Nach dem Beitrag über Hitlers bemerkenswerten Monolog bei Mannerheim 1942 habe ich mir dieses Buch über einen Sachverhalt besorgt, von dem ich bis dahin nur vom Hörensagen wusste:

Seine Kernthese:
Nicht nur der GröFaZ, sondern das 3. Reich, besonders die Kriegführung der Wehrmacht, seien ohne Drogeneinfluss nicht erklärbar. Hitler stand bereits ab 1936 unter dem Einfluss von Crystal Meth, das ihm sein Leibarzt Theo Morell verabreichte, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auch unter Kokain. Der Blitzkrieg im Westen sei ebenfalls das Ergebnis des massiven Einsatzes von Crystal Meth in der Wehrmacht, das die Soldaten tagelang wachgehalten habe. Nach dem Ende der Blitzsiege habe die Droge im Russlandkrieg nur noch dem fehlgeleiteten Halten und Durchhalten gedient und gemeinsam mit strategischen Fehlern letztlich den Zusammenbruch befördert und verschlimmert (also so, wie man es auch bei Individuen beobachtet).
Was mir besonders auffiel
Ich hatte Crystal Meth für neuer gehalten, aber es wurde als Methamphetamin bereits vor 1900 in Japan synthetisiert und dann in den 1930er Jahren in Deutschland mit einem neuen Verfahren hergestellt und als Pervitin verkauft und auch im Alltag konsumiert: erstaunlich genug.
Der Autor schreibt, dass der schon lange morphinsüchtige Göring und der methsüchtige Hitler sich den Plan ausgedacht hätten, den Vormarsch der Panzerverbände des Generals Guderian auf Dünkirchen zu stoppen und so den englischen Truppen das unerwartete Entkommen zu sichern. Sie hätten verhindern wollen, dass die Generalität des Heeres zu mächtig wird: nun ja. Es gibt da aber auch andere Erklärungen, die wiederum gar nicht so schlecht zur dubiosen Rolle von Mitgliedern des brit. Königshauses wie zum mysteriösen Englandflug von Hitlers Vertrautem Rudolf Hess passen.
Ein sehr interessanter Abschnitt bestätigt meine These aus dem Mannerheim-Beitrag, dass Hitler bereits im Juni 1942 wusste, dass „sein“ Krieg verloren war. Im Kapitel „Ein ehemaliger Sanitätsoffizier erzählt“ (Seite 164 meiner 1. Taschenbuch-Auflage von 2017) lese ich:
„Im Führerhauptquartier dämmerte Ende 1941 so einigen, dass ein Sieg nicht mehr zu erringen war. Generalstabschef Halder fasste die Lage so zusammen: ‚Wir sind am Ende unserer personellen und materiellen Kraft'“
Rezeption
Eine der interessantesten Bewertungen stammt vom Historiker Theodor Mommsen. Er hat nämlich im Nachwort zum Buch geschrieben:
„Jene Darstellungen sind umstürzend, weil zum ersten Mal ein Instrumentarium gefunden wurde, das die Vorgänge ab Herbst 1941 begreiflich macht…Dieses Buch ändert das Gesamtbild„
Die übrigen Rezensenten sind nicht durchgehend so positiv beeindruckt: „gefährlich ungenau„, “wie eine Fernsehshow„, „steile Thesen„
Allen Kritikern gemeinsam ist die Angst, die Drogen könnten die NS-Ideologie als Schuldfaktor in den Hintergrund drängen. So betont Sven Felix Kellerhoff in der WELT sinngemäß gleich mehrfach:
„Gleichwohl hatte das keinen Einfluss auf die Verbrechen seines Regimes: Ihre Wurzeln lagen überwiegend in einer Zeit, in der es noch kein Pervitin gab“
Die Rezensionen in FAZ und taz und manche angelsächsische Rezensenten sind da ein wenig entspannter oder unvoreingenommener.
Ergänzungen
Diese Filmaufnahme von dem olympischen Spielen 1936 soll (einen ziemlich pathologischen) Reichskanzler Hitler zeigen:
Das Video wäre ein krasses Dokument, stammt es doch aus einer Zeit, als Dr. Morell noch nicht so lange aktiv und Pervitin noch gar nicht offiziell auf dem Markt war: der zeitliche Ablauf würde da Fragen aufwerfen.
Hermann Ploppa hat kürzlich einen spannenden Podcast über Hitlers psychiatrische Vorgeschichte veröffentlicht:
Diese Vorgeschichte könnte vielleicht erklären, warum der GröFaZ so empfänglich für Drogen war.
Norman Ohlers Buch hatte in englischsprachigen Kanälen mehr und bereitwilliger Resonanz gefunden als in deutschsprachigen. Dieser hier hat noch ein paar Details zu Morells „Behandlung“ auf Lager:
Ganz wichtig:
Es gibt zahllose Dementis zur Behauptung, dass der ukrainische Präsident Zelensky ebenfalls drogensüchtig sei. Die Nummer 1 im Google-Suchergebnis ist dieser Faktencheck von Reuters.
Nachtrag 27.12.2023
Natürlich gibt es auch jede Menge deutschsprachige Faktenchecks zur Frage, ob Selenskyj Kokain nimmt oder nicht, z.B. diesen von Correctiv.
Und die Nachrichten aus Berlin sind auch interessant:











