Verloren weiterkämpfen

Ein Fundstück bietet einen seltenen Einblick in Hitlers Sicht auf den Krieg im Sommer 1942: schon vor Stalingrad deprimierend.
Die Fähigkeit, das Offensichtliche öffentlich zu leugnen, ist auch heute noch groß.

Diese Tonaufnahme ist etwas Besonderes, weil es die einzige sein soll, die Hitler nicht bei einer Rede, sondern mit normaler Stimme im Gespräch zeigt:

Hitler spricht über den Krieg

Hier gibt es noch eine kommentierte Version davon.
Die Aufnahme ist aus dem Juni 1942, als Hitler überraschend Mannerheim, den Oberbefehlshaber und späteren Staatspräsidenten des damals im 2. Weltkrieg verbündeten Finnland zum Geburtstag besuchte. Der finnlandschwedische ehemalige Offizier der Armee des russischen Zarenreiches Mannerheim verstand und sprach auch Deutsch.

Die Tonaufnahme ist absolut bemerkenswert, weil Hitler relativ offen und propagandaarm über den Krieg spricht:
„Wir wussten das selber auch nicht so ganz genau, wie ungeheuerlich dieser Staat (die Sowjetunion) gerüstet war… Sie haben die ungeheuerste Rüstung die menschendenkbar ist.
Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ein Staat mit 35000 Tanks (Panzern) antreten kann, dann hätte ich gesagt: „Sie sind wahnsinnig“. 35000 Panzer.
Wir haben zur Zeit über 34000 Panzer vernichtet. Wenn mir das jemand gesagt hätte, wenn ein General von mir erklärt hätte, dass hier ein Staat 35000 Panzer…, dann hätte ich gesagt: „Sie sehen alles doppelt oder zehnfach. Das ist Wahnsinn. Sie sehen Gespenster“. Das haben wir nicht für möglich gehalten. Wir haben Fabriken gefunden, allein eine da in Kramatorsk(aja) zum Beispiel, das war vor 2 Jahren im Bau und wir hatten keine Ahnung. Heute ist dort eine Panzerfabrik, die in der ersten Schicht etwas über 30000 und im Vollausbau über 60000 Arbeiter beschäftigen soll. Eine einzige Panzerfabrik! Wir haben sie besetzt, eine gigantische Fabrik, Arbeitermassen, die allerdings wie die Tiere… im Donezkgebiet…nur Rüstung…
Ich habe das vorher nicht geahnt, hätte ich das geahnt, dann wäre mir noch schwerer zu Herz gewesen, aber den Entschluss hätte ich dann erst Recht gefasst, denn es blieb ja gar keine andere Möglichkeit. Ich war mir ja schon klar, schon im Winter 1939/40, dass der Krieg beginnen musste. Ich hatte nur den Alpdruck auf mir, der Zweifrontenkrieg war unmöglich, daran wären wir auch zerbrochen. Das sehen wir heute besser, als wir es damals bereits erkannten…

Ich wollte an sich noch im Herbst 1939 den West-Feldzug durchführen. Nur dieses dauernde schlechte Wetter, das wir hatten, das hat uns daran gehindert. Unsere ganze Bewaffnung war ja, es ist eine Schönwetterbewaffnung. Sie ist sehr tüchtig, sie ist gut, aber es ist leider eine Schönwetterbewaffnung. Wir haben das jetzt auch in dem Krieg gesehen, unsere ganzen Waffen sind auf den Westen zugeschnitten und wir alle waren bisher der Überzeugung, das war bisher, das war unsere Meinung eben von den ältesten Zeiten her: im Winter kann man nicht Krieg führen. Und die deutschen Panzer und die deutschen Fahrzeuge, die sind nicht erprobt worden, um sie etwa für den Winterkrieg herzurichten, sondern man hat Probefahrten gemacht, um zu beweisen, dass man im Winter nicht Krieg führen kann. Es ist ein anderer Ausgangspunkt gewesen.
Wir sind im Herbst 1939 immer vor der Frage gestanden, ich wollte unter allen Umständen angreifen und war der festen Überzeugung, wir könnten mit Frankreich in 6 Wochen fertigwerden. Aber es war die Frage, ob man sich bewegen kann. Es war dauernd Regenwetter und nun kenne ich ja dieses französische Gebiet sehr gut , und auch ich konnte mich der Auffassung vieler meiner Generale nicht verschließen, dass wir wahrscheinlich diesen Elan nicht bekommen würden, dass wir die Panzerwaffe nicht auswerten (=ausnutzen) würden können, dass wir auch die Luftwaffe nicht würden auswerten können mit den Feldflugplätzen in Folge des Regens. Ich kann nur sagen, ich bin 4 Jahre Soldat gewesen in dem Großen Krieg, und so kam diese Verzögerung. Hätte ich im Jahre 39 Frankreich erledigt, dann wäre die Weltgeschichte anders gelaufen….(mehr Klagen über alles, was bisher schiefgelaufen ist im Krieg)“

Unbedingt bis zum Ende anhören!

Bewertung

  1. Hitler hat einen unkontrollierten Monolog gehalten: wozu hat er Mannerheim so viel über die Vergangenheit erzählt?
  2. Der erfahrene Offizier Mannerheim muss (schon im Juni 1942, also 3 Monate vor dem Angriff auf Stalingrad!) daraus gefolgert haben, wie beschissen die Lage seines Verbündeten war. Der GröFaZ klingt bereits da verzweifelt und so, als würde er die Bilanz eines verlorenen Krieges ziehen. Spätestens nach der Niederlage in Stalingrad, Januar 1943, 1,5 Jahre nach dem Angriff auf Russland, musste das jedem halbwegs gut informierten zu 100% klar sein.
  3. Das offene Eingeständnis, die Sowjetunion extrem unterschätzt zu haben und mit einer nicht wintertauglichen Armee nach Russland gezogen zu sein, erstaunt besonders.
  4. Trotzdem ging der Krieg ohne Aussicht auf Erfolg und unter riesigen Verlusten für Deutschland selbst nach Stalingrad noch mehr als zwei Jahre weiter.
  5. Finnland gelang aber schon 1944 der Ausstieg aus dem 1941 nach der Operation Barbarossa selbst begonnenen Fortsetzungskrieg gegen die Sowjetunion mit einem Separatfrieden, der seine Unabhängigkeit rettete. Mannerheim wusste offensichtlich genug und war strategisch beweglich genug, um sich nie in einen totalen Krieg gegen die Sowjetunion hineinziehen zu lassen und sich kühl von einem verlorenen Verbündeten wieder zu lösen, dessen Truppen am Ende gar anzugreifen, wie mit Stalin im Friedensvertrag vereinbart.

Geschichte reimt sich

im Sommer 1942, spätestens aber Anfang 1943 war Hitlers Krieg gegen Russland für Insider (wie auch ihn selbst) verloren. An der Heimatfront hielt er aber noch kernige Reden über den Endsieg und ließ „Wehrkraftzersetzer“ und Deserteure erschießen. Ist es da erstaunlich, dass er dafür Drogen brauchte und bald an überdeutlichen Symptomen des körperlichen Verfalls litt?

Es klingt makaber, dass Hitler in der Tonaufnahme über die „riesige Panzerfabrik“ von Kramatorsk „im Donezkgebiet“ spricht. Das ist nämlich ganz nahe an der Front im heutigen Krieg Russlands gegen die Ukraine:

Zeichen verdichten sich

Der ehemals ranghöchste Bundeswehrgeneral Harald Kujat hat in einem Interview mit dem Youtube-Kanal des privaten Unternehmen HKCM Anfang November diesen Krieg für verloren erklärt:

General Kujat sieht die Ukraine erneut ohne Siegchance

Kujat hat immer wieder öffentlich die Meinung vertreten, dass die Ukraine den Krieg letztlich nicht gewinnen kann. Dieses Interview hat auch wieder für einige Aufregung gesorgt.

In einem MDR-Beitrag hat ein anderer Ex-Bundeswehr-General Kujat widersprochen:

Selbst anhören und General Bühler mit General Kujat vergleichen!

Hier noch eine kleine Presseschau zu den weiteren Aussichten:

Fazit des Focus-Artikels:

„Nichts spricht dafür, dass sich an diesem Abnutzungskrieg und dem Mangel an Kämpfern und Material in absehbarer Zeit etwas ändert. Vieles spricht hingegen dafür, dass sich für die Ukraine eine fortgesetzte militärische Offensive nicht durchhalten lässt“

Darf man hoffen, dass sie nicht noch 2 Jahre weitermachen?
Oder wird man wieder sagen, man habe nichts wissen können?

Nachtrag 6.12.2023
Diese beiden Aussagen gehören eigentlich auch hier rein.
Senator Lindsay Graham, Mai 2023:

„Russen sterben…Besser haben wir Geld nie ausgegeben“

Senator und späterer US-Präsident Harry S. Truman, Juni 1941:

„Wenn wir sehen, dass Deutschland gewinnt, sollten wir Russland helfen, und wenn Russland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen, und sie auf diese Weise möglichst viele töten lassen…“