Anti-Populismus und Anti-Nationismus

Der letzte Auszug aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion„) stellte die These auf, dass Demokratie und Nation durch die Entstehung einer höher gebildeten Schicht in allen entwickelten Gesellschaften mehr oder weniger stark unter Druck geraten seien. Die neue Ungleichheit sei nicht Folge der  Globalisierung und des Neoliberalismus, sondern der Ausbreitung neuer Bildungsunterschiede. Die neue soziologische Ungleichheit sei ihrerseits der Motor der  Globalisierung und dessen, was wir gemeinhin „Neoliberalismus“ nennen.
In diesem  Auszug geht es jetzt um die Techniken und Argumente, mit denen die höher gebildeten Schichten das Volk entmündigen und entmachten wollen:

Der Anti-Populismus in Frankreich

Der Mai 1968 stellt einen Wendepunkt dar. Die Ereignisse setzten ein letztes Mal die Solidarität der Arbeiterschaft und der linken kulturellen Elite in Szene. Die revoltierenden Studenten proklamieren lautstark ihre Solidarität mit der Welt der Fabriken. Das Unterbewusstsein der linken Bewegung ist jedoch bereits inegalitär…. Als die Agitation einmal abgeklungen ist, beinhalten die nachfolgenden linken Bewegungen eine starke antipopuläre Komponente. 20 Jahre vor Maastricht, mehr als 10 Jahre vor der Entstehung des Front National, beginnt die Anklage gegen das französische Volk, seine Neudefinition als intellektuell und moralisch ungenügend durch Eliten, die sich für links halten…
Die Verteufelung des Volkes ist der Entstehung des Populismus um 15 Jahre vorangegangen. Um genau zu sein, hat sie diese Entstehung provoziert…

Das Unterbewusstsein ist inegalitär und leitet sich von der neuen kulturellen Schichtenbildung ab. Es drückt sich auf brutale Art durch die Verachtung der populären Haltungen aus, wenn sich ganz präzise politische Anlässe bieten. Die Anhänger des Neins zum Maastricht-Vertrag werden mit unkultivierten Wesen in Verbindung gebracht, manchmal mit Analphabeten. Das Volk „versteht nicht“ die „Notwendigkeit“ der Währungsunion, noch die von Reformen für mehr Flexibilität, die einer Senkung der Gehälter, die einer Infragestellung der Sozialversicherung oder der Umgehung des Rentensystems durch Pensionsfonds. Die Verblendung der Eliten sticht hier ins Auge, weil es ja offensichtlich ist, dass das einfache Volk im Gegenteil die Spielchen mächtig gut versteht, die man mit ihm spielen will.

Eine allgemeine Tendenz der Presse, das Ausmaß von Problemen mit Analphabetismus zu überschätzen, verrät die neue soziokulturelle Situation. Eine Überschrift der Tageszeitung „Le Monde“ vom 3. Mai 1996 … ist charakteristisch: „26% der Schulkinder können am Ende der Regelschulzeit nicht lesen oder rechnen.“ Eine solche Darstellung suggeriert die Existenz eines guten Viertels von Analphabeten in der französischen Bevölkerung. Die Betrachtung der Detailergebnisse im Artikel selbst zeigt, dass nur 9% der Schüler die Basiskompetenzen beim Lesen nicht beherrschen und dass 23,5% Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Die logisch absurde Vereinigung der beiden Kategorien führt zu Definition einer großen kulturell zurückgebliebenen Klasse, eines illegitimen Volkes. Rein anekdotisch kann man gar nicht anders als vom mathematisch fehlerhaften Titel des Artikels ableiten, dass sein Autor zu den 23,5% der Franzosen gehört, die Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Aber das beharrliche Bestehen der Presse auf diesem Fehler zeigt das inegalitäre kulturelle Vorurteil. Am 27. September 1997 zögert die Wochenzeitung „Le Point“ nicht zu behaupten, dass 40% der Kinder nicht lesen können. Der bereits radikale Pessimismus der „Monde“ wird weit überschritten, aber auf Kosten jeder soziologischen Glaubwürdigkeit. Bei diesem Niveau von Analphabetismus, das für bestimmte Länder der Dritten Welt typisch ist, müssten wir ständig von Passanten angesprochen werden, damit wir ihnen helfen, einen Straßennamen zu entziffern, ihre Kreditkarte zu benutzen oder eine Telefonnummer zu tippen.
Mit der Denunziation des „Populismus“ durch die „Eliten“, zwanghaft in der ersten Hälfte der 90er Jahre, streift das inegalitäre Unterbewusste am Auftauchen ins Bewusstsein vorbei. Der Populismus ist eine der französischen politischen Kultur völlig fremde Kategorie. Er ist unvorstellbar im Land von 1789, 1830, 1848, 1871 und 1936. Was denunziert wird, ist also ganz einfach das Volk und sein Recht sich auszudrücken durch Wahl, Streik oder eine Demonstration.…

In den kultivierten Klassen führt die Kombination eines egalitären Unbewussten und eines inegalitären Unterbewussten dazu, dass sie sich mit den Immigranten solidarisch fühlen und losgelöst von den Arbeitern mit älteren französischen Wurzeln… Das Paris derjenigen mit einem Hochschulabschluss … hat sich entflammt für die Verteidigung der Rechte der Immigranten, nachdem es bewegt wurde durch die Probleme der illegalen Einwanderer ohne Papiere, aber es gelingt ihm immer noch nicht, sich für das Volk in den Provinzen zu interessieren, das gefoltert wird von einer Europa- und Wirtschaftspolitik, die nicht aufhört, die Arbeitslosigkeit steigen zu lassen.

Die Ablehnung der Immigranten durch die Arbeiter, die Liebe der höheren linken Kader ausschließlich für die Immigranten sind die beiden komplementären Gesichter der gleichen Tendenz der französischen Gesellschaft zur Perversion des egalitären Sentiments.

Die Fragmentierung der Nationen als endogenes Phänomen: der Anti-Nationismus

Wir können jetzt den wirklichen Sinn der Angriffe verstehen, deren Objekt die Nation ist, von Seiten der Ökonomen, die ihre Überwindung feiern, wie von Seiten der Ideologen, die ihre intrinsische Barbarei stigmatisieren. Die offensichtliche Auflösung der Nation ist ein endogenes Phänomen, das aus der Aufspaltung der kulturellen Sphären resultiert. Ihre Entstehung war eine Wirkung der egalitären Homogenisierung, ihre Infragestellung eine Folge der kulturellen Aufspaltung. Man sieht, wie der Anti-Nationismus eine Ungleichheitsmaschine ist. Denn die Nation, die die Reichen und die Armen in ein Netz aus Solidaritäten einschließt, ist für die Privilegierten in allen Augenblicken eine Unannehmlichkeit. Sie ist die Voraussetzung von Institutionen wie der Sozialversicherung, die in der Praxis ein System der nationalen Umverteilung ist, unverständlich ohne die Hypothese einer Gemeinschaft von solidarischen und gleich(wertig)en Individuen. Der Anti-Nationismus ist für die höheren Klassen, die sich von ihren Verpflichtungen befreien wollen, funktional, wirksam und diskret. Er ist geeignet, den der (französischen) Gesellschaft innewohnenden Egalitarismus zu delegitimieren, indem er ein ganz und gar ehrenwertes Projekt aktiviert, das den Nationalismus überwindet und mit ihm die Phänomene von Aggressivität zwischen Völkern…
Die endogene Dynamik der Fragmentierung der Nationen drückt sich aus durch die wirtschaftliche Öffnung und führt zu dem sichtbaren und bewussten Phänomen, das die Globalisierung ist….

Vom demografischen, anthropologischen Standpunkt oder vielleicht sogar vom gesunden Menschenverstand aus, sind das Volk und die Nation essentiell ein und dieselbe Sache. Ich würde sagen, dass die Infragestellung Frankreichs durch die französischen Eliten das Erscheinen des National-Populismus provoziert hat.

Ein Widerspruch für alle Nationen:
die Koexistenz von Gleichheit und Ungleichheit


Die Homogenisierung durch die Massenalphabetisierung ist eine Errungenschaft, die in keiner Weise durch das ungleiche Fortschreiten der höheren Bildung in Frage gestellt wurde. Die verschiedenen entwickelten Nationen der Welt sind heute auf der Ebene der Primärbildung homogener als jemals zuvor in ihrer Geschichte…
Das ist das fundamentale Paradoxon der entwickelten Gesellschaften: die Überlagerung einer unangetasteten nationalen Homogenität und einer neuen Schichtenbildung, die mit der Entwicklung der sekundären und höheren Bildung in Zusammenhang steht. Die privilegierten Klassen versuchen, den Widerspruch so zu drehen, dass sie sich einen Anstieg des Analphabetismus in den unteren Klassen einreden. Aber die soziologische Wahrheit ist, dass die entwickelte Welt mit dem Widerspruch seiner primären nationalen Homogenität und kulturellen Schichtenbildung darüber leben muss. Deshalb ist das Verschwinden der Nation eine Illusion, auch wenn der Anti-Nationismus sehr wohl eine Doktrin unserer Zeit ist. Er ist eine tragische Illusion, deren Macht zu einer wirtschaftlichen Inkohärenz der entwickelten Welt geführt hat durch die desaströsen Experimente, die der komplett freie Welthandel und die Währungskonstruktion Europas darstellen.

Kommentar:

  • Die für die Argumentation zentrale Beobachtung Todds zur Übertreibung und Instrumentalisierung des Analphabetismus durch die Medien kann ich aus persönlicher Erfahrung bestens bestätigen: jahrelang habe ich solche Hiobsbotschaften ebenfalls in den Zeitungen gelesen und wirklich geglaubt, dass die Schulbildung der Kinder generell den Bach runtergeht. Als dann meine ältesten Kinder in der Grundschule waren und ich mir die Arbeitsblätter und Lernkonzepte mal genauer angesehen habe, hat es mich wie der Blitz getroffen: das war (in einer ganz normalen Grundschule genau zwischen einem eher einfachen und einem bürgerlichen Stadtteil Münchens) in Darstellung und Niveau um Klassen besser als alles, was wir in der guten alten, heilen Zeit der 70er Jahre in der Grundschule eines Schwarzwald-Dorfes gemacht hatten. Und auch heute noch ist die Grundschule genauso gut, wie ich täglich an meiner jüngeren Tochter sehe. Todd hat Recht: das Volk wird nicht dümmer, solange es nicht zu sehr auf das selbstgefällige Gewäsch von Medienleuten hört.
  • Fast jeder kennt derzeit die Kommentare in Medien, dass es ein Fehler gewesen sei, das britische Volk über den Brexit abstimmen zu lassen. Die gleiche Art von Geringschätzung gerade in als „links“ geltenden Medien für die demokratische Praxis der bewährten Schweizer Volksabstimmungen ist mir schon zuvor deutlich aufgefallen. Solche Ressentiments haben keine empirische Grundlage: das schweizerische politische System produziert seit 150 Jahren bessere Ergebnisse als das deutsche. Sie gründen in einem inegalitären, antidemokratischen Unterbewusstsein, mit dem „höhere“ Menschen (alias: moderne Priester) sich einreden, dass sie das Volk zu seinem Besten bevormunden sollten. Und wichtig ist, dass diese Tendenzen nicht neu sind, sondern für wachere, intelligentere Beobachter (als ich es bin) schon sehr lange erkennbar sind und zum Beispiel in diesem Buch schon vor 18 Jahren detailliert beschrieben wurden.
  • Mir ist das von Todd beschriebene Phänomen einer völlig verzerrten Elitensicht erstmalig 2002/2003 in der Debatte um den 2. Irakkrieg extrem stark aufgefallen: alle öffentlichen Argumente für den Krieg standen erkennbar auf wackligen Beinen und haben sich bald als Unsinn erwiesen. Trotzdem war „dumm und unwissend“ damals immer nur das oppositionelle Volk, das sich besonders zahlreich und wütend in England versammelt hat. „Verantwortungslos und populistisch“ waren diejenigen Politiker und Journalisten, die aus dem Elitenkonsens ausgeschert sind, nicht diejenigen, die ihn mit falschen Behauptungen und offenen Drohungen erzwingen wollten. Todds Analyse bringt es auf den Punkt: es handelt sich um einen mit Argumenten nicht widerlegbaren Anspruch einer selbsternannten „Elite“, auch gegen das Volk zu regieren und „Populisten“ deshalb als besonders gefährliche Gegner zu bekämpfen.
  • Todd führt den französischen Anti-Populismus allein auf die 68er Bewegung zurück und bestätigt damit eine Ansicht, die in der deutschen Rechten ebenfalls sehr verbreitet ist.Es wäre aber absurd zu behaupten, dass er der Rechten nachläuft, denn er polemisiert schon seit Jahrzehnten gegen den Elitenkonsens, insbesondere den linken. Andererseits hindert ihn das nicht daran, sich für die soziale Frage und gleichzeitig für die Assimilation von muslimischen Einwanderern stark zu machen. Im dritten Schritt lehnt er dann wieder Masseneinwanderung scharf ab. Ein bewundernswerter Freigeist und sozialliberaler Patriot!
    In Deutschland gibt es auch einen sehr alten Anti-Populismus, der früher gerne gegen links aktiviert worden ist. Aber den 68er Anti-Populismus gibt es hierzulande sicherlich auch. Dieser verbündet sich gerne mit dem alten Anti-Populismus und geißelt dann „die Querfront“.

Höhere Bildung, höhere Menschen

Der vorangegangene Text aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion) behauptete im letzten Satz:
Genau eine kulturelle Entwicklung, eine notwendige Folge des Alphabetisierungsprozesses, hat die Idee der Ungleichheit begünstigt und diese doppelte Verneinung (von Nation und Demokratie) ermöglicht.
Diese Entwicklung wird in diesem Kapitel beschrieben:

Von der höheren Bildung zu den höheren Menschen

Wenn die Alphabetisierung der Massen einmal realisiert ist, bleiben die Gesellschaften nicht stehen in einem stabilen Zustand der allgemeinen primären Bildung. Die Menschheit geht ihren Marsch nach vorne weiter durch die Verbreitung der Sekundärbildung und der Hochschulausbildung. Aber die Entstehung einer postprimären Bildung, die quantitativ bedeutend ist, bricht die Homogenität des sozialen Körpers. So bricht ein neuer soziokultureller Zyklus an: Die Entstehung einer massiven Gruppe, die durch höhere Studien definiert wird, seien sie abgeschlossen oder nicht, ist eines der entscheidenden Phänomene der Nachkriegszeit, die versteckte Kraft, die auf die meisten der wesentlichen ökonomischen und politischen Veränderungen drückt. Diese Entwicklung wurde zunächst als ein positives Phänomen wahrgenommen, als eine der unzähligen und zuträglichen Erscheinungsformen des Fortschritts. Die Entwicklung der Universitäten und der Anzahl von Studenten war eine neue Jugend der Welt, die sehr schnell in der gesamten westlichen Sphäre in mächtige Bewegungen des Protests mündet: gegen den Krieg in Vietnam, den sexuellen Konformismus und den Autoritarismus der Vergangenheit. Aber diese Studenten, die sich mit der Zeit in Erwachsene reifen Alters verwandeln, haben schließlich durch Zusammenballung zusätzlicher Schichten eine wahrhafte soziokulturelle Schichtstufe gebildet, die intellektuelle Kompetenzen, moralische Gewohnheiten und spezifische politische Werte trägt, von denen wir sehen werden, dass sie heute weit davon entfernt sind, die Idee vom Fortschritt zu begünstigen.

Die glückliche Überraschung der Jahre 1500-1900 wird gewesen sein, dass die Schrift, die zu Beginn das magische Instrument der Priester gewesen war, tatsächlich für alle zugänglich war. Die schmerzhafte Offenbarung der Jahre 1950-1990 wird gewesen sein, dass die Sekundär- oder  Hochschulbildung nicht in egalitärer Weise auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt werden kann.

Man kann die wahre Ursache der Rückkehr der Idee von der Ungleichheit unter den Menschen nicht besser auf den Punkt bringen. Diese Ursache ist nicht ökonomisch, sondern tiefer im Unterbewusstsein der fortgeschrittenen Gesellschaften angesiedelt: es handelt sich um die kulturelle Fragmentierung, die durch die Sekundär- und Hochschulbildung herbeigeführt worden ist. Dieses Unterbewusste beeinflusst alle bewussten Vorstellungen von der sozialen Struktur. Die Lehren von der Ungleichheit florieren; die ökonomischen Ungleichheiten verschärfen sich. Wir finden hier eine gegenüber dem Aufstieg des Ideals der Gleichheit während der Phase der Homogenisierung der Gesellschaft durch die Massenalphabetisierung umgedrehte Bewegung. Der Vormarsch der Primärausbildung zog den der Demokratie nach sich; derjenige der Sekundär- und Hochschulausbildung die Wiederinfragestellung der Demokratie…

Auch zur Frage der Legitimation der Höherstellung der höher gebildeten Schichten trifft Todd in diesem Buch Aussagen:

Die Wiederkehr der Ungleichheit und die Fragmentierung der Nationen

…Was soll es für die ökonomische Theorie, dass die Bestbezahlten der Bestbezahlten nicht die Wissenschaftler sind und die Ingenieure, deren wirtschaftliche Nützlichkeit gewiss ist, sondern die Verhandler von Verträgen und die Medienleute – die von Robert Reich in „The Work of Nations“ so genannten „Manipulateure der Symbole“, deren Aktivität sich nicht in einer Erhöhung der nationalökonomischen Produktivität ausdrückt. Die Privilegierten nach Reich, der selbst Anwalt ist, sind nur noch ausnahmsweise die wissenschaftlichen und technischen Meritokraten, die von früheren Generationen angepeilt worden sind…
Als Michael Young 1958 in „The Rise of the Meritocracy“… die neue soziale Schichtenbildung beschrieben hatte, die logisch aus dem Bildungsfortschritt entstehen musste, waren seine Meritokraten noch Wissenschaftler…
Der Meritokrat der Jahre 1950-1970, Anführer einer egalitären Gesellschaft, begründete seine Existenz durch seine technische Fähigkeit, die Natur zu dominieren und aus ihr die Produktivitätsgewinne für alle zu erzielen. Der Meritokrat des Jahres 2000 dominiert die Gesellschaft und entzieht aus ihr das Einkommen für sich selbst…
Es ist nicht alles falsch in den Erklärungen der Ungleichheit, die die spezifische ökonomische Nützlichkeit bestimmter höherer intellektueller Ausbildungen hervorheben. Man findet in jeder industriellen Gesellschaft einen erhöhten Anteil von Individuen, deren intellektuelle und technische Kompetenz erklärt, dass sie besser bezahlt werden als Arbeiter ohne Qualifikation, ein Phänomen, das im Zeitalter der Automatisierung besonders offensichtlich ist. Aber wir wissen alle, dass weder die Doktoren der Molekularbiologie, noch die Ingenieure, die die Atomkraftwerke, den Airbus, den TGV und die Ariane-Rakete ersonnen haben, noch sogar die Informatiker, die die Algorithmen ausarbeiten, die zur Ersetzung der unqualifizierten Arbeit notwendig sind, die wirklich privilegierten des Systems sind. Der Multiplikationsfaktor, der es erlaubt, vom Lohn eines Arbeiters zum Gehalt eines Forschers zu kommen, ist weder in Frankreich noch in den USA maßlos zu nennen.
Der industrielle Wert eines Ingenieurs ist unbestreitbar höher als der eines unqualifizierten Arbeiters. Aber es ist nicht möglich, die Nützlichkeit eines Arbeiters direkt derjenigen eines Anwalts oder eines hohen Beamten gegenüber zu stellen. Die amerikanischen Anwälte, die ihr Gehalt aus der Ausbeutung der Fehlfunktionen ihrer Gesellschaft ziehen, haben keinen wirtschaftlichen Wert auf internationaler Ebene. Es ist außerdem gewiss, dass die Inspektoren der französischen Finanzverwaltung zwar sehr gut aufgestellt sind, um ihre Privilegien beim Gehalt und der Arbeitsplatzsicherheit zu verewigen, aber für die französische Gesellschaft wegen ihrer krassen Inkompetenz in Wirtschaftsfragen eher einen Netto-Kostenfaktor als einen Gewinn darstellen. Ihre soziale Nützlichkeit ist negativ. Wenn wir die Informatiker aus Frankreich ausweisen, bricht das Bruttoinlandsprodukt zusammen. Wenn wir die Inspektoren der Finanzverwaltung deportieren, die den starken Franc lieben, wird sich das Bruttoinlandsprodukt wieder erholen. Aber wir können bei einem höheren Gehaltsniveau selten bestimmen, was von einem inneren ökonomischen Mehrwert kommt, und was sich von einer spezifischen Fähigkeit ableitet, der Gesellschaft Werte zu entziehen, von einer sozialen Rente zu profitieren…

In einem früheren Kapitel hat sich Todd insbesondere mit den USA beschäftigt, die nach seiner Darstellung in den 50er bis frühen 60er Jahre ihren höchsten kulturellen und Ausbildungsstand erreicht hatten und den europäischen Nationen weit enteilt waren, bevor sie diesen Stand weder verbessern noch halten konnten und von einem brutalen Rückschlag ereilt wurden, von dem sie sich bis heute nicht mehr erholt hätten. Er schreibt nach einer ausführlichen Besprechung der Bildungsstatistiken, die diesen Befund belegen:

Der Absturz der Jahre 1963-1980

…Man kann, wenn man sich dieses Absackens nicht bewusst ist, die zahlreichen regressiven Phänomene nicht verstehen, die in den 70er, 80er und 90er Jahren das amerikanische Leben befallen: die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die intellektuelle und künstlerische Provinzialisierung, die Entstehung eines schnellen und gewalttätigen Kinos, die Entwicklung absurder Sozial- und Geschichtswissenschaften, die den Konflikt zwischen Mann und Frau ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen (gender studies), die Obsession mit sexueller Belästigung, die Infragestellung der Abtreibung, die Rückkehr von Kreationisten, die Darwin und der Entstehung der Arten feindlich gegenüberstehen, die Verrottung der Justiz und eine Repression mit einer Anzahl von Individuen, die eine Strafe im Gefängnis absitzen, die zwischen 1980 und 1993 von 1´840´400 auf 4´879´600 ansteigt. Die massive Wiederkehr der Todesstrafe drückt besser als jedes andere Phänomen die geistige Regression aus, die die amerikanische Gesellschaft befallen hat: die Anzahl der Häftlinge, die in der Zelle auf ihre Hinrichtung warten, steigt zwischen 1980 und 1994 von 688 auf 2890. Diese Modernität entkoppelt sich effektiv von der Idee des Fortschritts.

Fazit:

  1. Todd sieht die Ursache für den Niedergang sowohl von Demokratie als auch Nationen in einer neuen Ungleichheit, die die Ergebnisse von Jahrhunderten der Egalisierung und Demokratisierung angreift.
  2. Eine neue Kultur der Ungleichheit gehe von dem erheblichen (i.A. ca. 20%) Teil der Bevölkerung aus, der sich mit seiner höheren Bildung zu einem höheren Menschen machen wolle.
  3. Dieser Teil der Bevölkerung sei in Europa in der 68er-Epoche unter linker Flagge gesegelt, habe aber jedes linke Ideal, insbesondere das einer A-Priori-Gleichheit der Menschen und einer meritokratischen Ausübung von Führung beinahe flächendeckend über Bord geworfen und in sein Gegenteil verkehrt.
  4. Die rein ökonomische Begründung der Ungleichheit sei nicht haltbar. Die Ungleichheit sei nicht Folge, sondern der geistige Motor, der die wirtschaftliche Entwicklung (in einer fatalen Richtung) antreibe.
  5. Die „Illusion“ im Titel seines Buches bezieht sich also nicht nur auf die Illusionen in den Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung (die er auch erläutert, unter anderem an Hand der Entwicklung der Demografie und der massiven Ungleichgewichte und Verschuldung in der Weltwirtschaft, was sich inzwischen brillant bestätigt hat), sondern vor allem auch in der Verdrehung der Beziehung von Ursachen und Wirkungen.
  6. Todd ist ein überragender Denker auch linker (=egalitärer), vor allem aber rationalistisch-liberaler Ausrichtung, wie es nur sehr wenige gibt. Mit seinem furchtlosen Nonkonformismus und seiner legendären Vorhersagekraft bei der empirischen Analyse auch und vor allem linksautoritärer Regressionen hat er seit seinem spektakulären Erfolg von 1976 nicht nachgelassen: „Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft.

Demokratie und Nation

Ein Text anlässlich des Brexits vom vergangenen Donnerstag entnommen aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion“). Die zentrale Aussage des in Cambridge in Geschichtswissenschaft promovierten und für einen französischen Intellektuellen sehr anglophilen Emmanuel Todd lautet:
Demokratie und Nation sind also nur die zwei Gesichter, inneres und äußeres, einer Gesellschaft, die durch die Massenalphabetisierung homogenisiert worden ist. Das ist der Grund, warum diese beiden Konzepte für die Menschen des 19. Jahrhunderts so nah beieinander lagen. Der aktuelle Wille, sie zu trennen, indem man die Demokratie positiv beurteilt und die Nation negativ, wäre ihnen als eine logische Unmöglichkeit erschienen… Die Nation zu verneinen bedeutet in der Praxis auch, die Demokratie zu verwerfen.

Und hier die ausführlichere Ableitung dieser Aussage:

Von der Massenalphabetisierung zur Gleichheit

Nach einer kurzen Einleitung über die Beobachtungen Alexis de Tocquevilles zur (im 19. Jahrhundert) unaufhaltbar fortschreitenden Gleichheit der Menschen in den westlichen Gesellschaften fährt Todd fort:
„Nichts kann dieses Fortschreiten auf die Gleichheit der Bedingungen besser erklären als die Diffusion der Alphabetisierung von oben nach unten auf der sozialen Leiter, von den Priestern zu den Adligen und den Bürgerlichen, dann zu den Handwerkern, den Händlern, den Bauern, den Landarbeitern und den Industriearbeitern. Die Schrift ist das fundamentale Mittel des Zugangs zum religiösen oder technischen Wissen; sie erlaubt die Beherrschung der Zeit. Sie ist ursprünglich das Privileg einer hierokratischen Kaste und als solche die Erzeugerin von Ungleichheit. Sie dehnt sich in der Folge in Etappen auf die Gesamtheit der Bevölkerung aus und löst damit gleichzeitig wirtschaftliche Entwicklung und Angleichung der (Lebens)Bedingungen aus. Jeder dieser entscheidenden Schritte verursacht einen demokratischen Schub auf dem politischen oder religiösen Feld. Die protestantische Reformation, die die Gleichheit des Laien und des Priesters im Zugang zur  Heiligen Schrift und zu Gott will, beginnt in Deutschland, wo gerade der Buchdruck erfunden worden ist. In der Folge, wenn 50% der erwachsenen Männer lesen und schreiben können, scheint geradezu mechanisch eine Revolution auszubrechen: in England in der Mitte des 17., im Pariser Becken am Ende des 18., in Russland am Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn wir die Idee akzeptieren, dass die tiefsten Unterschiede unter den Menschen sich auf dem Gebiet der intellektuellen Ausbildung und des Wissens einstellen, müssen wir zugeben, dass lesen und schreiben können 1789 den Bauern auf das Niveau des Adligen hebt und 1848 den Proletarier auf das Niveau des Bürgerlichen. Die Massenalphabetisierung erzeugt eine objektive Gleichheit auf dem geistigen Gebiet. Sie löscht die Phänomene der Vorherrschaft aus, die ursprünglich durch die Erfindung der Schrift erzeugt worden sind.
In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Männer und der Frauen lesen kann und in der die fortdauernde Verbreitung der Alphabetisierung nahelegt, dass eines baldigen Tages alle dieses Ausbildungsstadium erreicht haben werden, ist die Entwicklung des demokratischen Ideals normal und natürlich. Die Individuen, die die höheren Stufen des Ausbildungsprozesses, Sekundar- und Hochschulausbildung, erreichen, stellen noch einen sehr kleinen Anteil der Bevölkerung einschließlich der wirtschaftlich privilegierten Klassen dar. Die Alphabetisierung wird in ihrer finalen Phase als ein besonderer Moment der Homogenisierung der Gruppe erlebt. Sie wird begleitet von einer Standardisierung der Kommunikation durch das Verschwinden peripherer Sprachen und Dialekte. Auf der politischen Ebene bringt sie eine ausgedehnte und glaubwürdige Gemeinschaft von Männern hervor, die dieselbe Sprache sprechen, lesen und schreiben und folglich debattieren, argumentieren, entscheiden und wählen können. Wenn diese homogene Gemeinschaft ihre innere Struktur betrachtet, denkt sie sich als eine Demokratie. Wenn sie nach außen schaut, denkt sie sich als eine Nation.

Demokratie und Nation sind also nur die zwei Gesichter, inneres und äußeres, einer Gesellschaft, die durch die Massenalphabetisierung homogenisiert worden ist. Das ist der Grund, warum diese beiden Konzepte für die Menschen des 19. Jahrhunderts so nah beieinander lagen. Der aktuelle Wille, sie zu trennen, indem man die Demokratie positiv beurteilt und die Nation negativ, wäre ihnen als eine logische Unmöglichkeit erschienen. Heute findet man sich gut, wenn man den Nationalismus und seine barbarischen Konsequenzen verwirft; aber die Nation zu verneinen bedeutet in der Praxis auch, die Demokratie zu verwerfen. Genau eine kulturelle Entwicklung, eine notwendige Folge des Alphabetisierungsprozesses, hat die Idee der Ungleichheit begünstigt und diese doppelte  Verneinung ermöglicht.“

Anmerkungen zum Brexit und zur EU aus der Perspektive dieses Textes von Todd:

  1. Die von den Brexit-Befürwortern in Anspruch genommene demokratische Motivation ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Ein sehr schönes Beispiel für eine rein demokratische Begründung des Brexits findet man beispielsweise hier.
  2. Die EU hat völlig unabhängig von der konkreten Gestaltung ihrer Institutionen einen fundamentalen Mangel für eine demokratische Ordnung: ihre Vielsprachigkeit erschwert den meisten Bürgern einen direkten Zugang zu Debattenbeiträgen und macht sie noch erheblich abhängiger von Informationsvermittlern, als sie es bereits in einer nationalen Demokratie sind. Weil beispielsweise der oben verlinkte Debattenbeitrag von Ambrose Evans-Pritchard 99,9% der deutschen Zeitungsleser nicht bekannt ist, ist es für hiesige Medien ein Leichtes, englische Brexit-Befürworter pauschal als ausländerfeindliche, ungebildete, arbeitslose Volldeppen, Landeier und Rentner darzustellen, obwohl Ambrose in mehreren europäischen Staaten studiert und gearbeitet hat und ein hoch angesehener Wirtschaftskolumnist ist, der das Brexit-Lager in vielen Beiträgen davor gewarnt hat, die wirtschaftlichen Probleme eines Brexits zu leicht zu nehmen oder unnötig politisches Porzellan in Europa zu zerschlagen.
  3. Der Demograf und Historiker Emmanuel Todd ist seit der ersten Hälfte der 90er Jahre ein Gegner der verstärkten europäischen Integration und insbesondere des Euro. In einem Text von 1995 erläutert er, wie es zu dieser Haltung gekommen ist, obwohl er die europäische Einigung bis dahin mit viel Wohlwollen gesehen hatte und noch immer der Meinung ist, dass sie bis ca. 1980 eine friedensstiftende Wirkung für die Völker Europas hatte.
  4. Der Konflikt zwischen dem Brexit- und dem Remain-Lager ist also nachvollziehbar ein Konflikt über die Abwägung von Vor- und Nachteilen internationaler Kooperation durch supranationale Strukturen, die beinahe notwendigerweise weniger demokratisch sind als nationale.
  5. Bei einer Reform der EU in Richtung zu weniger Zentralismus und mehr Gestaltungsfreiheit für die Nationalstaaten und die Regionen hätten sowohl die Brexit-Befürworter in England als auch die Brexit-Gegner vor allem in Schottland, Nordirland und London (und die übrigen Europäer) gemeinsam glücklicher werden können als mit dem Brexit und dem möglichen Verfall des Vereinigten Königreichs. Es ist (aus heutiger Sicht) ein Versäumnis der EU, das nicht angeboten zu haben und ein Fehler von David Cameron, das nicht hart genug gefordert zu haben als Gegenleistung für seine Unterstützung der Remain-Kampagne.
  6. Weder Brexit-Befürworter noch Brexit-Gegner sind Lichtgestalten oder Monster. Auch die Frage, welche Entscheidung einen Rückschritt darstellt, wird sich (wenn überhaupt) erst in ferner Zukunft beantworten lassen.
  7. Todds Überlegungen sind deshalb besonders wertvoll, weil er sie systematisch und ohne Effekthascherei bereits lange vor den Ereignissen und Konflikten entwickelt hat, die sich dann mit ihnen erklären und einordnen lassen. Er argumentiert also ungewöhnlich glaubwürdig nicht als Interessenvertreter oder Lobbyist, sondern als Sozialwissenschaftler und -philosoph, der Entwicklungen vorausdenkt und ihnen nicht hinterher läuft.
  8. Im letzten Satz des Textes merkt Emmanuel Todd an, dass eine ganz bestimmte Entwicklung zu mehr Ungleichheit und dann zu weniger Nation und weniger Demokratie in den westlichen Gesellschaften geführt hat. Diese eine Ursache und ihre vielen Folgen (Ungleichheit, Internationalisierung, Denationalisierung, wirtschaftliche Globalisierung, Demokratieverlust, Populismusverachtung) werden in weiteren Blogbeiträgen behandelt werden.
    Nachtrag vom 2.Juli 2016:
  9. Die barbarischen Konsequenzen des Nationalstaats, die Emmanuel Todd ausdrücklich anerkennt, kann man zum Beispiel am Hartmannswillerkopf besichtigen:
    Hartmannswillerkopf
    Ich habe das im Mai dieses Jahres getan, über 35 Jahre nach dem ersten Besuch, zu dem unser katholischer Pfarrer seine Ministranten hierhergeführt hatte.
  10. Solche Barbarei durch Nationalstaaten ist ein Argument, um ihre Wiedereinsetzung als alleiniger Entscheidungsrahmen ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Aber sie ist kein Grund, Macht ohne ernsthafte demokratische Kontrolle an die EU abzugeben, die EU als Institution und Personen von demokratischer Herausforderung freizustellen und absolut zu setzen. Denn exakt 100 Jahre nach den Gemetzeln am Hartmannswillerkopf war die EU an der Herbeiführung ähnlich umfangreicher Gemetzel in der Ostukraine beteiligt, mindestens durch Fahrlässigkeit.
  11. Das Argument, dass für die Ostukraine allein Russland verantwortlich ist, lasse ich kategorisch nicht gelten. Schließlich haben sowohl Deutschland als auch Frankreich allein die jeweils andere Seite für das Morden in den Vogesen verantwortlich gemacht, ebenfalls ohne dass sich die Opfer dafür irgendetwas kaufen konnten. 100 Jahre später ist es aber noch ebenso unmöglich wie damals, eine der beiden Seiten von Schuld freizusprechen. Das gilt selbstverständlich für das Deutsche Reich, aber es gilt auch für Frankreich (L’Alsace a tout prix!: Das Elsaß um jeden Preis!)