Orwells Leben und Sterben

Diesen Originaltext kann man auf Tw***er nicht mehr verlinken, weil er „möglicherweise schädlich“ ist:
Deshalb habe ich den Text von Martin Sieff über George Orwells Leben und Sterben hier übernommen und übersetzt:

Wie das britische Empire George Orwell geschaffen und getötet hat

Die British Broadcasting Corporation (BBC), bereitwillig verstärkt vom Public Broadcasting System (PBS) in den USA, das seine Weltnachrichten übernimmt, haut weiter seinen üblichen Dreck raus (Anm. des Übersetzers: das dt. Wort ‚dreck‘ auch im Original) über das angebliche wirtschaftliche Chaos in Russland und den ausgedachten elenden Zustand des russischen Volkes.

Es sind natürlich alles Lügen. Patrick Armstrongs verlässliche regelmäßige Updates einschließlich seiner Berichte auf dieser Website sind ein notwendiges Korrektiv zu so kruder Propaganda.

Aber inmitten ihrer zahllosen Fiaskos und Fehlschläge auf jedem anderen Gebiet (einschließlich der höchsten COVID-19-Todesrate in Europa gemessen an der Bevölkerung und einem der höchsten in der Welt) bleiben die Briten Weltmarktführer beim Management von globalen Fake News. Solange der Ton zurückhaltend und würdevoll bleibt, wird wirklich jede Verleumdung von den Gutgläubigen geschluckt und jeder schmutzige Skandal und jede Schandtat kann vertrauensvoll vertuscht werden.

Nichts davon hätte den späten großartigen George Orwell überrascht. Es ist heutzutage in Mode, ihn endlos vor sich her zu tragen als Zombie-Kritiker (tot, aber angeblich am Leben – so dass er es nicht selbst zurechtrücken kann) Russlands und all der anderen globalen Nachrichtenquellen außerhalb der Kontrolle der New Yorker und Londoner Plutokratien. Und es ist gewiss wahr, dass Orwell, dessen Hass und Angst vor dem Kommunismus sehr echt war, vor seinem Tod als Informant dem MI5 diente, dem britischen Inlandsgeheimdienst.

Aber es war nicht die Sowjetunion, Stalins Schauprozesse oder seine Erfahrungen mit der trotzkistischen POUM-Gruppe in Barcelona und Katalonien während des spanischen Bürgerkrieges, die „aus Orwell Orwell machten“, wie es das in Anglo-Amerika gängige Weisheitsnarrativ will.
Es war sein tiefsitzender Abscheu gegen das britische Empire, im 2. Weltkrieg ergänzt um seine Arbeit für die BBC, die er zuletzt angewidert aufgab.

Und es waren seine BBC-Erfahrungen, die Orwell die Vorlage lieferten für sein unvergessliches Ministerium für Wahrheit in seinem großen Klassiker „1984“.

George Orwell hatte in einem der großartigsten Weltzentren für Fake News gearbeitet. Und er wusste es.

Noch schwerwiegender: Das große Geheimnis von George Orwells Leben hat sich 70 Jahre lang, seit er starb, für alle sichtbar versteckt. Orwell wurde zum sadistischen Folterer in den Diensten des britischen Empires während seiner Jahre in Burma, dem heutigen Myanmar. Und als ein grundsätzlich anständiger Mann war er so angewidert von dem, was er getan hatte, dass er den Rest seines Lebens damit verbrachte, nicht nur Buße zu tun, sondern langsam und absichtlich Selbstmord zu begehen vor seinem tragisch vorzeitigen Tod noch in seinen Vierzigern.

Der erste wichtige Durchbruch in dieser fundamentalen Neubestimmung Orwells stammt aus einem der besten Bücher über ihn. „Finding George Orwell in Burma“ wurde geschrieben und 2005 veröffentlicht von „Emma Larkin“, das Pseudonym einer herausragenden amerikanischen Journalistin in Asien, hinter der ich seit langer Zeit eine alte Freundin und tief respektierte Kollegin vermute, deren andauernde Anonymität ich respektiere.

„Larkin“ machte sich die Mühe, während seiner unterdrückerischen Militärdiktatur weit in Burma herumzureisen, und ihre glänzende Forschung offenbart grundlegende Wahrheiten über Orwell. Nach seinen eigenen Schriftzeugnissen und seinem zutiefst autobiografischen Roman „Burmese Days“ (Dt.: „Tage in Burma“) verabscheute Orwell seine ganze Zeit als Kolonialpolizist in Burma, dem heutigen Myanmar.

Der Eindruck, den er in diesem Roman und dem klassischen Essay „Einen Elefanten erschießen“ systematisch erweckt, ist der eines bitter einsamen, entfremdeten und tief unglücklichen Mannes, verachtet und sogar verabscheut von seinen britischen Mit-Kolonialisten überall in der Gesellschaft, und eines lächerlichen Versagers in seinem Job.

George Orwell in der Polizeischule in Burma 1922

Das war jedoch nicht die Realität, die „Larkin“ entdeckte. Alle überlebenden Zeugen waren sich einig, dass Orwell – Eric Blair, der er damals noch war – in hohem Ansehen blieb während seiner Jahre im kolonialen Polizeidienst. Er war ein hoher und effizienter Polizist. In der Tat war es genau sein Wissen über Verbrechen, Laster, Mord und generell die Schattenseite der menschlichen Gesellschaft während seines Dienstes in der Kolonialpolizei noch in seinen Zwanzigern, die ihm die Intelligenz der Straße, Erfahrung und moralische Autorität gaben, durch all die zahllosen Lügen von rechts und links, von amerikanischen Kapitalisten und britischen Imperialisten als auch europäischen Totalitären für den Rest seines Lebens hindurchzublicken.

Die zweite Offenbarung, die Licht wirft auf das, was Orwell in jenen Jahren zu tun hatte, kommt von einer der berühmtesten und entsetzlichsten Szenen in „1984“. In der Tat, beinahe nichts sogar in den Erinnerungen von Überlebenden der Nazi-Todeslager hat etwas Vergleichbares: Das ist die Szene, wo „O’Brian“, der Geheimpolizist, den „Helden“ (wenn man ihn so nennen kann) Winston Smith foltert, indem er sein Gesicht an einen Käfig fesselt, in dem eine verhungernde Ratte bereit ist, herauszuspringen und ihn zu verschlingen, wenn er geöffnet wird.

Ich erinnere mich, dass ich mir, als ich erstmals der Kraft von „1984“ an meiner vorzüglichen nordirischen Schule ausgesetzt war, dachte: „Was für eine Sorte von Geist könnte etwas so Entsetzliches erfinden?“. Die Antwort war so offensichtlich, dass sie an mir wie an fast jedem anderen komplett vorüberging.

Orwell hat die Idee nicht „erfunden“ oder „sich ausgedacht“ als Vorrichtung in einer fiktionalen Geschichte: Es war nur eine Routine-Verhörtechnik, die von der britischen Kolonialpolizei in Burma, dem heutigen Myanmar, verwendet wurde. Orwell hat eine so teuflische Foltertechnik niemals „brillant“ erfunden als ein literarisches Konstrukt. Er brauchte es sich nicht auszudenken. Sie wurde routinemäßig von ihm und seinen Kollegen verwendet. Das war es, wie und warum das britische Empire so gut für so lange funktionierte. Sie wussten, was sie taten. Und was sie taten, war überhaupt nicht nett.

Ein letzter Schritt in meiner Erleuchtung über Orwell, dessen Schriften ich mein ganzes Leben verehrt habe – und ich tue es immer noch – wurde von unserer beunruhigend brillanten ältesten Tochter vor etwa einem Jahrzehnt geliefert, als auch sie „1984“ zu lesen bekam als Teil ihres Schul-Curriculums. Als ich es eines Tages mit ihr diskutierte, machte ich beiläufig eine offensichtliche Bemerkung, dass Orwell im Roman „Winston Smith“ war.

Mein in den USA groß gewordener Teenager korrigierte mich dann natürlich: „Nein, Papa, sagte sie, „Orwell ist nicht Winston, oder er ist nicht nur Winston. Er ist auch O’Brian. O’Brian mag tatsächlich Winston. Er will ihn nicht foltern. Er bewundert ihn sogar. Aber er tut es, weil es seine Pflicht ist.“

Sie hatte natürlich recht.

Aber wie konnte Orwell, der große Feind der Tyrannei, Lügen und Folter sich so gut mit dem Folterer identifizieren und ihn so gut verstehen? Deshalb, weil er selbst einer gewesen war.

„Emma Larkins“ großartiges Buch bringt ans Licht, dass Orwell als hoher Kolonialpolizist in den 1920er Jahren eine führende Figur eines skrupellosen Krieges war, den die Behörden des britischen Empires gegen kriminelle Drogen- und Menschenhandelskartelle führten, die kein bisschen weniger böse und rücksichtslos waren als die in der Ukraine, Kolumbien und Mexiko heute. Es war ein „Krieg gegen den Terror“, in dem alles und jedes erlaubt war, um „den Job zu erledigen“.

Der junge Eric Blair war so angewidert von der Erfahrung, dass er, als er heimkehrte, den respektablen Lebensstil der Mittelklasse aufgab, den er immer genossen hatte, und nicht nur ein idealistischer Sozialist wurde, was viele in jenen Tagen taten, sondern ein mittelloser hungernder Tramp. Er gab sogar seinen Namen auf und seine Identität. Er erlitt einen radikalen Zusammenbruch der Persönlichkeit: Er tötete Eric Blair. Er wurde George Orwell.

Orwells frühes berühmtes Buch „Down and Out in London and Paris“ ist ein Zeugnis, in welchem Ausmaß er sich buchstäblich folterte und demütigte in jenen ersten Jahren, als er von Burma zurückgekommen war. Und für den Rest seines Lebens.

Er aß erbärmlich schlecht, war dünn und von der Tuberkulose und anderen gesundheitlichen Problemen gezeichnet, rauchte stark und verweigerte sich jede anständige medizinische Hilfe. Seine Erscheinung war beinahe gräßlich. Sein Freund, der Schriftsteller Malcolm Muggeridge spekulierte, dass sich Orwell als Karikatur eines Tramps neu erfinden wollte.

Die Wahrheit war ganz klar, dass Orwell sich niemals vergab, was er als junger Agent des Empires in Burma tat. Sogar seine buchstäblich selbstmörderische Entscheidung, in die primitivste, kälteste, nasseste und verarmteste Ecke der Schöpfung auf einer entlegenen Insel vor der Küste Schottlands zu gehen, um „1984“ in Isolation fertigzuschreiben, bevor er starb, war konsistent mit den gnadenlosen Bestrafungen, die er sich selbst sein ganzes Leben angetan hatte, seit er Burma verlassen hatte.

Die Folgerung ist klar: Bei all der Intensität von George Orwells Erfahrungen in Spanien entsprangen seine Leidenschaft für Wahrheit und Integrität und sein Hass gegen Machtmissbrauch nicht den Erfahrungen des spanischen Bürgerkriegs. Sie flossen direkt aus seinen eigenen Handlungen als Agent des britischen Empires in Burma in den 1920er Jahren: Genauso wie seine Erschaffung des Ministeriums für Wahrheit direkt aus seinen Erfahrungen bei der Arbeit im Bauch der Bestie BBC in den frühen 1940er Jahren entsprang.

George Orwell verbrachte mehr als 20 Jahre damit, langsam Selbstmord zu begehen wegen der furchtbaren Verbrechen, die er als Folterer für das britische Empire in Burma beging. Wir können deshalb keinen Zweifel haben, wie sein Horror und Abscheu wäre gegen das, was die CIA unter Präsident George W. Bush tat in ihrem „Globalen Krieg gegen den Terror“. Auch würde George Orwell sofort und ohne Zögern die echten Fake News beim Namen nennen, die heute aus New York, Atlanta, Washington und London kommen, genauso wie er es in den 1930er und 1940er Jahren tat.

Lasst uns uns deshalb auf den echten George Orwell zurückbesinnen und ihn unterstützen: das Anliegen des Kampfes zur Verhinderung eines 3. Weltkrieges hängt davon ab.

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Autor Martin Sieff ist ein oppositioneller amerikanischer Publizist über außenpolitische Themen:

Bücher von Martin Sieff

Meine Anmerkungen:

– Die erwähnten Bücher von George Orwell habe ich alle schon in meiner Jugend mit großem Gewinn gelesen, besonders auch das weniger bekannte „Erledigt in London und Paris“. Etwa die Episode über die Behandlung eines „guten“ Steaks in einem vornehmen Restaurant kann ich nur empfehlen: das gehört sicher auch zu dem, was Sieff bewundernd die „Intelligenz der Straße“ bei George Orwell nennt.

– Die Neubewertung von Orwells Erfahrungen in Burma durch „Emma Larkin“ ist hochinteressant und wirkt auf den ersten Blick schlüssig.
Ihre beiden oben abgebildeten Bücher sind bestellt, ebenso das (hochaktuelle) Buch „Shifting Superpowers“ von Martin Sieff.

– Mehr von beidem (vielleicht) später hier in Nachträgen oder in einem eigenen Blogbeitrag

– Das Foto von Orwell von Anfang der 1920er Jahre hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem anderen Zeitgenossen, der damals seine Karriere gestartet hat:

Und hier in der Bildmitte auf dem Bild mit britischen Kolonialisten in Burma ist auch nicht Wilhelm II abgebildet:

Nachtrag 8.2.2021
Das Buch ‚Finding George Orwell in Burma‘ habe ich jetzt zuende gelesen. Es ist ganz interessant, wirft aber mein Orwell-Bild nicht komplett über den Haufen. Dass Orwell als Polizist Kinder mit dem Stock geschlagen hat, die ihn verspotteten, wusste ich allerdings nicht. Dafür zitiert Emma Larkin einen Zeitzeugen, der sich über Orwells späteren Lebensweg deshalb gewundert hatte.
Die Passagen über die Zustände im Myanmar im Jahr 2003 waren mir in diesem Ausmaß nicht bewusst und haben gerade aktuell nach dem erneuten Militärputsch neue Aktualität gewonnen. Natürlich gehen die Meinungen über die Hintergründe auseinander.
Jetzt begonnen, nochmals ‚Burmese Days‘ von George Orwell selbst zu lesen.

Nachtrag 13.07.2021
Sehr interessanter Artikel mit direktem Orwell-Bezug:
Die Globalismus-Erfinder (engl. Original)
„In vielerlei Hinsicht ist die Welt, in der wir heute leben, die Welt, die Orwell voraussah“
In gewisser Weise ist das auch eine „Verschwörungstheorie“ von Amerikanern, die sich immer noch (oder wieder) in den Klauen des Empires wähnen.
Randbemerkung: Bill Clinton war Rhodes-Stipendiat.

Nachtrag 22.07.2021
‚Burmese Days‘ von George Orwell in den letzten Wochen zuende gelesen. Es ist ein sehr düsteres Buch. Das Schicksal des John Flory ist eine trostlose Geschichte.
Die Inhaltsangabe in der deutschen Wikipedia ist sehr akkurat.
Für eine Einordnung und Bewertung sollte man sich aber an die englische Wikipedia halten:
„Der Roman beschreibt einheimische Korruption und imperiale Bigotterie“
So kann man es zusammenfassen.