Relotia und die Gut-Gläubigen

Die ZEIZerknirschungT gibt sich zerknirscht:
Es ging um diesen Artikel:

Header

Den Genuss, den Originalartikel zu lesen, sollte sich jeder Leser gönnen. Der Text zeichnet sich einerseits dadurch aus, dass er einheimische Männer durch Herablassung gezielt provoziert:

JungsPhysikLeistungskurs

und andererseits Flüchtlingsmänner als hilflose Wesen darstellt, die eine hyperstarke Frau ‚Sophie Roznblatt‘ (der Name wäre ein eigenes Kapitel wert) an der Hand nehmen muss, um sie zu sich selbst zu bringen:

MännerWerdenRot

Herablassend ist das natürlich nicht weniger. Insgesamt tue ich dem Text wohl nicht Unrecht, wenn ich ihn als Mischung aus der Aufklärungskolumne ‚Dr. Sommer‚ für Fünfzehnjährig in der Bravo und einer feministischen Allmachtsfantasie neueren Datums ansehe.

Wie konnte es dazu kommen?

Die ZEIT-Redaktion sollte sich wirklich fragen, warum sie einen so provokativen Text ins  Blatt genommen hat. Gerade eine Autorin, die so provoziert, sollte gut bekannt und ihr Text auf der Sachebene gut geprüft sein. War es aber nicht, die Redaktion gibt zu, dass sie den Text einer Bloggerin übernommen hat, die vorher und nachher nichts in der ZEIT veröffentlichte:
„Die Faktenchecks vor Veröffentlichung und nach Eingang der ersten Hinweise von Lesern waren bei Weitem nicht ausreichend“

Tatsächlich hat sie die sachlich und überzeugend vorgetragenen Hinweise in Leserkommentaren hochmütig ignorieren und abbürsten lassen:

LeserKommentarKlein

Die Antwort auf die angeblich so dringende Frage steckt im roten Kasten: Wer mit so einer klugen Kritik so hochmütig umgeht, ist offensichtlich sehr anfällig für zeitgeistige  Lügengeschichten. Dass Widerspruch, und sei er noch so berechtigt und fundiert, bei der ZEIT mit leichter Hand ignoriert oder gar gelöscht wird, ist leider nichts Neues. Auch hier hat der Kommentar von 21 anderen Lesern eine Empfehlung bekommen. Die kritischen Leser haben in den Kommentarspalten der ZEIT oftmals einen Punkt. Nicht aber bei der Redaktion: Mit gesundem Menschenverstand und eigenen Erfahrungen begründete Zweifel an einem solchen Artikel sind, was sonst, nichts als ‚Unterstellungen‘! Dahinter steckt Logik- und Fakten-resistenter Hochmut von Redaktion und Moderation der ZEIT.

Comedy in den Leserkommentaren

Offensichtlich selbst gerade erst existenziellen Nöten entkommene Bewunderer geben Miss Sophie die Ehre und attestieren ihren eigenen Vorurteilen, dass sie „extrem wertvoll“ seien:

AntwortSphex

 

Die Übereinstimmung ihrer Herzen überwältigt die Leser. Die brünstigen Ergüsse nehmen kein Ende und das furchtlose Fräulein Roznblatt nimmt alle persönlich entgegen:

AntwortBieneMaja

Der Kreis der Aufklärungsbedürftigen schwillt im extatischen Spiel zwischen dem Fräulein und ihren Bewunderern an:

AntwortEintracht

Alle, alle müssen über das (endlich!) aufgeklärt werden, was die Erleuchteten schon wissen. Schließlich läuft die intellektuelle Selbstbefriedigung in den Kommentarspalten so auf einen unbestreitbaren Höhepunkt zu:

AntwortUSA

Es musste so kommen: wir sind (endlich!) bei den Amis und Donald Trump angekommen, die mindestens so dringend über ihren Penis aufgeklärt werden müssen wie die bedauernswerten Flüchtlinge

Gut genug für eine englische Fassung

Eine Woche später ist die Antwort der Redaktion publiziert. Es sagt viel über ihre  Ansprüche und Prioritäten aus, dass sie angesichts der Kritik nicht den Fakten und der Autorin auf den Zahn gefühlt, sondern lieber in eine englische Übersetzung des Textes investiert hat:

Header_englisch

Witzig an der englischen Fassung ist die Abwesenheit englischer Kommentare. Ein einziger ist darunter, der nicht auch den deutschen Text gelesen haben dürfte. Ein Kommentar von Donald Trump wird nie registriert. Dabei hätte auch er es dringend nötig, die bedrückende Enge in seinem Hosenstall durchlüften zu lassen. Würde das gelingen, wäre die Welt zweifellos gerettet.
Gefühlte und tatsächliche globale Relevanz und Kompetenz der ZEIT scheinen ganz erheblich auseinanderzuklaffen.
Ein weiterer deutscher Kommentator weist auf die fehlenden Infos zur Autorin hin und bemängelt völlig zu Recht, dass der Artikel auch noch auf Englisch erschienen ist:

EV_AntwortOffergeld

Das Moderationsteam kontert knallhart: alle bemängelten Infos seien im deutschsprachigen Artikel vorhanden. Blöd nur, dass sich später genau das als die Achillesferse der ganzen Affäre herausstellt: die Redaktion wusste letztlich nichts über die Autorin.
Und ‚I love the Treaty of Rome‘ ist erneut zur Stelle und springt ihrem Co-Kritiker Offergeld bei:

EV_KritikWiederholung

Zielsicher, sachlich und in angemessenem Ton weist sie auf genau die entscheidenden Lücken hin, die die Redaktion inzwischen in ihrem zerknirschten Glashaus-Beitrag zugeben musste. Und es stimmt auch, dass es mehrere gab, die korrekt geahnt haben, was dieser Artikel wirklich ist:

AntwortSendepause3

Fazit

Der selbsterklärte Qualitätsjournalismus schafft es immer weniger, Qualität wirklich zu liefern. Die Ursachen sind vielfältig:
Zeitgeistorientierung, die von einem Teil der Leser auch frenetisch gewünscht und gefeiert wird,  Mangel an Lebenserfahrung und gesundem Menschenverstand, phrasenorientierter Hochmut gegenüber Kritikern in und außerhalb der Kommentarspalten, Verlust des minimalen Handwerkszeugs: Überprüfen der Authentizität von Personen und Fakten vor der Veröffentlichung.

Dieser Artikel ist so sehr Fake News, Hetze und Rassismus, wie es Politiker oft beklagen. Das aber nennt in diesem Fall niemand so beim Namen, auch die Redaktion nicht. Warum nicht?

Ich halte es deshalb für angemessen, die Autorin namentlich an einen öffentlichen Pranger zu stellen. Wer die Details zur Person und zum Betrug ermittelt und veröffentlicht, leistet der Öffentlichkeit einen wichtigen Dienst. Möglicherweise ergeben sich daraus auch noch mehr Indizien, wie schlecht eine sich zerknirscht nur gebende ZEIT-Redaktion tatsächlich arbeitet.

Nachtrag 3.6.2019
So schnell kann es gehen! Es ist wohl bereits geklärt, wer sich hinter dem vielsagenden Pseudonym ‚Sophie Roznblatt‘ verbirgt: es soll sich um Marie Sophie Hingst handeln:
„Sie moderierte Podiumsdiskussionen für den Förderkreis des Berliner Holocaust Denkmals, engagierte sich bei der Jewish Society ihrer Universiät und meldete die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern bei der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Nun ist öffentlich geworden, dass die erfolgreiche Bloggerin und promovierte Historikerin Marie Sophie Hingst ihre jüdische Familiengeschichte erfunden hat. Laut einem Bericht das Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hatte Hingst in Wirklichkeit keinerlei jüdische Verwandtschaft. Ihr Großvater war auch nicht – wie von ihr angegeben – ein Auschwitz-Häftling, sondern ein evangelischer Pfarrer…
Wie jetzt herauskam, veröffentliche Hingst auch auf „Zeit Online“ unter dem Pseudonym Sophie Roznblatt einen Gastbeitrag

Nachtrag 27.7.2019
Marie-Sophie Hingst soll am 17.7. gestorben sein. Dieser Artikel riecht nach Selbstmord, aber explizit steht es, glaube ich, nicht drin.
Das ist natürlich tragisch, aber letztlich nicht die Verantwortung derjenigen, die Hingsts Fake-Geschichten aufgedeckt haben, sondern derjenigen, die sie veröffentlicht und lange Zeit die berechtigte Kritik an ihrer Unglaubwürdigkeit ignoriert haben.

 

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ZEIT parodiert Postillon

Die Zeit hat mal wieder einen interessanten Artikel veröffentlicht:
Zeitartikel

Es handelt sich dem äußeren Anschein nach um eine Nachricht auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung/Umfrage.
Das Frappierende an dieser „Nachricht“ ist nun, dass sie vor ziemlich genau 3 Monaten so ähnlich schon in der Online-Satire-Zeitung „Der Postillon“ zu lesen war:
Postillonartikel.jpg

Achten Sie auf die Krawatten: selbst die Bebilderung des ZEIT-Artikels wirkt wie dem satirischen Artikel abgeschaut. Es handelt sich offensichtlich in beiden Fällen um Fotos von der großen Übergabe-Show Gabriel->Schulz. Nun also der gedachte Salto rückwärts.

Fragen an die ZEIT und die Medien

Wie sollen wir künftig Nachrichten von Satire unterscheiden? Was sind Nachrichten noch wert, wenn wir sie 3 Monate im Voraus als Satire lesen können? Welche Rolle spielen Umfragen, wenn ein Satirebeitrag das Ergebnis um Monate im Voraus formulieren kann? Wurde der inhaltsleere Schulz-Effekt erfunden und verstärkt, damit Schulz leichter und mit dem richtigen Timing wieder heruntergeschrieben werden kann? Wer soll für solche „Information“ und „Analyse“ noch zahlen? Wer wundert sich angesichts dieser Umstände noch, wenn Leute von „Lügenpresse“ sprechen?

Fragen an die SPD

Wie konnte die SPD hoffen, mit einer inhaltslosen Schulz-Show diesen Wahlkampf erfolgreich zu bestehen? Was ist der Daseinszweck einer Partei, wenn es die politischen Inhalte nicht sind? Warum hat die Parteibasis die Leere des Schulz-Kultes nicht erkannt und mehr gefordert? Warum hat die Parteiführung all die Schwächen und Lücken nicht erkannt, die sich Satirikern und Kritikern förmlich aufgedrängt haben und die auch die Strategen der Gegenseite gründlich ausgeschlachtet haben?

Das Wissen ist da

Alle diese Fragen werden unter dem ZEIT-Artikel in Leserkommentaren intelligent angesprochen. Und die Nachdenkseiten haben gerade heute dieselben Fragen im Zusammenhang mit den Kommentaren zu Schulz in der Süddeutschen Zeitung erörtert. Die Haltlosigkeit des Schulz-Hypes wurde dort seit Monaten thematisiert. Auch der SPD-Dissident Guido Reil hat bereits in einem Interview im Februar seine Verwunderung über den Schulz-Effekt geäußert.

Fazit: Die Menschen, die das nötige Verständnis haben und auch äußern, sind nicht (mehr) in der SPD. Nur so ist zu erklären, dass sich diese Partei von den Medien wie ein Tanzbär vor und aufs Glatteis führen lässt.

Der Seitenhieb auf Seehofer im selben Beitrag der ZEIT ist ein eigenes Thema und in Hamburger Wochenzeitungen erwartbar.

Nachtrag 10.8.2017:
Übermedien hat sich gestern eines anderen Beitrags der ZEIT angenommen, in dem Schulz (zu Unrecht) in ein schlechtes Licht gerückt wurde. Zusammen ergibt es ein Bild.

Vor 4 Jahren hat die ZEIT einen Artikel über den Postillon veröffentlicht: Geld verdienen mit Galgenhumor. Zwei Dinge sind daran zu erkennen: Erstens ist der Postillon weit über Galgenhumor hinausgewachsen, denn er enteilt heute in der Analyse gelegentlich den „seriösen“ Medien um Monate. Zweitens ist die ZEIT trotz aller Kritik eine Zeitung, die etwas zu bieten hat, heterogen mit Tiefen, aber auch mit Höhen. Keine Zeitung lese und verlinke ich häufiger.

Warum die ZEIT löscht

In einem Artikel zum Barmbeker Messerangriff titelte die ZEIT:Titel
Wer sich die ersten der vielen Kommentare dazu ansieht, stellt fest, dass Stand heute, 31.7.2017, die ersten Kommentare zu diesem Artikel gelöscht sind, insbesondere die Nr. 1 von „Baum2k“, die Nr. 3 von „kevin“ und die Nr. 3.1 von „Jagd auf Dritter Oktober“.

Weder Hasskommentare noch Fake News

Der Leser fragt sich, warum diese Kommentare gelöscht wurden. In diesem Fall lässt sich das nachprüfen, weil der Artikel eine Stunde nach Erscheinen inklusive der ersten Kommentare in einem Archiv gesichert wurde.

Der Kommentar Nr. 1 beispielsweise lautete:
Kommentar1
Weder „Hate Speech“ noch „Fake News“ sind hier erkennbar.

Der Löschkommentar dazu: „Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und verfassen differenzierte Kommentare. Die Redaktion/cj“

Mit „Unterstellung“ ist hier wohl das Fragment „Durchhalte-Parolen…nichts als Durchhalte-Parolen“ gemeint. Urteilen Sie selbst, ob es sich nicht lediglich um eine unerwünschte Meinung handelt, die hier als nicht ausreichend „differenziert“ bezeichnet wird. Dabei ist das Zitat aus einer Artikel-Überschrift sogar mit der Quelle belegt.

Der Kommentare 3 und 3.1 lauteten:Kommentar3

Der Löschkommentar zu 3 lautet:
Entfernt. Bitte belegen Sie Tatsachenbehauptungen durch Quellen. Die Redsktion/cj“
und der zu 3.1 ebenfalls:
Entfernt. Bitte belegen Sie Tatsachenhehauptungen durch seriöse Quellen. Die Redaktion/cj

Ganz abgesehen von den Schreibfehlern in den Löschkommentaren enthält Kommentar 3 gar keine Tatsachenbehauptung, sondern erstens eine Binsenweisheit zum Wunsch aus der Artikelüberschrift „Barmbek bleibt Barmbek“ und zweitens eine subjektive Wir-Aussage: „…erkennen wir, wie brutal sich unser Land in den letzten 2 Jahren verändert hat“.

Interessant daran ist nun, dass die Löschung der Kommentare 1 und 3 erst nach 2 Tagen erfolgt ist (heute, am 31.7.2017, waren sie morgens noch beide sichtbar), während der Kommentar 2 bereits nach einer Stunde gelöscht worden war und zwar von einer anderen Person mit dem Kürzel „sq“ (statt „cj“).

Es ist also sehr naheliegend, dass nicht der anstößige Inhalt dieser Kommentare zur Löschung nach 2 Tagen geführt hat, sondern die große Zustimmung durch 325 bzw. 257 Likes. Auch in den nachgeordneten Kommentaren zu Nr. 1 finden sich noch jetzt viele zustimmende Kommentare mit vielen Likes. Es lohnt sich, den deutlichen und mehrheitlichen, aber in den allermeisten Fällen sehr zivilisierten Widerspruch nachzulesen. Hass gibt es hier nicht, dafür aber sehr viel unangenehmen Spott und Hohn.

Der eigentliche Löschgrund war offensichtlich, dass die hohe Zustimmung zu den ersten stark ablehnenden Kommentaren die Botschaft des Artikels und damit die Deutungshoheit der ZEIT-Redaktion in Frage gestellt hat. Die Redaktion der ZEIT hat anscheinend lediglich 2 Tage gebraucht, um das zu erkennen. Die angegebenen Begründungen haben mit diesem eigentlichen Grund sehr wenig zu tun.

Natürlich ist die ZEIT als Betreiber der Kommentarspalten frei bei der Entscheidung darüber, was sie löscht (ebenso frei wie ich bei der Dokumentation und Analyse solcher Löschvorgänge).
Dieses Beispiel legt aber nahe, dass es auch bei echten, weil staatlicherseits u.a. im „Netzdurchsetzungsgesetz“ geforderten Zensurmaßnahmen weniger um „Hate Speech“ und „Fake News“ geht als um die kaum verhüllte Durchsetzung regierungsseitig  erwünschter Deutungen von Ereignissen, also letztlich um Propaganda.

Die Satire zur Zeit

Niemand bringt die schöner als Bernd Zeller:
SatireBerndZeller

Nachtrag 2.8.2017:
Es gab eine Vorgeschichte an auffälligen Löschaktionen bei der ZEIT gegen Leserkommentare im Mordfall Maria L. Damals war es dem Autor aber nicht möglich, die gelöschten Kommentare zu rekonstruieren.

Nachtrag 4.8.2017:
Eine weitere interessante Löschaktion der ZEIT findet sich hier. Der erste Kommentar #1 hat bereits 364 Likes angezogen, aber Folgekommentare sind in Massen gelöscht mit dem Hinweis, dass #1 auch gelöscht sei. Ist er aber nicht (mehr). Die Redaktion scheint mit den Kommentaren und der Sinnhaftigkeit von Löschungen zunehmend überfordert zu sein. Es würde mich nicht wundern, wenn sie in Kürze den Kommentarbereich sperren würden. Es herrscht wohl Panik auf der Titanic.

Nachtrag 15.9.2017:
Auch dieser Fall passt ganz hervorragend ins Bild: Eine Frage an „Die Zeit“. Man löscht nicht wegen „Hatespeech“ oder „Fake News“, sondern um sich und die eigene Agenda zu schützen.