Die Ignoranz ignorieren

Nach 2,5 Jahren Ukrainekrieg hat sich anscheinend nichts geändert: die einen sehen die Ukraine kurz vor dem Ende und die anderen hoffen auf die nächste Lieferung von Wunderwaffen durch die NATO. Inzwischen fordern letztere aber dazu auf, erstere doch bitte zu ignorieren.

Das ist Constanze Stelzenmüller:

Politikwissenschaftlerin und US-Expertin vom US-Thinktank ‚The Brookings Institution‘

Und das ist der Beitrag von Harald Kujat, den sie zu ignorieren empfiehlt.
Er lohnt sich für das Verständnis der Lage im Ukraine-Krieg:

Die Kursk-Offensive sei gescheitert und habe die strategische Lage der Ukraine verschlechtert. Die Ukraine habe dort ihre besten Truppen und Ausrüstungen verbraucht und die Donbass-Front geschwächt.
Es gebe keine Möglichkeit, das Blatt militärisch zugunsten der Ukraine zu wenden, aber viele, den Konflikt zwischen der NATO und Russland zu eskalieren, z.B. durch weitreichende Waffen, die letztendlich nicht von der der Ukraine gegen Russland gesteuert würden, sondern von der NATO.
Die Neue Osnabrücker Zeitung hat Kujats Ansichten auch ausführlicher in Textform.

Der seit einigen Jahren ziemlich dissidente US-Amerikaner Jeffrey Sachs ist in der Analyse in wesentlichen Punkten mit Harald Kujat einig:
– der Konflikt sei wesentlich älter als der Krieg, der 2022 begonnen hat
– es sei im Kern ein Konflikt zwischen der NATO, also den USA, und Russland
– das Eskalationspotenzial sei sehr hoch

Sachs kennt die Ukraine und Russland sehr gut, weil er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor mehr als 30 Jahren begann, in beiden Ländern als Wirtschaftsberater zu arbeiten. Damals wurde er von der New York Times als „Schocktherapeut“ noch außerordentlich positiv dargestellt, wobei dieser Titel inzwischen durch diverse Publikationen als verbrannt angesehen wird. Unter anderem Naomi Klein, hat Jeffrey Sachs in ihrem Buch auch namentlich erwähnt.
Vor einigen Jahren scheint Sachs auf wundersame Weise die Seiten gewechselt zu haben, und seither kritisiert er die US-Außenpolitik.
Aus seinen eigenen, lange zurückreichenden Erfahrungen schöpft er jedenfalls und vertritt die Meinung, dass der Konflikt um die Ukraine seit Jahrzehnten vorangetrieben wurde:
„Ich sagte den Ukrainern, bevor das alles begann: ‚Wenn Ihr in der Richtung weitermacht, in die Euch die USA treiben, werdet Ihr das Afghanistan Europas werden‘. Und das passiert jetzt“

Diese Ansicht erzählt er seit einiger Zeit bereitwillig und anscheinend ungestört jedem, der ihn zu einem Interview einlädt, u.a. auch Tucker Carlson:

Ausblick

Gerade heute Nacht ist ein Meinungsartikel in der Washington Post erschienen:

„Die Ukraine blutet aus. Sie kann nicht ewig weiterkämpfen“
heißt: In der Lagebeschreibung gibt er Harald Kujat recht.
Am Ende der düsteren Lagebeschreibung heißt es dann aber:
„Die USA sollten größere Risiken eingehen, um der Ukraine zu helfen“
Die Alternative lautet also: Eskalation oder Niederlage.

Und ganz genau so hatte ich den Ausblick schon vor ziemlich genau 6 Monaten zusammengefasst. Nur, dass die Ukraine jetzt noch näher an der konventionellen Niederlage ist und US-Präsident Biden als Kandidat gestürzt und von allen offiziell als dement anerkannt.
Bis zum Amtsantritt des neuen Präsidenten im Januar 2025 ist also niemand offiziell verantwortlich, wenn die Risiken explodieren, die die Meinungsmacher wie David Ignatius und Constanze Stelzenmüller einfordern.
Und zur 6-Monats-Bilanz gehört auch, dass der Taurus (bisher) nicht geliefert wurde, aber Boris Pistorius immer noch da ist.