Traurige Moderne – ein Lebenswerk

Das Buch, aus dem ich zu Jahresbeginn ein Kapitel übersetzt und auf diesem Blog veröffentlicht hatte, ist jetzt auch auf Deutsch herausgekommen: TitelKombiniert

Inhalt

Inhaltsverzeichnis der deutschen Ausgabe
Wie der Titel bereits andeutet, handelt es sich um einen ganz großen Überblick über die Menschheitsgeschichte unter dem Blickwinkel der Frage, die Todd seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie beeinflussen die Familienstrukturen und die Werte, die sie tragen, das Leben der Menschen und der Völker, ihre Geschichte?

Augenmerk auf Deutschland und seine Rolle in Europa

In Interviews hatte Todd bereits vor Erscheinen der Originalausgabe angekündigt, dass das Buch sich besonders intensiv und auch sehr freundlich mit Deutschland beschäftigen würde, seinem (nach meiner Meinung schon immer unbegründeten) Ruf zum Trotz, ‚germanophob‘ zu sein. Das von mir ausgewählte Kapitel bestätigt das auch ganz hervorragend.

Emmanuel Todd hat für die deutsche Ausgabe ein Vorwort geschrieben, in dem er nicht nur erläutert, dass seine Arbeit in der Tradition der „deutschen Historischen Schule“ steht. Er erklärt auch, beinahe schon rührend, die großen Hoffnungen, die er mit der deutschen Ausgabe seiner Arbeit verbindet:

‚Es ist mir eine große Freude, ein Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buches zu schreiben, denn Deutschland nimmt in ihm einen besonderen Platz ein. Dieses Land spielte im Verlauf der Geschichte eine einzigartige Rolle, im Guten wie im Schlechten.

Im Hinblick auf Deutschland ermöglicht dieser Ansatz eine realistische Einschätzung seiner Rolle in der Geschichte und seiner ungeheuren Leistung, im Guten wie im Bösen, ohne das Land durch die unnötige Hypothese von einem deutschen Wesen von der übrigen Welt zu isolieren

Auch wenn man die Fähigkeit von Intellektuellen, den Gang der Geschichte zu beeinflussen, nicht überschätzen darf, so hoffe ich dennoch, dass dieses Buch auf seine bescheidene Weise Deutschland wieder zu einem stärkeren Selbstbewusstsein verhilft. Was wir nämlich brauchen, ist ein luzideres Deutschland‘

Die große Bedeutung Deutschlands zeigt das Inhaltsverzeichnis der Kapitel die sich besonders auf Deutschland beziehen:

5.: Deutschland, der Protestantismus und die Alphabetisierung

Vom Protestantismus zur Massenalphabetisierung

Die Stammfamilie und die Schrift

Von der Stammfamilie zum Protestantismus und umgekehrt

Von der Stammfamilie zur Alphabetisierung

Alphabetisierung und Verstärkung des patrilinearen Merkmals in Deutschland

Die Entwicklung in Schweden und in Russland

6.: Der große geistige Wandel in Europa

Das «westliche Heiratsmuster»: Später Sieg der christlichen Sexualfeindlichkeit

Die Wege der Disziplin

Zerstörung des undifferenzierten Verwandtschaftssystems

Der schwindelerregende protestantische Blick ins Innere und das Zerreißen des Verwandtschaftsnetzes

Der protestantische Militärstaat und die frühen Nationalismen

Der Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung

Der Anteil der Stammfamilie in historischer Sicht oder: Familienstruktur als kontinuierliche Variable

7.: Bildungsaufschwung und Wirtschaftsentwicklung

Warum England und nicht Deutschland?

Die Stammfamilie und die Industrialisierung

8.: Säkularisierung und Krise des Übergangs

Der Katholizismus ohne Gleichheit: 1800–1965

Der Zusammenbruch des Protestantismus: 1870–1930

Der Absturz der Religion und die Ära der Ideologien

Die Krise des Übergangs und die Ideologien

Familienstrukturen und Ideologien

Religion und Ideologie
….

16.: Gesellschaften mit Stammfamilie: Deutschland und Japan

Niedrige Geburtenraten in Deutschland und Japan: Eine Langzeitfolge der patrilinearen Stufen

Frauen ohne Kinder

Der zweite demografische Übergang als Teil der Globalisierung: Eine Fehlanpassung der Gesellschaften mit Stammfamilie?

Unterschiede im Bildungswesen von zwei Stammfamiliengesellschaften

Patrilinearität in Deutschland und Japan, Feminismus in Schweden

Widerstand eines kollektiven Bewusstseins: Der Zombie-Nationalismus

Ökonomischer Vorsprung und demografische Krise

Extrovertiertheit in Deutschland, Introvertiertheit in Japan

17.: Die Metamorphose Europas

Vielfalt der Familienstrukturen am Rande Eurasiens

Die Vielfalt der religiösen Einflüsse

Der Triumph der Ungleichheit in Europa

Industrieller Blitzkrieg im Westen

Die demografische Zerstörung von Osteuropa, dann von Südeuropa

Deutschlands «demografische» Außenpolitik

Der Drang nach Osten

A Bridge Too Far: Patrilineare und endogame Migrationsgemeinschaften (Anmerkung: vgl. dieses Interview)

Das postdemokratische Europa – ganz normal

Augenmerk auf Amerika

Der zweite Schwerpunkt des Buches bildet definitiv die Beschäftigung mit der angloamerikanischen Welt und besonders Amerika. Hier erstreckt sich die Analyse ebenfalls bis in die Gegenwart und zum Verständnis von Donald Trump.

14.: Donald Trump als Wille und Vorstellung

Die Rationalität des Wählervotums für Trump

Bildungsmäßige Schichtung und politische Wahl

Die Zitadellen der Elite: Silicon Valley und Academia

Der ökonomische Konflikt tritt an die Stelle des Rassenkonflikts

Der rassische Triumphalismus und Clintons imperiales Projekt

Clintons Kontrolle über die schwarze Wählerschaft: Ein weiterer Verrat der Eliten

Die Demokratische Partei und ihr Problem mit den Hispanics

Der demokratische Aufbruch hat immer noch fremdenfeindliche Züge

Globales Projekt gegen nationales Projekt

Die absolute Kernfamilie schwindet, und die junge Generation kommt nicht raus

Der Widerstand der amerikanischen Jugend gegen die Fremdenfeindlichkeit

Viele Ideen daraus dürften den Lesern meines Blogs bekannt vorkommen, denn sie wurden schon in diesem großen Interview angesprochen und auch hier, hier und hier.

Auch Ideen aus vielen anderen Kapiteln finden sich in älteren Auszügen insbesondere aus ‚Die Erfindung Europas‚  und ‚Die neoliberale Illusion‚ auf meinem Blog.
In diesem großen Buch fasst Todd nämlich nicht nur seine eigenen Arbeiten neu und großartig zusammen, sondern er resümiert auch die Geschichte einer (westlichen) Welt, die er aktuell an einem Wendepunkt und in einer dramatischen Transformation sieht.

Bisherige Rezeption und Ausblick

Als Todd-Bewunderer und Hobby-Interpret halte ich das Werk natürlich für ein Meisterwerk und gebe eine dringende Kauf- und Leseempfehlung an alle, die bereit sind 30 Euro für ein dickes Buch auszugeben und sich mit der nicht einfachen Kost auseinanderzusetzen. Die Belohnung liegt dann in einem Hintergrund und in einer Begriffswelt, die zu verstehen erlaubt, was in einem historischen Umbruch gerade passiert und woraus die Konflikte gespeist werden, außer aus wirtschaftlichen Interessen und Dummheit.

Aber auch die ersten Leser-Rezensionen bei Amazon.de sind sehr positiv und auch diese Rezension im ‚Bücherregal‘.

Das Erscheinen des Buches auf Deutsch führt auch dazu, dass ich kein weiteres Kapitel des Originals mehr in großen Teilen auf meinem Blog übersetzen werde. Die wirtschaftliche Basis der professionellen Übersetzung eines solchen Werkes mit doch letztlich recht überschaubarer Leserschaft will ich nicht untergraben.

Nachtrag 13.09.2018
Im Deutschlandfunk gibt es eine Rezension von Marko Martin, Autor bei den ‚Salonkolumnisten‘ und Ralf Fücks‘ ‚Liberaler Moderne‘. Aus diesem Umfeld kann Todd  natürlich keine Sympathie erwarten. Aber, dass der Autor das Buch so schlampig gelesen hat, dass er von 3 statt 4 Haupt-Familiensystemen spricht, ist dann doch unter jedem Niveau. Ganz besonders scheint er sich darüber aufzuregen, dass Todd die deutsche Ukraine-Politik als demografische Ausplünderung kritisiert. Der billigste Vorwurf aus der Ecke lautet dann immer „Verschwörungstheorie“.

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Die deutsche Polarisierung

Übersetzung aus dem Buch “L’invention de l’Europe” von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 9: Autorität und Ungleichheit, Deutschland

Dieses Kapitel aus dem insgesamt sehr lesenswerten, aber nur auf Französisch verfügbaren Buch (andere Kapitel auf Deutsch hier) testet an Deutschland die Hypothese, dass die Werte des Familiensystems  eines Landes maßgeblich seine Geschichte bestimmen und sich in ihr widerspiegeln.  Gleichzeitig zeigt es, wie eng die linke und rechte Ideologisierung in Deutschland mit dem Verlust religiöser Gewissheiten Hand in Hand ging, in diesem Fall des protestantischen Glaubens.
In  der aktuellen Lage ist dieses Kapitel zugleich sehr gut geeignet, um zu verstehen, wie die in Deutschland  starke und gefährliche Neigung zur Polarisierung der politischen Auseinandersetzung weiterhin existiert und sich gelegentlich an allzu symbolischen Themen entzündet.

Hier also nun in Auszügen der Originaltext in meiner Übersetzung:

Die deutsche Sozialdemokratie

Der deutsche Sozialismus schreitet im Rhythmus der Entchristlichung voran, soweit, dass die beiden Phänomene – das eine ideologisch, das andere religiös – ein einziges darzustellen scheinen. Die deutsche Sozialdemokratie wird offiziell 1875 geboren, auf dem Parteitag von Gotha, als Zusammenschluss von zwei Grüppchen…
Die Existenz des Allgemeinen Wahlrechts ab 1871 erlaubt es, den unaufhaltsamen Aufstieg dieser Sozialdemokratie zu verfolgen, der mächtigsten in Europa am Vorabend von 1914:

AufstiegSPD

Der Großteil ihres Wachstums findet zwischen 1887 und 1912 statt, wo sie von 10 auf 35% der abgegebenen Stimmen anwächst. Die Sozialdemokratie startet also erst ab dem Moment durch, wo sich die Entchristlichung beschleunigt, also gegen Ende der 1880er[1] Jahre.
Die Zahlen, die das nationale und globale Voranschreiten der deutschen Sozialdemokratie beschreiben, geben allerdings nur eine unvollständige Beschreibung des laufenden Prozesses. Vor 1914 folgt das Wachstum der Entchristlichung: es ist also besonders massiv in den protestantischen Regionen, wo die Ausübung der Religion in sich zusammenfällt; es ist schwach in denjenigen, wo die Religion (also der Katholizismus) standhält:

ZentrumSPDAntisemitismus

Nationalsozialismus

Das Industrierevier an der Ruhr, katholisch, ist keine sozialdemokratische Festung. In Sachsen, in Hessen, in Berlin, im Herzen des entwickelten und dicht besiedelten protestantischen Deutschlands findet der wesentliche Machtzuwachs der Sozialdemokratie statt. In diesen Regionen überschreitet der sozialistische Stimmanteil oft die absolute Mehrheit. 1903 erhält die Sozialdemokratie in Sachsen 59% und 22 von 23 Sitzen; in Berlin 67% und 5 von 6 Sitzen. In diesen Regionen ist sie nicht nur eine mächtige Partei, sie ist eine dominierende Partei…

Am Vorabend von 1914 ist die Sozialdemokratie auf Reichsebene mächtig, ohne eine Mehrheit zu haben, weil sie ja nur etwas mehr als 1/3 der Stimmen erhält. Im protestantischen Deutschland hat die Sozialdemokratie häufig eine Mehrheit, ist aber von der Macht durch ein System (Anmerkung des Übersetzers: das „Dreiklassenwahlrecht“ in Preußen) ausgeschlossen, das faktisch den Fortbestand der Stände des Ancien Régime sicherstellt…

Autorität und Organisation

…Von 1900 an wird die deutsche Sozialdemokratie durch ihre Praxis besser definiert als durch ihre (marxistische) Theorie.
Nach Ebert, der 1913 Bebel an der Spitze der Partei nachfolgt, gilt:
Der Sozialismus ist die Organisation. Die Desorganisation ist der schlimmste Feind des Sozialismus“ [2]
Die Liebe zur Partei definiert besser als jedes doktrinäre Element das Wesen der deutschen Sozialdemokratie und stellt sie Zug um Zug in Gegensatz zum Pariser oder andalusischen Anarcho-Sozialismus.
Die sozialdemokratische Partei ist die erste der großen Massenparteien mit außerparlamentarischem Ursprung, um die Klassifikation von Maurice Duverger heranzuziehen, der politische Organisationen danach unterscheidet, ob sie im oder außerhalb des Parlaments, also in der Gesellschaft selbst, entstehen. Die sozialdemokratische Partei wird sehr schnell eine außergewöhnliche Maschine, trotz der Bismarck’schen Verfolgungen der Jahre 1878-1890. 1912 hat sie 700000 Mitglieder, besitzt ungefähr 100 Zeitungen, stützt sich auf mächtige Gewerkschaften und kontrolliert unzählige Kulturvereine, die sich dem Gesang, Theater oder der Leseförderung widmen. Sie bezahlt mehrere Tausend festangestellte Mitarbeiter. Ihre 110 Parlamentarier im Reichstag bringen politisch weniger Gewicht auf die Waagschale als ihre Bürokratie.
Diese Eignung zur Organisation ist lediglich die sozialistische Variante einer allgemeinen Eignung der deutschen Kultur zur Organisation, die sich vom Autoritätsprinzip ableitet, das der Stammfamilie eigen ist. Die familiäre Disziplin wird zur Disziplin des Parteigängers….

Der ethnozentrische Nationalismus

Die nationalistische deutsche Ideologie wird „rechts“ geboren[3], als Zeitgenossin der Sozialdemokratie, des anderen Produkts der Entchristlichung.  Der Nationalismus  läuft dem Sozialismus jedoch immer ein Stück nach. Zunächst natürlich, weil er einem defensiven antisozialistischen Reflex folgt und die Existenz einer Bedrohung voraussetzt, vor der er anscheinend Deutschland beschützen will. Aber auch, weil die Entchristlichung  in der Arbeiterklasse schneller voranschreitet als in den Mittelschichten: die Ideologisierung des Proletariats  hat deshalb einen Vorsprung vor der der Aristokratie und des Bürgertums, Klein- oder Großbürgertum. Der Vorsprung beträgt nur einige Jahre. Die Sozialdemokratie startet zwischen 1887 und 1903 durch, der Pangermanismus erlebt seine Blüte zwischen 1900 und 1914.

Der deutsche Nationalismus nimmt sofort eine spezielle Form an: anti-universalistisch. Er besteht auf der Existenz einer germanischen Essenz, die eine spezielle Mission des Reichs definiere. Die ‚Botschaft von Fichte‘[4] verbreitet sich. Die Gefahr für Europa kommt daher, dass Deutschland tatsächlich dabei ist, die erste Macht Europas zu werden. Es wächst von 46 auf 63 Millionen Einwohner zwischen 1880 und 1908. Seine Industrie lässt diejenige Großbritanniens weitgehend hinter sich. Der Traum scheint wahr zu werden. 1893 wird der Alldeutsche Verband gegründet, eine Vereinigung und Lobbyorganisation, die in den wichtigsten Parteien der Regierungskoalition nach 1900 vertreten ist[5]. Das Streben nach europäischer  und weltweiter Führung veranlasst Deutschland, sich zunächst mit Russland anzulegen, dann mit Großbritannien. Der Bau einer Kriegsflotte, die es mit Englands Hegemonie auf dem Meer aufnehmen soll, steht im Zentrum der neuen Außenpolitik. Die Alldeutschen nehmen das britische Empire als erste Weltmacht wahr, deren Platz man einnehmen müsse. Das schon 1870 geschlagene Frankreich wird nicht mehr ernst genommen. Russland, dessen demografisches und industrielles Wachstum korrekt wahrgenommen wird, wird nur als langfristige Bedrohung gesehen. Ein Verein für die Ermutigung zur Seepolitik, der Flottenverein, dramatisiert den Konflikt mit England…
Die Machtzunahme der nationalistischen Ideologie ist im Inneren spürbar. Der gleichzeitig antagonistische und komplementäre Charakter der sozialdemokratischen und der alldeutschen Ideologien scheint deutlich bei den Wahlen von 1907 auf, anlässlich derer der Reichskanzler von Bülow  eine nationalistische Thematik durchsetzt. Die Hottentotten-Wahl findet in einem Klima der  kolonialen Konfrontation mit England  statt. Nun aber erlaubt der Appell an den Nationalismus der Regierung tatsächlich, ein Mal das sozialistische Wachstum zu blockieren. Die SPD fällt von 31,7 auf 28,9% der abgegebenen Stimmen…

Der Antisemitismus

Die Definition des germanischen Menschen führt zum Gegenbild des Juden, negative Inkarnation der deutschen Tugenden. Mitte der 1870er Jahre erfindet Wilhelm Marr das Wort Antisemitismus. Sein Bestseller Der Sieg des Judentums über das Germanentum erreicht 12 Auflagen in 6 Jahren. 1879 wird die Antisemiten-Liga gegründet, der erste politische Verein, der aus dem Hass gegen den Juden seine wesentliche Motivation macht. Die Entstehung des Antisemitismus markiert die Mutation des Nationalismus des doktrinären Zeitalters, vertreten durch Fichte oder Hegel, in das ideologische Zeitalter, das charakterisiert wird durch die Anhängerschaft großer Massen an das Ideal der Ungleichheit der Menschen. Man hätte es schwer, bei Hegel eine Denunziation der schädlichen Natur des Juden zu finden. Im Gegenteil enthalten die Grundlinien der Philosophie des Rechts eine Verteidigung der Idee der Emanzipation. Der Zusammenbruch des christlichen Glaubens ist notwendig für die Verbreitung des modernen Antisemitismus. Der christliche Glaube, protestantisch oder katholisch, etabliert zu gut die Verwandtschaft des Juden und des Christen. Der Tod Gottes zieht den von Christus nach sich, das heißt dieses Juden, der Europa seine Religion gab. Das theoretische Band zwischen Juden und Nichtjuden löst sich auf. Die Identifikation ethnischer und biologischer Unterschiede wird möglich. Der Darwinismus gibt sich nicht damit zufrieden, den Glauben an das Alte Testament und die Genesis zu zerstören, er kommt für die ideologischen Rassisten der Jahre 1880-1914 bei der Konkurrenz der Arten an. Die Juden sind kein auserwähltes Volk mehr, das sich irrt (die christliche Sicht), sondern eine Art (Rasse) die gleichzeitig niedriger und gefährlich ist. Das Buch von Marr wird von Pulzer richtig als „Darwin für 5 Pfennige“ beschrieben.
Nach dem ersten Fieber der 1870er Jahre, stellen die 1880er Jahre der Latenz dar, in der der Antisemitismus  auf Berlin beschränkt bleibt. Aber 1887 wird der erste antisemitische Abgeordnete in den Reichstag gewählt. 1890 sind es 5, 1893 16 (Höchststand), 1898 nur 13. Später werden die Etiketten weniger klar. Oder vielmehr hört der Antisemitismus auf, eine spezielle Doktrin zu sein, um das gemeinsame Erbe der deutschen Rechten zu werden… Ab 1900 ist der Antisemitismus nirgendwo mehr, weil er überall ist. 1913 präzisiert der Deutschnationale Handelsgehilfenverband DHV durch einen Zusatz zu seinen Statuten, dass er nicht aufnimmt „Juden und alle diejenigen, die Nationen oder Rassen angehören, die bewusst gegen das Deutschtum gerichtet sind“. Zur damaligen Zeit hatte der DHV 148000 Mitglieder gegen 12380 bei der sozialdemokratischen Konkurrenzgewerkschaft. Besonders interessant ist die Selbstfestlegung der Mittelschichten auf das reine Ariertum, die die gleichzeitige Zurückweisung des Arbeiters und des Juden mit sich bringt, zweier andersartiger und minderwertiger Wesen. Die Welt der Angestellten, die gleichzeitig abhängig beschäftigt und entchristlicht sind, ist besonders anfällig für die antisemitische Ideologie. Die gleichzeitige Zurückweisung der Arbeiter und der Juden durch die Mittelklassen endet in einer objektiven Solidarität: die Sozialdemokratie wird effektiv die Partei der Arbeiter und der Juden. Zwischen 1871 und 1884 umfassten die 14 jüdischen Reichstagsabgeordneten 3 Rechtsliberale, 8 Linksliberale und 3 Sozialdemokraten. Von 1890 an gehörten fast alle jüdischen Parlamentarier der Sozialdemokratie an.

Antisemitismus gegen Sozialdemokratie

Antagonismus und Komplementarität sind die Konzepte, die gemeinsam am besten die Beziehungen zwischen Antisemitismus und Sozialdemokratie  in der deutschen Kultur der Jahre 1870 bis 1914 beschreiben. Die Sozialdemokratie ist die deutsche Form des sozialistischen Anwachsens. Der Antisemitismus konzentriert und fasst die härtesten Tendenzen des deutschen Nationalismus zusammen. Sozialdemokratie und Antisemitismus werden nacheinander aus dem Prozess der Entchristlichung geboren. Der Antagonismus und die Komplementarität lassen sich in der Zeit und im Raum begreifen.
In der Zeit folgen die antisemitischen Schübe denjenigen der Sozialdemokratie. Die erste antisemitische Phase folgt in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre der Gründung der Sozialdemokratie. Die relative sozialistische Stagnation zwischen 1877 und 1885 verlangsamt das Fortschreiten des Antisemitismus. Das sozialistische Durchstarten der Jahre 1887-1893 führt zum ersten politischen und parlamentarischen Erscheinen des Antisemitismus. Die Sozialdemokratie erreicht 23,3% der Stimmen; die antisemitischen Gruppen erreichen 16 Abgeordnete, aber, man muss es festhalten, nur 2,9% der Stimmen. In der Folge entspricht die Verallgemeinerung des antisemitischen  Sentiments in der deutschen Rechten der Stabilisierung der Sozialdemokratie als dominierende Kraft der Linken.
Im Raum ist die Beziehung von Komplementarität und Antagonismus nicht weniger frappierend. Die Zonen des Wachstums des Wahl-Antisemitismus, die Hessen, Sachsen, Thüringen und Berlin sind, sind auch diejenigen der Entwicklung der Sozialdemokratie, selbst wenn der Antisemitismus nur an den Rändern der sozialdemokratischen Einflusszone siegreich ist. Von den 16 antisemitischen Sitzen von 1893, liegen 8 in Hessen, 6 in Sachsen und 2 weitere in Preußen östlich der Elbe….
Man kann jedoch nur betroffen sein vom Antisemitismus der sächsischen Rechten, der in einer Region gedeiht, wo die Juden kaum 0,25% der Bevölkerung stellen. Das Paradox geht bis auf die Ebene von ganz Deutschland: in diesem Land, dessen Rechte 1914 vom Antisemitismus zerfressen ist, gibt es weniger als 1% Juden. Die quantitative Bedeutungslosigkeit der jüdischen Frage wird die Entstehung des Nationalsozialismus  nicht verhindern. Zwischen 1928 und 1932 wird der Antisemitismus der fundamentale strukturierende Faktor des deutschen Nationalismus. Am Vorabend von 1914 ist er erst ein wichtiges aber sekundäres Element.

Der Nationalsozialismus:
Vollendung und Überschreitung des Antisemitismus

Das Auftauchen des Nationalsozialismus wird oft als Ergebnis des Zusammenspiels von zwei Arten der Verzweiflung dargestellt. Zunächst der Wirrnis, die durch die Niederlage (von 1918) und den  Zusammenbruch der traditionellen Monarchie erzeugt wurde; dann der Konjunkturpanik, die durch die große Wirtschaftskrise von 1929 ausgelöst wurde. Der bestimmende Einfluss der Arbeitslosigkeit, der 6 Millionen Deutschen gegen 1930 ihre regelmäßige Beschäftigung nimmt, kann nicht geleugnet werden. Aber man hätte Unrecht, die Machtergreifung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und Hitlers als die Wirkung nur dieser beiden Faktoren zu betrachten. Die einfachste und direkteste vergleichende Geschichte zeigt insbesondere, dass eine streng wirtschaftliche Interpretation ungenügend ist: die Existenz einer Masse von 10 Millionen Arbeitslosen erlaubte in den Vereinigten Staaten den Triumph von Roosevelt, d.h., einer reformistischen Politik, die in keiner Weise die Prinzipien der liberalen Demokratie in Frage stellte. Möglich geworden durch die weltweite Wirtschaftskrise ordnet sich der Nationalsozialismus doch auch in eine deutsche ideologische Kontinuität ein, die nicht in Zweifel gezogen werden kann. Er findet in Deutschland die anthropologischen und religiösen Grundlagen, die für seine Entwicklung unverzichtbar sind. Er ist der Endpunkt der ethnozentrisch-nationalistischen Ideologie, die er in einigen wichtigen Aspekten überschreitet. Der Nationalsozialismus interpretiert in der irrsinnigsten Weise die Werte der Autorität und der Ungleichheit, die von der Stammfamilie getragen werden, indem er sie auf den Begriff der ‚Rasse‘ bezieht, wobei der Ausdruck in seiner biologischen Bedeutung herangezogen wird.
Der Autoritarismus impliziert hier eine Absorption des Individuums durch die Rasse, einer transzendenten Kategorie. Der extremistische Charakter des Rassenkonzepts kommt daher, dass die Zugehörigkeit zu dieser Gruppierung vollkommen ohne Bewusstsein und Willen auskommt. Die Unterwerfung unter Gott, unter den Staat, unter das Edle, unter die Kirche setzte eine minimale bewusste Zustimmung voraus. Die Hypothese eines genetisch bestimmten Wesens zerstört die theoretische Möglichkeit einer Auflehnung des Individuums. Die Hitler’sche Theorie ordnet also den Staat der Rasse unter:
Die grundsätzliche Erkenntnis ist dann die, daß der Staat keinen Zweck, sondern ein Mittel darstellt. Er ist wohl die Voraussetzung zur Bildung einer höheren menschlichen Kultur, allein nicht die Ursache derselben. Diese liegt vielmehr ausschließlich im Vorhandensein einer zur Kultur befähigten Rasse. Es könnten sich auf der Erde Hunderte von mustergültigen Staaten befinden, im Falle des Aussterbens des arischen Kulturträgers würde doch keine Kultur vorhanden sein, die der geistigen Höhe der höchsten Völker von heute entspräche[6]
In dieser Vorstellung leitet sich die Ungleichheit der Menschen von der Existenz der Rassen ab, von denen manche wie die Slawen und Juden den Ruf von Minderwertigkeit haben und andere, wie die Arier, als höherwertig betrachtet werden. Die Kontinuität vom Pangermanismus zum Nationalsozialismus ist evident, ohne vollständig zu sein. Der Nationalsozialismus  kommt in der Praxis bei der banalen Definition eines deutschen Menschen an, der anderen Europäern überlegen ist, dessen Individualität aber geleugnet wird, der absolut unterworfen ist diesem höheren Wesen, das Deutschland ist. Aber wichtige theoretische Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Pangermanismus müssen unterstrichen werden. Der autoritäre und inegalitäre Radikalismus führt den Nationalsozialismus über eine Vergötterung Deutschlands, seines Volkes und seines Staates hinaus. Die zentrale positive Persönlichkeit des Hitler’schen Deliriums ist nicht der Deutsche, sondern der Arier, der seiner Rasse noch stärker unterworfen ist als der Deutsche seinem Staat. Der Nationalsozialismus verwirklicht in extremer Weise, das autoritäre und inegalitäre Potenzial der Stammfamilie, aber so, dass er es abhebt und ablöst von jedem konkreten historischen und kulturellen Träger. Denn wenngleich die Deutschen als Volk existieren, bilden die Arier ihrerseits eine mythische Kategorie auf dem rassischen Feld. Der Begriff des Ariers, die Idee der Rasse verabsolutieren die Ideale von Autorität und Ungleichheit. Der Radikalismus dieser mythologischen Konzepte erlaubt es, ihre Anwendung von der deutschen Wirklichkeit zu entkoppeln: nicht jeder Deutsche ist ein Arier, der über allen Nicht-Deutschen steht. Deutschland selbst wird von seinen  Kranken, seinen Verrückten, seinen Homosexuellen gereinigt werden müssen. Als einfache Umsetzung des Prinzip vom Ariertum wird Deutschland nicht gerettet werden dürfen, wenn es erst einmal von der Koalition der minderwertigen Rassen besiegt worden ist. Zwischen 1943 und 1945 ist Deutschland eines der Opfer des Nationalsozialismus. Hitler strengt sich an, es durch den totalen Krieg ins Grab zu bringen. Er ist kein Nationalist im traditionellen Sinn des Wortes. Er führt das Ideal der Ungleichheit der Menschen über das Konzept der Nation hinaus.
Der Nationalsozialismus universalisiert die Ideologie der Ungleichheit. Er erlaubt in nicht-germanischen Ländern, frei oder besetzt, das Auftauchen von Adepten der Doktrin, die sich mit dem Ariertum identifizieren, ohne deutsch zu sein. Der Judenhass erleichtert diese Internationalisierung  des Ideals der Ungleichheit. Der Jude ist überall, er verkörpert überall das minderwertige Wesen, das schädliche Prinzip, das man zerstören muss; vor allem definiert er auf negative Weise die dominierende Rasse, weil er das Gegenteil des Ariers ist.

[1] Anmerkung des Übersetzers: zuvor war diese Entchristlichung (allein des protestantischen Deutschlands) sowohl durch Bücher der 1880er Jahre, u.a. Nietzsche, als auch durch einen scharfen Rückgang des protestantischen Kirchbesuchs ab 1890 datiert worden.

[2] Von Friedrich Stampfer im Parteiblatt ‚Vorwärts‘ berichtete Meinungsäußerung, siehe Gordon Craig, Germany 1866-1945, S. 403

[3] Anmerkung des Übersetzers: Der Satz klingt in deutschen Ohren redundant, weil hierzulande Nationalismus grundsätzlich ‚rechts‘ verortet wird. Das ist aber ein (ethnozentrisches) Vorurteil: Der französische Nationalismus hat starke Wurzeln in der Franz. Revolution und ist deshalb auch „links geboren“.

[4] Diese erläutert Todd zu Beginn des Kapitels mit Bezug auf die „Rede an die deutsche Nation“ als anti-universalistisch und anti-individualistisch.

[5] P.G. Pulzer: The Rise of Political Antisemitism in Germany and Austria, S. 229. Zwischen 1894 und 1914 gehörten 60 Reichstagsabgeordnete dem ‘Alldeutschen Verband’ an: 15 antisemitische, 9 konservative, 8 Mitglieder der Reichspartei, 28 nationalliberale. Das Buch von Pulzer ist insgesamt von außergewöhnlicher  Qualität.

[6] Auszug aus mein Kampf, S. 389

Meine Kommentare mit Blick auf die heutige Situation:

  • Der autoritäre Charakter der deutschen Sozialdemokratie und die Unterordnung der Abgeordneten unter den Willen der Partei bzw. ihrer Führung, die Gordon Craig so schön für das Kaiserreich u.a. mit einem Ebert-Zitat illustriert hat, findet sich bis heute mühelos in den Tweets führender SPD-Politiker:
    StegnerGoodie
    Ist es nicht köstlich und furchtbar komisch, wenn diese Leute mit einem ganz autoritären Politikverständnis („Klappe halten! Einig sein!“)  dann auch noch ständig davon reden, wie liberal sie sich vorkommen?
  • Todds These lautet verkürzt, dass sich Sozialdemokratie und ethnozentrischer Nationalismus von 1875 bis 1914 aneinander hochgeschaukelt haben. Sie sind nicht rein antagonistisch, sondern durchaus komplementär, da aus demselben Holz gewachsen. Der zitierte Friedrich Ebert war ja schließlich 1914 kein Antagonist des Regimes mehr, sondern hat die SPD in die große Kriegskoalition geführt, Kriegsgegner aus der Partei geworfen und nach dem Desaster gemeinsame Sache mit dem angeblich gegnerischen Militär gemacht, um die Aufstände niederzuschlagen. Diesen Teil ihrer Geschichte und Eberts kehrt die SPD ganz gerne unter den Teppich, aber insbesondere der nicht-linke Sebastian Haffner hat sich darum verdient gemacht, ihn sachlich zu thematisieren: In entscheidenden Momenten der dt. Geschichte machte die SPD immer wieder gemeinsame Sache mit ihren angeblichen Gegnern und auf Kosten vitaler Interessen der Bevölkerung.
  • Auslöser sowohl für den Aufstieg der SPD als auch des völkischen Nationalismus war nach Todd und mit guten Argumenten der Zerfall des protestantischen Glaubens und der Kampf verschiedener Bevölkerungsschichten um einen Platz in einer sich (demografisch, technisch, wirtschaftlich) schnell verändernden Welt
  • Der Jude wurde gewissermaßen zum Kristallisationspunkt dieses Kampfes: als Sündenbock, als Feindbild, als Antithese zu Tugenden, die aus ganz anderen Gründen unter Druck waren.
  • Und genau diesen Mechanismus der Polarisierung kann man nach meiner Meinung heute auch heute wieder beobachten. Er wirkt von zwei Seiten gleichzeitig. Einerseits kann gerade die SPD abweichende und durchaus berechtigte Einwände gegen Fehler bei der Einwanderung in ihren Reihen weniger dulden als jede andere Partei. Damit treibt sie unwiderstehlich und traumwandlerisch auch gemäßigte Kritiker und verdiente Sozialdemokraten wie Guido Reil in die Arme der AfD.
  • Andererseits ist die SPD auch für Islamkritiker und die AfD das allerliebste Feindbild, und kommt immer wieder wegen der Haltung zum Islam heftig unter Feuer. Die SPD entwickelt sich zu etwas wie einem geschützten Raum für Muslime, die politisch aktiv werden wollen. Kein Wunder, wo doch eine einzelne Abgeordnete mit Kopftuch auf dem Ticket der FDP solches Wutgeheul auslöst:
    WahlplakatKilic
  • Die Wut über diese kommunale Kandidatur einer verschleierten Frau halte ich für überdreht. Ich kenne solche Frauen ebenfalls aus dem Elternbeirat einer Kita, wo sie tatsächlich gute Arbeit leisten. Warum nicht in einem Gemeinderat? Warum nicht auf der Liste einer liberalen Partei? Ohne dass die einzelne Person und ihre tatsächliche Arbeit betrachtet wird, und das wäre Sache der örtlichen FDP und der örtlichen Wähler in Neumünster, sollte ein Kopftuch allein keine nationale Aufregung verursachen. Diese ist nicht nur überzogen, sondern auch unklug.
  • Ein großer Unterschied von damals zu heute besteht darin, dass die SPD aus wirtschaftlichen und demografischen Gründen keine Partei im rasanten Aufstieg, sondern im rasanten Abstieg ist. Ebenso ist Deutschland demografisch kein aufstrebendes, sondern ein schrumpfendes Land. Beides hilft womöglich, eine Katastrophe wie 1914 oder gar 1933 zu vermeiden.
  • Eine große Gemeinsamkeit mit damals besteht aber darin, dass Deutschland vor dem Hintergrund scheinbaren wirtschaftlichen Erfolgs in eine schwere gesellschaftliche Krise gerutscht  ist. Die Lage ist sehr gefährlich und polarisiert sich fortlaufend durch Fehler und Eskalation auf beiden Seiten sowie einer Regierung, die bewusst Öl in das schon lange schwelende Feuer gegossen hat. Man möchte gar nicht wissen, wie es weitergeht, falls auch die wirtschaftliche Scheinblüte in eine Krise mündet.

 

Nachtrag 22.06.2018
Dieser Beitrag in der FAZ wirft einen etwas anderen Blick auf das Deutsche Kaiserreich: Das deutsche Kaiserreich war um 1900 ein Laboratorium des demokratischen Aufbruchs. Trotzdem hält sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Legende vom deutschen Sonderweg, einem Land unter der Pickelhaube

 

Ich bin nun mal Deutscher

Biografie eines klugen Preußen und Patrioten

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Lebenslauf in Eckdaten

1907 geb. als Raimund Pretzel u. Sohn eines Lehrers
1933 Er will nicht dem NS-Regime dienen und beendet die Juristerei nach dem 2. Staatsexamen, wird Journalist
1938 Er folgt seiner halbjüdischen Geliebten nach England
1939/40 Haffner wird als verdächtiger Ausländer 2x interniert und versucht mit Frau und bald 3 Kindern als Publizist, der den Krieg (u.a. zus. mit George Orwell) unterstützt, Fuß zu fassen
1941 Haffner schreibt fortan als Kopf der Redaktion für die Zeitung ‚Observer‘ in London über Deutschland und die Welt
1956 H. kehrt als Deutschland-Korrespondent nach Berlin zurück
1961 H. verlässt den Observer, schreibt für ‚Welt‘, ‚Christ und Welt‘
1962 H. ergreift in der Spiegel-Affäre Partei für den Spiegel und überwirft sich darüber mit seinen konservativen Blättern, schreibt fortan für den ‚Stern‘ und eher für Willy Brandts Kanzlerschaft
1967 H. ergreift vehement Partei für die Freiheit der Studentenbewegung und gegen das staatliche Vorgehen. Er wird zu einer Art Verräter-Paria für die konservative dt. Politik und Publizistik. Er beginnt nach und nach mit der Veröffentlichung seiner historischen und politischen Bücher
1990 Haffner fremdelt mit der deutschen Vereinigungspolitik und steht dazu
1999 Haffner stirbt in seiner Geburtsstadt Berlin

Die hier besprochene Biografie des Autors Uwe Soukup[1] kann ich wärmstens empfehlen. Sie konzentriert sich sehr auf die intellektuelle Haltung und die publizistische Entwicklung von Sebastian Haffner. Das private Leben Haffners spielt nur am Rande und klatschfrei eine Rolle.
In der folgenden Zusammenfassung konzentriere ich mich auf Aspekte von Haffners Denken, die nach meiner Meinung dauerhaft und vor allem in der aktuellen politischen Lage ein guter Leitfaden sind.

Das Verhältnis zu England

England blieb zeitlebens das Land, das ihm Zuflucht gewährt hatte, als er Deutschland verlassen musste, und das er für seine Freiheiten in der Debatte und im Denken bewunderte. Dem Kriegspremier Winston Churchill widmete er eine Biografie.

Dabei hatte ihm England einen kühlen Empfang bereitet: um ein Haar wäre er im Frühjahr 1939 abgeschoben worden. Nach Kriegsbeginn wurde er zwei Mal als „feindlicher Ausländer“ für mehrere Monate inhaftiert. Die Engländer hatten Angst vor Spionage und Sabotage durch deutsche Agenten. Die Regierung befürchtete außerdem auch Übergriffe gegen unschuldige deutsche Emigranten bei einer Verschärfung des Krieges, insbesondere im Zusammenhang mit zivilen Opfern bei Luftangriffen. Deshalb ließ sie die Emigranten von Komitees in 3 Kategorien einteilen und Tausende von ihnen in den beiden gefährlichsten Kategorien internieren. Haffner selbst wurde als nichtverfolgter Emigrant in die gefährlichste Kategorie eingeteilt. Die Behandlung war streng, aber korrekt. Haffner hegte keinen Groll, sondern nahm es sportlich:

„Ich nehme es den Engländern gar nicht übel. Sie mögen diesen halben Schwindel, zu dem ich verurteilt war, nicht, das mögen sie noch heute nicht, und das ist ein anständiger Zug bei ihnen. Für mich war das sehr bedrohlich.“

Man vergleiche diese Haltung mit dem Getue um Flüchtlinge im heutigen Deutschland, denen nicht einmal eine medizinische Altersfeststellung zumutbar sein soll!

Das Verhältnis zu Deutschland

Haffner Verhältnis zu seinem Land könnte durch nichts besser ausgedrückt werden als durch den Titel dieser Biografie: „Ich bin nun mal Deutscher“.
Diese Haltung hielt ihn zeitlebens von zwei Übeln fern: von einem dummen Nationalismus, der sich über andere Nationen erhebt, aber gleichzeitig auch von einem irrationalen Hass auf die eigene Nation. Schon kurz nach seiner Emigration nach England machte er seinem englischen Publikum in seinem ersten Buch klar, dass die Deutschen keineswegs alle Nazis seien. Nur eine Minderheit seien sie:

Deutschland1939

Ihre enorme Macht erhielten die Nazis durch Hitler an der Spitze des Staates und die „loyalen“ Staatsbürger, die den Staat unterstützen, egal, was er tut. Gegen diese Neigung seiner Landsleute, sich Regierungshandeln eher zu fügen, als es mit eigenem Verstand kritisch zu prüfen und ggf. auch mutig in Frage zu stellen, hegte er seit seiner Erfahrung mit dem Hitlerismus eine intensive Abneigung.

Überlegungen zur Deutschen Geschichte

Seine Gedanken zur Deutschen Geschichte, die er in zahlreichen Büchern niedergelegt hat und ihm auch den Ruf einbrachten, ein ernsthafter Historiker zu sein, neigten nie der These zu, dass die Deutschen schlechtere Menschen seien als andere – ein wenig sehr zu obrigkeitstreu, gutgläubig und feige allerdings schon.
Die Frage, die ihn tief beschäftigte, war immer, ob und inwiefern das Reich, in dem er aufwuchs, das Deutsche Reich Wilhelms II., eine Fehlkonstruktion war und Hitler die „schlechtestmögliche Wendung“ (Dürrenmatt)  des Deutschen Reiches.
Die Schlüsselfigur zum Verständnis dieses Reiches war natürlich Bismarck. Diesen Staatsgründer sah er anfangs in „Germany: Jekyll & Hyde“ sehr kritisch, milderte später aber sein Urteil in dem Maße, wie er anerkennend[2] feststellte, dass Bismarck selbst von großen Bedenken über die Haltbarkeit dieses Reiches geplagt wurde und genau deshalb bis zur Abdankung 1890 eine äußerst vorsichtige Politik betrieb.
In seinem Buch „Von Bismarck zu Hitler“ finden sich dazu mindestens zwei bemerkenswerte Passagen. Zunächst berichtet Haffner Bismarcks Zögerlichkeit, den 1866 gegründeten Norddeutschen Bund auf Süddeutschland auszudehnen:

„Ich spreche das Wort Norddeutscher Bund unbedenklich aus, weil ich es, wenn die nötige Konsolidierung des Bundes gewonnen werden soll, für unmöglich halte, das süddeutsch-katholisch-bayerische Element hinzuzuziehen. Letzteres wird sich von Berlin aus noch für lange Zeit nicht gutwillig regieren lassen.“

Dann ein Zitat Bismarcks, mit dem der sich 1871 an den französischen Geschäftsträger in Berlin wandte:

„Einen Fehler haben wir begangen, indem wir euch Elsass-Lothringen wegnahmen, wenn der Friede dauerhaft sein sollte. Denn für uns sind diese Provinzen eine Verlegenheit, ein Polen mit Frankreich dahinter.“

Für mich als romanophilen Süddeutschen sind das tiefe Einblicke:
Der kluge Preuße Bismarck hatte Angst vor dem Limes, einer kulturhistorischen Grenze weitgehend unterschätzter Mächtigkeit. Und der kluge Preuße Haffner hat das richtig erkannt.

Haffner und die Spiegel-Affäre

Seine Abneigung gegen den Autoritarismus wurde nach seiner Heimkehr nach Deutschland erstmals wieder in der Spiegel-Affäre 1962 heftig aktiviert: Haffner gehörte zu den schärfsten Kritikern von Strauß und Adenauer. Als seine konservativen Zeitungen diese Kritik so nicht drucken wollten, verbreitete er sie kurzerhand über andere Kanäle und überwarf sich nicht nur mit seinen Blättern, sondern mit einem erheblichen Teil des konservativen journalistischen Spektrums. Er erinnerte sich daran, dass viele von ihnen bereits in der NS-Zeit staatliches Handeln publizistisch unterstützt hatten, und wandte sich mit Grausen von ihnen ab. Er war bisher zwar ein kalter Krieger gewesen und blieb ein Konservativer und Antikommunist, aber damit wollte er dann doch nichts zu tun haben. Die zeitweilige Stilllegung der Spiegel-Redaktion hielt er für einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit, den er nur aus Prinzip bekämpfte.
Denn den Spiegel selbst mochte er eigentlich gar nicht, weder seine journalistische Arbeit, noch seine Sprache. Angebote des ihm dauerhaft dankbaren Rudolf Augstein, für den Spiegel zu arbeiten, lehnte er deshalb beharrlich ab.

Später äußerte er über seine Rolle die Ansicht, dass er in der Spiegel-Affäre wahrscheinlich zu viel für den Spiegel und seine Aufwertung in der öffentlichen Meinung getan habe.

Haffner und der demokratische Machtwechsel

Nach der Spiegel-Affäre überdachte er seine Haltung zu Adenauer. Neben seinem autoritären Auftreten, das sich eben in der Affäre deutlicher als je zuvor gezeigt hatte, ärgerte er sich auch über Adenauers Kühle gegenüber England, die er „als  gegenüber einem Verbündeten gerade noch erträglich“ beschrieb und die einen starken Kontrast bildete zu Adenauers Beziehungen zu den USA und zu Frankreich.
Haffner schrieb laut Biograph über den fälligen Abgang Adenauers:

„Eine Regierungskrise ist etwas Gesundes, eine Staatskrise etwas Todgefährliches. Ja, man könnte weitergehen und sagen: Regierungskrisen sind das von der Demokratie bereitgestellte Mittel, Staatskrisen zu vermeiden.“ Eine Staatskrise wäre gegeben, wenn die Regierung ohne jede personelle Konsequenzen weiterregieren würde. Dann wäre „das allgemeine Vertrauen der Bürger in die Verfassungsgrundsätze der Gewalten- und Kompetenzenteilung, der Bindung der vollziehenden Gewalt an Gesetz und Recht, des Ausschlusses jeder Gewalt- und Willkürherrschaft“ nicht mehr intakt. Die Bürger müßten sich fragen: „In was für einem Staat leben wir eigentlich?“

Urteilen Sie selbst: Sind diese Sätze nicht wie geschrieben für die heutige Merkel-Krise?

Sympathie für Brandt, Kritik an der SPD

Ein weiterer Grund für seine Entfremdung von den Konservativen war seine Sympathie für Willy Brandt, dessen Ambitionen auf die Kanzlerschaft er bereits vor der Spiegel-Affäre journalistisch wohlwollend begleitet hatte. Verstärkt wurde dieses Wohlwollen durch die polemischen Angriffe von CDU-Wahlkämpfern auf die Emigrationsgeschichte Willy Brandts. Der Emigrant Haffner solidarisierte sich mit Brandt und entfremdete sich stärker den Daheimgebliebenen, mit denen er seit 1956 konstruktiv und ohne Vorwürfe zusammengearbeitet hatte.
Später scheute er sich aber nie, die SPD und ihre Politiker hart zu kritisieren, sei es wegen des Verhaltens der Berliner Stadtregierung während der Studentenunruhen, wegen der Notstandsgesetze oder des Radikalenerlasses. Zu den Notstandsgesetzen  schrieb er:

„Diese Politik „entspricht im übrigen völlig den eingeschleiften SPD-Traditionen von 1914, 1918 und 1932. Wer von der SPD anderes erwartet hatte, ist selber schuld. Unerwartet, und ein bisschen peinlich, war höchstens das Pathos, mit dem Brandt nachträglich versicherte, gegen den Missbrauch der Notstandsverfassung werde die SPD auf die Barrikaden gehen. Die SPD wird niemals auf die Barrikaden gehen, und übrigens wären diese verfetteten älteren Herrschaften dort auch zu gar nichts nutz. Ihr Kampfplatz, wo sie zu etwas nutz hätten sein können, war das Parlament, und dort haben sie, wie immer, den Pass verkauft.“

Er beobachtete die autoritären Züge der SPD-Politik mit scharfen liberalen Augen, auch rückblickend in seinen historischen Büchern. Insbesondere den Verrat der SPD 1914 an ihrem pazifistischen Programm und den Verrat an der Revolution von 1918/19 geißelte er scharf. Sein Buch über die Revolution hieß zunächst „Der Verrat“, später „Die verratene Revolution“, dann schließlich „Die dt. Revolution 1918/19“. Insbesondere der SPD-Säulenheilige Friedrich Ebert kam da nicht gut weg. Aber auch die SPD von 1933, die sich bis heute als Kämpfer gegen den Nazismus feiert, hielt er schon in seinem Werk von 1939 für ebenso bankrott wie alle übrigen Parteien. Von der Exil-SPD in London um Erich Ollenhauer hielt er schon während des Krieges extrem wenig, und sie mochten ihn auch nicht.

Haffner und die 68er

Durch seine harte Kritik am 2. Juni 1967 wurde Haffner so etwas wie eine bürgerliche Ikone der Studentenbewegung. Insbesondere durch diese im „Stern“ veröffentliche Polemik wurde er aber auch zur „persona non grata“ bei den staatstragenden deutschen Konservativen. Er unterstützte tatsächlich die Studentenbewegung in dem Maße wie sie auch liberale und seine Themen ansprach. Sein Verständnis endete aber sehr hart dort, wo es in den Terrorismus der RAF hineinging:

Ja, auch ich habe Ulrike Meinhof ein bisschen gekannt[3] und zu Zeiten ganz gerngehabt. Mit Politik hat das alles nichts zu tun. Gut, auch der junge Stalin hat Raubüberfälle verübt, um die Partei zu finanzieren, aber wo ist hier die Partei? Gut, in jeder Revolution geschehen Gewalttaten, aber wo ist hier die Revolution?… Baader, ein deutscher Mao? Eher ein deutscher Mackie Messer.[4]

Haffner war empört darüber, wie die RAF die gesamte Linke diskreditierte. Wer ein wenig über die RAF, ihre merkwürdigen Personen und Hintergründe gelesen hat, mag ermessen, wie tief er damit schon 1972 schürfte.

Haffner und die deutsche Wiedervereinigung

Ab 1990 lag er, von der Öffentlichkeit nur noch wenig beachtet, sehr überkreuz mit dem weltpolitischen Umbruch und der Wiedervereinigung Deutschlands. Insbesondere die wirtschaftliche Vereinigung mit der Einführung der D-Mark hielt er (ähnlich wie der damalige Kanzlerkandidat der SPD, Oskar Lafontaine) für einen Fehler, der zu einer riesigen Arbeitslosigkeit führen würde. Jenseits der praktischen Bedenken plagte ihn aber die Frage, ob ein großes Deutschland, in Europa ähnlich übermächtig wie das Deutsche Reich, das er intensiv studiert hatte, wieder zu ähnlichen Problemen führen würde wie damals[5].

Seine Kritik machte auch vor Michael Gorbatschow nicht halt:

„Gorbatschow ist ein russischer Linksintellektueller, so wie hier unsere linksliberalen Intellektuellen, die im Grunde genommen so denken wie die Redaktion der ‚Zeit‘ und damit kann man keine Supermacht regieren“

Und diese Kritik machte sich auch Vorbehalte zu eigen, wie sie zum Beispiel in England und Frankreich gegenüber der dt. Wiedervereinigung bestanden:

„Es ging sehr gut mit den zwei Deutschland. Wenn wir die nicht mehr haben, weiß ich nicht weiter.“

Auf Einwände, dass er mit seinen Befürchtungen ziemlich allein dastehe, antwortete Haffner:

„Das bin ich gewohnt“

Ich muss mich hier outen: ich gehörte damals ebenfalls zur Lafontaine/Haffner-Fraktion und war eher unglücklich mit der Wiedervereinigung, vor allem aber mit dem Umzug der Bundeshauptstadt nach Berlin. Das war eine weitere Altlast Adenauers: Hätte er die Hauptstadt nicht aus privaten Gründen nach Bonn bestimmt, hätte Frankfurt am Main die historisch begründete Hauptstadt Westdeutschlands werden müssen. Und von dort wäre sie womöglich nicht mehr nach Berlin umgezogen!

Fazit

Haffner war ein großartiger Publizist und politisch-historischer Denker mit einem freien, nonkonformistischen und unideologischen Kopf. Als solcher schaffte er es wie andere große Köpfe, gleichzeitig Emigrant und Heimkehrer, Deutschlandkritiker und ohne Zweifel Patriot zu sein.

Jedem der das Bedürfnis hat, das Kleinklein, die Parteilichkeit und die Wirren der Gegenwart zu verlassen, um darüber zu lesen, was auf Dauer wirklich wichtig ist, kann ich dieses gebraucht sehr günstig erhältliche Buch eines guten Autors nur wärmstens empfehlen.

[1] Uwe Soukup ist ein eher linksorientierter Publizist, der sich inzwischen u.a. mit Büchern zum 2. Juni 1967 hervorgetan hat und mit Haffner über das Thema der ‚verratenen‘ Revolution von 1918/19 Anfang der 90er Jahre in Kontakt gekommen war. Er hat einige Bücher Haffners erneut herausgegeben, u.a. hat er das brillante ‚Germany: Jekyll & Hyde‘ von 1940 erstmals auf Deutsch herausgebracht. Er besticht durch die große Sachlichkeit, mit der er gleichermaßen Haffners konservative Grundhaltung und seine (liberal motivierte) Parteinahme für die Linke behandelt.

[2] In dieser Anerkennung für Bismarcks Klugheit trifft er sich mit der Bewunderung meines Lieblingshistorikers und -sozialwissenschaftler Emmanuel Todd für Bismarck.

[3] Haffner hat Beiträge für ‚konkret‘ geschrieben

[4] Kolumne im Stern aus dem Februar 1972 über Andreas Baader

[5] Eine erneute Parallele zu den Überlegungen Emmanuel Todds

Gelesene lesenswerte Bücher
AnmerkungenZuHitlerJekyll&HydeVonBismarckZuHitler

Weitere wahrscheinlich lesenswerte Bücher

DieSiebenTodsündenDieVerrateneRevolutionGeschichteEinesDeutschenSelbstmordDesDtReichesPreußenOhneLegendeChurchillÜberlegungenWechselwählerTraurigerPatriotBiographieSchmied

Update 26.3.2018

Ich bin gerade wieder über einen Blogbeitrag von Jörg Lau gestolpert, den ich vor 8 Jahren gelesen habe, damals als regelmäßiger Leser und Kommentator auf seinem Blog. Es ging um Haffners Ansicht und Weitsicht von 1980 über Europas Interessen im Afghanistan-Konflikt:
Ob die Amerikaner in ihrem eigenen Interesse richtig gehandelt haben, als sie den russischen Einmarsch in Afghanistan, ein mit Amerika nicht verbündetes Land, mit wirtschaftlichen und sportlichen Sanktionen beantwortet haben, ist nicht unsere Sache zu entscheiden; wir sind nicht gefragt worden. Denkbar gewesen wäre auch eine ganz andere amerikanische Reaktion, bis hin zu einem russisch-amerikanischen Zusammenwirken. Denn schließlich haben es die Russen in Afghanistan mit demselben Gegner zu tun wie die Amerikaner im benachbarten Persien, nämlich einem wiedererwachten, ebenso antiwestlichen wie antiöstlichen, militanten islamischen Glaubensfanatismus; und ein gemeinsamer Gegner, sollte man meinen, legt eher Allianz nahe als Konflikt. Wie auch immer, dieser Konflikt ist nicht unser Konflikt. Afghanistan ist nicht unser Verbündeter, un wir sind kein Weltpolizist. Wir sind in Afghanistan nicht einmal ideologisch engagiert. In dem ideologischen Konflikt zwischen dem Kommunismus und der westlichen Demokratie sind wir Partei; aber zwischen Kommunismus und Islam sind wir neutral. Wenn Amerika glaubt, in diesem Konflikt Partei nehmen zu sollen, ist es seine Sache, nicht unsere. Unser klares Interesse – ein wirkliches Lebensinteresse – ist, zu verhindern, daß die mittelöstlichen Wirren auf Europa übergreifen; und es trifft sich gut, daß sich dieses Interesse mit dem ganz Europas deckt – ganz Europas: unserer westeuropäischer Partner sowohl wie der osteuropäischen Verbündeten Rußlands.

Update 11.9.2018
Im Urlaub habe ich jetzt auch dieses Buch gelesenDieSiebenTodsünden. Sehr lesenswert!
Und heilsam für alle, die glauben, Deutschland habe keine Chance gehabt, den unseligen 1. Weltkrieg gegen Russland, Frankreich und England zu vermeiden.
Haffner führt aus, dass die politische Führung, die den Krieg gegen England vermeiden wollte, von den Militärs kalt erwischt wurde, die seit 1913 nur noch den Schlieffenplan hatten, und damit die Neutralität von Englands Vorfeldstaat Belgien verletzen mussten: fahrlässiges Informationsproblem / Militär-Eigenmächtigkeit.
Andererseits hätte ein Deutschland, das England in der Weltpolitik herausfordern wollte (Flottenrüstung) sich dringend mit Frankreich über Elsaß-Lothringen verständigen müssen. Man wollte zu viel und war nicht in der Lage, zu wählen und für die Präferenz auch Verzicht zu üben und innenpolitisch zu vertreten. Derselbe unempathische Größenwahn, den man auch in der Europolitik seit 2010 wieder beobachten kann: das Hineindenken in die verständlichen Interessen der anderen und das flexible Dealen um eine möglichst gute Zukunft funktionieren einfach nicht im gleichen Maß wie die Ausübung nackter Macht.

Entstehung der ‚Europäischen Kultur‘

In seinem jüngsten Buch von August 2017

OuEnSommesNous

„Wo stehen wir?
Eine Skizze der Menschheitsgeschichte“

hat der Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd seine Betrachtungen zur Geschichte Europas und Amerikas aus früheren Büchern  einerseits nochmals in einem großen Bogen systematisiert und andererseits auf die Gegenwart ausgedehnt, um die dramatischen Ereignisse der letzten Jahre (Wirtschaftskrisen, dt. Migrationspolitik, Brexit und die Präsidentschaft Trump) zu erörtern.
Wichtige Grundlagen dafür sind die Werke, die ich auf diesem Blog bereits in längeren Auszügen besprochen habe: „Die Erfindung Europas“ und „Die ökonomische Illusion“.

In diesem Buch mit fast 500 Seiten gibt es nun einige Kapitel, in denen er sich besonders intensiv mit Deutschland beschäftigt und die ich deshalb in Auszügen auf meinem Blog vorstellen will.

Im ersten Auszug geht es um die Frage, wie, wann und wo das entstanden ist, was wir immer wieder einmal als Europäische Kultur (oder auch: Abendländische Kultur) bezeichnen. Als Zutaten identifiziert er in den Kapiteln 4-7:

  • das jüdisch-christliche Erbe
  • die christliche Neigung, die Sexualität zu zügeln und exogam zu heiraten, die sich in alle europäischen Familiensysteme eingenistet hat
  • im Zusammenhang damit die späte Heirat und Familiengründung der Europäer
  • die vor allem durch die Reformation beschleunigte Massenalphabetisierung
  • die dadurch angestoßene Zivilisierung des gesamten Lebens, die nach und nach u.a. zu einer drastischen Reduzierung der Totschlagshäufigkeit auf dem gesamten Kontinent geführt hat (im Vergleich zu früher und zum Rest der Welt)

Die Wiege, in der sich auf diese Weise irgendwann im 16. Jahrhundert die bis heute dominierende europäische Kultur initial entwickelt hat, stand für Todd in Deutschland, auch wenn spätere Schritte wie die Industrialisierung in England und die Demokratisierung in Amerika und Frankreich ihren Ausgang nahmen.

Ein Schlüsselkapitel über den Kern der europäischen Kultur ist das Kapitel 6, das ich deshalb hier teilweise übersetzt habe:

Die große europäische mentale Transformation

Wir würden falsch liegen, wenn wir im Lesenlernen nur den Erwerb einer Technik sähen. Man beginnt heute, die Erweiterung der Gehirnfunktionen zu ermessen, die durch eine  intensive und frühzeitige Gewohnheit zu lesen ausgelöst wird. Intelligente Kinder lernen gewiss leichter das Lesen. Aber es ist für das Verständnis der Menschheitsgeschichte noch wichtiger zu erfassen, dass insbesondere das Lesen die Kinder intelligenter macht. Wie die Aneignung einer Fremdsprache ist das Aneignen des Lesens vor der Pubertät einfach, danach schwierig. Man kann davon ausgehen, dass sich das Gehirn durch die Alphabetisierung verändert während einer entscheidenden Phase der Entwicklung des menschlichen Organismus.

Das Lesen schafft einen neuen Menschen. Es verändert die Beziehung zur Welt. Es erlaubt ein komplexeres Innenleben und bringt eine Transformation der Persönlichkeit mit sich, zum Besseren und zum Schlechteren. Vom 19. Jahrhundert an fiel den Gründern der „Statistik  der Sitten“ auf, dass mit schöner Regelmäßigkeit eine Erhöhung der Selbstmordraten auf diejenige der Alphabetisierungsraten folgte[1].

David Riesman hat 1950 in „Die einsame Masse“ eine schöne Beschreibung der psychischen Transformation gegeben, die das regelmäßige Ausüben des Lesens begleitet. Nach ihm trägt diese bei zur Transformation einer Persönlichkeit auf traditioneller Basis, die früher von der Konvention reguliert wurde, in eine neue Persönlichkeit, die durch einen inneren Kreisel  gelenkt wird.

„Der Mensch, der ‚von innen gelenkt‘ wird, der für die Vernunft offen ist auf dem Weg des Gedruckten, entwickelt häufig eine Persönlichkeitsstruktur, die ihn zwingt, länger zu arbeiten mit weniger Ruhezeit und Gemächlichkeit, als man davor für möglich gehalten hätte.“

David Riesman bezeichnet die Lektüre der Bibel durch die Protestanten als ein zentrales Phänomen. Das klassische Beispiel in der Geschichte des Westens ist natürlich die Übersetzung der Vulgata in die gesprochenen Sprachen, eine Übersetzung, die den normalen Leuten zu lesen erlaubt, was früher den Priestern vorbehalten war. Er beschreibt anschließend die Störungen, die durch diese Lektüre ausgelöst wurden: „Die übertriebenen Wirkungen, die ich im Sinn habe, sind diejenigen, die die Individuen betreffen, deren Spannungen und Schuldgefühle durch den Druck des Gedruckten vergrößert werden.“

Wie es häufig ist, ist es hier eher die Beobachtung der Geschichte als die psychologische „Wissenschaft“, die uns am besten erlaubt zu verstehen, was der Mensch ist. Das bildungsmäßige Durchstarten Europas wurde in der Tat begleitet von einer globalen und messbaren mentalen Transformation in vielen Bereichen: die Unterdrückung der Sexualität, der Rückgang der privaten Gewalt, die Entwicklung von Tischmanieren und die Entstehung einer Besessenheit von der Hexerei erlauben uns, die Entstehung eines neuen Menschen in West- und Mitteleuropa auf die Jahre 1550 – 1650 zu datieren.

Das „Modell der westlichen Ehe“ –
ein verspäteter Sieg der christlichen Ablehnung der Sexualität

Um die Wechselwirkung zwischen dem Erlernen des Lesens und der mentalen Transformation zu erfassen, wollen wir von dem ausgehen, was am eindeutigsten und einfachsten zu quantifizieren ist: die langfristige Entwicklung eines demografischen Parameters. Noch um 1930 passen die Karten der Alphabetisierung und des erhöhten Heiratsalters auf befremdliche Weise zusammen

Alphabetisierung1930

Heiratsalter1930

Für die Frauen überschreitet das mittlere Alter bei der Heirat 26 Jahre in einer Gesamtheit von Ländern, die ihr Zentrum in der lutherischen Welt und / oder in der Stammfamilie haben, zwischen Skandinavien und der Schweiz. Aber selbst in den protestantischen Ländern, in denen die Kernfamilie vorherrscht – England, Niederlande, Dänemark – überschreitet das mittlere Alter der Frauen bei der Heirat 25 Jahre. In den katholischen Ländern Europas stuft es sich ab zwischen 25 Jahren für Italien und 23 Jahren für Frankreich. Wir liegen hier, außer vielleicht im Fall Frankreichs, sehr weit über dem ursprünglichen Heiratsalter des Homo Sapiens, wie man es beispielsweise in den Gruppen von sesshaften Jäger und Sammlern oder bei den Bauern in den entferntesten Randlagen Eurasiens messen kann. Auf den Philippinen war das Alter bei der Heirat für die Frauen um 1948 22,1 Jahre bei den Tagalogs, 18,4 Jahre bei den Jäger und Sammlern Agta um 1980, wie wir im Kapitel 2 gesehen haben.

John Hajnal hat 1965 ein Modell der europäischen Ehe identifiziert, die einmalig ist durch ihren aufgeschobenen Charakter und die Bedeutung des endgültigen Zölibats. Das westliche Europa von Hajnal unterscheidet sich in diesen Punkten klar vom Rest der Welt, einschließlich Osteuropa, weil ja um 1930 in Polen, in Ungarn oder in Russland, um nur diese 3 Länder zu nennen, die Ehe viel frühzeitiger und das Zölibat sehr selten war [2]. Nach Hajnal wurde das europäische Modell charakterisiert durch ein Heiratsalter von Frauen, das über 23 Jahren lag, und noch öfter über 24, gegenüber weniger als 21 Jahren anderswo.

Hajnal hat das Erscheinen des europäischen Modells datiert, in dem er die Stammbäume von Familien aus Württemberg, aus Genf und des englischen Adels genutzt hat. Seine Schlussfolgerung ist sicher, aber vorsichtig: das Modell der europäischen Ehe existierte im Hochmittelalter nicht, müsste aber zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert das Licht der Welt erblickt haben. Wir können heute diese Schlussfolgerung verfeinern. Die Arbeit von Wrigley et Schofield erlaubt uns nicht, für das Heiratsalter weiter zurückzugehen als in die Jahre 1640-1649, aber sie liefert uns die ältere Entwicklung einer eng verwandten Variablen, des Anteils des endgültigen Zölibats. Nun stellen diese Forscher aber eine Erhöhung von 8 auf 24 Prozent des Anteils der niemals verheirateten Individuen von der Generation der um 1555 geboren zu der der um 1605 Geborenen  fest.

Wie für die anderen Variablen, die wir untersuchen werden, ist jedenfalls eine Verhaltensänderung im Hinblick auf die Ehe und die Sexualität spürbar zwischen 1550 und 1650.

Als er dieses fundamentale Element der europäischen Geschichte nachgewiesen hat, hat Hajnal trotzdem einen dreifachen Fehler begangen: er hat sein europäisches Modell kräftig nach Westen verschoben und dadurch zwei wesentliche erklärende Faktoren verfehlt, die lutherische Reformation und die Stammfamilie, d.h., ganz einfach das deutsche Herz der mentalen Revolution. Es ist wahr, dass Deutschland 1965, als die Hypothese von Hajnal ans Licht kam, besiegt und geteilt war. Die Wahrnehmung seiner geografischen und historischen Zentralität war kein Selbstläufer mehr. Man dachte in Kategorien der Ost/West-Konfrontation. 2017 in einer Europäischen Union, die von Deutschland dominiert wird, dürfte eine Rezentrierung der Hypothese von Hajnal nicht allzu schwer zu akzeptieren sein.

Lassen wir uns in die sehr lange Frist zurückversetzen, eher die christliche als die von Braudel[3]: die späte Heirat und das massenhafte Zölibat scheinen zwischen 1550 und 1650 endlich das alte Projekt der sexuellen Enthaltsamkeit umgesetzt zu haben, das mehr als ein Jahrtausend zuvor an den Ufern des Mittelmeeres von den Kirchenvätern ausgearbeitet worden war. Unsere Karten zeigen uns an, dass die lutherische Reformation die Initiatorin der Bewegung war und dass die katholischen Regionen in dieser Sache Nachläufer waren. Die Gegenreformation hat in der Tat ein analoges, aber etwas softeres Modell der Unterdrückung der Sexualität verfolgt. Merken wir jedoch an, dass in den Regionen der Stammfamilie, die katholisch geblieben waren – in Österreich, in Bayern, in einigen Schweizer Kantonen, in Norditalien oder in Irland – das Modell der Unterdrückung der Sexualität eine Macht erreicht hat, die der des protestantischen Modells würdig war.

Die Pfade der Disziplin

Die Erhöhung des Heiratsalters, einer zentralen mentalen Variable, ist Robert Muchembled nicht entgangen, da er ja seine Erhöhung im Artois zwischen dem 16. Jahrhundert und 1650 von 20 auf 25 Jahre bei den Frauen und von 24-25 auf 27 Jahre bei den Männern bemerkt hat[4]. Das wirkliche Thema von Muchembled ist jedoch die Bändigung der privaten Gewalt: im 13. Jahrhundert konnte sich die Rate von Mord und Totschlag auf bis zu 100 Fälle pro 100000 Einwohner belaufen gegenüber weniger als 1 heute in den meisten Ländern Westeuropas.

Auch hier müssen wir feststellen, dass zwischen 1600 und 1650 ein erster Knick die Rate von Mord und Totschlag halbiert hat. Im Gegensatz zu Hajnal verfehlt Muchembled das geografische Ziel nicht ganz, da ja nach ihm die Ausgangszone der protestantische Norden Europas ist, ein Pol, zu dem er Frankreich und die katholischen Niederlande hinzufügt:

„Der Rückgang der blutigen Gewalt in Europa beginnt im protestantischen Norden –Skandinavien, England, Vereinigte Provinzen – aber auch in Frankreich und den katholischen Niederlanden, bevor er sich zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert auf den ganzen westlichen Teil des Kontinents verallgemeinert. Da der initiale Trend ganz verschiedene Typen von Staaten betrifft, darunter wenig zentralisierte Staaten, könnte er nicht mit rein politischen Begriffen dadurch erklärt werden, dass die absolute Monarchie vorangetrieben wurde. Er ist auch nicht spezifisch protestantisch. Im Kern auf der Verantwortung und der Schuldhaftigkeit des Individuums beruhend zulasten des Gesetzes von der Schande und der kollektiven Ehre, findet sich die zugrundeliegende Ethik auch im katholischen Frankreich und in den spanischen Niederlanden, die von einer noch fordernden Form des barocken Katholizismus geprägt waren.“

Aber Deutschland ist immer noch nicht da, die bereits festgestellte Auswirkung eines  Rückstands der historischen Forschung zu diesem Land.
Wie auch immer es sei, die historische Demografie und die quantitative Geschichte der Gewalt bestätigen, indem sie sie erweitern, die ursprüngliche Intuition von Norbert Elias (1897-1990), der im Jahr 1939 in „Der Prozess der Zivilisation“ eine Veränderung der Gesamtheit der westlichen Verhaltensweisen offengelegt hatte, die von der Sexualität bis zu den Tischsitten reichte.

Die bewirkte Fortentwicklung des individuellen Verhaltens kann heute bis hierher als ein Fortschritt erscheinen: das ist klar im Fall des Lesenlernens und beim Rückgang des Gewaltniveaus, ein bisschen weniger wahrscheinlich bei der Erhöhung des Heiratsalters und der Zölibatsrate: die sexuelle Abstinenz wird heute nicht mehr als ein positiver Wert anerkannt. Aber erinnern wir trotzdem daran, dass die späte Heirat und der Zölibat die erste Etappe einer Kontrolle der Fruchtbarkeit bildeten, die eine gewisse Fähigkeiten zum Sparen begünstigten, eine notwendige Bedingung für das wirtschaftliche und industrielle  Durchstarten.

Ich würde diese Erinnerung an die große europäische mentale Transformation gerne mit einem Bestandteil abschließen, das seine dunkle Seite unterstreicht und an die irrationale Dimension der protestantischen Reformation und seiner jüngeren Schwester, der katholischen Gegenreformation, erinnert…

Die Geschichte enthüllt uns tatsächlich die psychischen Kosten dieser Transformation des Homo Sapiens. Lassen wir den religiösen Hass aus, den Aufstieg der absolutistischen Staaten, den großen und den kleinen. Lassen wir die Zunahme des Krieges aus, die der Erwerb des Monopols auf „legitime“ Gewalt durch den Staat begleitet hat, da ja der für die innere Befriedung des Verhaltens zu bezahlende Preis ohne jeden möglichen Zweifel die kollektive Umlenkung der Gewalt war. Geben wir uns damit zufrieden, die Konsequenzen bei den Individuen und ihre Ängsten, ihren Familien und Dörfern zu ermessen.
Die Jahre 1550-1650 waren auch diejenigen der großen Hexenverfolgung, unter der Hunderte ländlicher Gemeinschaften, angeführt von paranoiden Magistraten, Tausende von alten Frauen auf den Scheiterhaufen brachten, die verdächtigt wurden, mit dem Teufel zu paktieren, und überall außer in England, mit Inkuben und Sukkuben zu schlafen…

Alle Länder waren betroffen, aber einmal mehr scheint die geografische Verteilung der Fieberschübe ihr Zentrum in Deutschland und seinen Rändern zu haben, Flandern, Lothringen, die Franche-Comté, Schlesien, Schweden….
Trevor-Roper stellt keinen signifikanten Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Regionen fest. Wir können aber dieser doppelten und komplementären Offensichtlichkeit nicht entkommen: die betroffenen katholischen Zonen liegen meistens in der Nähe der Pole der Entstehung der Reformation und werden durch die Stammfamilie charakterisiert.

Die Erfindung des Erstgeburtsrechts ist ebenfalls, wie wir bereits gesehen haben, diejenige der Patrilinearität, ein besonders deutliches Phänomen in Deutschland. Wir können also ohne großes Irrtumsrisiko den gegen die Frauen gerichteten Wahn der Hexenverfolgung mit der damals in Gang befindlichen Veränderung der Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Verbindung bringen. Auf der Gesamtheit des Kontinents, finden sich die Paare später in einem Umfeld der Leugnung des Vergnügens und des Fleisches. In Deutschland beginnt der Status der Frau zu sinken. Im Ursprung der großen Hexenverfolgung können wir einen Anfang der Entstehung des patrilinearen Prinzips erkennen…

Zerstörung des Systems der undifferenzierten Verwandtschaftsverhältnisse

Wir verfügen von jetzt an über alle Elemente, die besser als zur Zeit von Norbert Elias erlauben, die Transformation des Westens zu verstehen. Ich bin mir bewusst, dass die Errungenschaften der Forschung der Jahre 1960-1990 zur Alphabetisierung, zum Heiratsalter, zur Gewalt oder zur Hexenverfolgung zu sehr Frankreich oder Großbritannien betreffen, und nicht ausreichend Deutschland.

Dieses Informationsdefizit hat uns jedoch nicht daran gehindert, Deutschland den Platz beim Abheben des Westens zu geben, der ihm zusteht: vor England und vor Frankreich. Es war gewiss nicht der Startplatz der wissenschaftlichen und politischen Revolution des 17. Jahrhunderts, die sich auf England konzentrierte, aber es hat den Bildungssockel geschaffen, die Massenalphabetisierung. Familiäre und religiöse Dynamiken haben sich in Deutschland zusammengefunden, um das Bildungsniveau der gesamten Bevölkerung einschließlich der Bauern anzuheben.
Die mittelalterliche Dynamik hätte aus Italien den Ort des Abhebens machen müssen, aber die katholische Gegenreformation, die die Leser von religiösen Texten verfolgt hat, weil sie a-priori als Ketzer angesehen wurden, schafft das Kunststück, das Land der Renaissance, das von Leonardo da Vinci und Galilei, in den Zustand der Bildungsstagnation zu versetzen. Die religiöse Entwicklung ist jedoch wahrscheinlich nicht die einzige Verantwortliche: Die Blüte eines patrilinearen Gemeinschaftsfamiliensystems, das besonders in Mittelitalien[5] stark war, hat vermutlich zum Erfolg der Gegenreformation und der kulturellen Blockade Italiens beigetragen.

Eine solche Darstellung der Geschichte erkennt die Besonderheit Deutschlands an, lehnt aber das Bild von einer uralten germanischen Kultur ab. Die entstehende patrilineare Stammfamilie trennt schrittweise, vor allem ab dem 14. Jh., Deutschland von Nordfrankreich und England. Aber wenn wir über das 11. Jh. hinaus zurückgehen, verschwindet die „deutsche Besonderheit“. Wie bereits vorher gesagt, finden wir dann ein Kernfamiliensystem und ein System undifferenzierter Verwandtschaft, kurz, einen Homo sapiens, der vom Christentum kaum modifiziert war. In jenen fernen Zeiten kämpfte die Kirche  noch, um die moderate Exogamie in eine absolute Exogamie zu verwandeln.

Das Studium der großen europäischen mentalen  Transformation der Jahre 1550-1650 erlaubt uns zu verstehen, in welchem Ausmaß die Wirkung der christlichen Religion langsam und partiell war bis zur finalen Beschleunigung durch die Reformation. Die sexuelle Abstinenz, von der der heilige Augustinus und die östlichen Kirchenväter schon geträumt hatten, musste bis zum 16. Jh. warten, um eine langsam eine gemeinsame soziale Praxis zu werden. Der Protestantismus war also wirklich, wie er vorgab, eine Rückkehr zur ursprünglichen christlichen Botschaft….

 

Anmerkungen und Folgerungen aus Todds Text:

  • Der als ‚germanophob‘ missverstandene Todd hat also tatsächlich in diesem Buch eine kleine Hommage an die historische Rolle Deutschlands untergebracht, wie er es in einigen Interviews angekündigt hatte
  • Gleichzeitig geht das bei ihm (selbstverständlich) nicht auf Kosten anderer großer europäischer Kulturnationen wie England, Frankreich und Italien, sondern im Kontext von deren eigenen Leistungen
  • Die europäische (von manchen auch „abendländisch“ genannte) Kultur ist keine völkische, sondern eine aus religiösen und sozialen Bewegungen entstandene Kultur mit jüdisch-christlichen Wurzeln. Damit ist sie durch Zuwanderung aus fremden Kulturen nicht a-priori verloren.
  • Gleichzeitig zeigen die Fakten, zum Beispiel der Rückgang der blutigen Gewalt um einen Faktor 10 seit dem 16. Jahrhundert, was für Europa und seine Kultur auf dem Spiel steht.
  • Der ausweislich der PKS für 2016 ebenfalls grob diskutierte Faktor 10 bei der Gewaltbereitschaft junger Zuwanderer gegenüber der von bereits über Generationen hier Lebenden dürfte also auf mehr als rein individuelle Faktoren zurückzuführen sein. Den kulturellen Faktor durch Religion und vor allem Endogamie sieht Todd grundsätzlich immer als wesentlich an.

[1] U.a. hatte auch der französische Soziologe Émile Durkheim in seinem Standardwerk ‚Der Selbstmord‘ Ende des 19. Jh. bereits festgestellt, dass protestantische Regionen (in Deutschland) mit mehr Selbstmorden zu kämpfen haben als ansonsten vergleichbare katholische. Diese alte Beobachtung stützt die von Todd hier aufgezeigten Zusammenhänge.

[2] „European Marriage Patterns in Perspective“ in David V. Glass und David E. C. Eversley, Population in History. Essays in Historical Demographie, London1965

[3] Emmanuel Todds Arbeiten stehen selbst in der Traditionen der franz. Historischen Schule nach Braudel, die gesellschaftliche Entwicklungen auf lange Sicht betrachtet. Er meint hier aber nicht diese historische Sicht, sondern im einfacheren Sinn den langen Blick zurück in die Geschichte des Christentums

[4] Robert Muchembled, Die Geschichte der Gewalt vom Ende des Mittelalters bis heute, Paris, Seuil, 2008, s. auch die englische Ausgabe

[5] Mittelitalien war später auch die Hochburg des italienischen Kommunismus, nach Todd kein Zufall, sondern ebenfalls eine Folge der egalitär-autoritären Natur der Gemeinschaftsfamilie, die auch in Russland und China dominierte

Nachtrag 11.03.2018
In diesem Gespräch erläutert Manfred Spitzer im Detail, warum die ‚Europäische Kultur‘ keineswegs nur, oder nicht einmal in erster Linie, durch Migration bedroht ist: Die elektronischen Medien bedrohen nach seiner Meinung den Spracherwerb, die Lese- und Denkfähigkeit der Kinder. Es lohnt sich sehr, davon mindestens die erste Hälfte anzuschauen.NatachaPolony
In diesem Buch stellt Natacha Polony die Bedrohungen der nationalen Kultur durch kulturfremde Migration und elektronische Medien in etwa auf dieselbe Stufe. Das Buch war ein recht großer Erfolg in Frankreich und ist in der Gesamtperspektive nicht schlecht, aber nicht so tief und detailliert wie das, was Spitzer zu berichten weiß.

 

 

Nachtrag 29.09.2018
Das Buch von Emmanuel Todd ist jetzt auf Deutsch verfügbar.

Links in der Merkel-Falle

Wie sehen die Chancen der „linken“ Parteien in diesem deutschen Wahljahr aus?maus
Der erste Test im Saarland ist bereits voll in die Hose gegangen: alle drei Parteien haben verloren, die Grünen sogar ein sehr entscheidendes Prozent. Aber auch der hochgejubelte Schulz-Effekt hat sich bereits in Luft aufgelöst.
Die Enttäuschungen dürften weitergehen, denn die Misere hat tiefere Ursachen: den fundamentalen Mangel an Orientierung und eigenem Profil. Die Linken haben sich schlicht von Angela Merkel eintüten lassen. Und diese handlichen Päckchen versucht sie jetzt im Wahljahr in ihre Schubladen zu entsorgen, mit einiger Aussicht auf Erfolg.

Drei dicke Themen

Bei mindestens drei Themen sind die drei linken Parteien Merkel voll auf den Leim gegangen, unfähig eine eigenständige Position einzunehmen und zu halten:

  • Energiewende
  • Euro-Rettung
  • Willkommens-Kultur alias Willkommens-Trick

Die Grünen

Dass die Grünen nicht fundamental gegen die Energiewende opponiert haben, die Angela Merkel 2011 nach der Kernschmelze in Fukushima über Nacht eingefallen ist, ist verständlich. Schließlich war der Atomausstieg ihr Gründungsmythos. Ein bisschen mehr Kritik an der 180-Grad-Kehre der Kanzlerin wäre aber durchaus angemessen gewesen, weniger als ein Jahr nach einer lausig begründeten Laufzeitverlängerung, mit der sie den mühsam ausgehandelten und besseren  Atomkompromiss von Schröder und Fischer in ihrer alternativ- und einfallslosen Art einfach zur Seite geschoben hatte. Auch in den Folgejahren hätte es für eine grüne Partei jeden Grund gegeben, CDU, FDP und SPD bei der Umsetzung auf die Finger zu sehen, denn schließlich waren die Grünen immer in der Opposition. Stattdessen haben sie sich der Selbstzufriedenheit hingegeben und tatenlos zugeschaut, wie Merkel ihnen das Kernthema abgenommen und auch noch seine Umsetzung hat vermurksen lassen. Das Ende vom Lied könnte wieder eine Laufzeitverlängerung für die übriggebliebenen Kernreaktoren sein, denn wenn die Stromversorgung noch teurer und gleichzeitig auch noch unsicher wird, ist irgendwann alles wieder offen, und Merkel wird eine dahergemümmelte Begründung für eine neuerliche Volte nicht vermissen lassen. Möglicherweise hat sie sich aber auch schon vom Acker gemacht, wenn eine andere CDU die Revision ihrer Fehlentscheidungen betreibt. Wenn die Grünen glauben, dass bis dahin der Murks steigender EEG-Umlagen

EEG-Umlage

und wachsender Blackout-Gefahren ganz bei CDU und SPD hängen bleibt, täuschen sie sich: als Ideengeber stehen sie in der Mithaftung, denn vielen Konservativen und Kernenergieunterstützern gilt Merkel „nur“ als grüne Verräterin, als gut getarnter Claudia-Roth-Klon, den sie einfach zu lange nicht erkannt (LOL!) haben.

Es wird auf immer das Geheimnis der Grünen bleiben, warum sie als Oppositionspartei allen Vertragsbrüchen und Rosstäuschereien im Zusammenhang mit der Euro-Rettung zugestimmt haben, selbstverständlich immer mit viel Scheinkritik und Vorbehalten, an die sich kaum ein Mensch noch  erinnert. Ein bisschen mehr Kritik und mindestens Enthaltung wäre billig zu haben gewesen und eine glänzende Option für den Tag, an dem das vertagte Problem offensichtlich wird.

Das Meisterstück der Grünen war aber ohne jeden Zweifel die übergroße Freude über Merkels Willkommens-Kultur: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“ Man muss Frau Merkel zugutehalten, dass sie nie etwas Vergleichbares gesagt hat. Sie hat nur mal wieder etwas Alternativloses getan, von dem sie vorher nie gesprochen hatte, an das sie vorher wahrscheinlich noch niemals gedacht hatte. Verglichen mit KGE ist die Einäuige aber immer noch Königin, und KGE wurde trotzdem Spitzenkandidatin.

So bangen die Grünen (und nicht nur sie allein) inzwischen um ihre Existenz. Die Abgesänge haben bereits begonnen: Warum ich die grüne Anti-Freiheits-Partei nicht wählen kann, Inbegriff des Uncoolen. Es könnte eng werden, zunächst in NRW und dann im Bund.

Mein Fazit: Kein Problem. Die Grünen können weg.

Die SPD

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die alte Tante SPD taugt nur noch zur Satire:GenossenSPD läutet traditionelles linkes Halbjahr vor wichtigen Wahlen ein

Es ist ihr egal, dass in erster Linie verarmte Mieter in NRW die explodierte EEG-Umlage (siehe oben) für die staatlich garantierte Solarrendite von wohlhabenden Eigenheimbesitzern in Baden-Württemberg und Bayern bezahlen. Die SPD unterstützt den Sozialismus für Reiche, zu dem sich Grüne und CDU zusammengefunden haben. Im linken Spektrum sind es allein unabhängige und entschieden linke Ökonomen wie Heiner Flassbeck, die die Sinnhaftigkeit dieser Energiewende bezweifeln. Ich habe als Physiker und Anhänger der Energieeffizienz dazu schon lange eine eigene Meinung[1].

Die SPD und die Willkommenskultur: eine grob verpasste Chance

Das hätte eine Riesenchance sein können. Die Sachlage war klar: Merkel hat die SPD überraschend „links“ überholt (aus Gründen, über die wir letztlich immer noch spekulieren). Gabriel stand vor der Frage, ob er im Gegenzug nach „rechts“ ausweichen sollte. Er hätte sich mittig zwischen Seehofer und Merkel stellen können. Er hätte Verständnis für beide äußern können und sie in seiner Mitte zusammenführen können, zu Kontingenten oder Obergrenzen. Wie man diese irre Masseneinwanderung von 2015 von links kritisiert, ohne Fremdenfeindlichkeit zu schüren, kann man bei Emmanuel Todd nachlesen.
Gabriel (der nicht so unfähig ist wie oft behauptet) hat nach meiner Einschätzung gezuckt, aber er hat sich nicht getraut. Vermutlich war ihm klar, dass der Funktionärsklüngel der SPD nicht mitspielen und ihn stürzen würde. Der Mittelbau der ideologischen und unqualifizierten Funkionäre ist das große  Problem der SPD. Deshalb hat Gabriel die Riesenchance, Merkel eiskalt zu erledigen und die SPD wieder zu einer Partei für das Volk zu machen, fahren lassen.  Dabei hat die SPD Merkel und die CDU auch sträflich unterschätzt, denn längst sind die Grenzen wieder zu, die CDU setzt auf Abschiebungen (was bei dem Gesindel, das eben auch ins Land geströmt ist, völlig unvermeidlich ist). Und die Büchsenspanner der Kanzlerin haben längst angekündigt, dass sie die SPD und den Messias Schulz mit dem Migrationsthema vorführen werden:
Ein zentrales Wahlkampfthema wird die Rolle der SPD in der Flüchtlingsfrage sein; dazu ist inzwischen eine Menge gesammelt worden – und Schulz wird gefragt werden – vor allem zu seiner Rolle und seinen Aussagen früher. Er wird „hart arbeitende Berater“ brauchen.

Dabei kommen dann Plakate heraus, die es locker mit Posts von besorgten Bürgern aufnehmen können:
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Quelle
Das ist totale Verhöhnung. Das ist grob, das ist frech – und gut. Wer den Dachschaden hat, muss für den Spott nicht sorgen. Man stelle sich nur einen Moment vor, da würde nicht ‚CDU‘, sondern ‚AfD‘ auf dem Plakat stehen! Es würde keinen Tag so unversehrt dastehen. Auch irgendein kleiner Twitterer oder Facebooker müsste befürchten, dass ein solcher Post von der Maas-Zensur gelöscht werden würde: zweierlei Maas im Stasi-Kahane-Staat.

Mein Fazit: Es ist hart für jemanden, der aus einer Handwerkerfamilie stammt, in der früher jeder SPD gewählt hat. Nachdem ich schon seit vielen Jahren nicht mehr SPD wähle, ist aus dieser Gleichgültigkeit jetzt offene und bittere Feindschaft geworden. Die hemmungslose Diffamierung der Gegner der Grenzöffnung von 2015 durch die SPD und die pauschale Zensur von Regierungskritik durch Maas und seine Stasi-Kohorten werde ich der SPD nicht verzeihen. Im Übrigen tippe ich darauf, dass Schulz froh sein kann, wenn er im September die 25% von Steinbrück erreicht. Es kann auch weniger werden. Hoffentlich.

Die echte Linke

Die Linke ist ein wild zusammengewürfelter Haufen. Bei Landtags- und Kommunalwahlen bei uns in Bayern finde ich regelmäßig kaum jemanden auf der Liste, den ich wählen könnte, aber jede Menge Chaoten, Ideologen, Sektierer und Spinner. Nicht wirklich meine Wellenlänge.
Aber im Bund habe ich mich immer über eine gute Rede von Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht gefreut. Tatsächlich haben die beiden regelmäßig das Beste abgeliefert, was der ansonsten durch und durch dröge Bundestag zu bieten hatte, zum Beispiel diese hervorragende Rede zu dem Murks, der Eurorettung genannt wird. Und so kommt es, dass inzwischen auch kluge konservative Freidenker ganz offen zugeben: Wagenknecht hat Anmut und sie kann Analyse. Und auch Oskar Lafontaine konnte immer Analyse (und Opposition).
Neben diesen Führungsleuten gibt es aber eine Menge Leute, die mindestens unglaublich naiv sind. Die Vorsitzende Kipping fragte sich beispielsweise vor einem guten Jahr öffentlich, ob sie Angela Merkel kritisieren darf. Was ist das für eine Oppositionspartei, die fragt, ob sie die Regierung kritisieren darf? Und so kommt es dann eben, dass die Fraktionsvorsitzende von ihrer eigenen Partei kritisiert wird, wenn sie die Mutter Theresa für schlichte Gemüter, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, kritisiert. Die große Frage an die Linke lautet: wie stark ist der Einfluss der Wagenknecht-Linie in dieser Partei? Ist die Partei zu weniger oder mehr als 70% in den Händen von Dummies und Böswilligen?

Mein Fazit: Ich sehe mich heute nicht in der Lage, diese Frage zuverlässig zu beantworten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie sich im Laufe der Monate noch klärt und ich die Partei wieder wählen kann, aber eher unwahrscheinlich.

Die Kündigung

Mit dem zuletzt genannten kleinen Vorbehalt verabschiede ich mich hiermit von der deutschen Linken. Ihr klebte in der gesamten deutschen Geschichte immer wieder so viel Pech am Schuh – oder war es doch schon immer Unvermögen?

Natürlich kann man von einer volksnahen freisinnigen Partei träumen, in der auch eine Sahra Wagenknecht eine gute Rolle spielen könnte. Was aber macht man im Hier und Heute, in den kommenden Landtags- und Bundestagswahlen, um das kleinste Übel zu identifizieren, das man als macht- und staatskritischer Freisinniger wählen könnte? Dieser Frage werde ich auch in künftigen Blogbeiträgen nachgehen.

 

[1] Technisch und ökonomisch betrachtet ist heute eine eingesparte Kilowattstunde  immer noch erheblich einfacher und billiger zu haben als eine zusätzlich erzeugte Kilowattstunde, vor allem aber als eine erneuerbar erzeugte Kilowattstunde. Deshalb empfehle ich jedem, seinen privaten Verbrauch zu optimieren durch LEDs und andere vernünftig sparsame Geräte. In Zeiten der exorbitanten EEG-Umlage und eines Strompreises von fast 30 Cent/kWh macht das richtig Spaß, gerade auch im Geldbeutel. Der Jahresverbrauch meiner je nach Konstellation 4-6-köpfigen Familie liegt bei unter 2200 kWh, also bei weniger als der Hälfte des deutschen Durchschnitts. Wir zahlen dafür nur gut 50 Euro im Monat. Würden Millionen Privatverbraucher dieser Strategie folgen, würden wir gemeinsam reicher werden, die Umwelt schonen und das unökonomische EEG-System in kürzester Zeit zu einem ökonomischen Kollaps führen.
Sachlich betrachtet hätte die EEG-Umlage mit der Verbreitung erneuerbarer Stromerzeugung radikal heruntergefahren werden müssen. Sie war nur als Starthilfe konzipiert, ist aber durch mächtige Lobbygruppen und korrupte Politiker zu einem Selbstbedienungsladen umgebaut worden. Das kann ökonomisch, sozial und auch ökologisch nicht nachhaltig sein. Das System wird in jedem Fall zusammenbrechen. Wir haben es gemeinsam in der Hand, den Todeskampf zu verkürzen.

Nachtrag 1.5.2017:
FAZ: Union geht mit dem Thema Sicherheit auf Wählerfang
und kennt bei den Plakaten kein Halten mehr.
„Asylchaos stoppen. Zuwanderung einschränken“ lautete ein Slogan der AfD im Berliner Wahlkampf. Das war für manche empörend, aber wenn jetzt die CDU damit Wahlkampf gegen #NRWIR macht, ist das ganz unbedenklich — meint die SPD, die dümmste Partei Deutschlands.

Nachtrag 5.5.2017:
Die Spannung ist großGespannteDrahtfalle

 

 

 

 

 

Nachtrag 7.5.2017:
Ich habe heute Abend einen metallischen Schlag gehört:
gefangenWer genau hinschaut, erkennt auf dem Bild die gefletschten Zähne des armen Ralf Stegner. Elend, wie er da in der Falle hängt mit gebrochenem Rückgrat!
Er ist ein Unsympath durch und durch und der allerbeste Wahlkämpfer für Rechts.
Oder ist das auf dem Bild schon der Hoffnungsträger Schulz? Am nächsten Sonntag in NRW wird es genau so weitergehen.
Die SPD hat fertig.

Die Grünen hatten das Glück eines populären Spitzenkandidaten und haben trotzdem leicht verloren. Die Linke hat auf sehr niedrigem Niveau ein wenig gewonnen, zu wenig.
Aus den Zugewinnen von AfD, FDP und CDU errechne ich einen Rechtsruck von fast 11 Prozentpunkten: Links steckt in der Merkel-Falle.

Nachtrag 8.5.2017:
Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen: Immer dieser Postillon. LOL!

Nachtrag 10.5.2017:
Ferdinand Knauß: Hannelore Kraft ignoriert die Realität. Die Presse ist aktuell überwiegend mies für die SPD. Am Sonntag könnte es in NRW ein echtes Ereignis geben.

Nachtrag 12.5.2017:
Die Nachdenkseiten nehmen jetzt das Thema Energiewende ebenfalls von links unter die Lupe: Das Ende des deutschen Solarzeitalters? Der Autor Reinhard Lange hat das Thema auch schon für Makroskop bearbeitet. Die grün-linke Allianz wird endlich auch von links in Frage gestellt. Gut so: Die Grünen sind ja schon lange treulos und nutzen die Linken brutal aus.
Und noch ein Menetekel für die SPD: Das Büro Schulz erklärt den ‚Nachdenkseiten‘ den Krieg. Das dürfte die SPD in NRW unter 30% drücken und „Die Linke“ sicher über 5%. Das war es dann auch für eine Ampel-Koalition in NRW. Die Niederlage der SPD am Sonntagabend dürfte markerschütternd ausfallen. Solche Zeitenwenden kündigen sich oft jahrelang an, dann gibt es nochmal einen Hüpfer (Schulz-Effekt), bevor der Crash doch kommt, den irgendwie keiner mehr wirklich erwartet hat. Im Gesicht von Hannelore Kraft lässt sich das kommende Desaster ablesen: ich lese da keinerlei Kraft, sondern Resignation. Laschet dagegen spürt (und zeigt an), dass er die Nase vorn haben wird.

Nachtrag 13.5.2017:
Auch die ZEIT ahnt etwas: Wutwahlkampf
Auch diese Meldung stammt ursprünglich aus der ZEIT: Oberbürgermeister reagiert ungehalten, als Reporter ihn auf Problemviertel ansprechen. Die offziellen Botschaften von Kraft und SPD haben also ganz wenig mit der Lage ‚im Kiez‘ zu tun. Die SPD weiß das ganz genau, und sie weiß auch, dass sie in alle Richtungen verliert: Linke, CDU, FDP, AfD. Nur die Grünen scheinen nicht zu profitieren.
Passend dazu: Ein geiler Ratgeber für Verhinderungswähler.

Nachtrag 14.5.2017:
Das Ergebnis in NRW passt sauber ins Bild: ca. 42% für alle drei Parteien zusammen. Mehr wird es auch bei den Bundestagswahlen nicht werden, eher weniger. Und das ist auch gut so. Der Rechtsruck aus den Zuwächsen von FDP, CDU und AfD summiert sich übrigens auf satte 18 Prozentpunkte!
Die Linken werden noch eine Weile brauchen, bis sie verstehen, dass sie einer langen mageren Zeit entgegengehen und vor allem: warum sie das verdient haben.
Cicero: Warum die Schulz-SPD ein Opfer ihrer eigenen Blindheit ist
Tichy: „Die SPD erhält die Quittung: Sie wird abgestraft, weil sie den Merkel-Kurs vom Sommer 2015 fortsetzt. Nur Merkel ist schon wo anders, wenigstens pro forma. Die SPD aber steht Schmiere, und wird als Schmierensteher festgenommen.“

Nachtrag 15.5.2017:
Friedensblick hatte dieses Ergebnis schon vor mehr als einem Jahr auf dem Radar:
Bei der Bundestagswahl 2017 werden SPD, Linke, Grüne abgestraft werden“
Spitzenanalyse: Pokemon Schulz.

Nachtrag 18.5.2017:
Fritz Goergen: Die SPD rüstet bei Innerer Sicherheit auf
Peinlich, wie die SPD jetzt sich selbst Lügen straft. Wie dumm darf man sein?

Nachtrag 25.05.2017:
Dieser Tweet war einfach gutSozialdemokratNazi

Nachtrag 31.05.2017:
Die gestrige Personalrochade bei der SPD und der „neue“ Generalsekretär Heil  zeigen die ganze Not der SPD. Das schlechte Ergebnis von 2013 (25%) wird von nun an die Hoffnung sein, die Erwartung stellt sich auf Heils Ergebnis von 2009 (23%) ein, aber auch ein Fall unter 20% ist absolut drin. Die Erinnerung an den Schulz-Hype vom Jahresanfang wird die Depression verstärken. Das wird richtig, richtig bitter für die SPD: kein Personal, kein Programm, keine Ideen und einen unmöglichen Kandidaten.

Nachtrag 9.6.2017:
Hätte die deutsche Linke einen Anarcho wie Corbyn im Angebot, würde ich sie wählen.
Apropos: Hat irgendjemand gehört, dass Corbyn seine Landsleute als „Nazis“ bezeichnet hat, weil sie sich (zu Recht) vor dem islamischen Terror fürchten?

Nachtrag 21.6.2017:
Exzellente Analyse von Merkels Taktik: Die erfolgreichste sozialdemokratische Kanzlerin der Geschichte. Passt exakt zu meinem Verständnis der Funktionsweise ihrer Fallen.

Nachtrag 24.6.2017:
Norbert Häring bringt das Problem von Schulz, Maas und der ganzen SPD ganz trocken auf den Punkt.

Nachtrag 10.7.2017:
Bei der Wahl Hamburgs als Veranstaltungsort des G20-Gipfels ist die SPD wieder Merkel in eine Falle gegangen:  Der rechtschaffene Prügelknabe.
Christoph Schwennicke gehärt zu denjenigen Journalisten, die Merkels Politik am kühlsten analysieren. Wann lernen SPD-Politiker dazu?

Nachtrag 24.7.2017:
Schulz hat versucht, aus der Falle auszubrechen – vergeblich. Das Foto spricht Bände über die Erkenntnisprozesse, die bei ihm ablaufen: Ein Desaster vor Augen. Je mehr er jetzt in dieser Frage strampelt, umso stärker vertreibt er die Wähler nach rechts und links. Für seine Partei kann er nichts mehr retten, aber er kann interessante Debatten anstoßen und Wählerbewegungen in Gang setzen, völlig unfreiwillig natürlich. Die Wahl ist noch nicht gelaufen, ein Rolling Stone wie Schulz kann viel Bewegung verursachen.

Nachtrag 9.8.2017:
Nachdenkseiten über Schulz-Hype und Mediennebel: In sieben Wochen wird Bilanz gezogen. Dann ist Schluss mit Martin Schulz und der gesamten SPD-Führung.

Nachtrag 19.8.2017:
Wolfgang Kubicki: „Diese moralische Impertinenz [von Frau Göring-Eckardt] geht mir auf den Senkel“. Exakt das.

Ein deutsch-amerikanischer Konflikt?

Im ersten Beitrag dieser Serie habe ich Emmanuel Todds Skizze des „Deutschen Europa“ vorgestellt, im zweiten Antrieb und Entstehung. Dieser 3. Teil des Interviews von 2014 mit Olivier Berruyer bringt jetzt Todds Prognose von damals, dass das deutsche Europa vor einem Konflikt mit den USA stehe, weil das wirtschaftliche Gewicht, vor allem in der Industrie, das amerikanische Imperium von innen bedrohe. Diese These wirft ein neues Licht auf einige Entwicklungen der letzten beiden Jahre, u.a. auf die VW-Krise und die Wahl Donald Trumps und seiner protektionistischen Wirtschaftspolitik.

Der Kräftezuwachs des deutschen Systems legt nahe, dass die USA und Deutschland vor einem Konflikt stehen

Nach einem längeren Exkurs über den Zustand und die mögliche weitere Entwicklung der Ukraine kommen Berruyer und Todd auf einen möglichen Konflikt zwischen den USA und Deutschland zu sprechen:

Olivier Berruyer: Kommen wir auf die globale Macht des amerikanischen Systems zurück, das so weit von der Ukraine entfernt ist und deshalb sehr wenig in der Lage, von seiner Integration und Desintegration durch das „westliche System“ zu profitieren.

Emmanuel Todd: Das amerikanische System beruht nach Zbigniew Brzezinksi auf der Kontrolle der zwei großen Industrienationen Eurasiens durch die USA, d.h., von Japan und Deutschland. Aber das funktioniert unter der Bedingung, dass Amerika selbst beim industriellen Gewicht spürbar überlegen ist:

Anteil an der weltweiten industriellen Produktion (in %):Industrieproduktion19282011
Quellen: 1928 Arnold Toynbee und Mitarbeiter: Die Welt im März 1939; 2011 Weltbank

1928 repräsentierte die amerikanische industrielle Produktion 45% der weltweiten industriellen Produktion. Nach dem Krieg im Jahr 1945 repräsentierte sie immer noch 45%. Amerika ist auf 17,5% gefallen. Das System von Brzezinski, die Kontrolle Eurasiens, kann im Lichte dieser Zahlen keinen Bestand haben. Wie ich es in „Weltmacht USA: ein Nachruf“ beschrieben habe, ist sein wirtschaftlicher Austausch mit der Ukraine vernachlässigbar. In Osteuropa sichert die NATO tatsächlich einen deutschen Raum. Man müsste für den Gebrauch von Washington die alte Redensart „Krieg führen für den König von Preußen“ neu auflegen.

Olivier Berruyer: Welche Zukunft kann es in diesem Kontext für die deutsch-amerikanischen Beziehungen geben?

Emmanuel Todd: Wenn Sie in der verwunschenen Welt der aktuell dominanten Ideologie leben, jener der Zeitung ‚Le Monde‘, von Francois Hollande, die auch diejenige der naiven Anti-Imperialisten ist, muss und kann der westliche Block, die Union Amerikas und Europas, unter dessen Vormundschaft Japan steht, Russland eindämmen. Wenn man die Hypothese eines guten strategischen Einverständnisses und einer starken Zusammenarbeit macht, könnte der Westen die russische Wirtschaft besiegen. Vielleicht… Aber es gibt auch noch China, Indien, Brasilien, die Welt ist groß…

Aber wenn man in die Welt des strategischen Realismus geht, die die Realität der Kräfteverhältnisse sieht ohne Bezug auf Werte, echte oder mythische, stellt man fest, dass heute zwei große entwickelte industrielle Welten existieren, Amerika einerseits und dieses neue Deutsche Reich andererseits. Russland ist eine zweitrangige Frage. Man muss also etwas ganz Anderes ins Auge fassen für die kommenden 20 Jahre als den Ost-West-Konflikt: der Machtzuwachs des deutschen Systems legt nahe, dass die USA und Deutschland auf einen Konflikt zulaufen. Das entspricht einer intrinsischen Logik, die auf den Kräfteverhältnissen und der Dominanz basiert. Es ist nach meiner Meinung unrealistisch, sich ein friedliches Einverständnis für die Zukunft vorzustellen.

Deutschland und die USA haben nicht dieselben Werte

An diesem Punkt können wir jedoch den Begriff des „Werts“ wieder einführen. Aber genau um zu unterstreichen, dass für einen Anthropologen, der auf seine Weise realistisch ist, und für einen Historiker der langen Zeiträume, die USA und Deutschland nicht dieselben Werte haben. Konfrontiert mit dem wirtschaftlichen Stress der Großen Depression, hat Amerika, das Land der liberalen Demokratie, Roosevelt hervorgebracht, während Deutschland, das Land der autoritären und inegalitären Kultur, Hitler hervorgebracht hat.

Der Glaube der Amerikaner an die Gleichheit ist gewiss ein sehr relativer Glaube. Die USA sind das führende Land beim Anstieg der wirtschaftlichen Ungleichheiten – ganz zu schweigen von der Segregation gegenüber den Schwarzen, ein Problem, das weit davon entfernt ist, geregelt zu sein, wie die Aufstände von Ferguson bezeugen. Aber sie sind aktuell auch ein führendes Land im Versuch, eine vereinte Welt zu schaffen mit Bevölkerungen sehr verschiedener Ursprünge. In diesem Sinne bleibt die Wahl von Obama ein starkes Symbol, trotz der offensichtlichen Ermüdung des Präsidenten während seines zweiten Mandats.

Wenn man nur den Körper der Bürger Deutschlands betrachtet, kann man sagen, dass der Anstieg der wirtschaftlichen Ungleichheit dort moderat bleibt, sehr viel geringer als das, was man in der anglo-amerikanischen Welt beobachtet. Aber wenn man das deutsche System in seiner europäischen Gänze betrachtet, indem man die Niedriggehälter Osteuropas miteinschließt und die Senkung der Gehälter des Südens, kann man ein viel stärkeres System der inegalitären Dominanz in der Entstehung identifizieren. Die Gleichheit, die übrigbleibt, betrifft nur den Körper der dominierenden Bürger, der deutschen.

Ich werde an dieser Stelle das politikwissenschaftliche Konzept des belgischen Anthropologen Pierre van den Berghe wieder aufgreifen: die Herrenvolk-Demokratie (Anmerkung des Übersetzers: „Herrenvolk“ auch im franz. Original wörtlich so verwendet), d.h., die Demokratie des Volks der Herren. Springen Sie nicht an die Decke! Diese Worte lassen die Erde nicht einstürzen. Ich habe mich kürzlich in denselben Worten in einem Interview mit der deutschen Zeitung „Die Zeit“ ausgedrückt.
Anfangs wendete Pierre van den Berghe dieses Konzept der ethnischen Demokratie auf das Südafrika der Apartheid an, wo ein Körper gleicher Bürger existierte, der perfekt nach den liberalen und demokratischen Regeln funktionierte, aber dessen Freiheit und Demokratie nur deshalb hielten, weil es Dominierte gibt. Dasselbe für das Amerika zur Zeit der Rassentrennung: die interne Gleichheit der weißen Gruppe wurde gewährleistet durch die Beherrschung der Indianer und der Schwarzen… in gleicher Weise könnte man Israel als Herrenvolk-Demokratie kategorisieren. Was an Zusammenhalt und Freiheit in der israelischen Demokratie existiert, wird durch die Existenz einer feindlichen Masse von Arabern gewährleistet.

Wenn ich das aktuelle Europa beschreiben müsste, wenn ich politisch die ökonomische Karte kommentieren müsste, würde ich sagen, dass Europa oder das Deutsche Reich die allgemeine Form einer Herrenvolk-Demokratie anzunehmen beginnt, mit einer deutschen Demokratie in ihrem Herzen, die für dieses dominierende Volk reserviert ist, und darum herum einer ganzen Hierarchie von Bevölkerungen, die mehr oder weniger dominiert werden und deren Stimmen (bei Wahlen) keinerlei Bedeutung mehr haben. Man versteht in diesem Modell besser, warum nichts passiert, wenn wir in Frankreich einen Präsidenten wählen. Weil er keine Macht mehr hat, besonders über das Währungssystem. Man findet sich also in einer Demokratie wieder, deren Freiheit von Presse, Meinung und anderem vollständig respektiert werden; wo es gar kein Problem gibt, wo aber im Grunde die Stabilität des Systems auf der unterbewussten Solidarität im Inneren der Gruppe der Dominierenden beruht. In dem Europa, das sich abzeichnet, könnte man die Deutschen wie die Weißen im Amerika der Segregation auffassen.

Heute ist die politische Ungleichheit im deutschen System offensichtlich stärker als im amerikanischen System. Die Griechen und die anderen können an Wahlen zum Bundestag nicht teilnehmen, während die amerikanischen Schwarzen und Latinos es bei Präsidenten- und Kongresswahlen können. Das EU-Parlament ist ein Beschiss, der Kongress nicht.

Olivier Berruyer: Denken Sie nach dieser Vorrede, dass wir gegenüber Deutschland wachsamer sein müssten?

Emmanuel Todd: Es ist wahr, dass ich pessimistisch bin. Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland sich zum Guten wendet, wird jeden Tag geringer. Sie ist bereits sehr gering. Die autoritäre deutsche Kultur erzeugt eine systematische psychische Instabilität der Regierenden, wenn sie sich in einer dominanten Position befinden – was seit dem Krieg nicht mehr der Fall war. Ihre häufige historische Unfähigkeit, sich in einer Situation von Vorherrschaft eine friedliche und vernünftige Zukunft für alle  vorzustellen, taucht auf diese Art heute in der Form des Exportwahns wieder auf. Dann kommt von jetzt an für diese Regierenden eine Interaktion mit der polnischen Absurdität und der ukrainischen Gewalt hinzu. Traurigerweise ist das Schicksal Deutschlands für mich kein komplett unbekanntes.

Wie werden die Deutschen eine schlechte Wendung nehmen? Das Median-Alter oder die Abwesenheit eines Militärapparats kann den Prozess ein wenig bremsen, aber man stellt jede Woche eine Radikalisierung der deutschen Haltung fest. Verachtung der Engländer, der Amerikaner, schamloser Besuch von Merkel in Kiew. Die Beziehung zu den Franzosen, deren freiwillige Knechtschaft wesentlich ist für die Kontrolle Europas, wird diese Frage beantworten. Aber wir wissen bereits. Mit der Affäre der Mistral-Verkäufe an Russland: die deutschen Regierenden verlangen jetzt von  Frankreich zu liquidieren, was von seiner Rüstungsindustrie übrig ist. Die deutsche Kultur ist inegalitär: sie macht es schwierig, eine Welt von Gleichberechtigten zu akzeptieren. Wenn sie sich für die Stärksten halten, vertragen die Deutschen die Gehorsamsverweigerung der Schwächeren sehr schlecht. Die Weigerung wird als unnatürlich angesehen, als unvernünftig.
In Frankreich wäre eher das Gegenteil der Fall. Der Ungehorsam ist ein positiver Wert. Man lebt damit, das ist ein Teil des französischen Charmes, weil in Frankreich auch ein mysteriöses Potenzial für Ordnung und Effizienz existiert.
Die Beziehung Amerikas zur Disziplin und Ungleichheit ist komplex auf eine andere Weise und verdiente seitenlange Analyse. Lassen Sie es uns kurz machen: die disziplinierte Beziehung Untergeordneter-Übergeordneter des deutschen Typs würde schwerlich als akzeptabel durchgehen. Die angelsächsische Kultur ist nicht egalitär, aber sie ist wirklich liberal. Gleich oder ungleich: es kommt darauf an. Der vernünftige Unterschied, der in den Familien zwischen den Brüdern gemacht wird, führt zu dem Begriff des vernünftigen Unterschieds zwischen Individuen, zwischen Völkern. Das ist übrigens der Grund für den Erfolg des amerikanischen Modells: die anglo-amerikanische Kultur kann internationale Unterschiede vernünftig managen.

Zum Schluss ist es zwingend festzustellen, dass die beiden Blöcke, der amerikanische und der deutsche, von Natur aus antagonistisch sind. Sie vereinen alle Elemente, die Konflikte erzeugen: Bruch des ökonomischen Gleichgewichts, Unterschiede bei den Werten. Je schneller Russland aus dem Spiel sein wird, gebrochen oder marginalisiert, umso schneller werden sich diese Unterschiede äußern. Für mich ist die aktuell entscheidende historische Frage, die niemand stellt, die folgende:
werden die Amerikaner bereit sein, diese neue Realität eines Deutschland zu sehen, das sie bedroht? Und wenn ja, wann?

Olivier Berruyer: Wenn Sie einen Konflikt zwischen der amerikanischen Nation und dem neuen Deutschen Reich vorhersagen, sind Sie sich dann sicher?

Emmanuel Todd: Offensichtlich nicht. Ich erweitere das Feld der Vorausschau. Ich beschreibe eine mögliche Zukunft unter anderen möglichen Zukünften. Eine andere wäre die Verfestigung der Gruppe Russland-China-Indien in einem kontinentalen Block, der sich dem westlichen euro-amerikanischen Block entgegenstellt. Aber dieser eurasische Block könnte nur funktionieren unter Hinzufügung Japans, das allein in der Lage wäre, ihn technologisch auf westliches Niveau zu heben. Aber was wird Japan tun? Im Moment ist es gegenüber den USA loyaler als Deutschland. Aber es könnte genug bekommen von den alten westlichen Konflikten. Der aktuelle Schock lähmt seine Annäherung an Russland, die völlig logisch ist vom Standpunkt der Energieversorgung und des Militärischen, ein wichtiges Element des neuen politischen Kurses, der vom neuen Premierminister Abe vorgegeben wurde. Das ist ein anderes Risiko für die USA, das sich vom neuen aggressiven deutschen Kurs ableitet.

Olivier Berruyer: Es sind so verschiedene Zukünfte möglich, aber nicht unzählige; 4 oder 5 vielleicht…

Emmanuel Todd: Ich habe wieder begonnen, Science-Fiction zu lesen, um mir das Gehirn zu schrubben und den Geist zu öffnen. Ich empfehle lebhaft eine Übung desselben Typs den Leuten, die uns regieren, die mit entschiedenem Schritt marschieren, ohne zu wissen, wohin sie gehen. □

Meine Kommentare:

  • Man muss sich heute die Frage stellen, ob die USA die wirtschaftliche Herausforderung durch das „deutsche Europa“ seit diesem Interview im Sommer 2014 möglicherweise bereits angenommen haben. Folgende Ereignisse der letzten zwei Jahre würden dadurch u.U. verständlicher werden:
    1. Die besonders harten Strafen für deutsche Banken in den USA „wegen ihrer Rolle in der Finanzkrise“
    2. Der VW-Abgas-Skandal, der sich in seiner übertriebenen Ausgestaltung auch sehr gut als Schritt zur Eindämmung der deutschen Industrie verstehen lässt
    3. Der Brexit als Vorbereitung einer härteren Gangart gegen die EU
    4. Die Wahl eines Präsidenten Trump, der sich sofort nicht nur gegen die chinesische, sondern auch die deutsche Exportpolitik geäußert hat.
    5. Das teilweise absurd-überdrehte Wüten deutscher Medien gegen den Kandidaten und Präsidenten Trump deutet darauf hin, dass die deutsche Politik und die ihr eng verbundenen Medien wussten, dass Donald Trump für eine amerikanische Politik steht, die im Sinne dieser Analyse von Todd das deutsch-amerikanische Verhältnis neu bewertet und Deutschland als Gefahr für amerikanische Interessen begreift.
  • Man sollte wissen, dass die Analysen Emmanuel Todds in Zirkeln der amerikanischen Außenpolitik gelesen und ernst genommen werden. Hier ein Beispiel aus jüngster Zeit.
  • Die drohende Gefahr, dass die USA aufhören, die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Osteuropa zu schützen (oder dafür zumindest viel Geld zu verlangen), erklärt auch sehr gut die in Deutschland zunehmend offensiv geführte Debatte über eine deutsche Atombombe. Siehe hier und hier.
  • Es ist eine Realität, dass die Mitglieder der „Troika“ ständig nach Griechenland fahren, um der Regierung ihr Budget vorzuschreiben. Das griechische Parlament hat nichts mehr zu sagen, die griechische Demokratie ist deshalb tatsächlich so dahin, wie es Todd hier skizziert hat: Die können wählen, was sie wollen, es spielt keine Rolle. Das kann nicht in meinem Interesse als kleines deutsches Bürgerlein liegen. Ich will, dass griechische Bürger über ihr Parlament selbst über ihre inneren Angelegenheiten und vor allem ihr Budget entscheiden können. Ich habe keine Lust, einem „Herrenvolk“ anzugehören, in dessen Namen Griechenland kujoniert wird. Dazu kommt, dass viele Deutsche wenig davon haben, weil sie dieses Modell durch zu niedrige Löhne indirekt finanzieren.
  • Die Anwendbarkeit des Konzepts der Herrenvolk-Demokratie auf Deutschland hat sich stark relativiert, seitdem klar ist, dass das ‚Herrenvolk‘ auch in seinen essentiellen Angelegenheiten selbst nichts zu melden hat.

 

 

Entstehung des deutschen Europa

Im letzten Beitrag habe ich Emmanuel Todds Skizze des „Deutschen Europa“ vorgestellt. In diesem zweiten Beitrag geht es jetzt um die Teile I+II des Interviews von 2014 mit Olivier Berruyer:

Entstehung und Antrieb des ‚Deutschen Europa‘

Im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise und Russland kommt Todd auf Deutschland zu sprechen:

Emmanuel Todd: …Man registriert widersprüchliche Signale von Deutschland. Manchmal findet man es eher pazifistisch, auf einem Pfad von Rückzug und Kooperation. Manchmal erscheint es im Gegenteil sehr an der Spitze im Disput und in der Auseinandersetzung mit Russland. Diese harte Linie nimmt jeden Tag an Stärke zu. Steinmeier hat sich von Fabius und Sikorski nach Kiew begleiten lassen. Merkel besucht nun das neue ukrainische Protektorat allein (Anm. des Übersetzers: im Jahr 2014).
Aber nicht nur in dieser Auseinandersetzung ist Deutschland an der Spitze. Sechs Monate lang und auch in den letzten Wochen, als sie in den ukrainischen Ebenen schon virtuell im Konflikt mit Russland war, hat Merkel die Engländer gedemütigt, indem sie ihnen mit einer unglaublichen Grobheit Juncker als Kommissionspräsident aufgezwungen hat. Eine noch außerordentlichere Sache war es, dass die Deutschen begonnen haben, die Auseinandersetzung mit den Amerikanern zu suchen, indem sie sich einer Spionageaffäre der Amerikaner bedient haben. Das ist absolut unglaublich, wenn man die Verflechtung der amerikanischen und deutschen Spionageaktivitäten seit dem Kalten Krieg kennt. Es sieht im Übrigen heute so aus, als ob der deutsche Geheimdienst ganz normal auch die amerikanischen Politiker ausspioniert. Mit dem Risiko zu schockieren würde ich sagen, dass ich angesichts der Ambiguitäten der deutschen Politik im Osten ganz dafür bin, dass die CIA die deutschen politisch Verantwortlichen überwacht. Ich hoffe übrigens, dass die französischen Geheimdienste ihre Arbeit machen und an der Überwachung eines Deutschland teilnehmen, dass auf dem internationalen Feld immer aktiver und abenteuerlustiger wird. Es bleibt dabei, dass diese antiamerikanische Aggressivität ein neues Phänomen ist, das man sich bewusst machen muss. Ihr Stil ist faszinierend. Die Art und Weise, in der die deutschen Politiker über die Amerikaner gesprochen haben, bezeugt eine tiefe Verachtung. Es gibt einen bedeutenden antiamerikanischen Untergrund auf der anderen Seite des Rheins. Ich hatte Gelegenheit gehabt, ihn zu messen, anlässlich der Veröffentlichung meines Buches „Weltmacht USA: Ein Nachruf“ auf Deutsch. Nach meiner Meinung erklärt er (der Antiamerikanismus, Anmerkung des Übersetzers) weitgehend den außerordentlichen Bucherfolg dieser Übersetzung. Wir sehen schon einen Moment, in dem die deutsche Regierung sich lustig macht über amerikanische Ermahnungen in der Wirtschaftspolitik: einen Beitrag leisten zur globalen Nachfrage? Und was sonst noch? Deutschland hat sein Projekt, eher von Macht als von eigenem Wohlergehen: die Nachfrage in Deutschland drücken, die verschuldeten Staaten des Südens versklaven, die Osteuropäer dazu bringen, dass sie sich an die Arbeit machen, den französischen Banken, die den Elysée-Palast (also den französischen Präsidenten, Anmerkung des Übersetzers) kontrollieren, einige Peanuts spendieren, etc.

In einer ersten Zeit, im Moment der Eroberung der Krim, war ich eher sensibel gewesen für die Wiederherstellung Russlands: eine Macht, die sich nicht mehr auf die Füße steigen lassen will und die in der Lage ist, Entscheidungen zu fällen. Aktuell stelle ich fest, dass Russland fundamental eine Nation in der Stabilisierung ist, und nur in der Stabilisierung, selbst wenn die Leute aus ihr einen bösen großen Wolf machen. Die wahre sich zeigende Macht, noch vor Russland, ist Deutschland. Es hat einen außergewöhnlichen Weg hinter sich, von seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zur Zeit der Wiedervereinigung zu seiner wirtschaftlichen Wiederherstellung, dann zur Übernahme der Kontrolle über den Kontinent in den letzten fünf Jahren. Alles das ist es wert, dass man es neu interpretiert. Die Finanzkrise hat nicht einfach nur die Solidität Deutschlands gezeigt. Es hat auch seine Fähigkeit gezeigt, die Schuldenkrise zu nutzen, um die Gesamtheit des Kontinents zum Gehorsam zu zwingen. Wenn man sich von der archaischen Rhetorik des Kalten Krieges befreit, wenn man aufhört, die ideologische Rassel der liberalen Demokratie und ihrer Werte zu schütteln, und wenn man es lässt, dem pro-europäischen Blabla zuzuhören, um die historische Sequenz zu beobachten, die in roher und beinahe kindlicher Weise im Gang ist, kurz, wenn man bereit ist zu sehen, dass der König nackt ist, stellt man fest:

1.) In den letzten fünf Jahren hat Deutschland auf dem wirtschaftlichen und politischen Feld die Kontrolle über Europa übernommen.
2.) Europa ist am Ende dieser fünf Jahre virtuell bereits im Krieg mit Russland

Frankreich und die USA leugnen die deutsche Realität

Dieses Phänomen wird durch eine doppelte Leugnung vernebelt. Zwei Länder handeln wie Riegel, damit man die Realität dessen, was geschieht, nicht versteht.
Zunächst Frankreich, das noch immer nicht zugeben will, dass es sich in den Zustand einer freiwilligen Knechtschaft gegenüber Deutschland begeben hat. Es kann nicht anders handeln, solange es nicht unumwunden diesen Machtanstieg Deutschlands zugibt und die Tatsache, dass es nicht auf dem Niveau ist, um es (Deutschland) zu kontrollieren. Wenn es eine geopolitische Lektion des Zweiten Weltkriegs gibt, dann ist das sehr wohl die, dass Frankreich Deutschland nicht kontrollieren kann, dessen immense Qualitäten in der Organisation und wirtschaftlichen Disziplin wir anerkennen müssen – ebenso wie das nicht minder immense Potenzial zur politischen Irrationalität. Die französische Verweigerung der deutschen Realität ist eine Offensichtlichkeit. Schon eine ganze Weile spreche ich von François Hollande als dem „Vize-Kanzler Hollande“. Beziehungsweise sogar jetzt eher von einem einfachen „Kommunikationsdirektor des Kanzleramts“. Er ist nichts, er hat außergewöhnliche Niveaus der Unpopularität erreicht, die zu einem Teil von seiner Servilität gegenüber Deutschland kommen. François Hollande wird auch von den Franzosen verachtet, weil er ein Mann ist, der Deutschland gehorcht. Umfassender betrachtet nehmen die französischen Eliten, journalistische ebenso wie politische, an diesem Prozess der Leugnung teil.

Die Akteure sind inkompetent und sich sehr wenig bewusst, was sie tun

Olivier Berruyer: Sie sagen, dass „Frankreich letztendlich Deutschland nicht kontrollieren kann“: kann man nichts tun oder muss es jemand anders tun?

Emmanuel Todd: Jemand anders muss es tun. Das letzte Mal ist diese Aufgabe Amerikanern und Russen zugefallen. Man muss zugeben, dass das „System Deutschland“ eine außergewöhnliche Kraft entfalten kann. Als Historiker und Anthropologe könnte ich Dasselbe über Japan, über Schweden oder die jüdische, baskische oder katalanische Kultur sagen. Das ist eine Tatsache: gewisse Kulturen sind so. Frankreich hat andere Qualitäten. Es hat die Ideen von der Gleichheit und der Freiheit hervorgebracht, eine Lebensart, die den Planeten fasziniert, und es macht von nun an mehr Kinder als seine Nachbarn und bleibt dabei ein fortschrittliches Land auf dem intellektuellen und technologischen Feld. Es ist wahrscheinlich, dass man am Ende, wenn man wirklich urteilen müsste, zugeben müsste, dass Frankreich eine ausgeglichenere und befriedigendere Vision von der Welt hat. Aber es geht hier nicht um Metaphysik oder Moral: wir sprechen von internationalen Kräfteverhältnissen. Wenn ein Land sich auf die Industrie oder den Krieg spezialisiert, muss man das berücksichtigen und zusehen, wie diese wirtschaftliche, technologische und Macht-Spezialisierung kontrollierbar wird.

Olivier Berruyer: Welches ist das zweite Land in der Verleugnung?

Emmanuel Todd: Die USA. Die amerikanische Verleugnung war im ersten Stadium der Emanzipation Deutschlands zur Zeit des Irakkriegs im Jahr 2003 und des Bündnisses Schröder-Chirac-Putin formalisiert worden. Gewisse amerikanische Strategen hatten damals gesagt: „Man muss Frankreich bestrafen, Deutschland (also, was es gemacht hat) vergessen und Russland verzeihen“ (“Punish France, forget Germany, forgive Russia“). Warum? Weil der Schlüssel zur Kontrolle Europas durch die USA, das Erbe des Sieges von 1945, die Kontrolle Deutschlands ist. Die Emanzipation Deutschlands von 2003 schriftlich niederzulegen, hätte bedeutet, den Beginn der Auflösung des amerikanischen Imperiums schriftlich niederzulegen. Diese Vogel-Strauß-Strategie hat sich begründet, verfestigt und scheint heute den Amerikanern eine korrekte Sicht auf die deutsche Entpuppung zu verbieten, eine neue Bedrohung für sie, nach meiner Meinung auf Dauer sehr viel gefährlicher für die Integrität des Imperiums als Russland, das außerhalb des Imperiums liegt. Deutschland spielt eine komplizierte, ambivalente Rolle, treibt aber die Krise an. Häufig erscheint die deutsche Nation als pazifistisch und Europa, das unter deutsche Kontrolle steht, als aggressiv. Oder umgekehrt. Deutschland hat von nun an zwei Hüte auf: Europa ist Deutschland, und Deutschland ist Europa. Es kann also mit mehreren Stimmen sprechen. Wenn man die psychische Instabilität kennt, die historisch die deutsche Außenpolitik charakterisiert, und seine Bipolarität im psychiatrischen Sinn in seiner Beziehung zu Russland, ist das ziemlich beunruhigend. Ich bin mir bewusst, dass ich hart spreche, aber Europa befindet sich (Anmerkung des Übersetzers: das Interview fand im Sommer 2014 statt) am Rande des Krieges mit Russland und wir haben nicht mehr die Zeit, höflich und glatt zu sein. Bevölkerungen russischer Sprache, Kultur und Identität werden in der Ostukraine angegriffen mit Billigung, Unterstützung und wahrscheinlich schon mit Waffen aus der EU. Ich denke, dass die Russen wissen, dass sie in der Tat im Krieg mit Deutschland sind. Ihr Schweigen über diesen Punkt ist nicht wie in den französischen und amerikanischen Fällen eine Weigerung, die Realität zu sehen. Es ist gute Diplomatie. Sie brauchen Zeit. Ihre Selbstkontrolle, ihre Professionalität, wie Putin oder Lavrov sagen würden, ringen Bewunderung ab.

Bisher war es die Strategie der Amerikaner in dieser Krise, hinter den Deutschen her zu laufen, damit man nicht sieht, dass sie die europäische Situation nicht mehr kontrollieren. Dieses Amerika, das nicht mehr kontrolliert, aber die regionalen Abenteuer der Vasallen genehmigen muss, ist ein Problem geworden, das geopolitische Problem Nr. 1. Im Irak muss Amerika schon mit dem Iran kooperieren, seinem strategischen Gegner, um sich den Jihadisten entgegenzustellen, die von Saudi-Arabien subventioniert werden. Saudi-Arabien hat wie Deutschland den Status eines wichtigen Alliierten, sein Verrat darf deshalb nicht schriftlich festgehalten werden… In Asien beginnen die Südkoreaner aus Ressentiment gegen die Japaner, mit den Chinesen krumme Geschäfte zu machen, den strategischen Rivalen der Amerikaner. Überall, und nicht nur Europa, bekommt das amerikanische System Risse, löst sich auf oder Schlimmeres.

Die deutsche Macht und Hegemonie in Europa verdienen also eine Analyse, in einer dynamischen Perspektive. Man muss explorieren, hochrechnen, voraussehen, um sich in der Welt zu orientieren, die in Entstehung begriffen ist. Man muss akzeptieren, diese Welt so zu sehen, wie sie die realistische strategische Schule sieht, diejenige von Henry Kissinger zum Beispiel, das heißt, ohne sich die Frage der politischen Werte zu stellen: diejenige von reinen Kräfteverhältnissen zwischen nationalen Systemen. Wenn man so nachdenkt, stellt man fest, dass Russland nicht das Problem der Zukunft ist, dass China noch nicht viel darstellt, was die militärische Macht angeht. In unserer globalisierten wirtschaftlichen Welt, können wir die Entstehung einer neuen Frontstellung zwischen zwei großen Systemen vorausahnen: der amerikanischen Kontinent-Nation und diesem neuen deutschen Reich, einem ökonomisch-politischen Reich, das die Leute aus Gewohnheit weiterhin Europa nennen. Es ist interessant, das Kräfteverhältnis zwischen den beiden zu bestimmen.

Wir wissen nicht, wie die Ukraine-Krise enden wird. Wir müssen aber die Anstrengung unternehmen, uns hinter diese Krise zu versetzen. Das Interessanteste ist zu versuchen, sich vorzustellen, was ein Sieg des „Westens“ hervorbringen würde. Und wir gelangen so zu etwas Erstaunlichem: wenn Russland in die Knie gehen oder nur nachgeben würde, würde das Ungleichgewicht der demografischen und industriellen Kräfte zwischen dem deutschen System, erweitert um die Ukraine, und den USA wahrscheinlich zu einem Umschlagen des Schwerpunkts des Westens und zum Zusammenbruch des amerikanischen Systems führen. Was die Amerikaner heute am meisten fürchten müssten, ist der Zusammenbruch Russlands. Aber eine der Charakteristiken der Situation ist, dass die Akteure inkompetent sind und sich dessen sehr wenig bewusst, was sie tun. Ich spreche nicht nur von Obama, der von Europa nichts versteht. Er ist in Hawai geboren, hat in Indonesien gelebt. Nur die pazifische Zone existiert für ihn.
Aber die klassischen amerikanischen Geopolitiker der „europäischen“ Tradition sind ebenfalls überholt. Ich denke besonders an Zbigniew Brzezinski, der jetzt alt ist, aber der Theoretiker der Kontrolle Eurasiens durch die USA bleibt. Besessen von Russland hat er Deutschland nicht kommen sehen. Er hat nicht gesehen, dass die amerikanische Militärmacht durch die Erweiterung der NATO auf die baltischen Staaten, auf Polen und auf die früheren Volksdemokratien für Deutschland ein Reich schneiderte, ein ökonomisches zu Anfang, aber heute schon ein politisches. Deutschland beginnt, sich mit China zu verstehen, dem anderen großen Exporteur der Welt. Erinnert man sich in Washington, dass das Deutschland der 30er Jahre lange gezögert hat zwischen der chinesischen und der japanischen Allianz und dass Hitler damit begonnen hatte, Tschiangkaischeck zu bewaffnen und seine Armee aufzubauen? Die Erweiterung der NATO nach Osten könnte letztendlich eine Version B des Alptraums von Brzezinski realisieren: eine Wiedervereinigung Eurasiens unabhängig von den USA. Seinen polnischen Ursprüngen treu fürchtete er ein Eurasien unter russischer Kontrolle. Er läuft in das Risiko, in die Geschichte einzugehen als „einer dieser absurden Polen, die aus Hass gegen Russland die Größe Deutschlands gewährleistet haben“.

Olivier Berruyer: Wie Sie mich gebeten haben, schlage ich vor, dass Sie die nachfolgenden Grafiken analysieren, die das um Deutschland zentrierte Europa mit den USA vergleichen:

Bevölkerung

BIP

IndustrielleWertschöpfung(eine 4., weniger wichtige Grafik weggelassen)

Emmanuel Todd: Was diese Grafiken zeigen, ist die potenzielle industrielle Überlegenheit Europas. Gewiss ist das deutsche Europa heterogen und intrinsisch zerbrechlich, potenziell instabil, aber der wirkende Mechanismus der Hierarchisierung der Bevölkerungen beginnt, eine kohärente und manchmal effiziente Struktur von Dominanz zu definieren. Die junge deutsche Macht hat sich dadurch gebildet, dass ehemals kommunistische Bevölkerungen kapitalistisch an die Arbeit gebracht wurden. Das ist vielleicht eine Sache, derer sich die Deutschen wahrscheinlich selbst nicht bewusst genug sind, und gerade dort könnte ihre wahre Zerbrechlichkeit sein: die Dynamik der deutschen Wirtschaft ist nicht nur deutsch. Ein Teil des Erfolgs unserer Nachbarn von der anderen Rheinseite stammt daher, dass die Kommunisten sich sehr für Bildung interessiert haben. Sie haben nicht nur überholte Industriesysteme zurückgelassen, sondern auch überdurchschnittlich gebildete Bevölkerungen.
Die Bildungssituation Polens in Europa vor dem Krieg mit der von heute zu vergleichen, die sehr viel  besser ist, bedeutet zuzugeben, dass es einen Teil seines aktuell guten wirtschaftlichen Zustands dem Kommunismus, schlimmer vielleicht, Russland verdankt. Wir werden sehen, in welchem Zustand das deutsche Management Polen hinterlassen wird. Es bleibt, dass sich Deutschland in der Tat an die Stelle Russlands gesetzt hat als Macht, die den europäischen Osten kontrolliert und daraus eine Kraft gemacht hat. Russland seinerseits war geschwächt worden durch seine Kontrolle der Volksdemokratien, indem die Militärkosten nicht durch den ökonomischen Gewinn kompensiert wurden. Dank der USA sind die Kosten der militärischen Kontrolle für Deutschland nahe bei Null.

Teil III enthielt den letzten Beitrag zum „Deutschen Europa“

Danach der Teil IV:

Das industrielle Ungleichgewicht zugunsten der EU im Vergleich mit den USA ist spektakulär

Olivier Berruyer: Die Grafiken erlauben, die relativen Stärken der amerikanischen Nation und dieses neuen deutschen Reiches zu vergleichen:

(erste Grafik ausgelassen, kann im Original eingesehen werden)
BeschäftigungIndustrie

BeschäftigungIndustrie2

Emmanuel Todd: die interessanteste Grafik ist nach meinem Verständnis diejenige, die die in der Industrie tätigen Bevölkerungen darstellt. Das industrielle Ungleichgewicht zugunsten der EU im Vergleich mit den USA ist spektakulär. Die Tatsache, dass es in Europa noch unterentwickelte industrielle Sektoren gibt, ist nicht negativ, im Gegenteil: im industriellen Bereich in Europa gibt es Erweiterungskapazitäten in Zonen mit niedrigen Gehältern. Es ist wahrscheinlich dieses Ungleichgewicht, das das Töten des amerikanischen Industriesystems durch Deutschland erlauben würde. Im aktuellen Stadium ist es Deutschland, das TTIP am meisten will.

Olivier Berruyer: Man stellt klar einen europäischen Absturz beim realen BIP bezogen auf Deutschland fest:

(Grafiken mit absolutem BIP pro Kopf habe ich weggelassen)

BIPpE1

BIPpE2

BIPpE3BIPpE4

Emmanuel Todd: Man sieht auf diesen Grafiken auch die unerbittliche Hierarchisierung Europas um das deutsche Epizentrum ab 2005: das Abfallen der europäischen Länder im Vergleich mit Deutschland, eingeschlossen die großen Länder wie Frankreich oder das Vereinigte Königreich. Man kann auf allen diesen Kurven die Schnelligkeit einer Entwicklung sehen, die gerade erst begonnen hat. Vielleicht leidet ein Teil des deutschen Volkes an seinen geringen Gehältern, aber global betrachtet endet es immer damit, dass das BIP pro Kopf sich zugunsten Deutschlands absetzt. Wir bewegen uns auf ein System zu, in dem die Deutschen davon profitieren werden, dass die Industriesysteme des Rests des Kontinents in die Knie gehen.

Wir stellen ebenfalls fest, dass die USA im Vergleich mit diesem Kontinent unter deutscher Kontrolle nicht mithalten können, was die Bevölkerung betrifft.

Kommentare:

  • Dieser Beitrag hat sich im Original auch viel Kritik von Lesern zugezogen. Exemplarisch für Kritik, die ich bedenkenswert finde, sei hier der von vielen Lesern empfohlene Kommentar von ‚Kellhus‘ wiedergegeben:
    „Todd sagt interessante Dinge, besonders zur Wirtschaft (Kritik des Euro), aber täuscht sich schwer über andere (wir erinnern uns an das, was er über den ‚revolutionären Hollandismus‘ gesagt hat). Hier wiederum habe ich den Eindruck, dass er sich täuscht, indem er Deutschland ins Visier nimmt und indirekt die Rolle der USA kleinredet. Welches ist der Staat, der am meisten verantwortlich ist für das aktuelle finanzialisierte Wirtschaftssystem, das von Krise zu Krise eilt und uns in die Katastrophe führt? Derjenige des rheinischen Industrie- und Familienkapitalismus oder derjenige der Wall Street? Welches ist der Staat, dessen Handeln in der Ukraine das schädlichste war? Derjenige von Merkel, die, selbst wenn sie nicht enorm viel zur Beruhigung der Dinge beigetragen hat, sich mehr folgend als führend gezeigt hat und in einem relativen Pragmatismus bleibt? Oder doch jener von Nuland und anderen neokonservativen Extremisten, bekennende Anhänger des amerikanischen Exzeptionalismus und des Schlimmsten fähig, um ihre Hegemonie zu konsolidieren?
    Gewiss befindet sich Deutschland heute auf dem wirtschaftlichen Feld in einer Position der Stärke in Europa und es nutzt sie, um Gewicht für sein Eigeninteresse auszuüben in den europäischen Orientierungen. Aber das Europa des Euro ist ein immer zerbrechlicherer Verbund, und Deutschland kann in seinen Forderungen nicht allzu weit gehen. Man sieht auch bereits die Grenzen seines wirtschaftlichen Erfolgs (..). Schließlich verfügt Deutschland weder über die militärische Macht, noch über die Soft Power, die aus ihm einen Rivalen der USA machen würde (ganz zu schweigen von einer imperialen Ideologie, die es mit dem US-Exzeptionalismus aufnehmen könnte). Es ist deshalb nach meiner Meinung ein Missbrauch, von einem ‚Deutschen Reich‘ zu sprechen.“
  • Trotz dieser berechtigten Kritik an Todds Übertreibung bleibt ein wahrer Kern an seiner Beobachtung, dass sich Deutschland ein wirtschaftliches und politisches Imperium gebaut hat, das nicht für alle Völker Europas positiv wirkt. Es macht deshalb Sinn, sich auch mit diesem Konstrukt zu beschäftigen, seinen Absichten und seiner Mechanik, insbesondere auch mit seiner brutalen und anti-demokratischen Mechanik, die sehr wohl registriert wird.
  • Die Grafiken über die seit 2003 oder 2007 stark abfallende Wirtschaftsleistung der meisten europäischen Volkswirtschaften im Vergleich mit Deutschland sind absolut schockierend, gerade auch dann, wenn man die großen Länder UK, Italien und Frankreich betrachtet. Das kann nicht gutgehen.
  • Es gibt aber auch Punkte, in denen ich eine ganz andere Wahrnehmung habe als Todd: Juncker war nicht Merkels Mann für Brüssel. Falls doch, hat sie es gut verborgen. In deutschen Medien habe ich das so gelesen, dass sie Juncker nach langem Zögern notgedrungen akzeptiert hat. Auch in der Spionage-Affäre war die deutsche Binnensicht so, dass Merkel abgewiegelt und die Amerikaner gedeckt habe.
  • Die Frage „Deutsches Europa“ oder „Europäisches Deutschland“ wurde auch hierzulande ab 2009/2010 intensiv diskutiert. Zahlreiche Bekenntnisse der Art „kein deutsches Europa“ helfen aber nicht gegen die Realität der Machtverhältnisse in Europa. Es gibt andere Autoren, die diese Realität klar sehen.

Fortsetzung: ein deutsch-amerikanischer Konflikt?

Nachtrag 4.4.2017:
German Foreign Policy: „Vor dem Hintergrund drastischer Warnungen vor einem möglichen Zerfall der EU bemüht sich Berlin, die Bildung von Gegenmacht in der Union zu verhindern.“ Gegenmacht! In dem Artikel wird praktisch alles bestätigt, was Emmanuel Todd über die Funktionsweise des „Deutschen Europa“ behauptet.

Nachtrag 28.7.2017:
Thomas Fazi erläutert in Makroskop, warum er das „Deutsche Europa“ für planmäßig konstruiert hält: Deutschlands „neues Imperium“