So bieder sind Reichsbürger

Ich habe noch nie einen Reichsbürger gesehen und verstehe auch überhaupt nicht, was der Punkt an deren politischen Botschaft sein soll. Aber gut, man muss schließlich nicht alles verstehen, was im Fernsehen wichtig genommen wird.

Reichsbürger in der Video-Falle

Nach der Querdenken-Demonstration vorletzte Woche in Köln wurden aber offensichtlich zwei solche Reichsbürger dabei beobachtet und gefilmt, wie sie noch schnell eine originalverpackte Reichsflagge („Schwarz-Weiß-Rot“) aus dem Auto holten, um sie zu schwenken und damit vermutlich „umstrittene“ Bilder von der Demonstration zu produzieren.
Hier das Video:

„Reichsbürger“ packen am Ende der Demo schnell noch eine Reichsflagge aus und werden angesprochen

Der Reichsbürger an sich ist
ein Biedermann

Dieses Foto zeigt die ganze biedere Harmlosigkeit des flaggenführenden Reichsbürgers:

Reichsbürger bereitet die Reichs(kriegs?)flagge für den Sturm auf den Kölner Dom vor

Im nächsten Bild hat sich der Reichsbürger in seiner ganzen Harmlosigkeit aufgerichtet und schwingt seine Kriegsflagge wie ein kleiner Junge die Laterne beim Martinsumzug:

Im gelben Rucksack eine Brotzeit: EPA oder Backmandl?

Sein (Lands-)Knecht wirkt zwar entschlossen und relativ verschlagen, mutmaßlich aber vor allem mit dem Ziel, dass sein Bauch immer gut gefüllt bleiben möge in den Diensten seines Herrn.

Studienrat und Hausmeister? Redakteur und freier Mitarbeiter?
Beides möglich, aber schwer zu sagen!

Die Reaktion der Zeugen

Bemerkenswert finde ich die Demonstranten, die den Reichsbürger ehrlich empört ansprechen, was er denn da treibe:
Mann: „Vorher nicht auf der Demonstration und jetzt holen sie die schwarz-weiß-rote Fahne hier raus, damit man die passenden Bilder erzeugen kann
Frau: „Echt
Mann: „Ja. Guck mal, die hat ja noch die Original-Falten
Frau: „Ist doch Scheiße von Euch!“

Sicher beobachtet, aber sehr zivilisiert formuliert.
Man könnte solche Schweinepriester auch mal….

Identitäre Frage: Wer war das?

Sehr schnell recherchierten viele Hobby-Detektive, um wen es sich bei diesen beiden Reichsbürgern wohl handeln könnte. U.a. der Journalist Boris Reitschuster veröffentlichte Indizien, dass es sich um zwei WDR-Journalisten handeln könnte, u.a. mit diesem Foto-Abgleich aus WDR-Archiven:

Eine gewisse Ähnlichkeit mit WDR-Journalisten fiel auf

Die Übereinstimmung bei Herber fand ich besser als bei Wollentarski:

Aber ein Brillenvergleich wurde mir entgegengehalten:

Und aus diesem Dreh mit einem offensichtlichen WDR-Journalisten:

die auffällige Übereinstimmung eines Mals links unter der Backe:

Hoppla. Ein 100%-Beweis ist das nicht, aber eine verblüffende Übereinstimmung bei 2 Personen, 2 Reichsbürgern und 2 WDR-Journalisten schon: Ein Anfangsverdacht, der nicht von der Hand zu weisen ist.

Dünne Dementis

Der WDR dementierte:

Zuvor hatte der WDR auf Twitter dementiert:

und angeblich auch ein merkwürdig widersprüchliches Dementi einem Interessierten gegeben:

Dabei wurde Herber zu dem Zeitpunkt noch mit Bild auf einer WDR-Seite angezeigt:

Nicht zuletzt ruderte auch Boris Reitschuster spektakulär zurück. Ein ‚Wladimir‘, ein ‚russlanddeutscher Patriot‘, habe sich bei ihm gemeldet und mitgeteilt, dass er der Reichsbürger auf dem Video gewesen sei. Dazu veröffentlichte Reitschuster zwei Fotos von ‚Wladimir‘. Das hier soll der Gegenbeweis sein:

Dieses Foto hat jetzt allerdings eher weniger Beweiskraft als die oben gezeigten. Es ist relativ offensichtlich, dass der Schriftzug „Friedensvertrag“ im Originalfoto nicht enthalten war, sondern dort hinein ‚gephotoshopped‘ worden ist. Man sieht es an der Wirkung der Schrift(größe) und auch an der falschen Perspektive des Schilds. Möglicherweise ist die ganze Figur ‚Wladimir‘ im Vordergrund rechts vor das Distanzfoto montiert worden.

Und noch etwas stört ganz erheblich:
Der oben beschriebene Aufzug des Reichsbürgers in der jägergrünen wattierten Jacke passt zwar zu einem nordwestdeutschen Intellektuellen (Studienrat oder Redakteur oder…), aber nicht zu einem russlanddeutschen ‚Patrioten‘.

Insgesamt wirkt Reitschusters Dementi wie eine eilig zusammengeschusterte ‚Legende‘: weniger plausibel als der ursprüngliche Verdacht. Vor allem aber liefert er gar keine Identität, denn ‚Wladimir‘ ist keine.

Fazit

Sagen wir so:
Der WDR-Verdacht ist zwar dementiert, aber nicht ernsthaft ausgeräumt.
Und auffällig ist auch, dass von einer medialen Verfolgung des Reichsbürger-Nazis ‚Wladimir‘ in den sonst so eifrig Reichsbürger jagenden Medien, gerade auch beim WDR, gar nichts zu hören war. Warum nicht? Lässt man die Sache auf sich beruhen, weil man selbst so günstig aus einer misslichen Lage befreit worden ist? Von Reitschuster.
Unabhängig von der Identitätsfrage bleibt aber ein Eindruck, dass diese gefährlichen Reichsbürger eher harmlos wirken, sobald sie live und aus der Nähe aufgenommen werden. Wie kann das sein?

Fake News über Falschnachrichten

Die Tagesschau verbreitet hochoffiziell im ARD-Verbund „recherchierte“ Falschnachrichten:

Mit Hilfe des Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks hat die ARD angeblich ein besonders prominentes Beispiel für Falschnachrichten identifiziert:

Mit Rot habe ich die Vorwürfe an Bhakdi markiert, mit Grün Tatsachenbehauptungen, mit Gelb Meinungen. Der Faktenfuchs und die Tagesschau haben in dem beanstandeten Video tatsächlich keine Falschnachrichten gefunden, nur eine falsche Meinung von Bhakdi.
Er war und ist nämlich der Meinung, dass die Gefährlichkeit des Virus überschätzt wurde, weil die Daten lückenhaft seien. Diese zentrale Tatsachenbehauptung von ihm über Datenlücken wird pikanterweise im Tagesschau-Artikel ausdrücklich bestätigt. Ob man bei so lückenhaften Daten eher weniger (Bhakdi) oder eher mehr (Bundesregierung) Vorsicht walten lassen sollte, ist also kein Streit über Falschnachrichten, sondern ein reiner Meinungsstreit. Und gerade bei Meinungen über Fakten ist es wichtig, verschiedene kompetente Meinungen anzuhören.

Prominentes Beispiel ja, aber wofür?

Sucharit Bhakdi ist tatsächlich sehr schnell prominent geworden und das von der Tagesschau bemängelte Video hat Stand heute fast 2.5 Mio Aufrufe erhalten.
Jeder kann sich selbst davon überzeugen, dass Bhakdi in diesem Video vom 29. März eher wenig behauptet und sehr viel fragt nach der Qualität der Daten, auf die die Bundesregierung ihre nie dagewesenen Entscheidungen aufbaut:

Von der Tagesschau fälschlich als prominentes Beispiel für Falschnachrichten bezeichnetes Video

Nachtrag 30.11.2020: Das Video und Youtube-Konto von Sucharit Bhakdi wurde (wie viele andere) gelöscht.

Diese Fragen sind sehr berechtigt und stehen im Zentrum der Kritik von vielen qualifizierten Medizinern und Wissenschaftlern, die einen Vorwurf teilen: es wurde mit zu wenig echtem Wissen eine zu große Gefährlichkeit des Virus angenommen und mit extremen Maßnahmen beantwortet, deren Wirksamkeit auch nicht gesichert war.

Sucharit Bhakdi hat als qualifizierter Seuchenmediziner im Ruhestand einen Youtube-Kanal gegründet, um seine Meinung, sein Entsetzen über die Coronapolitik der Bundesregierung in sehr moderatem Ton und an der Sache orientiert zu äußern. Er ist offensichtlich politisch nie in Erscheinung getreten. Damit ist Sucharit Bhakdi ein sehr prominentes Beispiel für Bürgersinn und den Wert von Meinungsfreiheit.

Faktencheck ist Meinungskampf

Weil Fehler bei Entscheidungen unter Druck und Informationsmangel immer möglich (und bei Einsicht auch verzeihlich) sind, ist es nicht nur absurd, sondern auch gefährlich, Fachkritik wie die von Sucharit Bhakdi mit Falschnachrichten in einen Topf zu werfen.
Auch handwerklich hat die Tagesschau hier ganz schlechte Arbeit geleistet: Hätte sie ein Video von Bhakdi nach Falschnachrichten absuchen wollen, dann hätte sie sich dieses frühere Video vornehmen müssen. Erstens enthält es wesentlich mehr Tatsachenbehauptungen und zweitens ist es offensichtlich auch mehr ins Unreine gesprochen als das spätere, das man auch als Versuch einer Verwissenschaftlichung und Konsolidierung seines Standpunkts verstehen kann. Hier darf man nach Fehlern und Falschannahmen suchen.
Ob mögliche Fehler und Falschannahmen dann auch Fake News sind, ist eine ganz andere Frage: auch Bundesregierung und Robert-Koch-Institut haben in der Corona-Pandemie bereits viele Fehler gemacht, wie Kurswechsel zB bei der Kommunikation über die Sinnhaftigkeit von Masken beweisen. Aber ihnen würde die Tagesschau deshalb niemals „Falschnachrichten“ vorwerfen, oder? An diesem Vergleich erkennt man:
Dieser Art der Faktenchecks geht es weniger um Fakten als um Parteinahme im Meinungskampf, im Zweifel immer auf der Seite von Regierung und Behörden. Sie nähren deshalb den Vorwurf, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Staats- und Regierungsfunk sei. Und das ist noch nicht der Gipfel des Hineinregierens in die Informationsfreiheit des Bürgers.

Pandemie vorbei, Bilanz kommt

Behörden wie das RKI und die Bundesregierung haben seither einen weiteren Monat verschlafen, in dem sie auf Bhakdis berechtigte Fragen hin hätten veranlassen können, dass die riesigen Datenlücken geschlossen werden, um so schnell wie möglich die drastischen Beschränkungen von wirtschaftlicher Aktivität und Grundrechten aufheben zu können.

Inzwischen kommt die Pandemie an ihr vorläufiges Ende. Die Hinweise darauf mehren sich in vielen Ländern und werden sehr bald nicht mehr kleinzureden sein, dass der Höhepunkt schon vor langer Zeit überschritten wurde:

Gleichzeitig steht eine riesige Wirtschaftskrise vor der Tür, die auch vorhergesehen war, und die jetzt wahrscheinlich einen einschneidenden Politikwechsel erzwingen oder in einem katastrophalen Crash enden wird:

Nachtrag 13.05.2020
Bernd Zeller bringt (als generelles Phänomen) exakt auf den Punkt, was die Tagesschau über dieses Video von Bhakdi an Fake News produziert hat:
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Nachtrag 14.05.2020
Dass Sucharit Bhakdi nicht fair behandelt worden ist, zeigen solche Quacksalbereien im FREITAG, halb Entschuldigung für erlittenes Unrecht, halb Weiterbeschuldigung des Opfers, weil er mit den „falschen Leuten“ gesprochen hat:

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Die Frage liegt auf der Hand, warum sich eine „linke“, „oppositionelle“ Zeitung berufen fühlt, wie eine Florence Nightingale des Journalismus, die Opfer der Kriegsmaschinerie des staatlichen Rundfunks auf dem Schlachtfeld zu verbinden.

Nachtrag 3.6.2020
Amazon soll sich geweigert haben, das e-Book von Sucharit Bhakdi ins Programm zu nehmen. Das Buch soll jetzt in 14 Tagen als Taschenbuch erscheinen:

Nachtrag 25.06.2020
Im Deutschlandfunk hat der Statistiker Antes zuletzt darüber gesprochen, dass
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die von ihm (und ebenso Sucharit Bhakdi) monierten Datenlücken bis heute, also in ganzen 3 Monaten, nicht geschlossen worden sind:
Von den Wissenslücken, die ich damals (Ende März) beklagt hatte, ist eigentlich erschreckend wenig gefüllt worden…
Da diese Tests völlig willkürlich und…unter chaotischen Bedingungen ausgewählt werden…, können wir daraus nichts ziehen

Dieses Video bringt die abstrusen Maßstäbe lustig auf den Punkt, mit dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk Wissenschaftler entweder bereitwillig zu Wort kommen lässt oder mit FakeNews rigoros ausgrenzt:

Nachtrag 1.7.2020
In seinem Buch „Corona: Fehlalarm?“ berichtet Bhakdi auch über diesen Tweet des Bundesgesundheitsministeriums zwei Tage, bevor die Einschränkungen tatsächlich verkündet wurden:

Er wurde noch nicht einmal gelöscht, ist jetzt noch online. Dazu zwei treffende Punkte von Bhakdi:

Fake News = alles, was die Bundesregierung gerade nicht hören möchte

„Haben wir nicht ein Problem, wenn unsere Regierung selbst Fake News verbreitet?“