Erwachen aus dem Traum

Wo stehen die USA vor der Wahl 2024? Ein sehr knappes Rennen steht einerseits für die Spaltung des Landes und bietet andererseits alle Chancen für Lenkung.

Interessanter Beitrag zu den USA vor der Wahl:

Ich hatte kürzlich zwei Beiträge auf dem Blog, die Teilaspekte dieser Doku bereits vorwegnahmen:
Krise im kaputten Land – Soziale Krise in Kalifornien
Mord im kaputten Land – Extreme Polizeigewalt und doppelte Standards

2016, damals ebenfalls kurz vor der Wahl, hatte ich ebenfalls zwei Beiträge, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben:
Warum sind die Amerikaner sauer? – uralte Statistiken zur sozialen US-Krise
Das Amerika von Trump – Interview von Emmanuel Todd zu Trump vs. Clinton

Wahl-Ausblick

Die Wahl scheint unentschieden:

Am Ende lagen die Kandidaten landesweit nahe beieinander

Joe Biden war auf dem Weg in die sichere Niederlage und wurde deshalb knallhart entfernt, obwohl er die Vorwahlen konkurrenzlos gewonnen hatte. Das neue, aber ungewählte Gesicht Kamala Harris enteilte in Umfragen zunächst dem Gegner Donald Trump, der aber im Oktober kräftig aufholte, unterstützt vermutlich durch die Interviews, die Harris nach anfänglichem Zögern dann doch gab.
Die nationalen Mehrheiten sind aber weniger wichtig als die Mehrheiten in den Swing States, von denen es dieses Mal 7 geben soll, was aber auch keine Gewissheit ist:

In den Swing States scheint das Rennen ebenso eng. Wird Iowa der 8. Swing State?

Es gibt für beide Kandidaten genug Umfragen, die ihren Sieg vorhersagen.
Wie kommt es eigentlich, dass wir seit langem vor der US-Präsidenten-Wahl immer so ein knappes Rennen sehen?
Ein knappes Rennen, bei denen alles an wenigen knappen Swing States hängt, bedeutet rein praktisch betrachtet, dass wenige Stimmen in wenigen Wahlkreisen im Endergebnis einen maximalen Unterschied machen.
Diese Lage ist also mathematisch optimal für kleine Manipulationen mit großen Wirkungen. Wahlbetrug gibt es aber zum Glück nur in Staaten, in denen böse Menschen gewinnen.

Ich habe seit Februar aus der Beobachtung von absurden Verrenkungen dt. Medien den Eindruck, dass Trump wieder Präsident werden soll. Hoffnungen, dass Trump vor der Wahl durch Gerichte gestoppt wird, haben sich jedenfalls tatsächlich wie erwartet als gepflegte Illusion erwiesen.

Nach dem brutalen Sturz des Kandidaten Biden sehe ich genug Gründe, warum die US-Eliten am Ende Trump vorne sehen wollen:
1. Der Krieg in der Ukraine, für den Biden und die Demokraten standen, ist militärisch verloren. Trump und die Republikaner könnten ihn gesichtswahrend beenden, weil sie ihn seit langem kritisieren
(vgl. wie Obama 2008 den Vorzug vor Hillary Clinton und sogar noch den Nobelpreis bekam, weil er Bushs Irakkrieg abgelehnt hatte)
2. Der Krieg in Nahost ist noch nicht verloren, und Trump und die Republikaner stehen hier für einen noch härteren Kurs. Gleiches gilt für den Konflikt mit China.
3. Das US-Militär wird in den kommenden Jahren wichtiger, und seine Soldaten sind eher Republikaner als Demokraten. Man dürfte sie nicht schon wieder frustrieren und bald für woke Politik in den Krieg schicken wollen.
4. Demokratielogik: Die ~50% Trumpisten müssen integriert werden und den Glauben an die US-Demokratie wiedergewinnen. Immerhin waren die Demokraten 4 Jahre an der Regierung und verkraften jetzt eine kalte Dusche besser als die Republikaner. Außerdem bietet Trump die Sicherheit, dass er nur noch eine Amtszeit haben wird. 2028 gäbe es nach seinem Sieg also ziemlich sicher gleich zwei neue Kandidaten, was den USA die nötige Flexibilität für eine Welt im Umbruch geben wird.

Vor vier Jahren, zum selben Zeitpunkt vor der Wahl, war ich mir sicher, dass Biden Präsident werden sollte, heute tippe ich eher auf Trump. Aber ich bin mir nicht so sicher wie damals und also auch sehr gespannt auf das Ergebnis.

Nachtrag 4.11.2024
Die Umfragen schaffen keinen Durchblick mehr:

Hier die verlinkte Seite.
Danach wird Iowa aber kaum ein Swing State werden. Und die Vorteile in den Swing States deuten auf Trump, aber nur sehr leicht, unterhalb der stat. Fehlerbalken.
Dagegen zeigt gleichzeitig Fox News in den Swing States eher einen Vorteil für Harris:

Aufstieg des Rechtspopulismus

Der Soziologe Michael Hartmann hat einen Vortrag über den Aufstieg der AfD gehalten und dabei besonders den Beitrag der SPD herausgearbeitet.

Der Vortrag lohnt sich:

Vortrag an der Volkshochschule Reutlingen

Hartmann zeigt an vielen Stellen im Vortrag die Verantwortung der SPD für die von ihm beschriebenen Fehlentwicklungen auf, nicht zuletzt am Ende mit einem Gruß an den Bundespräsidenten Steinmeier.

Hartmann geht neben Pforzheim in Baden-Württemberg auf die wirtschaftliche Entwicklung und das Wahlverhalten im Landkreis Sonneberg in Südthüringen ein. Die Region sei massiv desindustrialisiert worden und habe ein besonders niedriges Einkommen. Ursprünglich hätten die Protestwähler hier vor allem die Linke gewählt, seit dem Amtsantritt von Ramelow seien sie jedoch immer stärker zur AfD abgewandert.

Plausibilisierung

Zwei Nachbarkreise von Sonneberg liegen in Bayern: Coburg und Kronach:

Fränkisches Grenzland: Sonneberg selbst wollte vor Jahren ebenfalls nach Bayern wechseln


Sowohl Coburg als auch Kronach sind ländliche Industrieregionen, mit Autozulieferern und auch Spielzeugherstellern wie ehedem Sonneberg.
Beide litten zuletzt wieder verstärkt unter Insolvenzen und Stellenabbau. Wie haben beide Landkreise bei der Landtagswahl in Bayern am 8.10.2023 gewählt?

Kronach:

Coburg:

Wie zu erwarten waren die Wahlergebnisse der ehemaligen Arbeiterpartei SPD in beiden Wahlkreisen 2018 und 2023 noch deutlich höher als im Landesdurchschnitt (9,7% und 8,4%).
Und in beiden Wahlkreisen war die SPD 2023 auch der größte Wahlverlierer, im Gegensatz zum Land deutlich mehr als die Grünen. Der größte Wahlgewinner war dagegen die AfD, die 2023 von einem durchschnittlichen auf ein deutlich überdurchschnittliches Ergebnis anwuchs. Die Stimmenanteile und Zuwächse der Freien Wähler sind dagegen geringer als im Landesdurchschnitt (11,5% auf 15,6%).
Es spricht also einiges dafür, dass der hohe Zuwachs der AfD hier mit den starken Verlusten der SPD etwas zu tun hat, anders als etwa in Niederbayern, wo die SPD selbst am Industriestandort Dingolfing nur noch wenig zu verlieren hatte und wo vor allem die Grünen und die CSU gerupft wurden zugunsten der Freien Wähler.
Und diese Vermutung zu Coburg und Kronach wird durch andere Wahlanalysen auch gedeckt:
Die AfD ist die neue Arbeiterpartei. In dieser Berufsgruppe baut die AfD ihren Stimmanteil im Vergleich zu 2018 um 9 Punkte auf 31 Prozent aus„.

SPD versagt strukturell

Die SPD in Bayern schwimmt seit Jahren im Fahrwasser der Grünen und hat damit prinzipiell keine Chance, Wähler in den meist ländlichen Regionen mit „alten“ Industrien zu halten oder zurück zu gewinnen. Schon im letzten Landtagswahlkampf kam die Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (Bildmitte) nicht über akademisch-symbolische Kämpfe „gegen Rechts“ hinaus:

Botschaft, mit der ein SPD-Wähler im fränkischen Stammland garantiert nichts anfangen kann

Der diesjährige Spitzenkandidat Florian von Brunn (der natürlich ebenfalls im Großraum München daheim ist und grün bis in die Haarspitzen) zielte ebenfalls komplett am traditionell SPD-wählenden Facharbeiter in der bayerischen Provinz vorbei:

Auch wer an der Kleinstadt vorbeischaut, findet in der Großstadt nicht automatisch Wähler

SPD-Politiker von außerhalb der Hauptstadt haben in der eigenen Partei nichts zu sagen, auch wenn sie dort sehr viel mehr Stimmen holen als die Zentrale: