Phantom gegen die Wissenschaft

Erinnern Sie sich noch an das „Phantom von Heilbronn“?
Eine unbekannte weibliche Person (uwP) wurde von 2007 bis 2009 fast 2 Jahre lang dringend als Mörderin der Polizistin Kiesewetter in Heilbronn gesucht. Gefunden wurde am Ende nur eine Packerin, die die Entnahmestäbchen für die Tatortarbeit über lange Zeit immer wieder mit winzigen eigenen DNA-Spuren verunreinigt hatte.
Diese Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie weit unterhalb des tatsächlichen Stands der Wissenschaft Behörden und Medien in heiklen Kriminalfällen die Öffentlichkeit informieren. Die in diesem Beitrag nachgewiesenen Details und das Ausmaß legen nahe, dass diese Fehlermittlung in Wahrheit der Verschleppung der Mordaufklärung diente. Das wirft natürlich auch ein sehr schlechtes Licht auf die Geschichte vom NSU, dem der Mord seit 2011 letztlich zugewiesen wurde.

Zunächst der zeitliche Ablauf vom Mord bis zum Eingeständnis einer Fehlspur:

Zeitablauf

25.04.2007         Tag des Mordes an Michèle Kiesewetter
18.06.2007         ‚Mysteriöse Frau‘ zu einer ‚heißen‘ DNA-Spur gesucht
27.08.2008         Bericht über Ergebnisse der Innsbrucker DNA-Forensiker
23.12.2008         Heilbronner Stimme mit Verdacht auf Falsche DNA-Spuren
11.02.2009         LKA übernimmt Phantom-Fall. Man ist weiter optimistisch.
25.03.2009         Das Phantom wird bundesweit als Fehlspur berichtet

Bücher

Folgende drei ganz verschiedenen Bücher zum Thema habe ich gelesen und mit den Inhalten von Zeitungsartikeln über das Phantom von Heilbronn abgeglichen:

DNAAnalyseStrafverfahren
[1] Ein Standardwerk für Praktiker aus einem renommierten juristischen Verlag, das eine gut verständliche Einführung in die biologischen und rechtlichen Grundlagen der DNA-Analyse bietet. Es war bereits 2003, also Jahre vor dem Heilbronner Mord von 2007 erschienen, und mindestens seine Inhalte sollten deshalb an der einen oder anderen Stelle der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen bekannt gewesen sein, nachdem diese für so viel öffentliche Aufregung sorgten.

 

FantomeDeHeilbronn
[2] Das Buch des französischen Autors Michel Ferracci-Porri, der bereits andere Bücher über Serienmörder geschrieben hatte, erschien im Juni 2009, als bereits klar war, dass es sich um eine Fehlspur handelte.
Der Titel des Buches lautet auf Deutsch:
„Die Affäre um das Phantom von Heilbronn. Eingetaucht in eine Ermittlung außer der Norm“
Der Autor begleitete die Ermittlungen bereits ab der ersten Jahreshälfte 2008 und liefert in seinem Buch viele Details über die Spurenfunde und Eindrücke über die Stimmung in der Polizei.

 

Parson
[3] Populärwissenschaftliches Buch von 2014 über die Möglichkeiten der DNA-Analyse. Diese erläutert der Experte Walther Parson von der Uni Innsbruck anhand spektakulärer Fälle, u.a. Ermordung der Zarenfamilie, Identifizierung der Leiche von Günther Messner, Ötzi…
Zu diesen Fällen gehört ebenfalls das „Phantom von Heilbronn“, und der Autor verrät dabei so einige Details, nicht nur, dass und warum er bereits in der ersten Jahreshälfte 2008 mit einer Verbesserung der Sicherheit der Geschlechtsbestimmung speziell für das Phantom beauftragt wurde.

Kurzeinführung in die DNA-Analyse

Eine gut verständliche Kurzeinführung in die Biologie der DNA-Analyse bietet Buch [1]:GrundlagenDNAAnalyse

Wichtig ist es, die Schlüsselbegriffe zu verstehen: Es gibt ausgedehnte Bereiche der DNA, die nichtkodierend sind, also nicht den Phänotyp des Individuums, seine äußere Erscheinung, bestimmen. In diesen Bereichen gibt es charakteristische Längenpolymorphismen, also Längenunterschiede, mit denen einerseits hochsensitiv ein bestimmtes Individuum identifiziert werden kann. Andererseits können (und dürfen) damit aber auch Merkmale wie das Geschlecht festgestellt werden. Das ist im Kapitel „IV Geschlechtsbestimmung“ des Buches erläutert:

GeschlechtsbestimmungAmelogenin
Hier wird besonders deutlich, dass die Geschlechtsbestimmung nichts mit dem Phänotyp, also dem tatsächlichen biologischen Geschlecht des Individuums und seinem männlichen oder weiblichen Aussehen zu tun hat. Denn gemessen werden Längenvariationen in nichtkodierenden Bereichen im System eines Zahnschmelz-Proteins. Diese Bereiche haben eine rein statistische Korrelation mit dem Geschlecht der Person, beeinflussen dieses aber nicht.
Diese Information hat eine sehr hohe Bedeutung für alles Weitere, die Verzweiflung der Ermittler, die Arbeit von Walter Parson an den Proben des Phantoms und für den unglaublichen, vernebelnden  Unsinn, den die Medien ihren Lesern über den Fall berichtet haben.

Warum das Geschlecht des Phantoms so wichtig war

Diese Frage kann einfach beantwortet werden: Die Spur war bereits seit 2001 aus Taten seit 1993 bekannt. Die Taten passten aber nur schwer zu einer Frau. Männer waren öfter dabei und, wenn Männer verhaftet wurden, dann wussten sie nichts von einer Frau. So schreibt auch Walter Parson:

GeschlechtPasstNicht

Parson verschweigt die Tatsache, dass dieses ‚Irgendwann‘ bereits vor dem Mord an Michèle Kiesewetter war. Denn schon im ersten Bericht in der Heilbronner Stimme über die Spur konnte man am 18.6.2007 lesen:

ZweifelVonAnfang

Die Problematik, die zu den Zweifeln an der Frau führte, war also bereits im Juni 2007 vorhanden und hat sich nicht in den folgenden 20 Monaten langsam aufgebaut. Die Zweifel kamen aus den Fällen selbst, nicht aus der Analyse der DNA, vor allem aus dem gelösten Fällen, in denen einfach keine Täterinnen vorkamen. Die Ermittler und folgsame Medien wollten sich damit aber einfach nicht zufrieden geben. Typisch dafür ist der Fall eines Einbruchs in Saarbrücken von 2006, bei dem ein Phantombild des einzigen Täters angefertigt werden konnte. Nach der Ansicht der Zeugen und aller Beteiligten zeigte dieses einen Mann. In einem Artikel der WELT aus dem Juni 2008 wurde dieser Fall mit neueren Spurenfunden vermischt, um eine Botschaft unters Volk zu bringen:
„Die Polizei vermutet, die Täterin werde eher als männlich wahrgenommen“.
Wenn Sie verstehen wollen, warum die WELT diesen merkwürdigen Augen-Ausschnitt des Phantombilds zeigte, habe ich die Antwort für Sie hier:

DasEchtePhantomBild

Der Bart tut der Täuschung mit der „Wahrnehmung“ nicht so gut und musste deshalb ab. Wer würde behaupten, dass hier die Täuschung etwas anderes sein kann als gezielter, ausgeklügelter Betrug?

Eine andere Variante, um den Leser über den Unsinn zu täuschen, wählte der SPIEGEL:
„Damals hatten Zeugen einen Mann am Tatort beobachtet. Das könnte den Verdacht erhärten, dass die gesuchte Täterin sich als Mann tarnt“
Dieser krampfhafte Versuch, die DNA-Spur einer Frau mit Taten in Verbindung zu bringen, bei denen die Täter offensichtlich, nach Zeugenaussagen und brutalem Tatgeschehen, eindeutig Männer waren, traf nun auf ein Problem des Amelogenintests, das Walter Parson beschreibt: die Korrelation dieses Längenpolymorphismus mit dem Geschlecht war nicht perfekt: er führte statistisch in einem von 5000 Fällen zu einer Frau, obwohl der Täter ein echter Mann war, mit Y-Chromosom und allem anderen dran. Es fehlte lediglich die längere Bande im Signal des Amelogenin.
Zur Erinnerung: das Y-Chromosom bestimmt das Geschlecht, nicht die Amelogenin-Bande im Messsignal. Diese entsteht nämlich in einem nichtkodierenden Bereich und hat nichts mit dem Phänotyp zu tun, der männlichen oder weiblichen Erscheinung der Person. Diese beiden völlig unabhängigen Erscheinungen haben die Medien (und die Behörden) den Lesern lediglich in einem Paket verkauft, um sie mit Pseudowissenschaft über das Problem zu täuschen, dass beim sogenannten Phantom von Heilbronn gar nichts zusammenpasste, aber passen musste, weil es doch die allerheißeste Spur beim Polizistenmord war und offensichtlich bleiben sollte. Es half aber alles nichts, und die DNA-Forensiker um Parson kamen mit ihrer Genderplex-Verfeinerung des Amelogenintests zu einem eindeutigen Ergebnis:

GenderplexErgebnis

Daran gab es also irgendwann im Sommer 2008 keinerlei Zweifel mehr. Die uwP war eine Spur, die mit den Tätern in den meisten Fällen der Serie erwiesenermaßen nichts zu tun hatte. Warum hätte sie es eigentlich beim Polizistenmord haben sollen?

Der Tatbezug einer DNA-Spur

Eine DNA-Spur am Tatort ist ein zweischneidiges Schwert: Sie gibt einerseits hochempfindlich Auskunft darüber, welche Person in irgendeinem Zusammenhang zum Tatort und zur Tat stehen könnte, aber sie sagt oft sehr wenig darüber aus, ob und welchen Beitrag die Person zur Tat geleistet hat [1]. Diese Tatsache wird in Buch [1] klar benannt:
„Der große Fortschritt, den die Entwicklung molekularbiologischer Methoden in der forensischen Genetik bewirkt hat, ist vor allem an der Sensitivität der Analysemethode festzumachen“
Immer kleinere Spuren können analysiert werden, aber es bleibt das in Buch [1] im Kapitel „VII Möglichkeiten und Grenzen der DNA-Analyse“ erläuterte Problem:

TatbezugDerSpur

Das führt uns auf die Frage, wo denn die DNA-Spur des Phantoms im Fall des Heilbronner Polizistenmords abgenommen wurde. Walter Parson und manche Zeitungsartikel nennen pauschal den Dienstwagen, in und an dem die beiden Opfer gefunden wurden. Der Autor von Buch [2] präzisiert diesen Punkt und nennt auf S. 32: „einen Spritzer Schweiß, abgenommen vom Armaturenbrett des Polizeifahrzeugs Nr. 51“.
Der offizielle Tathergang geht von 2 Personen aus, die seitlich neben dem Fahrzeug stehend auf die beiden Insassen geschossen haben. Einer der beiden Täter muss Michèle Kiesewetter zusätzlich noch mit großem Krafteinsatz die Dienstwaffe aus dem Holster gerissen haben. Dabei kann „ein Spritzer Schweiß“ auf das Armaturenbrett geraten sein, aber die DNA-Spur selbst enthält diese Information nicht.  Ganz wie bei dem in Buch [1] als Gegenbeispiel genannten Schraubendreher kann dieser Spritzer auch bei einem früheren Einsatz mit anderen Polizisten auf das Armaturenbrett geraten sein und gar nichts mit dieser Tat zu tun haben. Es könnte natürlich sein, dass die Angabe von M. Ferracci-Porri falsch ist [2] und die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen die wirkliche Entnahmestelle verschwieg, um sie erst dann z.B. in Verhören zu nutzen, wenn die uwP gefasst war. Im ersten Bericht am 18.6.2007 hatte es nämlich großspurig geheißen:

„Ihre Fundstelle am Streifenwagen lassen nur einen Schluss zu:
Die europaweit gesuchte Frau war am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese“

Die Vermutung eines Tatbezugs im Geheimwissen der Polizei wird aber dadurch widerlegt, dass die uwP ja tatsächlich identifiziert wurde. Im Frühjahr 2009 wurde eine 71-jährige Packerin beim Hersteller der Wattestäbchen als Spurenverursacherin identifiziert. Niemals werden wir erfahren, was diese Frau am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese gemacht hat. Der postulierte Tatbezug ist damit widerlegt, denn wenn er belastbar gewesen wäre, müsste er ja auch für diese Packerin weiter Gültigkeit gehabt haben. Mit ihrer Entdeckung war die uwP kein Phantom mehr, sondern der immer nur behauptete dringende Tatzusammenhang wurde als Phantom entlarvt, nein, als Fiktion, als Erfindung, als Lüge. Es konnte ihn niemals gegeben haben!

Zu viel Widerstand gegen die Einsicht

Wir haben jetzt an zwei kritischen Stellen, Geschlecht und Tatbezug, herausgearbeitet, dass die Phantom-Spur (wie der Name eigentlich von Anfang an offen zugab) eine äußerst windige Spur war, eine Spur, die aus rein wissenschaftlich-forensischer Sicht niemals hätte die Hauptspur oder gar die einzige Spur werden dürfen[3]. Allerspätestens nach erfolgreicher Bestätigung des weiblichen Geschlechts im Sommer 2008 hätte aber die Phantom-Reißleine gezogen  werden müssen, weil sie nichts mit den Taten zu tun haben konnte.

Chefermittler Frank Huber machte aber munter weiter und pflegte die Fiktion noch am 19.12.2008:

WirHabenEineDNASpur

Und nachdem der Fehler (um nicht zu sagen: der Schwindel) aufgeflogen war sagte er noch sturer in einem weiteren Interview:

FrankHuberSiehtsNichtEin

Und das fast ein Jahr, nachdem die SoKo Walter Parson und sein Institut beauftragt und mit ihm natürlich auch gesprochen hatte. Parson schreibt über Leerproben:
„Immer öfter machte das Wort Kontamination die Runde. Es wurde vermutet, es könnte sich bei dem weiblichen Phantom-Profil um DNA handeln, die nichts mit den Tatorten und den Verbrechen zu tun hatte…
Blindproben wurden immer wieder gemacht. Da aber nicht alle Wattestäbchen aus der fraglichen Firma kontaminiert waren, war das Raster, durch das die Blindtests fallen konnten, recht groß.“

Die Idee einer Kontamination war da, nicht nur bei Prof. Brinkmann und in der Heilbronner Stimme  im Dezember 2008. Sie war schon immer da. So steht im Buch [1] aus dem Jahre 2003 auf S. 107 unter der Überschrift „2. Kontaminationsgefahr und Sicherheitsvorkehrungen“:
„Aufgrund der hohen Sensitivität der PCR-Technologie muss möglichen Kontaminationen vorgebeugt werden“

Die Evidenz ist erdrückend: die Heilbronner Ermittler haben katastrophal und weit unter dem bekannten Wissensstand ihrer Zeit gearbeitet. Und sie müssen es gewusst haben.
Und die Presse hat überwiegend nichts unternommen, um dem Unfug wirklich zu widersprechen und zu begegnen. Die Heilbronner Stimme hat mit ca. 3 Monaten Vorlauf zumindest öffentlich gezweifelt. Der große Rest ist blökend hinter den Behörden hergelaufen, ohne Erkenntnisse für den Leser beizutragen. Den Vogel hat wieder einmal die WELT abgeschossen. Sie hat noch am 10.03.2009 den längst widerlegten Quatsch neu aufgewärmt und verwirrt, statt nach Erkenntnis zu streben. Hinterher hat der ‚Stern‘ tatsächlich die Hand ein wenig in die Wunde gelegt: „Ermittler täuschten monatelang die Öffentlichkeit“.

Schlussfolgerung zum Phantom von Heilbronn

Die Klärung der Phantom-Spur, die seit 2001 durch die Fälle und Labore geisterte, wie Walter Parson schreibt, war sicherlich überfällig. Dieses wurde u.a. mit seiner Beauftragung und letztlich der Ermittlung der Spurenverursacherin sowie der anschließenden Verbesserung der Kontaminationsvorsorge geleistet, wenn auch recht gemütlich.
Gleichzeitig war es nicht Dummheit, sondern Sabotage, die Ermittlungen zum namensgebenden Heilbronner Polizistenmord gegen jedes Wissen und die Logik an diesen langsamen Prozess anzukoppeln. Diese  Verschleppungs- und Vernebelungstaktik lief objektiv auf einen wirksamen, fast 2-jährigen Schutz der Polizistenmörder vor Ermittlung hinaus.

Bedeutung für den NSU und den Prozess

Für den NSU, dem die Tat 2011 nach dem ebenso dubiosen Ende des Duos in Eisenach prompt zugewiesen wurde, lässt das nur 2 Möglichkeiten:

  1. Der NSU, also Böhnhardt und Mundlos als ausführende Organe, hat Michèle Kiesewetter ermordet und wurde dann von Behörden (und Medien) aufwändig und mühsam gedeckt
  2. Die Zuweisung der Tat an den NSU ist bis heute die Fortsetzung der Deckung der echten Mörder mit anderen Mitteln

Es gibt keine 3. Möglichkeit, höchstens eine Mischung von beiden der Art, dass dieser NSU etwas mit der Tat zu tun hatte, aber das Duo nicht die Täter waren. Suchen Sie sich Ihre Variante aus! Das OLG München wird sich morgen mit dem Urteil nach einem fast 5-jährigen Prozess nolens volens auch eine Variante aussuchen. Hilft ja nichts, dass sie beide nicht vertrauenserweckend sind!

Weitere Evidenz für Ermittlungsbetrug

Es gibt zahllose weitere interessante Hinweise auf Ermittlungsbetrug im Fall des Heilbronner Polizistenmords. Ich beschränke mich hier auf diejenigen mit Bezug zur DNA-Analyse und zu den oben genannten Büchern:

  1. Andere, bessere DNA-Spuren vom Tatort, u.a. von Kollegen, blieben bis 2009 unbearbeitet. Die Ermittlungen nahmen 2011 gerade wieder Fahrt auf, als sie durch die „Entdeckung“ des NSU gestoppt wurden. Quelle
  2. Aus den im Netz veröffentlichten Ermittlungsakten geht hervor, dass der Fall des bei Heilbronn ermordeten jungen Deutschkasachen Arthur Christ nach Zeugenaussagen mit dem Kiesewetter-Mord in Beziehung steht. Quelle
    In Buch [2] habe ich eine hochinteressante Parallele zu dieser Behauptung gefunden: Der Tod von Arthur Christ ist in die Fallhistorie zur uwP gerutscht, obwohl in seinem Fall (anders als beim ebenso mysteriösen Todesfall Diana Pawlenko) keine entsprechenden DNA-Spuren gefunden wurden. Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass Ferracci-Porri, der sich zusammen mit seiner deutschsprechenden Unterstützerin Karola Reich eine Weile in Heilbronn aufhielt, mitbekam, dass in den Ermittlungen der Mord an Arthur Christ inoffiziell sehr eng mit dem Kiesewetter-Mord verknüpft wurde.
  3. Ferracci-Porri berichtet in seinem Buch [2] im Zusammenhang mit einem Einbruch in Niederstetten über die Verzweiflung der Polizisten. Einige von ihnen trainierten dort in der Turnhalle Kampfsport, was aber in der Öffentlichkeit verschwiegen worden sei (s. den Artikel in der Heilbronner Stimme). Er zitiert einen Polizisten:
    Seit dem Auftauchen dieses Phantoms irgendwo inmitten unseres bisher geschützten Universums, erscheint nichts mehr wirklich wie zuvor. Auch wenn wir unter uns nicht von legitimem Verdacht sprachen und wir uns nicht einmal daran zu denken trauten, konnten wir doch nicht anders als im Leugnen einer Frage aneinander zu leben: ‚Gab es ein unzuverlässiges Kettenglied in der Polizei?‘“
    Dieses Zitat zeigt, dass sicherlich nur wenige Polizisten fest wussten, dass mit dem Phantom etwas faul war. Andererseits ist es ganz einfach, den Phantom-Wirrwarr von einer zentralen Stelle aus, z.B. im DNA-Labor des LKA künstlich zu erzeugen und die an der Basis ermittelnden Beamten in eine regelrechte Verzweiflung zu treiben durch völlig willkürliche und unverständliche Kreuztreffer. Wer wäre in der Lage gewesen, in Zweifel zu ziehen, dass die zuvor recht seltene Phantomspur jetzt plötzlich überall auftauchte?
    Eine solche Manipulation aus zentralen Ermittlungsinstitutionen heraus auch zu Lasten der normalen Polizeiarbeit ist z.B. im RAF-Kontext (Schleyer-Fahndung, Deckung für Verena Becker) bekannt und deutet auf eine gezielte Einwirkung von Geheimdiensten. Gerade Michael Buback legt in seinem Buch Wert darauf, die Masse der Polizisten von plumpen Vorwürfen zu entlasten, indem er darauf hinweist, wie die Ermittlungen aus wenigen herausgehobenen Stellen heraus hintertrieben worden sein können.

Was steckt wirklich dahinter?

Der NSU ist ein Fall-Komplex, in dem man an jeder Ecke auf gezielten Betrug stößt, wenn man anfängt, mit Wissen und Logik tiefer zu bohren. Hier nur einige Beispiele und wenige Belege:SchützendeHand

  1. Es fängt an mit dem Doppelmord von Eisenach. Den habe ich selbst bereits vor fast 4 Jahren mit ganz anderen Methoden nachgewiesen als Wolfgang Schorlau. Die Ergebnisse passen zusammen. Und sie passen auch dazu und dazu und dazu. Reicht das noch nicht?
  2. Die auch im morgen endenden Prozess nicht bezweifelte Herkunft der Ceska aus der Schweiz ist höchst zweifelhaft, wie dieser Beitrag des Schweizer Fernsehens zeigt.
  3. Die Anwesenheit des Geheimdienstlers Temme am Tatort des letzten Ceska-Mordes 2006 an Halit Yozgat in Kassel ist weithin bekannt. Natürlich wird das medial immer wieder alles irgendwie so hingedreht, dass jeder an die Geschichte glauben kann, der es unbedingt will. Wer aber will noch so dumm sein?

Das Problem besteht darin, dass es viel einfacher ist zu zeigen, dass die NSU-Geschichte zusammenmanipulierter Unsinn ist, als die Wahrheit hinter der Geschichte herauszufinden. Zum Nachweis reichen nämlich vergleichende Arbeiten wie diese. Die Falschheit der Geschichte ergibt sich aus dem Aufzeigen der Inkonsistenzen und aus dem Nachweis der Manipulationsversuche.
Die richtige Geschichte benötigt dagegen Zugang zu zuverlässigen Ermittlungsergebnissen, und diese habe ich nicht. Jede alternative Theorie steht deshalb automatisch auf schwächeren Beinen als der Nachweis des Unsinns.

Deshalb beschränke ich mich ganz strikt auf die Zerstörung der Lügen. Diese erst einmal sacken lassen! Danach wird man weitersehen. Schönen Tag und lustigen Urteilsspruch morgen am OLG in München. Aber glauben Sie kein Wort! Die Roben der Richter dienen allein der Verschönerung der Lügen. Zur Wahrheitsfindung haben sie nur unfreiwillig beigetragen. Es muss ja zu einem fünfjährigen Schauprozess eine Menge Papier produziert werden. Je mehr Papier, desto mehr Widersprüche. Außer man schreibt nur das auf, was man wirklich gut belegen kann und was auch der Logik nicht widerspricht.

Liste interessanter Links zum Phantom

26.04.2007 Spiegel: Oettinger-Interview sorgt für Wirbel
26.04.2007 Spiegel: Plauder-Vorwurf bringt Oettinger in Verruf
27.04.2007 Focus: Mafia-Racheakt nicht auszuschließen
18.06.2007 Heilbronner Stimme: Mysteriöse Frau hinterlässt blutige Spur brutaler Taten
19.06.2007 Heilbronner Stimme: Polizistenmord – Spur führt zu Bruderfehde
29.06.2007 Stern: Die Jagd nach dem Phantom
09.04.2008 Augsburger Allgemeine: Keine heiße Spur im Heilbronner Polizistinnenmord
19.04.2008 WELT: Sieben Fakten zu der gesuchten Serientäterin
24.04.2008 ZEIT: Die Unsichtbare
03.06.2008 WELT: Neue Spur im Heilbronner Polizistenmord
03.06.2008 Heilbronner St.: Das Phantom hinterlässt die 32. Spur
05.06.2008 Heilbronner St.: Phantom verbreitet Unbehagen und Angst
28.07.2008 Heilbronner Stimme: Dem Phantom auf der Spur
07.08.2008 SPIEGEL: Phantom hinterlässt erneut DNA-Spur
22.08.2008 Heilbronner Stimme: Die Frau ohne Gesicht – ZDF-Film über Phantom
25.08.2008 FAZ: Genetische Spurensicherung
27.08.2008 Heilbronner Stimme: Ist die Mutter des Phantoms Osteuropäerin?
28.08.2008 Heilbronner St.: Haut- und Augenfarbe des Phantoms bleiben ein Geheimnis
18.12.2008 Heilbronner St.: Polizistenmord: Das Phantom kehrt zurück
19.12.2008 Stern: Das Phantom – eine „tickende Zeitbombe“
23.12.2008 Heilbronner Stimme: Polizistenmord: Falsche DNA-Spuren?
13.01.2009 WELT: Höchste Belohnung der Geschichte ausgelobt
02.01.2009 Heilbronner St.: „Schlinge zieht sich immer enger zu“
01.02.2009 FAZ: Nicht zu fassen
11.02.2009 Heilbronner St.: Heilbronner Polizistenmord: LKA übernimmt Phantom-Fall
20.02.2009 Heilbronner St.: „Fall Arthur Christ“: Polizei noch ohne heiße Spur
25.02.2009 SternTV: Auf der Suche nach einer Mörderin
05.03.2009 ZEIT: Steckbrief aus dem Erbgut
10.03.2009 WELT: Was das Phantom mit der Sauerland-Zelle zu tun hat
25.03.2009 Heilbronner Stimme: Rechtsmediziner: DNA an Stäbchen ist immer möglich
26.03.2009 ZEIT: Die falsche Formel der Fahnder
27.03.2009 Stern: Ein GAU der Kriminalistik
01.04.2009 Frankfurter Rundschau: „Das war ein herber Rückschlag“
01.04.2009 bj-diagnostik: Die Grenzen der DNA-Analyse: Die Wattestäbchen waren schuld
05.04.2009 Stern: Trickst und tarnt Stuttgarts Innenminister
14.07.2009 Stern: Ermittler täuschten monatelang die Öffentlichkeit
17.07.2009 Stern: Das Phantom im Spitzelauto
13.09.2010 Stern: Die mysteriöse Mafia-Islamisten-Verbindung
24.08.2013 Heilbronner Stimme: Polizistenmord: Geheimdienst war in Heilbronn
02.04.2015 Locard’s Lab: Forensic Failures: DNA Evidence and the Phantom of Heilbronn
13.09.2016 Stern: Aufklärung unerwünscht?
21.09.2016 Spektrum: Fälschliche Genetische Fingerabdrücke
06.04.2017 Stimme: Polizistenmord Heilbronn: Fall lässt Ermittler nicht los
09.05.2017 Stern: „Null Aufklärungswillen“ im Fall Michèle Kiesewetter
09.09.2017 Strafverteidigervereinigungen: Das Phantom von Heilbronn

[1] Eine wichtige Ausnahme bilden Sexualverbrechen, weil bei ihnen häufig die Entstehung der Spur und die Tat selbst in einem besonders engen  Zusammenhang stehen.

[2] Der Schweiß-Spritzer widerspricht auch Walter Parsons Erläuterungen in Buch [3], dass die Phantom-Spur nur dann gefunden wurde, wenn es sonst keine nennenswerte DNA an der Probe gab. Ein Schweiß-Spritzer wäre auch für seine Quantifizierungen zu groß!

[3] Interessanterweise verteidigt auch Walter Parson die Ermittlungen wortreich, aber wenig überzeugend

 

Nachtrag 14.07.2018: Widerspruch in der Spurengröße
Der Einbruch in eine Turnhalle in Niederstetten (Spur Nr. 32) ist besonders interessant. Laut Buch [2] wurde diese Turnhalle von Heilbronner Polizeioberen für Kampfsport genutzt. Der Autor behauptet auch, dass die DNA-Probe hier von einer makroskopischen  Blutspur abgenommen wurde. Das bestätigt der Bericht in der Heilbronner Stimme:

Auf dieser Bank fanden sich die Blutreste.
Käss berichtet, dass sie mit bloßem Auge zu sehen waren

Das ist nun erstaunlich, weil es eklatant dem widerspricht, was Walther Parson darüber geschrieben hat, wann und warum die Phantom-Spur gefunden wurde:

SpurenGrößeParson

Ein Wattestäbchen, das in eine deutlich sichtbare Blutspur getaucht wurde, musste nach Parsons Angaben mehr als genug Blutzellen enthalten, damit die Phantom-Spur bei weitem überdeckt wurde.
Dieser Widerspruch ließe sich dadurch auflösen, dass die Phantom-DNA im DNA-Labor gezielt hinzugefunden wurde. Ferracci-Porri berichtet außerdem darüber, dass dieses  Ergebnis nicht im DNA-Labor des LKA, sondern im Labor des Dr. Werner gefunden  wurde.

Nachtrag 17.07.2018: Leerproben
10 Jahre nach dem Mord wies der damalige Leiter der Heilbronner Polizei Rittenauer auf folgenden Zufall hin:
„Ich möchte deutlich machen, dass wir wegen der angesprochenen Zweifel lange Zeit zu den Wattestäbchen, die zur Spurensicherung verwendet wurden, Stäbchen aus derselben Packung als Leerproben mitgeschickt hatten. Und das heute Unfassbare war, dass die uwP-Spur kein einziges Mal an den Leerproben gefunden wurde, sondern immer nur an den zur Spurensicherung verwendeten“
Das ist allerdings interessant. Man müsste jetzt nur noch wissen, wie oft wie viele unbenutzte Stäbchen mitgeschickt wurden, um die Größe des Zufalls wirklich abzuschätzen. Es passt aber tendenziell zu der Hypothese, dass die Heilbronner aus einem Labor gezielt an der Nase herumgeführt wurden.

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Die Möglichkeiten des Widerstands

In dem Beitrag über Sebastian Haffner hatte ich sein brillantes englisches Buch von 1940 erwähnt, in dem er die deutsche Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus beschrieb.Jekyll&Hyde

Letzte Woche wurde nun intensiv der Widerstandsgruppe ‚Weiße Rose‘ gedacht, weil einige ihrer Mitglieder am 22. Februar 1943, also vor 75 Jahren, hingerichtet wurden.

Das hat mich auf die Frage gebracht, wie ihr Widerstand nach Haffners Buch einzuordnen wäre. Das Buch hat ja die ungewöhnliche Eigenschaft, dass es seinen Kenntnisstand von 1938 wiedergibt, als er aus Deutschland floh, dass man so den dt. Widerstand also gewissermaßen mit dem Vorwissen eines hellsichtigen Zeitgenossen abgleichen und bewerten kann. Das Ergebnis fällt überraschend und klar aus.

Die Möglichkeiten des Widerstands nach Haffner

Fundamental ist Haffners Einteilung der Gesellschaft in 4 Gruppen:
Deutschland1939

Haffner erwartete nichts von den 1938 noch operierenden Resten der Opposition

Es ist durchaus möglich, jahrelang dort (in Deutschland) zu leben, ohne auch nur im Geringsten die Existenz der im Untergrund wirkenden Kommunisten und Sozialdemokraten, der Deutschen Freiheitspartei, der Schwarzen Front und all der anderen noch kleineren politischen Organisationen zu bemerken. Alles, was außerhalb Deutschlands gelegentlich über geheime Flugblattaktionen dieser Organisationen, über lokale Streiks und über Sabotageakte berichtet wird, ist stark übertrieben. Solche Dinge geschehen zwar, aber ihr Wirkungsradius ist so klein, dass sie statistisch betrachtet fast ignoriert werden können….
Dagegen war der Kampf der Gestapo gegen bereits vorhandene politische Organisationen zweifellos erfolgreich. Die Überbleibsel der organisierten politischen Kräfte, die es 1933 neben den Nazis gegeben hatte, sind in der Defensive oder sind in den Untergrund gedrängt und unwirksam geworden… Diese tun nichts und sind nichts als Todesfallen für ihre Mitglieder
Eher verhalten sie sich so, als ob sie sich damit begnügen würden, von ihren kleinen Funkstationen aus Botschaften zu verbreiten, die vielleicht einige hundert Menschen erreichen und zwei oder drei von diesen beeindrucken, dafür aber ihre Position verraten und ihr Schicksal besiegeln. Kurz gesagt, die Methoden der illegalen Gruppen sind so sinnlos und töricht, dass selbst ihr Mut und ihr Märtyrertum nur Mitleid, aber keine Bewunderung erwecken können.

Eine hohe Meinung hat er jedoch von der illoyalen Bevölkerung

Aus der Nichtexistenz einer Opposition darf nicht das Nichtvorhandensein illoyaler Bevölkerungsschichten gefolgert werden…
Wenn man lange im Land lebt, bleiben einem die weitverbreitete Ablehnung des Regimes, der Hass, die Wut und die individuelle Auflehnung von Millionen nicht verborgen…:
Das regelmäßige und zuverlässige Durchsickern geheimer Informationen, die auffallend häufigen anonymen Warnungen, die Leute vor ihrer Verhaftung erhalten….

Der Geist des Verrats breitet sich wie eine gleichmäßig verteilte Saat auf allen Ebenen und in allen Bevölkerungsschichten aus…
Wir müssen ihn vielleicht vornehmlich unter jenen suchen, die von Anfang an Nazigegner waren und noch am 5. März 1933 gegen die Nazis stimmten, das heißt in der Hauptsache unter den Arbeitern, die früher organisiert waren, unter den strenggläubigen Katholiken und in bestimmten Kreisen der gehobenen Mittelschichten in den großen Städten. Aber wir müssen drei wichtige Einschränkungen machen, die das ganze Bild verändern:

  1. Erstens haben die Nazis ihre letzten großen Stimmengewinne im Jahre 1933 erzielt, und zwar unter jenen Leuten, die aufgrund gewisser Gegendoktrinen, welche in ähnlicher Weise gewaltorientiert waren, der Nazipropaganda bisher kein Gehör geschenkt hatten, insbesondere unter jungen Arbeitern, die früher Kommunisten oder linksextreme Sozialisten gewesen waren und in ihrer Wesensart den Nazis mehr oder weniger verwandt sind. Tatsächlich wurde kein nazifeindlicher Teil der Bevölkerung im Dritten Reich so erfolgreich zum Nationalsozialismus bekehrt wie die früheren Kommunisten
    Hitler gewann außerdem loyale Anhänger, wenn nicht gar neue Nazis, in vielen Teilen der patriotisch gesinnten und erfolgssüchtigen Bourgeoisie, welche bis zum letzten Augenblick „nicht an die Nazis geglaubt hatten“, aber während der Jahre ihrer Herrschaft und Erfolge zu ihnen umgeschwenkt waren.
  2. Zweitens wurden aber im Laufe dieser Jahre viele Leute illoyal, die im März 1933 entweder als ihre getreuen Anhänger oder als deutschnationale Sympathisanten für die Nazis gestimmt hatten…Tatsächlich haben viele dieser Menschen ihr eigenes Denken und Handeln einer sehr kritischen Prüfung unterzogen…
  3. Drittens – und das ist der wichtigste Einwand – wäre es sehr falsch zu denken, jene, die von Anfang an gegen die Nazis waren und nie aufgehört haben, gegen sie zu sein, hätten im Laufe dieser Jahre ihre politischen Meinungen und Grundsätze unverändert beibehalten….Besonders die, die ihren unversöhnlichen Hass gegen die Nazis bewiesen, haben sich oft gezwungen gesehen, alle ihre Meinungen, politischen Anschauungen, geliebten Phrasen und Schlagworte über Bord zu werfen, wenn sie nicht geistig von den Nazis entwaffnet werden wollten.

Verzweifelt und fast hoffnungslos geht das Regime gegen die allgemeine, unorganisierte, man kann fast sagen unpolitische Illoyalität vor…
Es ist sehr leicht, von der hohen Warte der garantierten Bürgerrechte aus diese Deutschen der Feigheit zu bezichtigen, nur weil sie für ihre politischen Überzeugungen den Kopf nicht mit der gleichen Sorglosigkeit auf den Richtblock legen, mit dem andere einen Zettel in die Wahlurne werfen…

Die loyale Bevölkerung opfert alles der Reichsidee

Hier verläuft der dicke Trennstrich zwischen den Loyalen und den Illoyalen. Die Loyalen fühlen sich noch dazu verpflichtet, der Reichsidee ihr persönliches Wohlergehen, ihre persönliche Anständigkeit und die Mission und den Geist Deutschlands zu opfern….

Es ist sehr wichtig, dass wir den Unterschied zwischen den Nazis und den loyalen Deutschen begreifen…
Wer stellt die loyale Bevölkerung in Deutschland dar? In welcher Hinsicht unterscheidet sie sich von den Nazis? Wieso toleriert und unterstützt sie diese trotzdem?
Der loyale Teil der deutschen Bevölkerung, das heißt diejenigen, die dem Naziregime treu dienen, ohne Nazis zu sein, macht heute 40% der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus, und wenn man allgemein von „den Deutschen“ oder „dem Durchschnittsdeutschen spricht, denkt man unwillkürlich an diese Menschen…

Es ist unmöglich, die loyale Bevölkerung in Deutschland, ebenso wie die Nazis, genauer einzugrenzen, und es lassen sich auch keine bestimmten Organisationen, Klassen, Regionen oder Altersgruppen nennen, denen sich die loyalen Bürger zuordnen ließen. Man kann sie nur als einen psychologischen Typus definieren, nicht als eine organisatorische Einheit. Sie sind faktisch überall anzutreffen, in jeder Gesellschaftsschicht, jeder Gegend und jedem kulturellen Bereich
Die Hochburgen der Loyalität sind das Kleinbürgertum und die gehobenen Mittelschichten in der Provinz…Besonders beim Hochadel, bei den orthodoxen Katholiken (aber nicht bei den orthodoxen Protestanten), bei den Arbeitern mittleren Alters und bei den älteren Arbeitern, die durch die Schule der früheren sozialdemokratischen Gewerkschaften gegangen sind, ist ein Mangel an Loyalität festzustellen…Vom regionalen Gesichtspunkt aus betrachtet ist die Bevölkerung in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sachsen loyaler eingestellt als in Süd- und Westdeutschland. Die politische Szene ändert sich jedoch erstaunlicherweise von einer Stadt zur anderen. So ist zum Beispiel Nürnberg eine der loyalsten und Würzburg eine der illoyalsten Städte….

In der staatlichen Verwaltung sind die loyalen Untertanen fast genauso zahlreich wie die Nazis, und unter den Juristen bilden sie noch immer die Mehrheit. Sie sind ziemlich zahlreich an Universitäten und Schulen vertreten. Und der Witz besteht darin, dass die Presse viel mehr loyale und sogar nichtloyale Nichtnazis beschäftigt als Nazis. Einer der höchsten Beamten der Reichsschriftkammer hat, wie ich erfahren habe, geäußert, dass seines Wissens 75% der Redakteure politisch unzuverlässig seien und dass er das dulden müsse, da es nicht genügend fähige Nazijournalisten gebe. Und er könne sie dulden, da die „unzuverlässigen“ Redakteure ihre Aufgabe nicht schlechter erfüllen als die besten Nazis. Von Angst und Ehrgeiz getrieben handeln sie gegen ihr Gewissen und tragen als Mitarbeiter der berüchtigten Nazipresse dazu bei, zynisch die Wahrheit zu entstellen.

Bis vor kurzem hatte das Heer noch als sicherer Hort für konservative Loyalität gegenüber dem Reich gegolten. Aber seit dem 4. Februar 1938[1] ist das Heer zunehmend vom Nazismus durchdrungen. Die jüngeren Offiziere sind in der Regel Nazis.

[1] Am 4.2.1938 wurde der bisherige Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, unter dem unzutreffenden Vorwurf der Homosexualität, entlassen. Hitler übernahm danach das Amt des Reichskriegsministers, machte sich selbst zum Oberbefehlshaber des Heeres und schuf das Oberkommando der Wehrmacht [Anmerkung des Übersetzers]

Der junge Idealismus:
Die ‚Weiße Rose‘

Die Geschichte der ‚Weißen Rose‘ setze ich als in groben Zügen bekannt voraus.
Relativ mühelos ordnet man diese jungen Leute und ihren Inspirator Huber nach Haffners Systematik in die Gruppe der illoyalen Staatsbürger ein. Besonders interessant ist dabei, dass die Geschwister Scholl zwar aus einer nazi-kritischen, christlich-liberalen Familie stammten, Hans Scholl  aber ein ehemals begeistertes Mitglied der Hitler-Jugend war. Er gehört also genau zu jener 2. Gruppe der unerwarteten Illoyalisten, die Haffner schon 1938 besonders aufgefallen waren und die er besonders erwähnenswert fand.

Ungewöhnlich für Illoyalisten im Haffner’schen Sinne waren allerdings ihre Ziele und Methoden:

SophieScholl

Das sind exakt diejenigen der ausgeschalteten Opposition: Leute „wachrütteln“ mit Flugblättern. Haffner schrieb darüber sehr harte Worte:

Botschaften zu verbreiten, die vielleicht einige hundert Menschen erreichen und zwei oder drei von diesen beeindrucken, dafür aber ihre Position verraten und ihr Schicksal besiegeln“
“die Methoden…sind so sinnlos und töricht, dass selbst ihr Mut und ihr Märtyrertum nur Mitleid, aber keine Bewunderung erwecken können“

Die Nachwelt sieht das offensichtlich ganz anders als er:
Kein Widerstand weckt breitere und innigere Sympathie. Die Tatsache seiner vollständigen Aussichtslosigkeit ist essentiell dafür, dass er so weiß und hell strahlt. Das vorhersehbare Scheitern gehört zur Reinheit dazu.

Es kann nicht darum gehen, die Widerstandsgruppe zu kritisieren, deren Mitglieder offensichtlich zu jung, idealistisch und unerfahren waren, um zu verstehen, mit welchem Gegner sie es zu tun hatten.

Die Kritik muss sich an die Nachwelt richten: Liebt ihr den Idealismus wirklich um seiner selbst willen, als „sinnloses und törichtes“  Bekenntnis ohne Wirkmöglichkeit?

Der Loyalismus will sich retten:
20. Juli 1944

Auch die Geschichte des 20. Juli ist hinreichend bekannt. Der Hauptattentäter Claus von Stauffenberg war noch 1940, als Haffner sein Buch schrieb, ein loyaler Offizier und beeindruckt von den phantastischen militärischen Anfangserfolgen. Erst später schloss er sich dem Widerstandskreis an, dem auch schon lange illoyale Offiziere und Diplomaten angehörten.

Weniger bekannt ist, dass schon vor diesem späten Zeitpunkt auch Naziführer Hitler opfern wollten, um ein wenig vom dSchachbrettTeufelst. Reich und vor allem auch ihre eigene Haut zu retten. Zu diesen gehörte auch Heinrich Himmler, der u.a. über seinen persönlichen Adjutanten Karl Wolff auch mit Allen Dulles, dem OSS-Vertreter in Bern und späteren Gründer der CIA, in Kontakt war. Himmler war aber im Gegensatz zu Wolff nicht zu retten. Die Allianz der überlebenden deutschen Loyalisten mit dem US-Establishment war aber auch ohne die Zustimmung der US-Linken um Roosevelt längst unter Dach und Fach, und u.a. in der Person des BND-Chefs Reinhard Gehlen fortan sakrosankt.

Auch in diesem Fall geht es mir weniger um ein Urteil über die Verstrickungen der Beteiligten als um die heillos idealisierte Rezeption durch die Nachwelt:

Der 20. Juli wurde als Symbol der Allianz von deutschen Loyalisten mit dem US-Establishment über alle Maßen idealisiert und verfälscht, Überzeugungstäter mit Opportunisten in einen Topf gerührt, wenn es half, die bestehenden Machtverhältnisse inklusive Ex-Nazis in Top-Positionen zu zementieren. Wundert es da jemanden, dass die Studentenbewegung gegen die offensichtliche Heuchelei rebellierte und nicht recht wusste, ob sie alle Deutschen zu Nazis erklären oder doch eher das Gegenteil behaupten wollte?

Eine besondere Blüte erlebte die Verklärung nach der deutschen Einheit. Das Verteidigungsministerium zog ausgerechnet in den Bendlerblock ein. Von dort zogen dann deutsche Truppen unter der Führung von „Peter von Stauffenberg“ weiter in die Welt hinaus, als sie unter Hitler je gekommen waren. Aber natürlich dieses Mal nur für das Gute in der Welt. Der 20. Juli war das ideale Vehikel für die Remilitarisierung Deutschlands und deshalb immer der staatlich bevorzugte Widerstand.

Das einsame Lamm: Georg ElseGeorgElserr

Der Schreinergeselle Georg Elser von der Ostalb wurde im Gegensatz zur Weißen Rose und zum 20. Juli lange Zeit wenig gewürdigt, sogar verschwiegen oder verleumdet. Langsam hat sich das geändert und so gibt es einige Gedenktafeln und eine sehr gelungene Website zu seiner Geschichte. In Heidenheim widmet sich ein Arbeitskreis dem Leben Elsers.

Ein Illoyaler durch und durch

Nach Haffners Einordnung gehörte er eindeutig zur ‚illoyalen Bevölkerung‘ und passt EinsamerAttentäterganz gut zu Haffners 3. Anmerkung dazu: er hat sich in seinen Gesellen- und Wanderjahren von 1925-32 , die er im Bodenseegebiet verbrachte, zwar entsprechend seinen wirtschaftlichen Interessen im linken, gewerkschaftlich organisierten Milieu auf Veranstaltungen informiert und ist auch Mitglied im Rotfrontkämpferbund geworden. Er hat sich aber nie aktiv in irgendeiner Organisation engagiert.

Verschwiegen und zielstrebig

Nach 1933 gab es keinerlei politische Aktivitäten, aber seine wenigen Freunde wussten, dass er nicht viel vom Nationalsozialismus hielt, ohne dass es irgendjemand an die große Glocke gehängt hätte. Elser scheint Bescheid gewusst zu haben, dass Flugblätter „sinnlos und töricht“ waren und hat ab 1938 still und zielstrebig auf die ernsthafte Tat hingearbeitet.
In seine Pläne hat er  offensichtlich niemanden eingeweiht. Dadurch hat er einerseits das Risiko einer Entdeckung minimiert, andererseits hat er seine engsten Angehörigen und Freunde so auch vor Folter und Vergeltung geschützt: alle wurden zwar nach seiner Verhaftung im Berliner Hauptquartier von der Gestapo verhört, aber ihre Unwissenheit scheint dabei so klar geworden zu sein, dass sie recht unbeschadet aus der Sache herausgekommen sind.

Sehr begrenzte Ziele

ElsterTafel
Gedenktafel für Elser, unweit des Brenztopfs in Elsers Heimatort Königsbronn bei einer Fahrradtour aufgenommen

Elser strebte nicht nach der Weltrevolution, sondern ganz lapidar:

„Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“

Das Entscheidende ist der ohne ideologischen Überbau gezielt gegen den Kopf des Systems geführte Enthauptungsschlag. So kann es funktionieren. Schade, dass er das Ziel durch Pech verfehlt hat!

Technisches Geschick und hoher Einsatz

Es kam seiner Verschwiegenheit sehr entgegen, dass er als außerordentlich geschickter Handwerker technisch in der Lage war, die Bombe ganz allein zu konstruieren und zu bauen. Durch eine Tätigkeit in einem Steinbruch verschaffte er sich auch den Sprengstoff und die Zünder selbst. Die akribischen Vorbereitungen zieht er konsequent durch. Der Einbau der Bombe in die Säule im Bürgerbräukeller ist riskant und eine geradezu unmenschliche Knochenarbeit. Die hölzerne Wandverkleidung baut der Schreiner in ein optimales Versteck für die Bombe um.

König der Illoyalen

Georg Elser aus Königsbronn wäre der unbestrittene König von Haffners ‚Illoyalen Bürgern‘ und agierte bereits 1939 voll auf der Höhe der Erkenntnisse, die Haffner erst 1940 in England veröffentlichte.

Auffälliges, Merkwürdiges

Sowohl die Geschwister Scholl, als auch Claus von Stauffenberg, als auch Georg Elser stammten aus Schwaben.

Hans und Sophie Scholl wurden am 22.Februar 1943 nur 4 Tage nach ihrer Verhaftung hingerichtet, Claus von Stauffenberg am 20. Oder 21. Juli 1944, also innerhalb von 1-2 Tagen nach dem gescheiterten Putsch.
Georg Elser dagegen saß seit seinem Attentat von 1939 und noch zur Zeit der Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose und des 20. Juli. im KZ. Der diskutierte Grund, die Nazis planten, ihn nach dem gewonnenen Krieg in einem Prozess in London als Kronzeugen gegen die Engländer zu präsentieren, erscheint mir unglaubwürdig. Spätestens zum Zeitpunkt des 20. Juli 1944 wäre der Plan Makulatur gewesen, der Krieg war lange verloren. Und warum wurde dann eigentlich der Schweizer Maurice Bavaud, der am 9. November 1938, exakt ein Jahr vor Elser, einen Mordplan gegen Hitler in München nicht umsetzen konnte, nicht ebenfalls als Kronzeuge gegen ausländische Auftragggeber am Leben gelassen, sondern bereits 1941 hingerichtet?
Georg Elsers Ermordung soll jedenfalls Anfang April 1945 einzeln angeordnet und am 9. April in Dachau ausgeführt worden sein, mitten im Chaos des bereits laufenden Zusammenbruchs.

Unter anderem diese Merkwürdigkeit führte schon während des Krieges zu Theorien, dass Elser insgeheim mit Wissen und im Auftrag der Gestapo oder SS gehandelt habe. Diese Theorie verbreitete insbesondere der Pastor Martin Niemöller.

Eine gute Literaturliste über Elser findet man u.a. hier.

Update 24.03.2018

Wegen der Merkwürdigkeiten und Martin Niemöllers Behauptung, dass Georg Elser sein Attentat im Auftrag der SS ausgeführt habe, habe ich ein weiteres BucZitherPlayerh darüber gelesen. Das Buch von Tom Ferry ist insofern interessant, als es zwei Handlungsstränge eng miteinander verzahnt: Elsers Attentatsvorbereitungen, seine späteren Verhöre und seine KZ-Haft einerseits und die Umstände des sogenannten Venlo-Zwischenfalls sowie die KZ-Haft des britischen Geheimdienstmannes Sigismund Payne Best andererseits. Beide sind sich im KZ Sachsenhausen begegnet. Das Buch lässt ausgerechnet den ermordeten Elser in der Ich-Form erzählen und erzählt die Erlebnisse des überlebenden Best in der Er-Form. Praktisch alle Informationen bringt es in Dialoge unter, von denen manche offensichtlich fiktiv sein müssen. Es ist also keine historisch zuverlässige Quelle, bietet aber viele Anreize für Recherchen aus anderen Quellen.
Mindestens zwei starke Argumente sprechen dafür, dass die NS-Führung Vorwissen über Elsers Attentat hatte:

  1. Elsers zahlreiche durchgearbeitete Nächte und bekannte kleine Pannen im Saal des Bürgerbräukellers machen es recht wahrscheinlich, dass seine Aktivitäten nicht ganz unentdeckt geblieben sind.
  2. Die vorzeitige Abreise der NS-Führer Hitler und Göbbels war ungewöhnlich und verdächtig: die Rede dauerte normalerweise 90 Minuten und war von 20:30 – 22:00 Uhr angesetzt. Die Bombenexplosion war auf 21:20 eingestellt und pünktlich. Nun war die Rede aber kurzfristig auf 20:00 Uhr vorgezogen und um 21:07 beendet worden. Und die Berliner NS-Führer blieben auch entgegen früheren Jahren danach nicht im Saal, sondern reisten sofort mit der Bahn nach Berlin ab.

Die Verschwörungstheorie von Martin Niemöller, der übrigens ebenfalls mit Best und Elser in Sachsenhausen einsaß, war also nicht völlig unvernünftig, vielleicht nur nicht ganz korrekt. Sie war eine MIHOP-Theorie: Make It Happen On Purpose. Auch ein LIHOP (Let It Happen On Purpose) wäre aber möglich: Elsers Aktivitäten wären entdeckt, aber laufengelassen worden, um sie für NS-Pläne nutzbar zu machen, z.B. Hand in Hand mit dem Venlo-Zwischenfall, der bereits vorbereitet wurde.
Entscheidend dafür, dass frühe Verschwörungstheorien à la Niemöller verworfen wurden, waren die 1964 entdeckten Vernehmungsprotokolle Elsers. Solche Protokolle sind geeignet eine MIHOP-Theorie zu verwerfen, aber sie sagen naturgemäß nichts über eine LIHOP-Theorie aus, die ja eben davon ausgeht, dass der Attentäter ohne sein eigenes Wissen von Geheimdiensten für andere Zwecke nutzbar gemacht wird.
Die Frage bliebe, wer im Detail die Fäden zog. Immer schon diskutiert wurde die Tatsache, dass Göring in diesem Jahr 1939 ausnahmsweise nicht im Bürgerbäukeller anwesend war.
Und auch eine andere Personalie ist hochinteressant: Arthur Nebe, der Elser als Erster in München verhörte und der Tat überführte (mit den verletzten Knien) war bereits zu diesem Zeitpunkt selbst in die Pläne zur Septemberverschwörung eingebunden gewesen. Später war er Mitverschwörer des 20. Juli, tauchte unter und wurde erst im Januar 1945 gefasst und im März 1945 hingerichtet. Im Buch von Tom Ferry wird Nebe als Beschützer Georg Elsers dargestellt. Eine mögliche Erklärung für sein langes Überleben könnte also sein, dass er durch eine sehr komplexe Gemengelage von Mitwissern, Verschwörern und Intriganten geschützt wurde, die sich erst durch die Verschwörung vom 20. Juli und den herannahenden Zusammenbruch im April 1945 auflöste. Es scheint nicht ganz gesichert zu sein, dass der Befehl zur Verschonung von VIP-Gefangenen wie Best, Schuschnigg, Halder, Schacht und zur Ermordung von Georg Elser von Heinrich Müller unterzeichnet wurde. Müller begegnet wie Nebe, Heydrich und Himmler Elser in Ferrys Buch immer wieder persönlich. Elser war also zweifellos selbst ebenfalls so etwas wie ein VIP-Gefangener. Es bleibt der Verdacht, dass Elser etwas wusste, was sonst fast niemand wusste, und deshalb anders als etwa Halder kurz vor dem Ende noch ermordet wurde, von wem auch immer.
Der Fall Georg Elser und Ferrys Buch sind ein Wundermittel gegen den Irrglauben, man selbst hätte in des NS-Zeit immer genau gewusst, wer die Bösen und wer die Guten waren.

Georg Elser mit Arthur Nebe:
elser-nebe2
Quelle und weitere Fotos

Das oben erwähnte Buch von Ortner „Der einsame Attentäter“ geht über alle verbleibenden Zweifel an Elsers Attentat hinweg und verkündet eine geschlossene neue Wahrheit. Nach dem Lesen von Ferrys Buch und vieler Teilaspekte beim Georg-Elser-Arbeitskreis ist mir das eher suspekt geworden. Denn viele Zweifel und Überlegungen lassen sich nicht mehr wegdiskutieren. Und hinter dem Mythos Elser bleibt die Wirklichkeit schwer erkennbar.

Update 5.4.2018

Auf Empfehlung eines Elser-Experten habe ich noch ein drittes Buch gelesen. Es ist für eine Einführung das beste der drei, sehr gut recherchiert und geschrieben.HaasisElser
Haasis berichtet z.B. aus Schweizer Nachforschungen über die Arbeit Elsers in Bottighofen/Thurgau:
Elser hatte die Angewohnheit, im Sommer bei schönem Wetter nachmittags während der Arbeitszeit seine Badehose zu nehmen und an den See zu gehen. Der Meister wie sein Sohn waren einverstanden. Der Sohn fügte vor der Polizei anerkennend hinzu: „Die versäumte Zeit hat er jeweils abends wieder reichlich nachgeholt.“
Elser war mit der Anwendung der flexiblen Arbeitszeit nicht nur seiner Zeit weit voraus, er offenbarte darin ein Selbstbewusstsein, das zu einem Proletarier nicht so recht passte. Und das genau zu der Zeit, als er in kommunistischen Kreisen verkehrte. Wenn Elser, was nicht zu bezweifeln ist, sich als Sozialist fühlte, so war er doch gleichzeitig auch Individualist mit einem Drang zur Selbständigkeit, zur eigenen Verantwortung, mit einem starken Freiheitsbedürfnis. Sein wenig proletarisches Verhältnis zur Arbeit zeigte sich ähnlich an anderen Arbeitsverhältnissen.

Sagen wir so: Elser war ein freisinniger Arbeiter und hat damit gut in die Schweiz gepasst. U.a. den Verlust der Vertragsfreiheit für Arbeiter, also des Rechts, ihren Arbeitgeber frei zu wechseln, hat er später den Nazis sehr übel genommen.

Buback: Vierzig Jahre danach

Heute vor 40 Jahren wurden in Karlsruhe Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft Georg Wurster Opfer eines Attentats der RAF (Rote-Armee-Fraktion). Aus diesem Anlass hat Michael Buback, der Sohn des Anschlagsziels, des damaligen Generalbundesanwalts, Ken Jebsen ein ausführliches Interview gegeben. Wenn Sie 2 Stunden Zeit haben, schauen Sie es sich an und verschaffen Sie sich einen Eindruck davon, dass Michael Buback ein klarer, sorgfältiger und abwägender Mensch ist, der ganz genau überlegt und weiß, was er sagt:
KenFM_Buback

Nachtrag 9.4.2017: Dieser Film des ZDF ist sehr informativ und deutlich kürzer.

Eine eigene WELT mit RAF-Komplex

Wenn Sie dann noch Zeit haben, lesen Sie sich zum Vergleich diesen Artikel aus der Tageszeitung Die Welt vom 6.4.2017 durch:

Warum der Mord an Siegfried Buback ungeklärt bleibt

Was überzeugt Sie mehr, der Artikel oder das Interview mit Michael BuBuchback?

Der Artikel behauptet u.a., dass das Buch von Michael
Buback voller „unbelegter Verschwörungstheorien“ sei.
Ich habe das Buch gründlich gelesen, mich mit dem Autor persönlich unterhalten und auch sehr viele andere Dokumente, Berichte und Interviews von ihm gelesen und kann Ihnen sagen, dass das Buch noch sehr viel akribischer, sorgfältiger und natürlich ausführlicher ist, als das Interview mit Ken Jebsen zeigen kann. Das Buch beschreibt skrupulös den Weg vom Glauben an die Korrektheit der Ermittlungsergebnisse bis zur Gewissheit über die wahre Täterin und ihre systematische Deckung durch die Ermittlungsbehörden. Und diese Deckung hält bis heute an, nicht nur durch die Behörden, sondern auch durch Medien wie Die Welt, die offensichtlich kein Interesse daran haben, dass die Öffentlichkeit alles erfährt, was man heute sicher wissen kann, wenn man sich für den Fall interessiert.

Wie schlecht die Zeitung arbeitet, die einem geradezu wissenschaftlich arbeitenden Autor „unbelegte Verschwörungstheorien“ grundlos unterstellt, sei als Einstieg nur an zwei Beispielen belegt:

1.) Der dritte Tote

Der Welt-Autor schreibt:
Generalbundesanwalt Siegfried Buback und sein Fahrer Wolfgang Göbel sind tot, auf der Rücksitzbank liegt Georg Wurster, der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, im Sterben.
Das ist objektiv falsch. Georg Wurster lag nach dem Attentat nicht im Sterben, sondern starb erst 6 Tage später. Das kann man u.a. in diesem Artikel der Wiener Zeitung Die Presse nachlesen. Auch in der Zwischenzeit lag Georg Wurster nicht im Sterben, sondern er hat im Krankenhaus Besuch von seinem obersten Dienstherrn, Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel empfangen, wie man u.a. schon im Spiegel lesen konnte: „Siegfried Bubacks Begleiter Georg Wurster bekam im Krankenhaus Besuch von Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel, aber niemand vernahm Wurster als Zeugen – fünf Tage später starb er an den Folgen des Attentats. Den Hinweisen und Aussagen, dass eine Frau vom Soziussitz aus geschossen haben könnte, gingen die Ermittler ebenfalls nicht nach.

2.) Keine Anklage gegen Sonnenberg

Günter Sonnenberg gilt bis heute als einer der 3 Täter von Karlsruhe. Dazu schreibt Die Welt:
Außerdem galt als direkt tatbeteiligt Günter Sonnenberg. Er hatte nachweislich das Motorrad gemietet, die seinerzeit stärkste Serienmaschine der Welt. Freilich wurde Sonnenberg dafür nicht angeklagt, weil er wegen eines anderen versuchten Doppelmordes bereits zu „lebenslänglich“ verurteilt war: Mehr Strafe ging ohnehin nicht.
Die unterstrichene Begründung ist sehr flapsig, nicht wahr? Er hat für 2 versuchte Morde lebenslänglich erhalten, eine überharte Strafe, wurde aber für 3 vollendete Morde nicht einmal angeklagt! Warum? Ist das nicht merkwürdig? Die Presse liefert in ihrem Artikel einen Hinweis auf den wahren Grund, warum er für das Karlsruher Attentat nicht angeklagt wurde:
Am 3. Mai 1977 gerieten Sonnenberg und Verena Becker, ebenfalls RAF-Mitglied, in Singen in eine Personenkontrolle. Sie schossen zwei Polizisten nieder, konnten schließlich festgenommen werden. Becker hatte die Karlsruher Tatwaffe bei sich. Wegen Mordversuchs an zwei Polizisten wurden sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Verfahren im Fall Buback gegen Becker wurde 1980 eingestellt, das gegen Sonnenberg 1982 wegen Verhandlungsunfähigkeit.
Ist Ihnen aufgefallen, dass Die Welt Verena Becker nicht im Zusammenhang mit Günter Sonnenberg erwähnt hat, Die Presse aber sehr wohl?
Über solche merkwürdigen Dinge hat sich Michael Buback sehr sorgfältige Gedanken gemacht und hat sich nirgendwo mit so billigen Begründungen zufrieden gegeben wie der Artikel in Die Welt. Er folgert, dass man Sonnenberg offensichtlich deshalb nicht für das Karlsruher Attentat angeklagt hat, weil dann auch über die Tatbeteiligung von Verena Becker hätte öffentlich gesprochen werden müssen. Mit unzähligen Puzzleteilen, die im Verbund ein völlig untrügliches Bild ergeben, schafft er sich Gewissheit über die Täterschaft Beckers und ihren Schutz durch Ermittlungs- und Anklagebehörden. Im Ergebnis hat sie nämlich für diesen Dreifachmord keinen Tag im Gefängnis gesessen, von der Strafe für andere Taten wurde sie schon 1989 begnadigt. Der Artikel von Die Welt hält diese Deckung bis heute sorgsam aufrecht, wie wir uns soeben gemeinsam in einem kleinen Vergleich mit Die Presse überzeugt haben.

Nicht einfach immer nur Lügenpresse

Es gibt in den deutschsprachigen Medien alle Abstufungen, wenn es um die Fairness und Faktentreue im Fall Buback 40 Jahre nach der Tat geht:

++ Bayerischer Rundfunk: Die dubiose Rolle der Verena Becker
+  HR-Info: „Eigentlich ist klar, was damals passiert ist.“
+  Stuttg. Nachrichten: Diese Aufklärung ist er seinem Vater schuldig
o  Presse: RAF-Mord Buback: Für den Sohn wird der Fall „immer unklarer“
o  Heute: Wer hat Siegfried Buback erschossen?
o  Morgenpost: So lief das Attentat auf Siegfried Buback am 7. April 1977
–  Tagesschau: Als der „deutsche Herbst“ begann
— Die Welt: Warum der Mord an Siegfried Buback ungeklärt bleibt

Das Verschleiern im Fall Buback ist in Die Welt Chefsache

Ist es Zufall, dass Die Welt ganz besonders schlecht im Feld liegt? Lesen Sie selbst, was der Chefredakteur und „RAF-Experte“ Stefan Aust 2012 anlässlich des Urteils im Becker-Prozesses zum Besten gegeben hat, den Michael Buback angestrengt hatte. Man erkennt immerhin, dass Aust wesentlich geschickter agiert beim Verdrehen und Vernebeln der Fakten als der aktuelle Artikel in seiner Zeitung. So erwartet man das von einem Meister seines Fachs.

Wer mehr wissen und weniger glauben will, sollte das Buch lesen. Ich kennen keinen anderen Terrorfall, in dem gegen die offizielle Tatversion so viele Details so überzeugend geklärt worden sind. Das ist der Einzelleistung des Autors und seiner Frau zu verdanken und glücklichen Umständen.
Buch

Die Moral von der Geschicht‘:

  • es gibt hier keine einheitliche Lügenpresse, sondern Licht und Schatten
  • Stefan Aust und seine WELT haben besonders wenig Interesse an der RAF-Wahrheit
  • die ÖR-Medien können auch sehr gut sein (wenn sie wollen)

 

Nachtrag 8.6.2017:
Eines von vielen Puzzleteilen, die das Bild von Michael Buback bestätigen und die man kennen sollte. Und noch mehr. Es gibt unglaublich viele Hinweise aus verschiedenen Richtungen.

Nachtrag 7.8.2017:
Ein Interview mit Michael Buback in den Nachdenkseiten.

 

Kleine Theorie zum Täter von Berlin

Die Grundlage

buchdeckel

Eine hervorragende, sorgfältige, sehr sachliche Recherche des Sohnes über die Ermordung seines Vaters.
Eine herausragende Rolle für diese Recherche spielten die Nachrichten des 1. Tages, in denen von einer zierlichen Person, vermutlich einer Frau, die Rede war, die auf dem Sozius gesessen und auf das Dienstfahrzeug geschossen hat, bestätigt durch mehrere Zeugen, die sich später wieder bei Michael Buback gemeldet haben.
Die Nachrichten des ersten Tages waren gut, weil (noch) nicht steuerbar. Danach haben die Verfälscher eingegriffen und ein gewünschtes Bild mit Hilfe der Medien produziert.
Der Autor widerlegt diese Korrekturen und entwickelt eine höchst plausible Theorie zur Tat und zur Deckung der Täterin durch Behörden.

Berlin: die Top-Nachricht des 1. Tages

Herausragende Nachricht des 1. Tages nach dem furchtbaren Attentat ist die glückliche Verhaftung des Täters mit Hilfe eines Zeugen, der dem fliehenden Fahrer über eine weite Strecke nachgelaufen ist und eine Polizeistreife auf ihn aufmerksam gemacht hat. Quelle

Ein ungeheurer Glücksfall wird sauer

Die schnelle Verhaftung des mutmaßlichen Fahrers ist ein Glücksfall, mit dem weder aus Sicht der Behörden noch des Täters zu rechnen war. Die Chancen für eine erfolgreiche Flucht standen im Chaos eigentlich sehr gut.
Was wäre nun, wenn sich dieser Glücksfall für die Hintermänner des Täters zu einem GAU entwickelt hätte, weil evtl. der Täter schnell „gesungen“ hat? Was wäre, wenn es sich bei den Hintermännern des Täters um einen Geheimdienst handeln würde, der mächtig genug ist, um mit der Bundesregierung über eine andere „Lösung“ zu verhandeln?
Für eine Freilassung des 1. Tatverdächtigen im Zuge einer solchen Lösung spricht unter anderem die kurz Frist bis zur Freilassung. Man würde erwarten, dass nach diesem starken Beginn der Ermittlungen auch der Beweis einer möglichen Unschuld eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und bis dahin der einzige ermittelte Täter nicht freigelassen, sondern zur Sicherheit weiter inhaftiert wird. Die Aufmerksamkeit des Publikums und der Wunsch, einen möglichen Täter nicht voreilig frei zu lassen, sind verständlicherweise sehr hoch.

Eine andere Lösung musste her

Für eine andere Lösung blieben in diesem Fall zwischen 24 und 36 Stunden, sehr knapp. Nach der Freilassung im Rahmen eines Deals ist klar, dass die Ermittlungen keinen echten Täter mehr liefern werden. Also muss ein Ersatz-Täter her. Man nimmt da keinen Unschuldigen, sondern durchaus einen „schweren“ Jungen, den man bisher nicht hat abschieben können. Die Innenministerkonferenz sucht und findet ihn beim Innenminister Jäger in NRW.
Jetzt muss die Berichterstattung eingenordet werden: der Glücksfall vom 1. Tag wird kassiert. Die Botschaft lautet jetzt, dass der Zeuge den Fliehenden bald verloren hatte und deshalb der falsche verhaftet worden ist. Der neue Täter wird mit einer großen Überdosis an Beweis glaubhaft gemacht: seinem Ausweispapier unter dem Sitz im LKW. Das ist sehr dick aufgetragen, aber bewährt.  Das Problem, warum ein Asylbewerber aus NRW ein Attentat in Berlin durchführt, wo er sich ja nicht auskennen sollte, wird ebenfalls offensiv in Medienberichten adressiert. Der freigelassene 1. Tatverdächtige aus Berlin ist unterdessen spurlos verschwunden. Der Irrtum seiner Verhaftung wird jetzt intensiv medial in die Köpfe gebläut, damit der erste Eindruck eines Ermittlungsglücksfalls verschwindet.

Wie bereits in der Überschrift ausgedrückt handelt es sich bei der hier vorgestellten Hypothese nur um eine Arbeitshypothese, die aber die bisher medial beobachtbaren Vorgänge, Berichte und Überraschungen bereits ganz gut erklären kann. Die Zeitachse ist sportlich, aber machbar, ganz ähnlich wie im Fall Buback: am 2. Tag stand die offizielle Geschichte.
Eine Verschwörungstheorie kann die richtige Theorie sein, wenn sie die Phänomene richtig beschreibt, muss aber nicht. Die Leser sind eingeladen, diese Theorie für sich und im Bekanntenkreis weiterzuspinnen und um kleine Details zu ergänzen, die das Bild rund machen, bzw. zu widerlegen durch Aufzeigen von Widersprüchen.
Wenn diese Theorie dazu beiträgt, die Masse der Muslime, auch die im letzten Jahr chaotisch eingewanderten Flüchtlinge und sonstigen Migranten vom Verdacht zu entlasten, dass von ihnen jederzeit, spontan und selbstorganisiert mit so einem menschenverachtenden Attentat zu rechnen ist, freut das den Autor dieser Verschwörungstheorie. Es ist eine Sache, wenn junge Männer (in ihrer Not) Frauen in Schwimmbädern und auf Festen begrapschen oder auch kleinkriminelle Aktivitäten beginnen, aber Terrorismus dieser Art ist eine ganz andere Sache. Ich glaube nicht daran. Viel eher ist der Tunesier aus NRW ein Sündenbock für Staatsterrorismus. Das kann selbst dann stimmen, wenn er Islamist war: zu offensichtlich werden die Beweise zusammengeschustert.

Nachtrag 22.12.2016:
Lutz Bachmann hat bereits am Abend der Tat angebliche Informationen aus der Berliner Polizeiführung über einen tunesischen Täter getwittert. Hat Bachmann wirklich Beziehungen in die Berliner Polizeiführung? Oder ist er doch ein V-Mann  der Dienste, was man schon lange vermuten konnte? Wenn ja, wäre es ein großes Opfer der Dienste, ihn so umzuwidmen und seine (unverständliche) Glaubwürdigkeit bei PEGIDA massiv aufs Spiel zu setzen. Das spricht für eine extreme Notlage am Abend des Attentats wegen der schnellen Verhaftung des Verdächtigen.
In jedem Fall muss die Theorie über die Auswahl des 2. Täters angepasst werden: er wurde bereits am Abend der Tat gehandelt. Der intensive Geruch nach Geheimdiensten bei dem Attentat hat sich aber nochmals verstärkt.

Die Nachrichtenmaschine läuft auf Hochtouren, denn die unverständlichen Punkte müssen plausibel gemacht werden: Wie konnte Lutz Bachmann schon am Montagabend vom 2. Tatverdächtigen wissen? Warum wurde das ominöse Dokument im LKW so spät gefunden?
Bei der SZ muss der Leyendecker wieder ran, seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Desinformanten, wenn es darum geht, eine staatliche Version zu einem Verbrechen stur zu verbreiten, gegen jede Rationalität. Das ist unter anderem in diesem Buch zum Mordfall Barschel sehr ausführlich nachzulesen:
mordderkeinerseindurfte

Nachtrag 23.12.2016:
Der Ersatzmann Anis Amri ist heute in Mailand erschossen worden. Es passt perfekt in meine Theorie, dass er nicht lebend gefasst worden ist. Einem Toten muss die Tat nicht mehr nachgewiesen werden. Damit kann das Narrativ ewig aufrecht erhalten werden und niemand wird mehr nach dem anderen Tatverdächtigen fragen. Das ist das Prinzip Lee Harvey Oswald. Oswald hat nie und nimmer Kennedy erschossen und Anis Amri hat höchstwahrscheinlich nicht den Lastwagen gefahren. Der Herr sei seiner Seele gnädig.

Der erste Knackpunkt

Amri soll auf die Polizisten mit einer Waffe des Kalibers .22 geschossen haben (man muss verrückt sein, um mit Kleinkaliber auf bewaffnete Polizisten zu schießen), mit dem auch der LKW-Fahrer von Berlin getötet worden sein soll, nachdem er zuvor mit einem Messer attackiert worden war. Wären die Tatwaffen beider Taten wirklich identisch (nicht nur das Kaliber), wäre meine Theorie widerlegt.
Hierbei ist aber zu bedenken, dass alle Berichte über eine Erschießung des polnischen LKW-Fahres bereits vom 20.12. stammen, also nicht mehr zu den ganz frühen Meldungen gehören wie die von der Festnahme des pakistanischen Tatverdächtigen. Interessant ist hierbei auch, dass der polnische Spediteur, der die Leiche identifiziert hat, selbst nur die Messerstiche gesehen haben will, von der Schussverletzung habe er nur von der Polizei erfahren:
berlin_polnischerfahrer

Es gibt also bisher keine frühen und keine unabhängigen Aussagen über eine Schussverletzung des toten LKW-Fahrers, nur Polizei- und Staatsaussagen. Auf diesem detaillierten Liveticker ist eine Erschießung des LKW-Fahrers erstmals am 20.12. um 10:09  Uhr erwähnt, also eine gute Stunde nachdem die Ermittlungen an die BAW und das BKA abgegeben worden waren. Zwei weitere Stunden später gab es erste Meldungen, dass der 1. Verdächtige alles abstreitet.
Für jemandem, der dem Staat nicht traut, insbesondere wenn es um BAW, BKA, Terrorismus und Schusswaffenidentität geht, ist meine Theorie also immer noch nicht widerlegt. Allerdings spricht einiges dafür, dass Amri bereits länger als Sündenbock vorbereitet gewesen sein müsste als zunächst vermutet. Immerhin hätte man gewusst, dass er eine Pistole mit Kaliber .22 besitzt und verrückt genug ist, diese Kleinwaffe auch gegen viel besser bewaffnete Polizisten einzusetzen.

Nachtrag 24.12.2016:
Quer durch die Bank versuchen Medien mit enormem Aufwand (aber wenig Überzeugungskraft) die offensichtlich grassierenden Zweifel wegen der gefundenen Dokumente zu zerstreuen.

Nachtrag 30.12.2016:
In den letzten Tagen sind weitere interessante Punkte aufgetaucht:
Die merkwürdige Geschichte, dass der polnische Fahrer nach der Kaperung des LKW noch stundenlang gelebt hatte und erst nach dem Attentat am Breitscheidplatz getötet wurde, ist am 26.12.2016 kassiert worden. Der Fahrer sei zwischen 16:30 und 17:30 Uhr tödlich verletzt worden, also sehr bald nach der Kaperung (um 16:00 Uhr wurde der Fahrer in einer Berliner Döner-Bude aufgezeichnet). Welchen Grund hätten Terroristen haben sollen, den Fahrer als Risiko lebend und handlungsfähig mitfahren zu lassen? Diese Story ist fast eine Woche lang durch die Medien gegeistert, ohne in Zweifel gezogen zu werden. Warum sind die meisten Medien so unkritisch? Warum werden solche Unstimmigkeiten immer nur in alternativen Medien besprochen? Warum sieht sich der Mainstream immer bemüßigt offizielle Versionen nicht nur zu verbreiten, sondern auch noch zu verteidigen? Sind solche Geschichten Fake News?
Der Vorort bei Mailand, an dem Anis Amri erschossen wurde, liegt nur einen kurzen Fußmarsch von der Firma entfernt, bei der der polnische LKW vor dem Attentat beladen wurde, um seine Fracht nach Berlin zu bringen. Es wäre also absolut möglich, dass Amris Fingerabdrücke bei Mailand einige Tage zuvor an die LKW-Tür geraten sind. Wer sagt denn, dass Amri Mailand zwischenzeitlich verlassen hat und in den Tagen zuvor in Berlin war? Für einen Sündenbock wäre das ganz unnötig.
Die italienische Presse wusste übrigens bereits am 20.12., am Tag nach dem Attentat, ganz genau, wo der LKW von Berlin womit beladen wurde, noch bevor in Berlin der Ausweis von Amri gefunden worden sein soll.
Und noch etwas war merkwürdig: Die mediale Inszenierung des heldenhaften Polizisten von Sesto San Giovanni:
polizistsestosangiovanni
Der Mann ist mit einer Kleinkaliber-Pistole an der Schulter getroffen worden. Mit einer solchen Waffe können Sie ein Karnickel im Garten von ihrem Wohnzimmerfenster aus erschießen, wenn es nicht mehr als 10 Meter entfernt ist. Sie müssen aber den Kopf treffen! Ein Treffer durch die Uniform an der Schulter eines erwachsenen Mannes verursacht eine schätzungsweise minimale Verletzung, vielleicht einen Bluterguß und eine oberflächliche Wunde. Warum liegt der Mann im Krankenbett? Warum ist seine Schulter mit Wundgaze abgedeckt? Muss er als Leichtverletzter nie aufstehen? Läuft er dann mit einer nackten Wunde herum und drapiert anschließend die Gaze wieder drauf? Warum feiern ihn seine Kollegen wie einen Helden? Ist das glaubhaft? Kann das echt sein? Das zweite Foto zeigt es noch deutlicher:
polizistsestosangiovanni2

Der Verletzte telefoniert mit der linken Hand und muss den rechten Arm dabei stillhalten, damit die Wundgaze nicht herunterrutscht. Stellen Sie sich mal kurz vor, dass Sie so liegen müssten: wie legen Sie das Telefon auf dem Bettkasten im Hintergrund ab, ohne die rechte Schulter vom Bett zu erheben?
Die Wundgaze ist offensichtlich Dekoration, nur für das Foto aufgelegt. Vieles spricht auch hier für eine Inszenierung.

Fazit

Die Geschichte ist an vielen Stellen merkwürdig und unglaubwürdig. Die normalen Medien hinterfragen diese Merkwürdigkeiten nicht, sondern bemühen sich in erstaunlicher Einheitlichkeit, den Leser über sie hinwegzutäuschen. Der begründete Anfangsverdacht einer Lügengeschichte und Inszenierung ist gegeben.

Man hüte sich aber davor, eine bestimmte Geschichte für bewiesen zu halten. Dafür wären noch viele Details zu recherchieren und zu dokumentieren. Dieses Blog hat dafür weder Zeit noch eine ausreichende Motivation, aber jedes Verständnis, wenn andere das ordentlich tun, zum Beispiel Angehörige des vermeintlichen Täters Amri oder Muslime, die das Berliner Verbrechen nicht auf ihrer Religion sitzen lassen wollen. Volles Verständnis!
Alternative Medien hinterfragen zwar die Merkwürdigkeiten bei diesem Verbrechen, haben aber oft ebenfalls nicht den nötigen langen Atem, um gute Arbeit abzuliefern. Allzu schnell wird eine bestimmte Variante des Geschehens für bewiesen erklärt, das Beweisbare nicht von der Spekulation getrennt. Auch da sollte man skeptisch bleiben.

Die große Schwierigkeit bei diesem Fall besteht darin, dass es niemals einen Prozess geben wird, weil der Täter tot ist. Die Angriffspunkte zur Aufdeckung von Lücken und Widersprüchen sind gering, weil keine Anklageschrift sich bemühen muss, eine konsistente Version der Ereignisse zu liefern. Dazu kommt die Verteilung der Tatorte auf Deutschland und Italien, getrennte Ermittlungen in verschiedenen Sprachen. Durch die kleinen Recherchen oben ist aber bereits deutlich geworden, dass eine gute Theorie, die das Geschehen anders erklärt als die offizielle Version (eine sogenannte „Verschwörungstheorie“), davon ausgehen müsste, dass Amri nicht ad-hoc als Ersatztäter ausgewählt worden ist, sondern als Sündenbock sorgfältig vorbereitet war. Meine Arbeitshypothese, die das anders gesehen hatte, kann bereits als widerlegt gelten. Sollte die offizielle Geschichte aber gegen jede Evidenz doch stimmen, dann wäre sie ebenfalls ein Desaster für die Fähigkeiten der deutschen Sicherheitsbehörden. Wir haben nur die Wahl, was uns lieber ist: die Opferung eines Sündenbocks für ein Geheimdienstverbrechen oder pure Inkompetenz.

Sehr viel günstiger sind die Voraussetzungen im NSU-Komplex: jahrelange Berichterstattung über einzelne Taten, eine Anlageschrift und ein mehrjähriger Prozess mit entsprechender Berichterstattung liefern zahlreiche Eindrücke und Angriffspunkte. Insbesondere hat sich der Eindruck verbreitet und festgesetzt, dass das Ende des NSU in Eisenach kein Selbstmord, sondern ein Doppelmord war. Vergleichen Sie dazu auch meine eigene Medienrecherche von Ende 2014: Nichts davon muss zurückgenommen werden. Die offizielle Geschichte ist faul, ein Doppelmord wird gedeckt, aus welchen Gründen auch immer.

Wenn Sie aber eine besonders klare Terrorgeschichte nachlesen wollen, bei der die staatliche Version unhaltbar war und von einem äußerst peniblen Forscher detailliert wiederlegt worden ist, kann ich Ihnen das Buch von Michael Buback (s.o.) nur wärmstens empfehlen. Wegen vieler günstiger Umstände, u.a. seiner wissenschaftlichen Kompetenz und Akribie, seinem  nachvollziehbaren hohen Interesse an der Wahrheit und seiner ideologischen Ferne von den Tätern, hat der Autor eines der besten Bücher dieser Art abgeliefert. Eines,  das sich so schnell nicht wird übertreffen lassen. Es lohnt sich, genau dieses Buch zu lesen.

Hier erklärt Christoph Sieber die Funktion des „internationalen Terrorismus“.

Nachtrag 2.1.2016:
Seit einigen Tagen kommt ein angeblich zwischenzeitlich Verdächtigter in den Medien zu Wort, der Pakistaner ist und Naveed B. heißt. Es wäre ein Fehler zu glauben, dass jemand, der so öffentlich auftritt, im Szenario meiner Arbeitshypothese der wirkliche Täter gewesen sein kann. Vielmehr würde seine Aufgabe sein, eine klassische Fehlspur zu legen, um den wirklichen Täter als zweiter Schutzring zu schützen (der erste Schutzring ist Anis Amri). Das erste Indiz dafür sind seine Behauptungen, er sei von der Polizei misshandelt worden. Das erzeugt ordentlich Wirbel und lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums ab.
Das zweite Indiz findet man im oben schon erwähnten Liveticker am 19.12.2016 um 23:45 Uhr:“Der mutmassliche Täter soll pakistanischer Nationalität sein. Zunächst hiess es, er sei Tschetschene.
Die Originalmeldung dazu stammt aus der WELT:
tschetschene

Interessant, oder? Die Polizei hat noch keine Angaben gemacht, aber die WELT weiß, dass es sich nicht um ein Tschetschenen, sondern um einen Pakistaner handelt. Von wem? Von den Diensten. Das passt: Stefan Aust ist bekanntermaßen ein ebenso dienstfertiger Journalist wie Hans Leyendecker und immer wieder in Terrorfällen hyperaktiv unterwegs (u.a. auch in den Wendungen des Mordfalls Buback). Auch der Tagesspiegel berichtet „unter Berufung auf Sicherheitskreise“, also auf Dienste.
Wenn meine Theorie stimmt, wurde bereits hier ein weiterer Schutzring um den wahren Täter gelegt, zusätzlich zu Anis Amri. Nur der Zeuge, der ihn verfolgt hat und die ersten Ermittler der Berliner Polizei würden wissen, dass es ihn gibt und dass er womöglich mit Naveed B. gar nichts zu tun hat. Welche Chancen hätten sie noch, mit ihrem Wissen die Öffentlichkeit zu erreichen und zu überzeugen?

Nachtrag 26.2.2017:
Dieses Video sollte man sich zum Thema Amri (und Sicherheit vs. Überwachung) unbedingt anschauen.

Nachtrag 16.3.2017:
Wer unbedingt daran glauben will, dass das Attentat so stattgefunden hat wie berichtet, findet hier den passenden Ausgang.

Nachtrag 4.4.2017:
Paul Schreyer: Einige Fragen zum Anschlag in Berlin

Nachtrag 25.05.2017:
Seit einigen Tagen kursieren Berichte, dass das Landeskriminalamt Berlin Akten zu Amir gefälscht habe, Beispiel: Das ist die gefälschte Akte im Fall Anis Amri
Was ist davon zu halten? Es geht um Vorwürfe von relativ geringer Schwere: Amri hätte vor dem Attentat wegen Drogenhandels verhaftet werden müssen. Man sagt damit, dass das Attentat hätte verhindert werden könne, aber wegen Behördenschlamperei nicht wurde. Zur Vertuschung dieser Schlamperei seien dann Akten gefälscht worden. Diese Delikt wird von Politik und Medien unglaublich aufgebauscht: der Innensenator hat Anzeige gegen das LKA erstattet. Ich möchte aber wetten, dass nichts Substanzielles passieren und es keine substanzielle Strafe geben wird, nur jede Menge Fakes.
Der ganze Wirbel wäre geeignet davon abzulenken, dass mit dem Attentat etwas viel Grundlegenderes nicht stimmt. Das alles fühlt sich für mich so an wie der ständige Wirbel über Behördenversagen beim NSU. Nebelkerzen um kleines Versagen, die einen großen Betrug und viel schwerere Verbrechen verschleiern.

Nachtrag 10.7.2017:
Das Thema Amri wird weiterhin heftig nachbearbeitet. Besonders interessant sind die Artikel von Magazinen und Journalisten, die bereits in anderem Zusammenhang als extrem staatsnah aufgefallen sind. Hier der SPIEGEL und sein „Chefreporter“ Jörg Diehl:
Gescheiterte Ausreise war Auslöser für Amris Anschlag.
Unterschlagen wird dabei grundsätzlich, dass niemand den Auslöser kennt, dass man sich hier immer im Feld der Spekulation bewegt. Aber die Amri-Story an sich wird dadurch nochmals in die Köpfe gebläut.
Warum stoppte niemand Amis Amri?
Hier geht es darum, das (mutmaßliche) Versagen der Behörden einerseits zu wiederholen (und damit die grobe Story nochmals zu bestätigen) und andererseits darum, das Versagen so weit zu banalisieren („Buchstabendreher“), dass diese Behörden ihre Autorität nicht verlieren. Mit einiger Erfahrung findet man immer wieder dieselben Muster: Wiederholung des groben Plots, „Pleiten, Pech und Pannen“, Mehr Kompetenzen für den Staat als Masterlösung

Nachtrag 20.10.2017TrügerischeSicherheit
In diesem Buch von Peter Schaar findet man einen
interessanten Satz über Amri, der sich auch in der Vorschau nachlesen lässt:

BuchauszugAmri

Man findet hier dasselbe Prinzip „Pleiten, Pech und Pannen“ wie bei der RAF und wie beim NSU. Die Vermutung, dass sich dahinter schützende Hände von Teilen des Sicherheitsapparats selbst befinden, ist einfach nur rational.

Nachtrag 11.03.2018
Im Dezember 2017, ein knappes Jahr nach dem Attentat am Breitscheidplatz, ist ein Artikel im Magazin ‚Rubikon‘ erschienen, der ebenfalls die Korrektheit der offiziellen Darstellung des Attentats in Zweifel zieht.

Nachtrag 14.06.2018
1,5 Jahre nach der Tat ist einem Innenpolitiker der Grünen auch bewusst geworden, dass es da bei Mailand einen interessanten „Zufall“ gab:
KonstantinVNotz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Märchen aus Deutschland

Der französische Journalist Luc Rosenzweig war u.a. von 1987 bis 1991 Deutschlandkorrespondent für Le Monde. Zum Abschied hat er damals diesen Text in der ZEIT veröffentlicht. Jetzt hat er im Meinungsmagazin ‚Causeur‘ einen sehr spöttischen Beitrag über die deutsche Berichterstattung zu al Bakr, dem Terroristen von Chemnitz, geschrieben, den ich hier in Auszügen übersetzt wiedergebe:

Flüchtlinge gegen Terroristen:
ein Märchen aus Deutschland

Uff, die Merkel’sche Moral  ist unbeschädigt

Bevor er sich in seiner Zelle erhängte, war der syrische Migrant, der wegen der Vorbereitung eines Terroraktes verhaftet wurde, von einigen seiner Landsleute überwältigt und angezeigt worden. Die „guten“ Syrer neutralisieren den bösen: das ist die schöne Geschichte, die (sich) die deutschen Behörden erzählen…

(zuerst beschreibt er die Abläufe, die zur Festnahme führten und die in Deutschland überwiegend bekannt sein dürften)
….
Für die Behörden ist das ein Geschenk des Himmels in Sachen Kommunikation: die Boulevard-Presse fing an sich darüber aufzuregen, dass die Polizei unfähig war, einen Terroristen auf der Flucht zu „schnappen“ und die Opposition von rechts gegen die Regierung Merkel sah sich in ihren Anschuldigungen von Inkompetenz im Kampf gegen die Terroristen gestärkt. Indem sie massiv syrische Flüchtlinge ins Land gelassen habe, habe die Regierung laut ihren Kritikern die terroristischen Wölfe in den deutschen Schafstall gelassen. Bingo! Die „guten“ Syrer neutralisieren den bösen. Die Merkel’sche Moral ist unbeschädigt! Das Heldentum des Mohammed A. und seiner Freunde wird von den politisch Verantwortlichen hochgespielt, und Letzterer spricht in den Medien, um ihre Heldentaten zu erzählen, bevor er ein wenig spät merkt, dass ihnen das Unstimmigkeiten mit al Bakrs Freunden einbringen kann…
Angela macht einen Punkt in der öffentlichen Meinung, aber es ist nicht gewiss, dass Mohammed und seine Freunde dabei auf ihre Kosten kommen…
Aber hatten sie überhaupt eine Wahl? Al Bakr laufen zu lassen, hätte aus ihnen Komplizen gemacht und ihr Projekt der Eingliederung in Deutschland zerstört in dem (sehr wahrscheinlichen) Fall, dass die Polizei seinen Fluchtweg rekonstruiert hätte. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, den 13. Oktober, nimmt sich der „am besten überwachte Gefangene Deutschlands“ das Leben durch Erhängen in seiner Zelle im Gefängnis von Leipzig, und beraubt die Ermittler dadurch der Hinweise auf seine Ziele und sein eventuelles Terrornetzwerk, die er hätte geben können. Die Polemik geht wieder los und manche böse Zungen jenseits des Rheins meinen, dass es sinnvoller gewesen wäre, al Bakr in der Obhut seiner Denunzianten zu belassen. Es gibt keine Moral in dieser Geschichte!

Kommentare:

  • Rosenzweig ist heute definitiv nicht mehr das, was er in dem ZEIT-Artikel von 1991 immer bleiben wollte: ein Linker. Er ist vielmehr ein typischer Vertreter der islamkritischen Intelligenz jüdischer Abstammung in Frankreich, keiner von den ganz polemischen (wie sie in Deutschland von Henryk Broder repräsentiert werden), sondern gemäßigt, aber doch deutlich.
  • Wichtiger für diesen Beitrag: Rosenzweig veröffentlicht weiterhin viele Beiträge über Deutschland und kennt sich hierzulande gut aus. Die scharfe Kritik an der deutschen Politik und insbesondere der Regierung Merkel ist dabei unübersehbar. Da hat sich in den letzten 25 Jahren sehr viel Entfremdung angesammelt, und es lohnt sich den oben verlinkten ZEIT-Beitrag zum Abschied aus dem wiedervereinigten Deutschland nochmals zu vergleichen.
  • Insbesondere hört man aus dem Beitrag jede Menge Erstaunen heraus, mit was für rührenden Geschichten, Politiker der deutschen Öffentlichkeit kommen können, ohne ausgelacht zu werden: „Märchen aus Deutschland“, Kindergartengeschichten.
  • Rosenzweig deutet beispielsweise ganz kühl darauf hin, dass al Bakr das Wissen um Ziele und Hintermänner des geplanten Anschlags mit ins Grab nimmt. Daraus folgt unmittelbar die Frage, ob andere als er selbst ein Interesse an seinem Tod gehabt haben könnten. In Deutschland stellen diese Frage nur sehr wenige „Verschwörungstheoretiker“, dafür gibt es jede Menge Anklagen gegen die „rassistischen“ Sachsen, die mal wieder einen irgendwie doch bedauernswerten Möchtegernterroristen wenn nicht gemeuchelt, dann eben nicht am Selbstmord gehindert haben. Ist Deutschland tatsächlich in diesem Ausmaß ein Kindergarten der dummen Betroffenheit, dass es praktisch jedem wachen ausländischen Beobachter auffallen muss?
  • Ceterum censeo Angelam esse mittendam (Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Angela Merkel gefeuert werden muss)

Nachtrag 9.9.2017:
Passend dazu ein Interview mit Douglas Murray in der Basler Zeitung:
„Jedes Mal, wenn es in Deutschland einen Anschlag gibt, ist Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, darauf angewiesen, dass die Schuld daran nicht ihr angelastet wird. Der jeweilige Attentäter darf also keiner sein, der vor Kurzem auf ihre Einladung hin nach Deutschland gekommen ist. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine simple Beobachtung.“

Ein großer Politiker und Ehrenmann

war

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François Mitterrand

Geboren am 26. Oktober 1916, also vor demnächst  100 Jahren, hatte Mitterrand bereits eine äußerst bewegte politische Karriere hinter sich, als er 1981 Präsident der Republik wurde und zwei Amtszeiten lang bis 1995 blieb.
Besonders interessant sind jeweils sehr „ambivalente“ Rollen in prägenden Ereignissen der französischen Geschichte:

– zwischen dem Kollaborationsregime von Vichy  und der  Résistance
– beim  Kampf um Algerien
– beim Putsch gegen General de Gaulle

Seine wirkliche Rolle blieb für die französische Öffentlichkeit immer hinreichend dubios, damit ihm einerseits viele links und rechts nicht über den Weg trauten, er aber mit einer Anfang der 70er Jahre neugegründeten Partei, der Sozialistischen, doch noch Präsident werden konnte. Er wurde ein gerade in Deutschland sehr angesehener Staatsmann und Partner von Helmut Kohl.

In diesem Blog-Beitrag geht es um eine Episode, die mir erstmals ein konservativer französischer Studienfreund Anfang der 90er Jahre erzählt hat, und die ein naiver deutscher Sozialdemokrat (damals) kaum glauben konnte:

Das Attentat von der Avenue de l’Observatoire

In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1959 wurde gegen Mitternacht an dieser Straße das Auto Mitterrands, eines Senators und ehemaligen Ministers, von sieben Kugeln durchlöchert, nachdem Mitterrand unverletzt in die Büsche entkommen war. Der Politiker konnte detaillierte Angaben über das Attentat machen.
Die sofort in die Welt gesetzte und verfolgte Spur war, dass Anhänger der Zugehörigkeit Algeriens zu Frankreich (Algérie française), die damalige extreme Rechte in Frankreich, das Attentat geplant und durchgeführt hätten. Mitterrand, der gerade politisch unter Druck gewesen war, gewinnt kurzfristig wieder an Popularität in der Öffentlichkeit und wird zum Anführer im Kampf gegen Rechts, nachdem er zuvor lange Zeit auch als Minister für brutale Politik gegen die algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen verantwortlich war.
Am 27.11.1959 wird die Immunität Mitterrands aufgehoben, am 8. Dezember 1959 Anklage erhoben gegen die Täter des Attentats und Mitterand, der die Täter zuvor getroffen und den Attentatsversuch angestiftet haben soll. Die Affäre schadet ihm politisch für einige Zeit erheblich. Der innere Kampf um Algerien wurde erst später richtig blutig, nachdem den OAS-Sympathisanten dieses eine Attentat mindestens zum Teil untergeschoben worden war und Mitterrand als Sprungbrett dienen sollte.
1966 werden die Ermittlungen im Rahmen einer Amnestie durch den Präsidenten Georges Pompidou eingestellt. Es bleibt für die Öffentlichkeit trotz zahlreicher Bücher und Berichte immer im Nebel, ob das Attentat auf Betreiben Mitterrands inszeniert wurde (einfacher False Flag) oder ob er selbst wiederum dazu überredet und auf diese Weise letztlich hereingelegt wurde. Unbestritten ist aber, dass er selbst wusste, dass ein Attentat gegen ihn durchgeführt werden sollte, bei dem für ihn selbst keine Gefahr bestand, aber ein Werbeeffekt zu erwarten war. Es ist auch unbestritten, dass er die Öffentlichkeit und die Ermittlungsbehörden über sein Vorwissen belogen hat.
Die Welt ist klein: in der Liste der möglichen Hintermänner des Attentats tauchte zeitweilig auch noch Jean-Marie Le Pen auf.

gken in der deutschen Wikipedia

Es ist weder Gedankenlosigkeit noch Angeberei, dass ich im Text oben auf die französische Wikipedia verlinke, um zu zeigen, dass ich mir die Geschichte nicht aus den Fingern gesogen habe. Wie schon gesagt: so habe ich sie schon vor 25 Jahren gehört.
Das Problem besteht darin, dass der Eintrag zu Mitterrand in der deutschen Wikipedia nur eine äußerst knappe Aussage zum Attentat enthält:
„1959 wurde auf Mitterrand auf der Avenue de l’Observatoire in Paris ein Anschlag verübt, dem er durch einen Sprung hinter eine Hecke entkommen konnte. Dieser Anschlag verschaffte ihm hohe mediale Aufmerksamkeit.“
Das ist nicht ganz falsch, aber in der Kürze  doch grob irreführend, meinen Sie nicht?
Diese Glättung der Biografie Mitterrands in Richtung eines makelloseren Kampfes gegen die deutsche Besatzung, gegen die Beherrschung Algeriens und überhaupt in Richtung  einer ständigen Läuterung vom Bösen zum Guten in der Welt ist im deutschen Wikipedia-Eintrag auffällig. Der deutsche Leser erfährt wenig von dem konstanten Zwielicht um Mitterrands politische Aktivitäten. Der Vergleich mit der französischen Wikipedia ist äußerst aufschlussreich.
Wer auf Deutsch mehr Details über das Zwielicht der Observatoire-Affäre erfahren will, wird in einem alten Spiegel-Artikel fündig. Der Spiegel war in dem Fall gar nicht so schlecht.

Nachsatz: Noch Zeitgenossen des späten Präsidenten Mitterrand kurz vor seinem Tod berichten, Mitterand sei auch in den unmöglichsten Momenten hauptsächlich mit der Frage beschäftigt gewesen, wie er anderen eine Falle stellen könnte.

Querverweise:

  • Der Fall Mitterrand zeigt sehr schön, wie ein Politiker, der in Frankreich vielen als ‚escroc‘ (Gauner) galt, in Deutschland als moralische Autorität zitiert werden konnte. (Mein Kumpel war der Überzeugung, dass alle Politiker Gauner sind und dass  es nur darum geht, den am wenigsten gefährlichen Gauner zu erkennen und zu wählen,  eine in Deutschland unterentwickelte Erkenntnis)
  • Solche Phänomene sind deshalb möglich, weil es keine europäische Öffentlichkeit gibt, die ein einigermaßen gemeinsames Bild von Personen und Tatsachen hat. Dass  Tatsachen aus der Wikipedia in der einen Sprache aus der Wikipedia der anderen Sprache herausgehalten werden, ist ein Mosaikstein dieses Bildes.
  • Wolfgang Streeck behauptet, dass Unterstützung für die Gesichtwahrung ausländischer Staatsoberhäupter die höchste EU-Pflicht sei, also gemeinschaftliche Sicherung von Glaubwürdigkeit für den Machterhalt im jeweils eigenen Land. Kohl und Mitterrand haben sich in dieser Hinsicht nie ein Auge ausgehackt, was der Kern ihrer „Freundschaft“ gewesen sein dürfte. Man kann sich umgekehrt vorstellen, wie Leaks kompromittierender Art ein Mittel der Kriegführung sind und als solche beantwortet werden, auch wenn sie der Wahrheit entsprechen.
  • Emmanuel Todd analysiert, wie die Öffentlichkeiten verschiedener Länder jeweils ökonomische Vorurteile und Halbwahrheiten als Einheitsdenken konservieren, obwohl diese inkonsistent und sogar untereinander inkompatibel sind, und wie daraus ökonomische Fehlentwicklungen/Ungleichgewichte im globalen Maßstab entstehen konnten. Auch für einen künftigen Beitrag zu diesem Thema kann der Fall Mitterrand und seine Wikipedia-Inkonsistenz als Schlaglicht dienen.