Anti-Populismus und Anti-Nationismus

Der letzte Auszug aus Emmanuel Todds „L’illusion économique“ von 1998 (Deutscher Titel: „Die neoliberale Illusion„) stellte die These auf, dass Demokratie und Nation durch die Entstehung einer höher gebildeten Schicht in allen entwickelten Gesellschaften mehr oder weniger stark unter Druck geraten seien. Die neue Ungleichheit sei nicht Folge der  Globalisierung und des Neoliberalismus, sondern der Ausbreitung neuer Bildungsunterschiede. Die neue soziologische Ungleichheit sei ihrerseits der Motor der  Globalisierung und dessen, was wir gemeinhin „Neoliberalismus“ nennen.
In diesem  Auszug geht es jetzt um die Techniken und Argumente, mit denen die höher gebildeten Schichten das Volk entmündigen und entmachten wollen:

Der Anti-Populismus in Frankreich

Der Mai 1968 stellt einen Wendepunkt dar. Die Ereignisse setzten ein letztes Mal die Solidarität der Arbeiterschaft und der linken kulturellen Elite in Szene. Die revoltierenden Studenten proklamieren lautstark ihre Solidarität mit der Welt der Fabriken. Das Unterbewusstsein der linken Bewegung ist jedoch bereits inegalitär…. Als die Agitation einmal abgeklungen ist, beinhalten die nachfolgenden linken Bewegungen eine starke antipopuläre Komponente. 20 Jahre vor Maastricht, mehr als 10 Jahre vor der Entstehung des Front National, beginnt die Anklage gegen das französische Volk, seine Neudefinition als intellektuell und moralisch ungenügend durch Eliten, die sich für links halten…
Die Verteufelung des Volkes ist der Entstehung des Populismus um 15 Jahre vorangegangen. Um genau zu sein, hat sie diese Entstehung provoziert…

Das Unterbewusstsein ist inegalitär und leitet sich von der neuen kulturellen Schichtenbildung ab. Es drückt sich auf brutale Art durch die Verachtung der populären Haltungen aus, wenn sich ganz präzise politische Anlässe bieten. Die Anhänger des Neins zum Maastricht-Vertrag werden mit unkultivierten Wesen in Verbindung gebracht, manchmal mit Analphabeten. Das Volk „versteht nicht“ die „Notwendigkeit“ der Währungsunion, noch die von Reformen für mehr Flexibilität, die einer Senkung der Gehälter, die einer Infragestellung der Sozialversicherung oder der Umgehung des Rentensystems durch Pensionsfonds. Die Verblendung der Eliten sticht hier ins Auge, weil es ja offensichtlich ist, dass das einfache Volk im Gegenteil die Spielchen mächtig gut versteht, die man mit ihm spielen will.

Eine allgemeine Tendenz der Presse, das Ausmaß von Problemen mit Analphabetismus zu überschätzen, verrät die neue soziokulturelle Situation. Eine Überschrift der Tageszeitung „Le Monde“ vom 3. Mai 1996 … ist charakteristisch: „26% der Schulkinder können am Ende der Regelschulzeit nicht lesen oder rechnen.“ Eine solche Darstellung suggeriert die Existenz eines guten Viertels von Analphabeten in der französischen Bevölkerung. Die Betrachtung der Detailergebnisse im Artikel selbst zeigt, dass nur 9% der Schüler die Basiskompetenzen beim Lesen nicht beherrschen und dass 23,5% Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Die logisch absurde Vereinigung der beiden Kategorien führt zu Definition einer großen kulturell zurückgebliebenen Klasse, eines illegitimen Volkes. Rein anekdotisch kann man gar nicht anders als vom mathematisch fehlerhaften Titel des Artikels ableiten, dass sein Autor zu den 23,5% der Franzosen gehört, die Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Aber das beharrliche Bestehen der Presse auf diesem Fehler zeigt das inegalitäre kulturelle Vorurteil. Am 27. September 1997 zögert die Wochenzeitung „Le Point“ nicht zu behaupten, dass 40% der Kinder nicht lesen können. Der bereits radikale Pessimismus der „Monde“ wird weit überschritten, aber auf Kosten jeder soziologischen Glaubwürdigkeit. Bei diesem Niveau von Analphabetismus, das für bestimmte Länder der Dritten Welt typisch ist, müssten wir ständig von Passanten angesprochen werden, damit wir ihnen helfen, einen Straßennamen zu entziffern, ihre Kreditkarte zu benutzen oder eine Telefonnummer zu tippen.
Mit der Denunziation des „Populismus“ durch die „Eliten“, zwanghaft in der ersten Hälfte der 90er Jahre, streift das inegalitäre Unterbewusste am Auftauchen ins Bewusstsein vorbei. Der Populismus ist eine der französischen politischen Kultur völlig fremde Kategorie. Er ist unvorstellbar im Land von 1789, 1830, 1848, 1871 und 1936. Was denunziert wird, ist also ganz einfach das Volk und sein Recht sich auszudrücken durch Wahl, Streik oder eine Demonstration.…

In den kultivierten Klassen führt die Kombination eines egalitären Unbewussten und eines inegalitären Unterbewussten dazu, dass sie sich mit den Immigranten solidarisch fühlen und losgelöst von den Arbeitern mit älteren französischen Wurzeln… Das Paris derjenigen mit einem Hochschulabschluss … hat sich entflammt für die Verteidigung der Rechte der Immigranten, nachdem es bewegt wurde durch die Probleme der illegalen Einwanderer ohne Papiere, aber es gelingt ihm immer noch nicht, sich für das Volk in den Provinzen zu interessieren, das gefoltert wird von einer Europa- und Wirtschaftspolitik, die nicht aufhört, die Arbeitslosigkeit steigen zu lassen.

Die Ablehnung der Immigranten durch die Arbeiter, die Liebe der höheren linken Kader ausschließlich für die Immigranten sind die beiden komplementären Gesichter der gleichen Tendenz der französischen Gesellschaft zur Perversion des egalitären Sentiments.

Die Fragmentierung der Nationen als endogenes Phänomen: der Anti-Nationismus

Wir können jetzt den wirklichen Sinn der Angriffe verstehen, deren Objekt die Nation ist, von Seiten der Ökonomen, die ihre Überwindung feiern, wie von Seiten der Ideologen, die ihre intrinsische Barbarei stigmatisieren. Die offensichtliche Auflösung der Nation ist ein endogenes Phänomen, das aus der Aufspaltung der kulturellen Sphären resultiert. Ihre Entstehung war eine Wirkung der egalitären Homogenisierung, ihre Infragestellung eine Folge der kulturellen Aufspaltung. Man sieht, wie der Anti-Nationismus eine Ungleichheitsmaschine ist. Denn die Nation, die die Reichen und die Armen in ein Netz aus Solidaritäten einschließt, ist für die Privilegierten in allen Augenblicken eine Unannehmlichkeit. Sie ist die Voraussetzung von Institutionen wie der Sozialversicherung, die in der Praxis ein System der nationalen Umverteilung ist, unverständlich ohne die Hypothese einer Gemeinschaft von solidarischen und gleich(wertig)en Individuen. Der Anti-Nationismus ist für die höheren Klassen, die sich von ihren Verpflichtungen befreien wollen, funktional, wirksam und diskret. Er ist geeignet, den der (französischen) Gesellschaft innewohnenden Egalitarismus zu delegitimieren, indem er ein ganz und gar ehrenwertes Projekt aktiviert, das den Nationalismus überwindet und mit ihm die Phänomene von Aggressivität zwischen Völkern…
Die endogene Dynamik der Fragmentierung der Nationen drückt sich aus durch die wirtschaftliche Öffnung und führt zu dem sichtbaren und bewussten Phänomen, das die Globalisierung ist….

Vom demografischen, anthropologischen Standpunkt oder vielleicht sogar vom gesunden Menschenverstand aus, sind das Volk und die Nation essentiell ein und dieselbe Sache. Ich würde sagen, dass die Infragestellung Frankreichs durch die französischen Eliten das Erscheinen des National-Populismus provoziert hat.

Ein Widerspruch für alle Nationen:
die Koexistenz von Gleichheit und Ungleichheit


Die Homogenisierung durch die Massenalphabetisierung ist eine Errungenschaft, die in keiner Weise durch das ungleiche Fortschreiten der höheren Bildung in Frage gestellt wurde. Die verschiedenen entwickelten Nationen der Welt sind heute auf der Ebene der Primärbildung homogener als jemals zuvor in ihrer Geschichte…
Das ist das fundamentale Paradoxon der entwickelten Gesellschaften: die Überlagerung einer unangetasteten nationalen Homogenität und einer neuen Schichtenbildung, die mit der Entwicklung der sekundären und höheren Bildung in Zusammenhang steht. Die privilegierten Klassen versuchen, den Widerspruch so zu drehen, dass sie sich einen Anstieg des Analphabetismus in den unteren Klassen einreden. Aber die soziologische Wahrheit ist, dass die entwickelte Welt mit dem Widerspruch seiner primären nationalen Homogenität und kulturellen Schichtenbildung darüber leben muss. Deshalb ist das Verschwinden der Nation eine Illusion, auch wenn der Anti-Nationismus sehr wohl eine Doktrin unserer Zeit ist. Er ist eine tragische Illusion, deren Macht zu einer wirtschaftlichen Inkohärenz der entwickelten Welt geführt hat durch die desaströsen Experimente, die der komplett freie Welthandel und die Währungskonstruktion Europas darstellen.

Kommentar:

  • Die für die Argumentation zentrale Beobachtung Todds zur Übertreibung und Instrumentalisierung des Analphabetismus durch die Medien kann ich aus persönlicher Erfahrung bestens bestätigen: jahrelang habe ich solche Hiobsbotschaften ebenfalls in den Zeitungen gelesen und wirklich geglaubt, dass die Schulbildung der Kinder generell den Bach runtergeht. Als dann meine ältesten Kinder in der Grundschule waren und ich mir die Arbeitsblätter und Lernkonzepte mal genauer angesehen habe, hat es mich wie der Blitz getroffen: das war (in einer ganz normalen Grundschule genau zwischen einem eher einfachen und einem bürgerlichen Stadtteil Münchens) in Darstellung und Niveau um Klassen besser als alles, was wir in der guten alten, heilen Zeit der 70er Jahre in der Grundschule eines Schwarzwald-Dorfes gemacht hatten. Und auch heute noch ist die Grundschule genauso gut, wie ich täglich an meiner jüngeren Tochter sehe. Todd hat Recht: das Volk wird nicht dümmer, solange es nicht zu sehr auf das selbstgefällige Gewäsch von Medienleuten hört.
  • Fast jeder kennt derzeit die Kommentare in Medien, dass es ein Fehler gewesen sei, das britische Volk über den Brexit abstimmen zu lassen. Die gleiche Art von Geringschätzung gerade in als „links“ geltenden Medien für die demokratische Praxis der bewährten Schweizer Volksabstimmungen ist mir schon zuvor deutlich aufgefallen. Solche Ressentiments haben keine empirische Grundlage: das schweizerische politische System produziert seit 150 Jahren bessere Ergebnisse als das deutsche. Sie gründen in einem inegalitären, antidemokratischen Unterbewusstsein, mit dem „höhere“ Menschen (alias: moderne Priester) sich einreden, dass sie das Volk zu seinem Besten bevormunden sollten. Und wichtig ist, dass diese Tendenzen nicht neu sind, sondern für wachere, intelligentere Beobachter (als ich es bin) schon sehr lange erkennbar sind und zum Beispiel in diesem Buch schon vor 18 Jahren detailliert beschrieben wurden.
  • Mir ist das von Todd beschriebene Phänomen einer völlig verzerrten Elitensicht erstmalig 2002/2003 in der Debatte um den 2. Irakkrieg extrem stark aufgefallen: alle öffentlichen Argumente für den Krieg standen erkennbar auf wackligen Beinen und haben sich bald als Unsinn erwiesen. Trotzdem war „dumm und unwissend“ damals immer nur das oppositionelle Volk, das sich besonders zahlreich und wütend in England versammelt hat. „Verantwortungslos und populistisch“ waren diejenigen Politiker und Journalisten, die aus dem Elitenkonsens ausgeschert sind, nicht diejenigen, die ihn mit falschen Behauptungen und offenen Drohungen erzwingen wollten. Todds Analyse bringt es auf den Punkt: es handelt sich um einen mit Argumenten nicht widerlegbaren Anspruch einer selbsternannten „Elite“, auch gegen das Volk zu regieren und „Populisten“ deshalb als besonders gefährliche Gegner zu bekämpfen.
  • Todd führt den französischen Anti-Populismus allein auf die 68er Bewegung zurück und bestätigt damit eine Ansicht, die in der deutschen Rechten ebenfalls sehr verbreitet ist.Es wäre aber absurd zu behaupten, dass er der Rechten nachläuft, denn er polemisiert schon seit Jahrzehnten gegen den Elitenkonsens, insbesondere den linken. Andererseits hindert ihn das nicht daran, sich für die soziale Frage und gleichzeitig für die Assimilation von muslimischen Einwanderern stark zu machen. Im dritten Schritt lehnt er dann wieder Masseneinwanderung scharf ab. Ein bewundernswerter Freigeist und sozialliberaler Patriot!
    In Deutschland gibt es auch einen sehr alten Anti-Populismus, der früher gerne gegen links aktiviert worden ist. Aber den 68er Anti-Populismus gibt es hierzulande sicherlich auch. Dieser verbündet sich gerne mit dem alten Anti-Populismus und geißelt dann „die Querfront“.

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