Verbrenner sind nicht schlimmer

Ich muss vorausschicken, dass ich zunächst ein Autogegner war: wegen des Straßenbaus, der überall so viel Fläche gefressen hat (und immer noch frisst), wegen der teilweise sinnlosen Verplemperei von wertvollem Kraftstoff für übergroße Autos und teilweise gedankenlose Fahrten, wegen des Friedhofs an den Straßenrändern (den man als Radfahrer sehr intensiv wahrnimmt), wegen der Raserei auf dem flachen Land und wegen der Staus. So kam es, dass ich noch als Familienvater nur gelegentlich am Wochenende ein Auto gemietet habe, wenn eine Fahrt anstand, bei der die Bahn ungünstig war. In der Stadt brauche ich nämlich kein Auto. Und das hat sich bis heute kaum verändert.

Irgendwann war ich aber in einem Tech-Unternehmen firmenwagenberechtigt, und wer kein Auto hatte, bekam ersatzweise – nichts. Es gab aber die Möglichkeit, statt eines relativ teuren Leasingwagens (Mercedes, BMW, Audi oder VW) Geld für einen privat gekauften PKW zu erhalten. Er musste nur der ‚Firmenwagen-Policy‘ entsprechen, also mindestens Kompaktklasse und höchstens 5 Jahre alt sein. Ich habe mir ausgerechnet, dass ich mit dieser ‘Car Allowance‘ und einem einfacheren Auto an der Untergrenze der ‚Policy‘ sogar noch einen Gewinn einstreichen könnte, während das Auto die meiste Zeit ungenutzt vor der Tür stand. Die Mietwagen konnte ich mir dann zusätzlich auch noch sparen. Warum also nicht ein Auto kaufen, statt den Vorteil allein Kollegen zu überlassen, die viel fahren?

Meine Autos

So kam es, dass ich die Nr. 1 in der Liste gekauft habe, die in diesem Jahr den 3. Nachfolger erhalten hat. Die Nr. 1, 2 und 4 sind verschiedene Generationen desselben Modells, also sehr gut vergleichbar, Nr.3 ein Van auf der Plattform von Nr. 2:
Tabelle
Insgesamt war ich mit den wieder weiterverkauften Nr. 1-3 sehr zufrieden. Sie waren günstig in der Anschaffung, vernünftig beim Platzangebot für eine Familie und beim Unterhalt. Sie sind zuverlässig gefahren und haben keinen echten Ärger mit unreifer oder schlechter Technik gemacht. Nr. 2 ist mit 15 Jahren und gut 150.000 km auch immer noch innerhalb der Familie im Einsatz: ein grundsolides Auto für Leute, die das Geld nicht für ein Prestige-Auto raushauen wollen oder können.

Und die Erfahrungen mit dieser Liste von Autos erlaubt mir jetzt einige Schlussfolgerungen für die  allgemeine Autodebatte:

Kleine Benziner sind perfekt für Wenigfahrer

Alle Autos habe ich immer unter der Prämisse gekauft, dass ich als umweltbewusster schwäbischer Wenigfahrer auf den sparsamsten Benziner setze. Man sieht, dass die Technik in diesen 17 Jahren Fortschritte gemacht hat: die Motoren wurden kleiner, leistungsfähiger und (ein wenig) sparsamer. Im Stadtverkehr ist bei Nr. 4 die Start/Stopp-Automatik angenehm, die bessere Motorleistung macht sich vor allem bei Bergfahrten angenehm bemerkbar. Die Autos wurden aber auch etwas schwerer.
Der Verbrauchsrückgang wurde jedoch in den Werksangaben übertrieben, was in den letzten Jahren allgemein von Autokäufern bemängelt wurde. Ich nutze das Auto kaum in der Stadt (weil es im Vergleich zum Fahrrad und dem ÖPNV wenig Sinn macht), sondern meist für Überland- und Autobahnfahrten. Dabei lag mein Verbrauch mit Nr. 1-3 immer zwischen dem für Überlandfahrten angegebenen und dem Durchschnittsverbrauch, also bei 108-117% des dafür versprochenen Werts: akzeptabel.
Beim jüngsten Auto sind diese Werte utopisch niedrig. Noch sind die Erfahrungswerte nicht stabil, weil im Sommer oft die Klimaanlage gelaufen ist, aber 4,5 oder gar 4 l/100km bei Überlandfahrten scheinen völlig außer Reichweite zu liegen. Der tatsächliche Verbrauch liegt mit fast 140% des versprochenen Werts deutlich schlechter als zuvor. Eine wachsende Neigung, die Kunden mit schönen Zahlen hinters Licht zu führen, wie sie beim Diesel-Abgas-Skandal besonders sichtbar wurde, zeigt sich also auch hier.
Insgesamt aber bin ich zufrieden mit den Benzinern. Für meine Nutzung scheinen sie mir die perfekte Synthese von Ökonomie und Ökologie zu sein, wenn Fahrrad, Bus oder Bahn mein Mobilitätsbedürfnis nicht vernünftig befriedigen können, also vor allem bei Fahrten aufs Land hinaus oder in den Urlaub.

Autobesitz und –fahren ist nicht teurer geworden

Nicht für jemanden, der sich konsequent an den kleinsten Benzinmotor gehalten hat, und nicht durch den „gierigen“ Staat. Der Rückgang von Verbrauch und Kfz-Steuer ist nicht durch einen höheren  Benzinpreis aufgefressen worden. Und nach den jüngsten Klimabeschlüssen der Großen Koalition sieht es auch nicht so aus, als würde das in den nächsten 5 Jahren deutlich anders aussehen. Die Kfz-Steuer ist gemessen am tatsächlichen CO2-Ausstoß (der ja letztlich proportional zum tatsächlichen Verbrauch sein muss) sogar stark gesunken: mir soll es recht sein.

Technisch geht wohl noch was

Ich bin davon überzeugt, dass bei sparsamen Benzinern das technisch Mögliche noch nicht ausgereizt ist. Erstens sollten die Gewichte wieder Richtung 1t sinken. Zweitens sollte sich die Technik der kleinen 3-Zylinder-Benziner erst noch bei den Kunden etablieren und optimiert werden. Ford setzt schon am längsten auf diese Technik und fährt dafür regelmäßig Auszeichnungen ein:

FordEcoboostEngineOfTheYearWährend das Produkt aber technisch gelobt wird und Ford auch konsequent auf diesen Motor setzt,  scheint er sich erst in jüngster Zeit in relativ guten Absätzen auszuzahlen. Die Motoren von Ford sind zwar bei der Leistung der Konkurrenz überlegen, aber nicht unbedingt beim Verbrauch.

Die stetige Arbeit an den Benzinern hat sich für die Unternehmen wenig ausgezahlt, weil die Kunden den Autos ein wenig die kalte Schulter zeigten: zu wenig hip, zu wenig sexy, zu wenig Prestige. Die schicken Karossen und die (unnötig?) großen Leistungen zum moderaten Verbrauch gab es eben bei den Leuten und den oft übergewichtigen Fahrzeugen vom Diesel-Hype:

Diesel-Hype nicht mitgemacht

Bei geringer Laufleistung war der Diesel für mich zu keinem Zeitpunkt wirtschaftlich eine Option. Außerdem wurde ich 2006, also vor dem Kauf von Nr. 2, von einem Kfz-Meister gewarnt: „Da wird es Probleme mit dem Abgas geben“. Das war genau 10 Jahre vor dem offenen Ausbruch des sogenannten Diesel-Skandals. Es scheint mir deshalb völlig unglaubwürdig, dass deutsche und europäische Aufsichtsbehörden nicht in den Diesel-Betrug eingeweiht waren und nicht beide Augen zugedrückt haben.
Außerdem betraf der Abgas-Skandal gar nicht den Kraftstoff-Verbrauch und damit den CO2-Ausstoß. Es ging ja gerade darum, den günstigen Verbrauch im Alltag zu erreichen, ohne im Abgastest an hohen NOx-Werten zu scheitern.
Für PKW, die viel im Langstreckeneinsatz unterwegs sind, halte ich trotzdem den Diesel noch nicht für erledigt. Müsste ich viel Langstrecke fahren, z.B. als Vertreter oder Pendler, würde ich mir wohl trotz allem einen kleinen und effizienten Diesel kaufen. Gerade beim Verbrauch (und damit CO2-Ausstoß) sind die nämlich trotz des Skandals gut.

Das Problem ist nicht der Diesel als solcher, sondern die Tatsache, dass die deutschen Hersteller (außer Opel und Ford) gemeinsam auf dieselbe Technik gesetzt haben, um vor allem große und schwere Fahrzeuge zu verkaufen und damit den US-Markt zu erobern:

DieseloffensiveBILD

Just in dem Jahr 2006, in dem ich schon von Abgasproblemen gehört hatte. Da muss man sich nicht wundern, wenn sich gut 10 Jahre später folgende Frage stellt:DeutscheImFadenkreuzNun, die Antwort liegt in der „deutschen Diesel-Offensive“ von 2006. Amerikaner mögen keinen (offenen) Korporatismus. Sie haben auch eine schwache Autoindustrie, die diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen konnte, Konkurrenten zurechtstutzen, die ihr in der Oberklasse das Leben seit langem sehr schwer machten. Das ist der Grund, warum der Skandal in den USA aufgeflogen ist und nicht durch die deutschen und europäischen Behörden aufgedeckt wurde, die lieber mit der Industrie kungelten.

Rechtzeitig mit dem Tod des Diesel-Hypes gibt es glücklicherweise einen neuen Trend, mit dem sich die Hippen vom Pöbel unterscheiden und weiterhin überschwere Fahrzeuge fahren können:

Elektrisch ist nicht die Lösung für Alles

Elektrofahrzeuge halte ich für Wenigfahrer nicht für eine attraktive Alternative: zu hoch sind die Anschaffungskosten (ca. 40000 Euro statt ca. 20000 Euro Neupreis für meine oben gelisteten 4 Fahrzeuge), zu teuer die Batterie, wenn sie viel ungenutzt herumsteht (und sich entlädt). Und zu wenig ausgereift ist auch die Infrastruktur und die Technik.
Natürlich ist es in Ordnung, wenn sich Leute für ein Elektrofahrzeug entscheiden, sei es, weil sie überwiegend in der Stadt fahren (Taxen, Lieferdienste, Pflegedienste,…) oder weil sie auf dem Land leben, eine eigene PV-Anlage betreiben und über eine passende Distanz pendeln. Gut, wenn sie für sich ausprobieren, ob sie mit einem e-Auto besser fahren als mit einem Verbrenner.

Und das sieht auch der ökologische Verkehrsclub VCD so:

Der große Fortschritt bei den alternativen Antrieben lässt leider weiter auf sich warten. Daher hat der VCD – abgesehen von einer Handvoll Elektroautos – vor allem sparsame Verbrenner in seine Positiv-Liste aufgenommen. Neben den bewährten Hybriden und Erdgasautos sowie Benzinern sind darunter auch Diesel…
Weiterhin empfiehlt der VCD kleine Benziner, die auch ohne Direkteinspritzung sparsam sind…
Familien, die ein sparsames und günstiges Auto mit viel Platz benötigen sind gut beim Ford Focus 1.0 l EcoBoost aufgehoben…
Für Vielfahrer listet der VCD zum ersten mal seit drei Jahren auch wieder einige Diesel-Pkw auf

Und die Begründung liegt u.a. in dieser Aufstellung:
VCDElektro

e-Autos haben ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen, letztere nicht nur bei der Batterieherstellung, bei längeren Überlandfahrten, für Wenigfahrer, sondern zum Beispiel auch bei Kälte im Winter und bei Batteriebränden.

Die Hippen und der e-Hype

Promis jeder Art, junge Frauen und alte weiße Männer, finden sich leicht, wenn es darum geht, sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu verschaffen:
GretaArnie

Dabei wird einer frischen Ikone gerne auch einmal ein e-Auto zur Verfügung gestellt, weil es als ökologisch gilt. Dabei ist es doch oft nur absurder alter Wein…

ArnieHummer

..in neuen Schläuchen, jetzt eben vollelektrisch, aber immer noch überdimensioniert, übergewichtig und um ein Vielfaches umweltschädlicher als der Verbrenner von Otto Normalverbraucher:

ArnieElektrisch

Wichtig ist für die Hippen immer das Rampenlicht und der große Auftritt, nicht eine brauchbare Lösung für die Vielen.

Zusammenfassung

Wir befinden uns in einer Zeit, in der viele technische Lösungen für den Verkehr miteinander konkurrieren. Die meisten haben für den einen oder anderen Bedarf einen Vorteil und sollten dafür auch genutzt werden können, sofern auch ökologisch Mindeststandards eingehalten werden. Ich habe deutlich gemacht, dass für meinen Bedarf sparsame Verbrenner eine ökonomisch und ökologisch sehr gute Lösung sind. Wenn andere auf Diesel oder Elektrofahrzeuge setzen, dann ist das für mich OK, aber ihre Sache.

Staatliche Eingriffe durch Vorgaben und Steuern zum Beispiel für Benzin sind natürlich grundsätzlich legitim und auch absehbar gar kein Problem für die verfügbaren effizienten Verbrennungsmotoren, denn für solche ist der Spritpreis nur ein Kostenfaktor unter vielen.

Aber disruptive Eingriffe, zum Beispiel ein völliges Verbot von Verbrennungsmotoren, wie es die Grünen für 2030 fordern, halte ich für völlig unangemessen. Ein solches Verbot würde beispielsweise mein Interesse sowohl an einer ökonomischen als auch einer ökologischen Lösung für meinen Mobilitätsbedarf verletzen. Und das alles zugunsten einer e-Mobilität, die selbst starke ökonomische und auch ökologische Probleme mitbringt. Entsprechende Forderungen folgen weniger einer technischen und wirtschaftlichen Logik als der Logik eines irrationalen Hypes, mit dem die eine Technik für gut und die andere für böse erklärt wird. Und solche staatlich erzwungenen Privilegien  für einzelne Technologien bergen ein sehr hohes Risiko, am Ende schlechte Ergebnisse zu produzieren, sowohl ökonomisch als auch ökologisch.

Technologieoffenheit halte ich für wesentlich im Wettbewerb um bessere Lösungen für den Verkehr, gerade auch weil der Batterieantrieb nicht das Ende der technischen Entwicklung darstellt. Technologie oder Technologieverbote sind aber noch keine Lösung. Es kommt auch darauf an, das Fahren ökonomisch und für sinnvolle Zwecke einzusetzen statt einen gesellschaftlichen Selbstzweck daraus zu machen. Das gilt selbstverständlich auch für das elektrische Fahren.

Und selbstverständlich habe ich diesen Artikel nicht geschrieben, weil ich in irgendeiner Weise mit der Auto- oder Ölindustrie unter einer Decke stecke. Die Frage nach Interessen darf durchaus auch denjenigen einmal gestellt werden, die Elektromobilität zur alleinseligmachenden Technik erklären. Werden dort keine Interessen von (anderen) Autoherstellern oder von Stromerzeugern verdeckt gefördert?

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