Bewahrerin einer Orthodoxie, einer Tradition dar, deren Mechanismus zur Herstellung von Dauer vom Prinzip der apostolischen Nachfolge abhängt. Sie kann offensichtlich nicht rückwirkend den heiligen Augustinus exkommunizieren, dessen Denken das protestantische Dogma von der Vorsehung vorgibt, weil er einer ihrer Heiligen ist und auch weil er ein Bischof war. Sie verwirft nicht einfach und hundertprozentig die augustinische Vorsehung, sondern begnügt sich damit, sie feinsinnig auf kleine Flamme zu stellen, wodurch sie den Theologen Arbeit für Jahrhunderte schafft. Von Molina bis zu den Autoren des „Wörterbuchs der katholischen Theologie“ werden sich die Denker der Kirche anstrengen, ein weiches Konzept der Vorsehung und eine klare Vision des freien Willens kompatibel zu machen. Aber jenseits aller traditionalistischen Vorsichtsmaßnahmen stellt das Konzil von Trient eine Theorie der Gleichheit der metaphysischen Chancen und des freien Willens solide auf, die die Vorsehung ablehnt.

Das Konzil bestätigt den universal-salvatorischen Charakter der Taufe, die die Ursünde abwäscht und die Gnade überträgt. „Ihr alle, die Ihr getauft seid, habt Christus angezogen[1].“ Die katholische Taufe, die unmittelbar nach der Geburt gespendet wird, steht für die Gleichheit der Chancen und die Annullierung von Adams Fall für alle Menschen. Dieses Sakrament ist inkompatibel mit der protestantischen Idee der Vorsehung, die von der Existenz eines Schicksals jedes Menschen ausgeht, das vor der Geburt festgelegt worden ist.
Luther bewahrt nur den formellen Aspekt der Taufe, eines populären Initiationsritus, der zu wichtig ist, um ihn offen abzuschaffen. Aber er präzisiert in seinem „Kleinen Katechismus (1529)“, einem Dokument für den Gebrauch der Massen, dass die Taufe „die Vergebung der Sünden bewirkt, vom Tode und vom Teufel befreit und das ewige Heil allen jenen gibt, die glauben entsprechend den Worten und Versprechen Gottes[2]“ Ohne den Glauben wirkt die Taufe nicht. Ohne die Erwählung ist das Sakrament ohne Sinn. Der protestantische Radikalismus geht weiter; ab 1525 tauchen die Wiedertäufer in der Region Zürich auf, in der Hochburg von Zwinglis Reformation, die die lutherische Logik zu ihren extremsten Konsequenzen treiben, indem sie die Kindstaufe verweigern und nur die Taufe der Erwählten akzeptieren.
Gegen diese protestantischen Taufen, die ihrer Rettungsmacht entleert sind, bestätigt die katholische Taufe also ihre Vergebungswirksamkeit. Aber auch alle vom Katholizismus getauften Menschen haben keine Rettungsgarantie. Von der Ursünde gereinigt bleiben sie frei, sich zu retten oder sich zu verdammen. Das ist das Dogma des freien Willens, die während der 6. Sitzung (Kanon 5) des Konzils von Trient energisch bestätigt wird:
„Wer sagt, der freie Wille des Menschen sei nach der Sünde Adams verloren und ausgelöscht worden, oder es gehe nur um eine Bezeichnung, ja, eine Bezeichnung ohne Inhalt, schließlich um eine vom Satan in die Kirche eingeführte Erdichtung: der sei mit dem Kirchenbann belegt[3].“
Der Mensch kann das Gute oder das Böse tun, durch seine Werke das ewige Leben erlangen oder nicht. Gott ist hier nicht mehr in jedem Augenblick des Lebens des Menschen allmächtig. Er ist nicht mehr diese furchteinflößende Persönlichkeit, gegen deren Dekrete keine Berufung eingelegt werden kann. Aus der katholischen Konzeption des freien Willens entspringt eine Gesamtheit von Haltungen und Ritualen, in denen Gott zugänglich wird für die Verhandlung. Es sind gewiss Vermittler notwendig: natürlich die Kirche, die Nachlässe und Messen für die Toten verkauft. Aber die Jungfrau Maria und die Heiligen können sich ebenfalls kleine Missionen der Einflussnahme bei Gott aufladen zugunsten einfacher Sterblicher. Diese Prozeduren, die häufig ein barockes Erscheinungsbild haben, sind jedoch logisch verbunden mit dem Dogma des freien Willens, der die Autorität Gottes aufweicht.
Die Paarung Taufe/freier Wille des Katholizismus definiert also eine egalitäre und liberale metaphysische Komponente, die in Opposition steht zur irdischen inegalitären und autoritären Komponente.

[1][1] Wörterbuch der katholischen Theologie, Band 2, 1, Artikel „Taufe“, Spalte 296, „Die Taufe gemäß dem Konzil von Trient“.

[2] Kleiner Katechismus, S. 22

[3] Wörterbuch der katholischen Theologie, Band 12, 2, Artikel ‚Vorsehung‘, Spalte 2961.

Die Koexistenz der irdischen und metaphysischen Konzepte im katholischen System

Auf der rein logischen Ebene ist das katholische System ebenso paradox wie das protestantische System. Es stellt irdische Ungleichheit und Gleichheit der metaphysischen Chancen, irdische Autorität und metaphysische Freiheit einander gegenüber, wo der Protestantismus irdische Gleichheit und metaphysische Ungleichheit, irdische Freiheit und metaphysische Knechtschaft einander gegenüberstellt.
Die Kompatibilität des Dogmas der Überlegenheit des Priesters und das der Gleichheit der metaphysischen Chancen stellt kein wirkliches Problem dar. Die Wahl der Priesterschaft, die prinzipiell allen offensteht, kann als ein Mittel angesehen werden, sein Heil in freier Weise zu suchen. Die Wahl oder Ablehnung einer religiösen Berufung ist also nur einer der differenzierenden Mechanismen, die die Menschen zum Heil oder zur Verdammnis führen können, nachdem sie gleich aus der Taufe hervorgegangen sind.
Aber man kann sich sehr wohl lustig machen über eine theologische Konstruktion, die die abstrakte Freiheit anbietet und die konkrete Autorität auferlegt. Der zitierte Kanon des Konzils von Trient fasst auf pittoreske Weise die Doppeldeutigkeit der Haltung des Katholizismus zum Begriff der Autorität zusammen: er bedroht sehr konkret jede Weigerung, an die Existenz der menschlichen Freiheit zu glauben, mit Exkommunikation. Dieser Widerspruch führt jedoch nicht zu einem praktischen Problem: im katholischen System hat die Autorität auf Erden in schönster Weise durch eine solide organisierte religiöse Hierarchie Gestalt angenommen.
Der Protestantismus wollte eine starke göttliche Autorität und verweigerte ihre Inkarnation in einer menschlichen Institution. Er erzeugte eine Leere und ein praktisches Problem. Der Katholizismus, der sich mit einer abgemilderten göttlichen Autorität zufrieden gibt, ihre Ausübung aber an eine menschliche Institution abtritt, erzeugt keine soziale Leere um den Begriff der Autorität.

Die Voraussetzungen der Entstehung

Nachdem der Protestantismus einmal modelliert ist, bleibt seine selektive Implantierung nur in bestimmten Regionen zu erklären, die das Europa des 16. Jahrhunderts ausmachen. Die Annahme der Reformation zwischen 1517 und 1580 durch bestimmte Bevölkerungen und ihre Ablehnung durch andere ist ein historisches Phänomen, das von der Struktur der lokalen Gesellschaften abhängt, die entweder eine Affinität mit der Struktur der protestantischen Doktrin darstellt oder nicht.

Die zwei religiösen Komponenten
Irdische Komponente:
Beziehung zur Kirche
Metaphysische Komponente:
Beziehung zu Gott
Protestantismus Liberal und egalitär Autoritär und inegalitär
Katholizismus Autoritär und inegalitär Liberal und egalitär

Die vorgeschlagene Interpretation geht von einer Modellierung der religiösen Systeme aus, die zwei Komponenten offensichtlich macht, die eine irdisch und die andere metaphysisch. Sie lässt auch die Existenz von zwei Ebenen der Festlegung zu und folglich von zwei Kategorien von Faktoren, die jeweils den Bedingungen der Entstehung der irdischen und der Entstehung der metaphyischen Komponente entsprechen. Die Implantierung des Protestantismus in einer gegebenen Region setzt die gleichzeitige Existenz positiver Faktoren auf der irdischen Ebene und von positiven Faktoren auf der metaphysischen Ebene voraus. Die Abwesenheit von günstigen Faktoren auf der irdischen Ebene und auf der metaphysischen Ebene erlaubt im Gegenteil die Aufrechterhaltung eines reinen, archetypischen Katholizismus. Aber man kann sich auch lokale Situationen von Nichtübereinstimmung vorstellen und beobachten, die Folgendes kombinieren:

  • entweder günstige irdische Faktoren für den Protestantismus und für den Katholizismus günstige metaphysische Faktoren
  • oder günstige irdische Faktoren für den Katholizismus und für den Protestantismus günstige metaphysische Faktoren

In diesen Fällen, die speziell, aber ziemlich zahlreich und wichtig sind, wird jede Region schließlich ihr Lager wählen. Aber dann wird eine Anpassungsarbeit zwischen regionalen Strukturen und theologischen Strukturen notwendig sein, die interessante kulturelle oder religiöse Deformationen produziert.

Erklärung der irdischen Komponente:
Alphabetisierungsgrad, Entfernung von Rom und von Deutschland

Die erste Bedingung für eine Infragestellung der Macht der Kirche ist die Existenz von Laien, die in ihrem täglichen religiösen Leben auf Priester verzichten können, weil sie selbst die Texte lesen können, seien es die Heiligen Schriften oder Zusammenfassungen, die die fundamentalen Dogmen und Rituale beschreiben. Die vom Protestantismus beanspruchte Demokratisierung des religiösen Bewusstseins setzt also ein gewisses Niveau bei der Alphabetisierung der Bevölkerungen voraus. Im Europa des frühen Mittelalters definierte die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben den Priester; es regierte eine implizite Gleichung: Der Kleriker war alphabetisiert. Wissen und Religion legitimierten sich gegenseitig. Ausschließlich der Priester hatte Zugang zu einer Kenntnis, die gleichzeitig als wissenschaftlich und religiös konzipiert war. Der kulturelle Fortschritt, der zwischen dem 11. Und 15. Jahrhundert fortdauerte, schuf mehr und mehr Laien, die lesen konnten – Adelige, Bürgerliche oder Handwerker. Die Erfindung des Buchdrucks um 1450 beschleunigte den Prozess. Seine Entwicklung erlaubte die Entstehung einer neuen kulturellen Klasse, diejenige der alphabetisierten Laien, die im 15. Jahrhundert noch nirgendwo in der Mehrheit war, deren Masse aber in bestimmten privilegierten Regionen derjenigen der Klerikerschaft die Waage hielt oder sie übertraf. Die Schrift hört auf, das Monopol der Kirche zu sein, ihre Verbreitung zieht die Religion durch die Heilige Schrift aus den Kirchen heraus.
Die zweite Bedingung für ein Bestreiten der Macht der Priester ist eine geschwächte Kraft der konkreten römischen Präsenz, ergänzt um eine gewisse Nähe zum deutschen reformatorischen Herdfeuer. Je näher eine lokale Gesellschaft Deutschland ist, dem Ort der Entstehung der Reformation, desto höher sind ihre Chancen, von der lutherischen Doktrin erreicht zu werden. Jeder Punkt auf der Karte Europas kann relativ zu dem Gegensatzpaar Rom/Wittenberg positioniert werden. Auf diese Weise ist vom protestantischen Standpunkt aus Skandinavien, das durch Deutschland von Rom isoliert ist, besonders gut platziert; aber Süditalien, das durch Rom von Deutschland isoliert wird, ist besonders unerreichbar.

Ausbreitung

Diese beiden Faktoren – Alphabetisierung und Position zum Gegensatzpaar Rom/Wittenberg – erklären allein einen guten Teil der Reformation. Diese wird in einer der kulturell fortschrittlichsten Regionen des Kontinents geboren, Mittel- und Süddeutschland, in der der Buchdruck erfunden wurde (siehe Karte 22).

Sie beginnt praktisch gleichzeitig in der Nordschweiz, einer ziemlich entwickelten und deutschsprachigen Region. Nach ungefähr zehn Jahren ist dann die Gesamtheit der deutschen Welt betroffen. In einer zweiten Phase verbreitet sich die Reformation ohne Schwierigkeit nach Norden, nach Skandinavien, einer ohne Zweifel wenig alphabetisierten Zone, aber durch den hanseatischen Handel solide an Deutschland angebunden. In einer dritten Phase macht sich der Protestantismus zu einem Marsch nach Westen auf: Südfrankreich, Schottland, die Niederlande und England werden von einer protestantischen Welle erreicht, die die radikalisierte Form des Calvinismus annimmt, nicht mehr des Lutheranismus. Es handelt sich dieses Mal um relativ alphabetisierte Regionen, die Rom nicht zu nahe sind. Den drei Phasen der Reformation entsprechen also drei geographische Zonen: Mitteleuropa, Nordeuropa und Westeuropa. Ein viertes Europa, Südeuropa, wird vom Protestantismus ganz einfach nicht erreicht, der in Italien, Spanien und Portugal unbedeutend bleibt. Zu diesem stabil katholischen Süden muss man das Frankreich des Pariser Beckens und des Westens hinzurechnen, ebenso wie Irland.
Die Existenz einer langen Grenzzone, die von Belgien bis Österreich geht, durch das rheinische Deutschland, durch die Zentral- und Südschweiz, muss auch erwähnt werden. Dort entwickelt sich ein früher Protestantismus, der von den politisch-militärischen Kräften der katholischen Welt schnell bekämpft und beherrscht wird. Das Habsburger Reich mit seinem spanischen Zentrum dient der Kirche als weltlicher Arm. In dieser ganzen Zone ist die Alphabetisierung ziemlich oder sehr fortgeschritten (für die damalige Zeit), aber die Macht der römischen Kirche, die in einer fast militärischen Form anwesend ist, wirkt sich im Sinne des Konservatismus aus.
Ohne die Gesamtheit des religiösen Phänomens zu erklären, definieren die Alphabetisierung und die geografische Position in Bezug auf das Paar Rom/Wittenberg die notwendigen Bedingungen für die Entstehung des Protestantismus oder, genauer, für die irdische Komponente des Protestantismus, die die Freiheit und Gleichheit der Menschen vor den Priestern will und folglich Rom ablehnt. Aber man kann leicht zeigen, dass dieser Kausalzusammenhang nicht ausreichend ist, der manche Ablehnungen des Protestantismus schlecht erklärt. Der Fall Nord- und Mittelitaliens ist besonders schlagend. Die Entwicklung des Buchdrucks und damit der Alphabetisierung hat dort beinahe ebenso frühzeitig und stark eingesetzt wie in Deutschland, aber der Lutherismus setzt sich dort nicht durch. Er bleibt sogar unbedeutend in diesem kulturell und sozial sehr dynamischen Universum, das sich seit mehr als zweihundert Jahren in der Renaissance befindet und in dem die Fähigkeit zu lesen, sich weit über den Klerus hinaus verbreitet hat. Nord- und Mittelitalien sind sehr nahe an Rom und diese geografische Lage könnten ihre religiöse Unbeweglichkeit erklären. Aber sie ist so nahe, dass man in ihrem Fall nicht von einem von der Kirche ausgeübten Druck sprechen kann. Das Italien der damaligen Zeit ist Rom. Seine Universitäten liefern der Kirche und dem Konzil von Trient seine Theologen und seine intellektuelle Lebendigkeit. Es ist das Herz der Gegenreformation so wie Deutschland das Herz der Reformation ist.
Eine andere Version desselben Problems ist der Fall Nordfrankreichs, auf kulturellem Gebiet ebenso fortgeschritten wie Südfrankreich, weiter von Rom entfernt (als Italien), näher an Deutschland, und doch wird es sehr schnell eine Bastion des antiprotestantischen Kampfes, der Ort, an dem die katholische Liga entsteht.
In Wirklichkeit stellen nur drei Fälle der Treue zu Rom kein Problem dar: der Fall Irlands, kulturell sehr verspätet und weit von Deutschland entfernt, die Fälle Spaniens und Portugals, die sehr mittelmäßig entwickelt und relativ nahe an Rom sind. Anderswo reicht die Interpretation mit kulturellen und geografischen Bedingungen nicht aus.
Warum? Weil der Protestantismus nicht nur die religiöse Gesellschaft reformiert, die Beziehung der Christen zur Kirche, sondern auch die religiöse Metaphysik, die Beziehung des Menschen zu Gott. Nun existieren aber die günstigen Bedingungen für diese metaphysische Unternehmung in Deutschland, in der Schweiz, in Südfrankreich und in Schweden, die in Italien oder in Nordfrankreich fehlen, in Regionen, deren kulturelles Entwicklungsniveau die Entstehung des Protestantismus erlaubt hätte, in denen aber ein verdeckter metaphysischer Faktor sich dem lutherischen Ideal der Beziehung des Menschen zu Gott entgegenstellt.

Die Stammfamilie und die Akzeptanz der protestantischen Metaphysik

Die Vielfalt der europäischen Familiensysteme erlaubt es, die Verschiedenartigkeit der regionalen Reaktionen auf die Verbreitung der protestantischen Metaphysik zu verstehen. Es gibt nämlich notwendige Beziehungen zwischen familiären Werten und religiösen Werten. Die protestantische und die katholische Metaphysik spiegeln jede getreu die Werte eines der beiden wichtigsten Familiensysteme Westeuropas wieder: die Reformation findet ihre Punkte einer fundamentalen Unterstützung in den Regionen der Stammfamilie, die Gegenreformation etabliert sich in Ländern der egalitären Kernfamilie.
Die Familienstruktur kodifiziert die Beziehungen der Kinder zum Vater und die Beziehungen zwischen Brüdern; die religiöse Metaphysik bringt die Beziehung der Menschen zu Gott und der Menschen untereinander zur Sprache. Aber die Werte von Autorität oder von Freiheit, von Gleichheit oder Ungleichheit können von der Familienebene ohne größere konzeptionelle Schwierigkeit auf die metaphysische Ebene gleiten. Der Autoritarismus (oder die Liberalität) des Vaters wird derjenige Gottes; die Ungleichheit (oder Gleichheit) der Brüder wird diejenige der Menschen. Man kann also eine ziemlich einfache Hypothese formulieren über die regionalen Reaktionen auf die protestantische Metaphysik und die katholische Gegen-Metaphysik. Die protestantische Vorsehung, die Idee eines allmächtigen Gottes und die Idee von Menschen, die angesichts der Errettung ungleich sind, ist dort leicht akzeptiert worden, wo vorher schon eine Familienorganisation existierte, die einen autoritären Vater und ungleiche Brüder einschloss, das heißt, in den Ländern der Stammfamilie. Symmetrisch dazu ist die gegenreformatorische Doktrin der Gleichheit der metaphysischen Chancen und des freien Willens dort verteidigt worden, wo vorher schon eine Familienorganisation existierte, zu der ein liberaler Vater und gleichwertige Brüder gehörten, das heißt, in den Zonen der egalitären Kernfamilie.
Man findet hier das klassische psychoanalytische Thema von Gott als Abbild des Vaters wieder, aber in einer relativierten Form. Freud glaubte tatsächlich an die Einheitlichkeit der Familie, und er war sich in keiner Weise einer möglichen Vielfalt der Familientypen bewusst, die eine Vielfalt der Vaterbilder und in der Folge der Bilder von Gott nach sich zieht. Die Identifikation Gottes mit dem Vater kann übrigens, wenn man es rational betrachtet, nicht als bedeutende Entdeckung Freuds betrachtet werden, weil die christlichen Theologien in diesem Punkt sehr explizit sind. Gott ist der Vater, die Menschen sind seine Kinder, eine Vorstellung, die nicht nur für den traditionellen Katholizismus typisch ist, sondern auch für den ausgefeiltesten Calvinismus. Die Beschreibung, die Calvin vom metaphysischen Mechanismus der Vorsehung abgibt, enthüllt einen expliziten Familienbezug: die Menschen werden mehrfach als „die Kinder Gottes“ vorgestellt[1]. In gewissem Sinne lieferte die Geschichte von Jakob und Esau, wiederaufgenommen von Luther und Calvin, direkt den Schlüssel zum protestantischen Mysterium. Sie definiert ein metaphysisches System, eine Beziehung der Menschen zu Gott, die Vorsehung, die eine Unterwerfung unter das Ewige und die Ungleichheit vor dem Heil einschließt. Aber sogar der Ablauf des Berichts setzt die Existenz eines bestimmten Familiensystems vom Typ Stammfamilie voraus, das väterlichen Autoritarismus und die Ungleichheit der Kinder kombiniert. Hier tritt der Vater doppelt auf, die Schnittstelle Familie/Metaphysik wird explizit: es gibt Isaak, den irdischen Vater, es gibt Gott, den himmlischen Vater. Geleitet vom Ewigen verschiebt Isaak in einem Akt absoluter Autorität das Erstgeburtsrecht, das heißt, die Ungleichheit. Die protestantische Metaphysik ist nur verständlich und akzeptabel für Bevölkerungen, die es gewohnt sind, im Stammfamiliensystem zu leben, eine starke väterliche Autorität zu erdulden und eine markante brüderliche Ungleichheit zuzulassen.

[1] Institution de la religion chrétienne, Band 3, S. 86, 91

Die Deformation: Die absolute Kernfamilie und der Arminianismus

Widerstand gegen den Protestantismus: die egalitäre Kernfamilie

Erfindung Europas: Schweden

Übersetzung aus dem Buch „L’invention de l’Europe“ von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 10: Autorität und Ungleichheit, Die kleinen Nationen: Schweden

Die Ideologisierung Schwedens vollzieht diejenige Norddeutschlands mit großartiger Perfektion nach. In den einigen Jahrzehnten, die auf die Einführung des allgemeinen Wahlrechts folgen, erreicht die Sozialdemokratie eine Position unbestreitbarer  Vorherrschaft. In diesem Stadium spiegelt die Parallelität der Ideologiegeschichten lediglich die Ähnlichkeit des anthropologischen und religiösen Geländes wider. In Schweden  wie in Norddeutschland dominiert die Stammfamilie, die auf Autorität und  Ungleichheit aufbaut. In beiden Regionen befindet sich die lutherische Religion in der gleichen Phase der europäischen Entwicklung, also zwischen 1880 und 1930, im  Niedergang, hinweggerafft vom Darwinismus und der Industrialisierung. Schweden stellt sich in dem Moment, wo das allgemeine Wahlrecht eingesetzt wird, ebenso vollständig alphabetisiert dar wie ganz Deutschland.
Der Aufstieg der schwedischen Sozialdemokratie ist ein wenig zögerlicher als derjenige ihrer deutschen Entsprechung. Schweden führt das allgemeine Wahlrecht (für Männer) nämlich erst 1911 ein, 40 Jahre nach dem zweiten deutschen Reich [1]. Die schwedischen Sozialdemokraten holen ihren leichten historischen Rückstand sehr schnell auf. Im Gegensatz zur deutschen Sozialdemokratie, die nur langsam auf der Bildfläche erscheint, mit 3,3% der Stimmen 1871 und 10,1% 1887, wird die schwedische Sozialdemokratie als Erwachsene geboren, mindestens aber als Heranwachsende. Schon 1911, bei den ersten Wahlen, die mit allgemeinem Stimmrecht abgehalten wurden, erhält sie 28,5% der abgegebenen Stimmen. Ihr Wachstum wird durch den ersten Weltkrieg verlangsamt, aber schon 1924 erreicht sie 41,1% der Stimmen und 1932 45,8%. Sie kommt dann auch mit der Unterstützung der Agrarier-Partei an die Macht. Die sozialdemokratische Vormacht etabliert sich: 50,6% der Stimmen 1936, 54,2% 1940. Diese hervorragenden Ergebnisse sind teilweise ein Ergebnis des Erfolgs der sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik, die lokal die Weltwirtschaftskrise mit einer Staatsintervention in den Griff bekommt, die der Theorie von Keynes nichts schuldig bleibt. Zwischen 1944 und 1968 verliert die sozialdemokratische Partei ihre absolute Mehrheit. Während sie zwischen 45 und 50% der abgegebenen Stimmen schwankt, kann sie jedoch auf die Enthaltung einer sehr schwachen kommunistischen Partei zählen, die zwischen 3 und 5% der Stimmen erhält, und vor allem auf die Machtlosigkeit einer uneinigen  Opposition. Sie bleibt deshalb bis 1976 an der Macht. Die Stabilität der schwedischen sozialdemokratischen Wählerschaft, die sich im Rahmen einer bewegungslosen institutionellen Ordnung ausdrückt, die zwei Weltkriegen entgeht, ist ganz und gar bemerkenswert. Ihre Größe dagegen hat nichts Außergewöhnliches an sich. Die sozialdemokratische Dominanz in Schweden ähnelt in jedem Punkt der sozialdemokratischen Vormacht im protestantischen Deutschland am Vorabend des ersten Weltkriegs. Sogar die regionalen Abweichungen sind vergleichbar und entsprechen gleichwertigen Unterschieden der sozialökonomischen Strukturen.  1903 erhält die deutsche SPD 59% der Stimmen in Sachsen, einer durch und durch industrialisierten Region, 44% in Schleswig-Holstein, einer ländlichen Zone mit Familienbetrieben [2]. Sie ist also überall mächtig, erreicht aber die absolute Mehrheit nur dort, wo es ein bedeutendes Proletariat gibt. Auch in Schweden definiert die ökonomische Morphologie Zonen absoluter Dominanz und Zonen relativer Stärke. Der industrielle Rückstand des Landes und seine sozialökonomische Homogenität versetzen jedoch die Arbeiterklasse in den zweiten Rang als bestimmenden Faktor für die regionalen Unterschiede. Die Gruppe, die der schwedischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei die absolute Mehrheit geben kann, ist gegen 1930 noch das landwirtschaftliche Proletariat. Die in der Landwirtschaft abhängig Beschäftigten sind im Norden des Landes zahlreich, vor allem wenn man die Holzfäller mit einbezieht, die einen wesentlichen Teil der Arbeitskräfte im primären Sektor dieses Landes der Wälder ausmachen. Im Südwesten Schwedens hindert die Anwesenheit einer soliden mittelgroßen und unabhängigen Bauernschaft, ganz ähnlich der in Schleswig-Holstein, die Sozialdemokratie daran, die absolute Mehrheit der Stimmen zu erhalten. Diese ursprüngliche Geografie bleibt über die Geschichte sozialer Klassen hinaus bestehen: 1968 ist das landwirtschaftliche Proletariat unbedeutend geworden und die Arbeiterklasse ist im Südwesten ebenso zahlreich wie im Zentrum, aber die Karte der Sozialdemokratie spiegelt weiterhin diejenige der  alten landwirtschaftlichen Systeme wider (Karten 49, 50a, 50b).

Grafik-49

Grafik-50

Die Arbeiterpartei überschreitet in allen Regionen 50% der abgegebenen Stimmen, in denen das ländliche Proletariat dominierte, sie schwankt zwischen 40 und 50% in den Regionen mit Familienbetrieben. In den Jahren 1970-1979 bleibt der Korrelationskoeffizient zwischen sozialdemokratischen Stimmen und im Primärsektor aktiver Bevölkerung in der Größenordnung von 0,80, also sehr hoch [3]. In dieser bis 1880 absolut  ländlichen Nation, hören die Bauern erst 1910 auf, die Mehrheit der aktiven Bevölkerung zu stellen. Die politische Karte behält lange die Prägung dieser landwirtschaftlichen Ursprünge. Der Zusammenbruch des religiösen Systems führt in Schweden wie in Norddeutschland zur Entstehung eines Ersatzglaubens, einer idealen Gesellschaft auf der Erde, die fähig ist, das verschwundene himmlische Paradies zu ersetzen. Die Doktrin und die politische Praxis der schwedischen und deutschen Sozialdemokraten unterscheiden sich wenig. Die deutsche Bewegung ist im Wortlaut ein klein wenig revolutionärer, da die schwedische sozialdemokratische Arbeiterpartei sich die marxistische Phraseologie nur sparsam zu eigen macht. Aber der Sinn für Organisation, die Macht der befreundeten und verbündeten Gewerkschaften und die absolut reformistische Praxis finden sich an beiden Küsten der Ostsee wieder. Man kann in Schweden nur eine besonders starke Stellung der Genossenschaftsbewegung und  eine erklärte Feindseligkeit gegenüber dem Alkoholkonsum feststellen. Die Liebe zum Staat ist dieselbe.  Die schwedischen etatistischen Traditionen brauchen denjenigen Preußens im Übrigen nichts zu neiden. Das Autoritätsprinzip, das in die Familienstruktur eingraviert ist, nährt den sozialdemokratischen Etatismus, wie es drei Jahrhunderte früher die Entstehung einer soliden Bürokratie begünstigt hatte, die sich in Schweden eher auf die lutherischen Pastoren als auf den Adel gestützt hatte[4].

[1] Schweden führt das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter 1921 ein.

[2] Für die regionalen Daten für Deutschland im Jahr 1903 siehe J. Bertram, Die Wahlen zum Deutschen Reichstag vom Jahre 1912, S. 206

[3] Sozialdemokratische Stimmabgabe 1979, landwirtschaftliche Arbeiter 1960.

[4] Anlässlich von Recherchen zu den Familienstrukturen in Südschweden habe ich Gelegenheit gehabt, in den Bevölkerungsregistern vom Anfang des 19. Jahrhunderts zu arbeiten. Die Aufzeichnungen zu den individuellen Bewegungen, Zu- und Abgänge der Pfarrgemeinden, durch den Pfarrer zeigen sich darin in einer außergewöhnlichen Gewissenhaftigkeit. Diese Dokumente zeigen die außergewöhnliche Kontrolle der vorindustriellen Bevölkerungen Schwedens. Ihre Durchsicht ist eine gute Immunisierung gegen jeden Glauben an einen spezifischen Totalitarismus der schwedischen Sozialdemokratie, die danach streben würde jedes Detail im Leben der Bürger zu kontrollieren. Diese Art von Kontrolle scheint in Schweden gegen 1820 bestens etabliert gewesen zu sein, mehr als 100 Jahre vor der Machtübernahme durch die sozialdemokratische Partei. Wir haben da einen spektakulären Beweis für die autoritäre Kontinuität der schwedischen Sozialgeschichte.
Für eine schnelle Beschreibung dieser Register, siehe E. Todd, Seven Peasant Communities in Pre-Industrial Europe, S. 21-22.

Deutsches Scheitern, schwedischer Erfolg:
Nationalismus und die Mittelschichten

Die anfängliche Entwicklung der deutschen SPD zwischen 1871 und 1890 führt sehr schnell zu einer Abwehrreaktion der Mittelschichten, die gegen die Sozialdemokratie eine nationalistische Ideologie von rechts definieren. Der religiöse Zusammenbruch vom Ende des 19. Jahrhunderts führt also in Deutschland  zur Entstehung von zwei Ideologien nacheinander, der Sozialdemokratie und dann des ethnischen Nationalismus in seinen verschiedenen Wandlungsformen: pangermanistisch, antisemitisch, nationalsozialistisch. Das Dogma der grundsätzlichen Überlegenheit Deutschlands hält dasjenige der Erlösung durch die Arbeiterklasse in Schach. Diese dualistische Mechanik, die in die Zusammenstöße von 1918-1933 mündet, ist in Schweden aus zwei Gründen nicht möglich.
Zunächst weil Schweden eine kleine Nation ist, bevölkert mit 5 Millionen Einwohnern um 1900 gegenüber 60 Millionen in Deutschland. Die Entwicklung einer aggressiven nationalistischen Ideologie ist dort unvorstellbar. Die schwedischen Mittelschichten können im Gegensatz zu ihren deutschen Gegenstücken nicht über die Eroberung der Welt fantasieren. Die Analyse des schwedischen Falles erlaubt es, die wirkliche Besonderheit des deutschen Falles zu erfassen. Deutschland ist nicht besser begabt für den ethnischen Nationalismus als andere Länder mit Stammfamiliensystem, aber seine Größe und seine Macht machen die Entwicklung einer aggressiven Ideologie möglich, die auf der Minderwertigkeit bestimmter Völker und bestimmter Rassen besteht. Es handelt sich hier um ein Phänomen von kritischer Masse, das nichts mit dem Familientyp oder der Intensität des Vorgangs der Entchristlichung  zu tun hat. Ein Schweden von 60 Millionen Einwohnern hätte wahrscheinlich einen erobernden ethnischen Nationalismus entwickelt, der von der Minderwertigkeit der Nicht-Schweden überzeugt gewesen wäre. Die Stammfamilie nährt jedoch in Schweden ein Sentiment der Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen den Völkern, der logisch zur Definition eines sehr soliden Neutralismus führt. Der Neutralismus erscheint als natürliche Form des ethnischen Nationalismus eines kleinen unabhängigen Landes. Er ist eine milde Verneinung der äußeren Welt, völlig tolerabel, aber er verweigert nicht weniger als der aggressive Ethnozentrismus das Prinzip des universellen Menschen. Als spezifische Form des Nationalismus kann der Neutralismus in keiner Weise die Sozialdemokratie stören. Als Ethnozentrismus einer schwachen Nation passt er wunderbar zur Arbeiter-Botschaft der Verteidigung der Schwachen im Inneren des Landes. Das ideologische Paar „Sozialdemokratie + Neutralismus“ lässt den schwedischen Mittelschichten keine Ersatzideologie, denn die Träume der Arbeiterklasse fügen sich mit denjenigen der Nation zusammen.

Ein zweiter Faktor trägt zur ideologischen Entwaffnung der schwedischen Mittelschichten und Rechten bei: ihre zahlenmäßige Schwäche im Morgengrauen des ideologischen Zeitalters. Um 1900 ist Schweden noch ein ländliches Land mit ziemlich wenig städtischer Befestigung. Im Ancien Regime war der Adel, der erste Stand im Königreich, schon zahlenmäßig schwach, weniger als 0,5% der Bevölkerung in 1718[1]. Die Bauernschaft hat als anerkannter Teil der Ständegesellschaft eine eigene Vertretung im Riksdag. In der Phase der Entstehung der Ideologien findet die Rechte in Schweden keinerlei solide und massive  sozialökonomische Unterstützung. In Deutschland dagegen geben kleine Adelige (Mikro-Junker), Bürgerliche und Handwerker dem Nationalismus von rechts auf Anhieb eine soziale Basis; die ideologische Kontrolle der Bauernschaft durch diese diversen Gruppen verschaffen ihm eine Massenbasis. In Schweden entzieht sich die Bauernschaft bereits in den Jahren 1917-1932 der Kontrolle der konservativen Partei. Sie gründet ihre eigene „agrarische“ Partei, die sich im entscheidenden Moment in einer rot-grünen Koalition für die Allianz mit den Sozialdemokraten entscheidet, die alle Arbeiter vereint.

[1] J.-P. Labatut. Les Noblesses européennes, S. 12

Das schwedische sozialistische Modell:
Egalitarismus oder Ständegesellschaft?

In ununterbrochener Weise 40 Jahre lang an der Macht konnte die schwedische Sozialdemokratie besser als jede andere ihre Ideologie verkörpern mit einer  Umsetzung im Diesseits. Die Intervention des Staates drückt sich dort vor allem durch eine sehr hohe direkte Steuerlast aus. Während das Recht auf Eigentum, ausdrücklich auch industrielles, respektiert wird, lässt das schwedische Modell doch ausgiebige soziale Dienste und große private Unternehmen mit Export- und multinationaler Ausrichtung nebeneinander existieren. Das Frappierendste an diesem System ist, dass die historische Allmacht des Sozialismus, der ständige Interventionismus des Staates seit 1932 in keinerlei marxistisches Abrutschen, in keinen Versuch einer totalitären Erweiterung des öffentlichen Sektors und der Liquidation der bürgerlichen Schichten gemündet sind. Der autoritäre Zug des kulturellen Systems, in Familie und Ideologie,  erklärt die Macht des Staates; sein inegalitärer Zug erklärt das Überleben des bürgerlichen Kapitalismus. Das sozialdemokratische, oder auch einfach schwedische Denken  akzeptiert die Koexistenz sozialer Wesenheiten von unterschiedlicher Natur. Die sozialdemokratische Macht akzeptiert den König, sie arrangiert sich auch ziemlich gut mit dem Fortbestehen einer Bourgeoisie. Die Macht, nicht die Existenz wird dem König und den Kapitalisten verweigert. Was den schwedischen Sozialismus davon abhält, die Grenze zu überschreiten, die den demokratischen Sozialismus vom Kommunismus trennt, ist die Tatsache, dass er nicht egalitär ist, dass er keine Leidenschaft für soziale Homogenität hat, dass er nicht heterophob ist. Die Anwesenheit der Partei der Arbeiterklasse an der Macht impliziert nicht die Zerstörung der bürgerlichen Parteien, im Gegenteil. Die ideologische Struktur des schwedischen politischen Lebens besteht heftig auf der Notwendigkeit der Konfrontation zwischen der Arbeiterpartei und den bürgerlichen Parteien, die auf diese und ihre Weise zur Definition der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung beitragen.
Dieser Inegalitarismus ist verwirrend, weil er den wirtschaftlich „Höherstehenden“ in die Situation des politisch „Dominierten“  versetzt, aber er ist die normale Konsequenz eines ideologischen Systems, das die Existenz verschiedenartiger sozialer Wesenheiten akzeptiert.
Die Auspressung der Einkommen durch die Steuer wird zu Unrecht als Anzeichen eines tief verwurzelten Egalitarismus interpretiert. Sie berührt nur das Äußerliche der Wesenheiten, ihren Lebensstandard, nicht ihren Wesenskern. Eine egalitäre Antwort auf das Problem der wirtschaftlichen Differenzierung wäre keine steuerliche. Der Egalitarismus, der danach strebt, die Wesen auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren, kann sie wie in der Sowjetunion alle in Beamte des Staates verwandeln oder, wie in der anarchistischen Theorie, alle zu Göttern erheben und von vom Staat unabhängigen Individuen, Genossenschafter oder Eigentümer, träumen. Das schwedische System dagegen akzeptiert die Vielfalt bezüglich des wirtschaftlichen Status. Diese Vielfalt ist eine notwendige Voraussetzung für das Zusammenpressen der materiellen Differenzen durch die Besteuerung. Die relative Gleichheit der schwedischen Einkommen ist übrigens nicht das Ergebnis eines spezifisch sozialdemokratischen Willens. Die materielle Gleichheit ist eine schwedische Tradition: Die Unterschiede im Lebensstandard sind in dieser ländlichen und stark alphabetisierten Gesellschaft niemals spektakulär gewesen. Schweden kann in seiner Vergangenheit kein Bild einer Gesellschaft finden, in der eine elende Bauernschaft einer Mittelklasse gegenüberstand, die unanständig gut gestellt war. Das schwedische „Ancien Régime“ kombinierte relative Gleichheit des Lebensstandards mit der Akzeptanz von Statusunterschieden. Es kann rückblickend als Ständegesellschaft auf einer materiell egalitären Basis definiert werden. Die autonome Repräsentation der Bauernschaft in den Ständen des Königreichs fasst diese beiden Aspekte zusammen: es definiert die zentralen Werte einer Gesellschaft des Ancien Régime, die die Existenz einer bäuerlichen Wesenheit akzeptiert, verschieden vom Adel und vom Klerus, mit einem Status und mit Rechten. In gewisser Weise war die sozialdemokratische ideale Gesellschaft der Jahre 1950-70 nur eine industrielle Fortschreibung dieses ländlichen Modells. Die sozialdemokratische Partei repräsentiert den Arbeiterstand, der die anderen Parteien  dominiert, die die Anliegen der Nicht-Arbeiter-Stände vertreten. Der Steuerdruck  stellt die materielle Gleichheit des schwedischen flachen Landes des 17.-19. Jahrhunderts und des unterentwickelten städtischen Systems der damaligen Zeit wieder her.

Die Phase des Übergangs der Jahre 1920-1940, in der der Arbeiterstand, getragen  von der Industrialisierung, die Oberhand über alle anderen gewinnt, ist besonders interessant. Sie erlaubt zu zeigen, in welchem Maß die schwedischen politischen  Parteien die Erben der Stände des Ancien Régime sind. Zwischen 1920 und 1932 sichert das Wachstum der organisierten Arbeiterklasse den Machtzuwachs der  Sozialdemokratie. Aber die Bauern definieren sich auch politisch selbst durch die Gründung der Agrarier-Partei, die 1932 ein Ergebnis von 15,5% der abgegebenen Stimmen erreicht. Während dieser entscheidenden Periode vertritt die konservative Partei die städtischen Mittelklassen, und die Schwäche der Partei (26% der Stimmen) ist die Schwäche dieser Schichten. Die liberale Partei, die sich in fortdauernder Auflösung befindet, da sie zwischen 1911 und 1932 von 40,2 auf 12,9% der abgegebenen Stimmen fällt, vertritt überhaupt keine bestimmte Klasse: als Erbe aus einer Phase, die vor dem allgemeinen Wahlrecht lag, und geboren aus englisch-französischem Einfluss löst sie sich auf, weil sie wie in Deutschland durch den autoritären Zug der Stammfamilie plattgewalzt wird. Das politische System, das im Schweden der 1930er Jahre entsteht, spiegelt ziemlich gut das sozialökonomische System wider. Arbeiter, Bauern und Bürger haben ihre Partei. Sie sind drei Stände, deren notwendige Zusammenarbeit das schwedische System definiert. Aber der Arbeiterstand ist der erste im Königreich.

Schweden: Wahlen zum Unterhaus des Riksdag (1911-1988)
Anteil der abgegebenen Stimmen (in %)
Kommu-nisten Sozial-demokraten Liberale Agrarier (Zentrum) Konservative
1911 28,5 40,2 31,3
1914-1 30,1 32,2 37,7
1914-2 36,4 26,9 36,7
1917 8,1 31,1 27,6 8,5 24,7
1920 6,4 29,6 22,0 14,1 27,8
1921 7,8 36,2 19,1 11,0 25,8
1924 5,1 41,1 16,9 10,8 26,1
1928 6,4 37,1 15,9 11,2 29,4
1932 9,1 45,8 12,9 15,5 25,8
1936 8,5 50,6 14,2 15,8 19,3
1940 3,6 54,2 12,1 13,7 15,9
1944 10,3 46,7 12,9 13,6 15,9
1948 6,3 46,1 22,8 12,4 12,3
1952 4,3 46,1 24,4 10,7 14,4
1956 5,0 44,6 23,8 9,4 17,1
1958 3,4 46,2 18,2 12,7 19,5
1960 4,5 47,8 17,5 13,6 16,5
1964 5,2 47,3 17,0 13,2 13,7
1968 3,0 50,1 15,0 16,1 13,9
1970 4,8 45,3 16,2 19,9 11,5
1973 5,3 43,6 9,4 25,1 14,3
1976 4,8 42,7 11,1 24,1 15,6
1979 5,6 43,2 10,6 18,1 20,3
1982 5,6 45,6 5,9 15,5 23,6
1985 5,4 44,7 14,2 12,4 21,3
1988 5,9 43,7 12,2 11,4 18,3
Quelle: L.Lewin, B. Jansson, D.Sörbom, The Swedish Electorate 1887-1968, S. 146-148.
Statistische Jahrbücher Schwedens für den Zeitraum 1970-1988.

Die Erfindung Europas

auf Französisch „L’invention de l’Europe“ lautet der Titel eines großartigen Buches von 1990  des französischen Anthropologen und Historikers Emmanuel Todd. Im Vorwort der Auflage von 1996 hat der Autor bereits eindrücklich vor dem Euro und dem Vertrag von Maastricht gewarnt, weil eine gemeinsame Währung das anthropologisch, historisch und ideologisch so vielgestaltige Europa, wie er es bei der Arbeit an seinem Buch kennengelernt hat, unweigerlich in seiner kreativen Vielfalt beschädigen und ruinieren muss. In ca. 20 Jahren, also im Jahr 2016, das nun unmittelbar vor der Tür steht, werde spätestens klar sein, dass eine gemeinsame Währung ohne ein gemeinsames Bewusstsein eher einen Dschungel schafft als eine Gesellschaft. Genau da stehen wir zu Beginn dieses Schicksalsjahres für den Euro und für Europa.
Was ist das für ein Mann, der eine ähnliche selbst- und treffsichere Prognose bereits 1976 für das Ende der Sowjetunion „in 15 Jahren“, also für 1991, abgegeben hatte? Wahrscheinlich ein Genie, das seinem wissenschaftlichen Vorbild Max Weber keinesfalls nachsteht. Einen ersten Überblick über Todds jüngstes Buch und sein Gesamtwerk habe ich bereits hier zusammengestellt.
Das Ungewöhnliche an Todds Werk „L’invention de l’Europe“ ist die Tatsache, dass es weder ins Deutsche noch ins Englische übersetzt ist und deshalb wesentlich unbekannter, als es sein wissenschaftlicher Ansatz und seine tiefen Erkenntnisse verdient hätten. Für die deutschen Leser würde ich das gerne ändern, indem ich es in Auszügen übersetzt hier in diesem Blog vorstelle. Jedem Interessierten, der des Französischen mächtig ist, kann ich nur wärmstens empfehlen, sich ein günstig erhältliches gebrauchtes Exemplar zu besorgen und  sich die Mühe einer Lektüre zu machen.

Der Klappentext des Buches:

Wie hat sich Europa herausgebildet? Wie erklärt sich seine fundamentale Vielfalt? Warum haben die Völker, aus denen es sich zusammensetzt, die großen historischen Bewegungen wie die Reformation, die Industrialisierung, die Geburt und den Niedergang der totalitären Ideologien weder im selben Rhythmus noch in derselben Weise durchlebt? Definieren seine aktuellen Grenzen homogene Nationen?
Emmanuel Todd startet hier von einer bereits – mit Erfolg – in „Die Erfindung Frankreichs“ und „Das neue Frankreich“ erprobten Arbeitshypothese. Sie lässt sich in wenigen Worten ausdrücken: die religiöse, wirtschaftliche und ideologische Entwicklung einer Gruppe von Menschen wird stark geprägt von ihrem alten anthropologischen Untergrund. Die verschiedenen Arten von Familienstrukturen bestimmen zum Beispiel die Empfänglichkeit oder die Widerstandsfähigkeit einer Region für den Totalitarismus. Auf dieselbe Weise war die Auslegung des Christentums, ob protestantisch oder katholisch, zu einem großen Teil von den autoritären oder liberalen Werten bestimmt, die im Familienmodell selbst enthalten sind. Nun zählt Europa aber vier Haupt-Familiensysteme, deren geografische Verteilung neue Kriterien für die Analyse liefert. So kann eine Neulektüre der europäischen Geschichte unternommen werden. Auf diese Weise kann unsere Erklärung beispielsweise der Religionskriege, der Französischen Revolution, der spanischen Franco-Diktatur, des deutschen Nationalsozialismus oder des italienischen Kommunismus erneuert werden.
Dieses Buch ist das Ergebnis von sieben Jahren Recherche. Es stützt sich, Land für Land, auf eine Masse von Informationen, die nicht ohne die Hilfe einer eigenständigen kartographischen Methode zu behandeln gewesen wären. Kompendium, radikale Aktualisierung unserer Kenntnisse: man wird nach diesen Seiten kaum mehr von Europa sprechen können, wie man zuvor von ihm gesprochen hat.

Emmanuel Todd, geboren 1951, ist Doktor der Geschichtswissenschaften der Universität Cambridge und hat sein Diplom am Institut für Politische Studien in Paris erworben. Er ist Chef des Dokumentationsdienstes am Nationalen Institut für demografische Studien (INED) in Paris.

Das Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Einführung: Der Raum und die Zeit

Der anthropologische Sockel

  1. Die Familiensysteme
  2. Die Agrarsysteme

Religion und Moderne

  1. Reformation und Gegenreformation
  2. Kulturelles Durchstarten und Alphabetisierung
  3. Die Industrialisierung
  4. Die Entchristlichung
  5. Die Geburtenkontrolle

Tod der Religion, Geburt der Ideologie

  1. Freiheit und Gleichheit: Frankreich, Spanien, Nord- und Süditalien
  2. Autorität und Ungleichheit: 1. Deutschland
  3. Autorität und Ungleichheit: 2. Die kleinen Nationen: Schweden, Österreich, Belgien, Schweiz, Irland
  4. Gemeinschaft: Mittelitalien, Finnland, Südportugal
  5. Die Freiheit allein: Großbritannien, Niederlande, Dänemark, Norwegen

Tabelle der europäischen Ideologien

Der Zerfall der Ideologien (1965-1990)

  1. Die finale Krise des Katholizismus
  2. Das Ende des Proletariats
  3. Der Zerfall der Ideologien in protestantischen Ländern
  4. Politischer Katholizismus und Sozialismus: die doppelte Unbeständigkeit
  5. Die Mikro-Ideologien

Schluss: Europäer und Immigranten

Literaturverzeichnis