Erfindung Europas: Schweden

Übersetzung aus dem Buch „L’invention de l’Europe“ von E. Todd
Tod der Religion, Geburt der Ideologie
Kapitel 10: Autorität und Ungleichheit, Die kleinen Nationen: Schweden

Die Ideologisierung Schwedens vollzieht diejenige Norddeutschlands mit großartiger Perfektion nach. In den einigen Jahrzehnten, die auf die Einführung des allgemeinen Wahlrechts folgen, erreicht die Sozialdemokratie eine Position unbestreitbarer  Vorherrschaft. In diesem Stadium spiegelt die Parallelität der Ideologiegeschichten lediglich die Ähnlichkeit des anthropologischen und religiösen Geländes wider. In Schweden  wie in Norddeutschland dominiert die Stammfamilie, die auf Autorität und  Ungleichheit aufbaut. In beiden Regionen befindet sich die lutherische Religion in der gleichen Phase der europäischen Entwicklung, also zwischen 1880 und 1930, im  Niedergang, hinweggerafft vom Darwinismus und der Industrialisierung. Schweden stellt sich in dem Moment, wo das allgemeine Wahlrecht eingesetzt wird, ebenso vollständig alphabetisiert dar wie ganz Deutschland.
Der Aufstieg der schwedischen Sozialdemokratie ist ein wenig zögerlicher als derjenige ihrer deutschen Entsprechung. Schweden führt das allgemeine Wahlrecht (für Männer) nämlich erst 1911 ein, 40 Jahre nach dem zweiten deutschen Reich [1]. Die schwedischen Sozialdemokraten holen ihren leichten historischen Rückstand sehr schnell auf. Im Gegensatz zur deutschen Sozialdemokratie, die nur langsam auf der Bildfläche erscheint, mit 3,3% der Stimmen 1871 und 10,1% 1887, wird die schwedische Sozialdemokratie als Erwachsene geboren, mindestens aber als Heranwachsende. Schon 1911, bei den ersten Wahlen, die mit allgemeinem Stimmrecht abgehalten wurden, erhält sie 28,5% der abgegebenen Stimmen. Ihr Wachstum wird durch den ersten Weltkrieg verlangsamt, aber schon 1924 erreicht sie 41,1% der Stimmen und 1932 45,8%. Sie kommt dann auch mit der Unterstützung der Agrarier-Partei an die Macht. Die sozialdemokratische Vormacht etabliert sich: 50,6% der Stimmen 1936, 54,2% 1940. Diese hervorragenden Ergebnisse sind teilweise ein Ergebnis des Erfolgs der sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik, die lokal die Weltwirtschaftskrise mit einer Staatsintervention in den Griff bekommt, die der Theorie von Keynes nichts schuldig bleibt. Zwischen 1944 und 1968 verliert die sozialdemokratische Partei ihre absolute Mehrheit. Während sie zwischen 45 und 50% der abgegebenen Stimmen schwankt, kann sie jedoch auf die Enthaltung einer sehr schwachen kommunistischen Partei zählen, die zwischen 3 und 5% der Stimmen erhält, und vor allem auf die Machtlosigkeit einer uneinigen  Opposition. Sie bleibt deshalb bis 1976 an der Macht. Die Stabilität der schwedischen sozialdemokratischen Wählerschaft, die sich im Rahmen einer bewegungslosen institutionellen Ordnung ausdrückt, die zwei Weltkriegen entgeht, ist ganz und gar bemerkenswert. Ihre Größe dagegen hat nichts Außergewöhnliches an sich. Die sozialdemokratische Dominanz in Schweden ähnelt in jedem Punkt der sozialdemokratischen Vormacht im protestantischen Deutschland am Vorabend des ersten Weltkriegs. Sogar die regionalen Abweichungen sind vergleichbar und entsprechen gleichwertigen Unterschieden der sozialökonomischen Strukturen.  1903 erhält die deutsche SPD 59% der Stimmen in Sachsen, einer durch und durch industrialisierten Region, 44% in Schleswig-Holstein, einer ländlichen Zone mit Familienbetrieben [2]. Sie ist also überall mächtig, erreicht aber die absolute Mehrheit nur dort, wo es ein bedeutendes Proletariat gibt. Auch in Schweden definiert die ökonomische Morphologie Zonen absoluter Dominanz und Zonen relativer Stärke. Der industrielle Rückstand des Landes und seine sozialökonomische Homogenität versetzen jedoch die Arbeiterklasse in den zweiten Rang als bestimmenden Faktor für die regionalen Unterschiede. Die Gruppe, die der schwedischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei die absolute Mehrheit geben kann, ist gegen 1930 noch das landwirtschaftliche Proletariat. Die in der Landwirtschaft abhängig Beschäftigten sind im Norden des Landes zahlreich, vor allem wenn man die Holzfäller mit einbezieht, die einen wesentlichen Teil der Arbeitskräfte im primären Sektor dieses Landes der Wälder ausmachen. Im Südwesten Schwedens hindert die Anwesenheit einer soliden mittelgroßen und unabhängigen Bauernschaft, ganz ähnlich der in Schleswig-Holstein, die Sozialdemokratie daran, die absolute Mehrheit der Stimmen zu erhalten. Diese ursprüngliche Geografie bleibt über die Geschichte sozialer Klassen hinaus bestehen: 1968 ist das landwirtschaftliche Proletariat unbedeutend geworden und die Arbeiterklasse ist im Südwesten ebenso zahlreich wie im Zentrum, aber die Karte der Sozialdemokratie spiegelt weiterhin diejenige der  alten landwirtschaftlichen Systeme wider (Karten 49, 50a, 50b).

Grafik-49

Grafik-50

Die Arbeiterpartei überschreitet in allen Regionen 50% der abgegebenen Stimmen, in denen das ländliche Proletariat dominierte, sie schwankt zwischen 40 und 50% in den Regionen mit Familienbetrieben. In den Jahren 1970-1979 bleibt der Korrelationskoeffizient zwischen sozialdemokratischen Stimmen und im Primärsektor aktiver Bevölkerung in der Größenordnung von 0,80, also sehr hoch [3]. In dieser bis 1880 absolut  ländlichen Nation, hören die Bauern erst 1910 auf, die Mehrheit der aktiven Bevölkerung zu stellen. Die politische Karte behält lange die Prägung dieser landwirtschaftlichen Ursprünge. Der Zusammenbruch des religiösen Systems führt in Schweden wie in Norddeutschland zur Entstehung eines Ersatzglaubens, einer idealen Gesellschaft auf der Erde, die fähig ist, das verschwundene himmlische Paradies zu ersetzen. Die Doktrin und die politische Praxis der schwedischen und deutschen Sozialdemokraten unterscheiden sich wenig. Die deutsche Bewegung ist im Wortlaut ein klein wenig revolutionärer, da die schwedische sozialdemokratische Arbeiterpartei sich die marxistische Phraseologie nur sparsam zu eigen macht. Aber der Sinn für Organisation, die Macht der befreundeten und verbündeten Gewerkschaften und die absolut reformistische Praxis finden sich an beiden Küsten der Ostsee wieder. Man kann in Schweden nur eine besonders starke Stellung der Genossenschaftsbewegung und  eine erklärte Feindseligkeit gegenüber dem Alkoholkonsum feststellen. Die Liebe zum Staat ist dieselbe.  Die schwedischen etatistischen Traditionen brauchen denjenigen Preußens im Übrigen nichts zu neiden. Das Autoritätsprinzip, das in die Familienstruktur eingraviert ist, nährt den sozialdemokratischen Etatismus, wie es drei Jahrhunderte früher die Entstehung einer soliden Bürokratie begünstigt hatte, die sich in Schweden eher auf die lutherischen Pastoren als auf den Adel gestützt hatte[4].

[1] Schweden führt das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter 1921 ein.

[2] Für die regionalen Daten für Deutschland im Jahr 1903 siehe J. Bertram, Die Wahlen zum Deutschen Reichstag vom Jahre 1912, S. 206

[3] Sozialdemokratische Stimmabgabe 1979, landwirtschaftliche Arbeiter 1960.

[4] Anlässlich von Recherchen zu den Familienstrukturen in Südschweden habe ich Gelegenheit gehabt, in den Bevölkerungsregistern vom Anfang des 19. Jahrhunderts zu arbeiten. Die Aufzeichnungen zu den individuellen Bewegungen, Zu- und Abgänge der Pfarrgemeinden, durch den Pfarrer zeigen sich darin in einer außergewöhnlichen Gewissenhaftigkeit. Diese Dokumente zeigen die außergewöhnliche Kontrolle der vorindustriellen Bevölkerungen Schwedens. Ihre Durchsicht ist eine gute Immunisierung gegen jeden Glauben an einen spezifischen Totalitarismus der schwedischen Sozialdemokratie, die danach streben würde jedes Detail im Leben der Bürger zu kontrollieren. Diese Art von Kontrolle scheint in Schweden gegen 1820 bestens etabliert gewesen zu sein, mehr als 100 Jahre vor der Machtübernahme durch die sozialdemokratische Partei. Wir haben da einen spektakulären Beweis für die autoritäre Kontinuität der schwedischen Sozialgeschichte.
Für eine schnelle Beschreibung dieser Register, siehe E. Todd, Seven Peasant Communities in Pre-Industrial Europe, S. 21-22.

Deutsches Scheitern, schwedischer Erfolg:
Nationalismus und die Mittelschichten

Die anfängliche Entwicklung der deutschen SPD zwischen 1871 und 1890 führt sehr schnell zu einer Abwehrreaktion der Mittelschichten, die gegen die Sozialdemokratie eine nationalistische Ideologie von rechts definieren. Der religiöse Zusammenbruch vom Ende des 19. Jahrhunderts führt also in Deutschland  zur Entstehung von zwei Ideologien nacheinander, der Sozialdemokratie und dann des ethnischen Nationalismus in seinen verschiedenen Wandlungsformen: pangermanistisch, antisemitisch, nationalsozialistisch. Das Dogma der grundsätzlichen Überlegenheit Deutschlands hält dasjenige der Erlösung durch die Arbeiterklasse in Schach. Diese dualistische Mechanik, die in die Zusammenstöße von 1918-1933 mündet, ist in Schweden aus zwei Gründen nicht möglich.
Zunächst weil Schweden eine kleine Nation ist, bevölkert mit 5 Millionen Einwohnern um 1900 gegenüber 60 Millionen in Deutschland. Die Entwicklung einer aggressiven nationalistischen Ideologie ist dort unvorstellbar. Die schwedischen Mittelschichten können im Gegensatz zu ihren deutschen Gegenstücken nicht über die Eroberung der Welt fantasieren. Die Analyse des schwedischen Falles erlaubt es, die wirkliche Besonderheit des deutschen Falles zu erfassen. Deutschland ist nicht besser begabt für den ethnischen Nationalismus als andere Länder mit Stammfamiliensystem, aber seine Größe und seine Macht machen die Entwicklung einer aggressiven Ideologie möglich, die auf der Minderwertigkeit bestimmter Völker und bestimmter Rassen besteht. Es handelt sich hier um ein Phänomen von kritischer Masse, das nichts mit dem Familientyp oder der Intensität des Vorgangs der Entchristlichung  zu tun hat. Ein Schweden von 60 Millionen Einwohnern hätte wahrscheinlich einen erobernden ethnischen Nationalismus entwickelt, der von der Minderwertigkeit der Nicht-Schweden überzeugt gewesen wäre. Die Stammfamilie nährt jedoch in Schweden ein Sentiment der Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen den Völkern, der logisch zur Definition eines sehr soliden Neutralismus führt. Der Neutralismus erscheint als natürliche Form des ethnischen Nationalismus eines kleinen unabhängigen Landes. Er ist eine milde Verneinung der äußeren Welt, völlig tolerabel, aber er verweigert nicht weniger als der aggressive Ethnozentrismus das Prinzip des universellen Menschen. Als spezifische Form des Nationalismus kann der Neutralismus in keiner Weise die Sozialdemokratie stören. Als Ethnozentrismus einer schwachen Nation passt er wunderbar zur Arbeiter-Botschaft der Verteidigung der Schwachen im Inneren des Landes. Das ideologische Paar „Sozialdemokratie + Neutralismus“ lässt den schwedischen Mittelschichten keine Ersatzideologie, denn die Träume der Arbeiterklasse fügen sich mit denjenigen der Nation zusammen.

Ein zweiter Faktor trägt zur ideologischen Entwaffnung der schwedischen Mittelschichten und Rechten bei: ihre zahlenmäßige Schwäche im Morgengrauen des ideologischen Zeitalters. Um 1900 ist Schweden noch ein ländliches Land mit ziemlich wenig städtischer Befestigung. Im Ancien Regime war der Adel, der erste Stand im Königreich, schon zahlenmäßig schwach, weniger als 0,5% der Bevölkerung in 1718[1]. Die Bauernschaft hat als anerkannter Teil der Ständegesellschaft eine eigene Vertretung im Riksdag. In der Phase der Entstehung der Ideologien findet die Rechte in Schweden keinerlei solide und massive  sozialökonomische Unterstützung. In Deutschland dagegen geben kleine Adelige (Mikro-Junker), Bürgerliche und Handwerker dem Nationalismus von rechts auf Anhieb eine soziale Basis; die ideologische Kontrolle der Bauernschaft durch diese diversen Gruppen verschaffen ihm eine Massenbasis. In Schweden entzieht sich die Bauernschaft bereits in den Jahren 1917-1932 der Kontrolle der konservativen Partei. Sie gründet ihre eigene „agrarische“ Partei, die sich im entscheidenden Moment in einer rot-grünen Koalition für die Allianz mit den Sozialdemokraten entscheidet, die alle Arbeiter vereint.

[1] J.-P. Labatut. Les Noblesses européennes, S. 12

Das schwedische sozialistische Modell:
Egalitarismus oder Ständegesellschaft?

In ununterbrochener Weise 40 Jahre lang an der Macht konnte die schwedische Sozialdemokratie besser als jede andere ihre Ideologie verkörpern mit einer  Umsetzung im Diesseits. Die Intervention des Staates drückt sich dort vor allem durch eine sehr hohe direkte Steuerlast aus. Während das Recht auf Eigentum, ausdrücklich auch industrielles, respektiert wird, lässt das schwedische Modell doch ausgiebige soziale Dienste und große private Unternehmen mit Export- und multinationaler Ausrichtung nebeneinander existieren. Das Frappierendste an diesem System ist, dass die historische Allmacht des Sozialismus, der ständige Interventionismus des Staates seit 1932 in keinerlei marxistisches Abrutschen, in keinen Versuch einer totalitären Erweiterung des öffentlichen Sektors und der Liquidation der bürgerlichen Schichten gemündet sind. Der autoritäre Zug des kulturellen Systems, in Familie und Ideologie,  erklärt die Macht des Staates; sein inegalitärer Zug erklärt das Überleben des bürgerlichen Kapitalismus. Das sozialdemokratische, oder auch einfach schwedische Denken  akzeptiert die Koexistenz sozialer Wesenheiten von unterschiedlicher Natur. Die sozialdemokratische Macht akzeptiert den König, sie arrangiert sich auch ziemlich gut mit dem Fortbestehen einer Bourgeoisie. Die Macht, nicht die Existenz wird dem König und den Kapitalisten verweigert. Was den schwedischen Sozialismus davon abhält, die Grenze zu überschreiten, die den demokratischen Sozialismus vom Kommunismus trennt, ist die Tatsache, dass er nicht egalitär ist, dass er keine Leidenschaft für soziale Homogenität hat, dass er nicht heterophob ist. Die Anwesenheit der Partei der Arbeiterklasse an der Macht impliziert nicht die Zerstörung der bürgerlichen Parteien, im Gegenteil. Die ideologische Struktur des schwedischen politischen Lebens besteht heftig auf der Notwendigkeit der Konfrontation zwischen der Arbeiterpartei und den bürgerlichen Parteien, die auf diese und ihre Weise zur Definition der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung beitragen.
Dieser Inegalitarismus ist verwirrend, weil er den wirtschaftlich „Höherstehenden“ in die Situation des politisch „Dominierten“  versetzt, aber er ist die normale Konsequenz eines ideologischen Systems, das die Existenz verschiedenartiger sozialer Wesenheiten akzeptiert.
Die Auspressung der Einkommen durch die Steuer wird zu Unrecht als Anzeichen eines tief verwurzelten Egalitarismus interpretiert. Sie berührt nur das Äußerliche der Wesenheiten, ihren Lebensstandard, nicht ihren Wesenskern. Eine egalitäre Antwort auf das Problem der wirtschaftlichen Differenzierung wäre keine steuerliche. Der Egalitarismus, der danach strebt, die Wesen auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren, kann sie wie in der Sowjetunion alle in Beamte des Staates verwandeln oder, wie in der anarchistischen Theorie, alle zu Göttern erheben und von vom Staat unabhängigen Individuen, Genossenschafter oder Eigentümer, träumen. Das schwedische System dagegen akzeptiert die Vielfalt bezüglich des wirtschaftlichen Status. Diese Vielfalt ist eine notwendige Voraussetzung für das Zusammenpressen der materiellen Differenzen durch die Besteuerung. Die relative Gleichheit der schwedischen Einkommen ist übrigens nicht das Ergebnis eines spezifisch sozialdemokratischen Willens. Die materielle Gleichheit ist eine schwedische Tradition: Die Unterschiede im Lebensstandard sind in dieser ländlichen und stark alphabetisierten Gesellschaft niemals spektakulär gewesen. Schweden kann in seiner Vergangenheit kein Bild einer Gesellschaft finden, in der eine elende Bauernschaft einer Mittelklasse gegenüberstand, die unanständig gut gestellt war. Das schwedische „Ancien Régime“ kombinierte relative Gleichheit des Lebensstandards mit der Akzeptanz von Statusunterschieden. Es kann rückblickend als Ständegesellschaft auf einer materiell egalitären Basis definiert werden. Die autonome Repräsentation der Bauernschaft in den Ständen des Königreichs fasst diese beiden Aspekte zusammen: es definiert die zentralen Werte einer Gesellschaft des Ancien Régime, die die Existenz einer bäuerlichen Wesenheit akzeptiert, verschieden vom Adel und vom Klerus, mit einem Status und mit Rechten. In gewisser Weise war die sozialdemokratische ideale Gesellschaft der Jahre 1950-70 nur eine industrielle Fortschreibung dieses ländlichen Modells. Die sozialdemokratische Partei repräsentiert den Arbeiterstand, der die anderen Parteien  dominiert, die die Anliegen der Nicht-Arbeiter-Stände vertreten. Der Steuerdruck  stellt die materielle Gleichheit des schwedischen flachen Landes des 17.-19. Jahrhunderts und des unterentwickelten städtischen Systems der damaligen Zeit wieder her.

Die Phase des Übergangs der Jahre 1920-1940, in der der Arbeiterstand, getragen  von der Industrialisierung, die Oberhand über alle anderen gewinnt, ist besonders interessant. Sie erlaubt zu zeigen, in welchem Maß die schwedischen politischen  Parteien die Erben der Stände des Ancien Régime sind. Zwischen 1920 und 1932 sichert das Wachstum der organisierten Arbeiterklasse den Machtzuwachs der  Sozialdemokratie. Aber die Bauern definieren sich auch politisch selbst durch die Gründung der Agrarier-Partei, die 1932 ein Ergebnis von 15,5% der abgegebenen Stimmen erreicht. Während dieser entscheidenden Periode vertritt die konservative Partei die städtischen Mittelklassen, und die Schwäche der Partei (26% der Stimmen) ist die Schwäche dieser Schichten. Die liberale Partei, die sich in fortdauernder Auflösung befindet, da sie zwischen 1911 und 1932 von 40,2 auf 12,9% der abgegebenen Stimmen fällt, vertritt überhaupt keine bestimmte Klasse: als Erbe aus einer Phase, die vor dem allgemeinen Wahlrecht lag, und geboren aus englisch-französischem Einfluss löst sie sich auf, weil sie wie in Deutschland durch den autoritären Zug der Stammfamilie plattgewalzt wird. Das politische System, das im Schweden der 1930er Jahre entsteht, spiegelt ziemlich gut das sozialökonomische System wider. Arbeiter, Bauern und Bürger haben ihre Partei. Sie sind drei Stände, deren notwendige Zusammenarbeit das schwedische System definiert. Aber der Arbeiterstand ist der erste im Königreich.

Schweden: Wahlen zum Unterhaus des Riksdag (1911-1988)
Anteil der abgegebenen Stimmen (in %)
Kommu-nisten Sozial-demokraten Liberale Agrarier (Zentrum) Konservative
1911 28,5 40,2 31,3
1914-1 30,1 32,2 37,7
1914-2 36,4 26,9 36,7
1917 8,1 31,1 27,6 8,5 24,7
1920 6,4 29,6 22,0 14,1 27,8
1921 7,8 36,2 19,1 11,0 25,8
1924 5,1 41,1 16,9 10,8 26,1
1928 6,4 37,1 15,9 11,2 29,4
1932 9,1 45,8 12,9 15,5 25,8
1936 8,5 50,6 14,2 15,8 19,3
1940 3,6 54,2 12,1 13,7 15,9
1944 10,3 46,7 12,9 13,6 15,9
1948 6,3 46,1 22,8 12,4 12,3
1952 4,3 46,1 24,4 10,7 14,4
1956 5,0 44,6 23,8 9,4 17,1
1958 3,4 46,2 18,2 12,7 19,5
1960 4,5 47,8 17,5 13,6 16,5
1964 5,2 47,3 17,0 13,2 13,7
1968 3,0 50,1 15,0 16,1 13,9
1970 4,8 45,3 16,2 19,9 11,5
1973 5,3 43,6 9,4 25,1 14,3
1976 4,8 42,7 11,1 24,1 15,6
1979 5,6 43,2 10,6 18,1 20,3
1982 5,6 45,6 5,9 15,5 23,6
1985 5,4 44,7 14,2 12,4 21,3
1988 5,9 43,7 12,2 11,4 18,3
Quelle: L.Lewin, B. Jansson, D.Sörbom, The Swedish Electorate 1887-1968, S. 146-148.
Statistische Jahrbücher Schwedens für den Zeitraum 1970-1988.
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