Ganz allein die Adelheid

Am 25. April 1990 wurde Oskar Lafontaine bei einem öffentlichen Auftritt in Köln-Mülheim von einer psychisch kranken Täterin mit einem in einem Blumenstrauß versteckten Schlachtermesser lebensgefährlich verletzt. Er hat gottseidank überlebt und ist uns als politischer Quer- und Freidenker ohne falsche Berührungsängste erhalten geblieben, aber der Wahlkampf des charismatischen und bis 1989 sehr populären linksrealistischen Lafontaine um das Kanzleramt in Bonn war am 25.4.1990 definitiv verloren:

SPIEGEL-Artikel aus der Woche nach der Tat

Aktuell ist das Attentat deshalb interessant, weil die konsequente Frau Adelheid Streidel offensichtlich psychisch krank war. Die Umstände sind verblüffend ähnlich dem mutmaßlichen Massenmörder von Hanau. Auch die Adelheid hatte solche Visionen:

Auch der Hanauer Mörder war den Behörden seit einer Weile so bekannt, bekam aber nicht einmal seine Schusswaffe abgenommen. Mangels Kompetenz, aus vorhandenen, sogar aufgedrängten Informationen etwas zu machen, verlangen die Unsicherheitsbehörden jetzt wieder mehr Kompetenzen, insgeheim Informationen zu sammeln 🤔 Verschwörungstheoretiker, wer Schlimmes dabei denkt!
Adelheid ist in der Psychiatrie verschwunden und erst 2014 wieder herausgekommen. Offensichtlicher als bei Tobias R. war bei der Attentäterin Adelheid Streidel, dass sie auch geistig ganz alleine war. Kein schlimmes Medium hatte sie aufgehetzt, keine Partei hatte ihr irgendwelche Stichworte geliefert, also Worte, die das Zustechen verursacht hätten. Jedenfalls hörte man nie etwas davon als braver Bürger und Zeitungsleser im Deutschland von 1990. Alles ging total mit rechten, aber eben verrückten Dingen zu.

Und unser kluger Saarländer, ein Physiker, der sich nicht jeden Bären aufbinden lässt, sondern immer wieder durch entschiedene Ansichten auffällt, hat schon 8 Jahre nach dem überlebten Attentat wieder gezeigt, wie wichtig er zu nehmen war. Als Parteichef der SPD und „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen wurde er von der britischen Sun sogar zum gefährlichsten Mann Europas erklärt:

Wie schon gesagt, niemand hat 1990 in Deutschland öffentlich spekuliert, ob jemand für ein Attentat gegen einen Mann politisch verantwortlich sein könnte, der sich dann später wieder als so wichtig und eben gefährlich erwiesen hat. Auch wir wollen das nicht tun, auch wenn nicht alle anderen jede rechtzeitige, aber außergesetzliche Beseitigung von „gefährlichen Männern“ immer ablehnen.
Es hat damals auch niemand gefragt, ob Adelheid Streidel ein ‚targeted individual‘ gewesen sein könnte und was das überhaupt ist. Wer googelt, findet sofort eine nordamerikanische Seite, die sich auch mit Adelheid als einer solchen ‚verfolgten Person‘ beschäftigt. Und für genau eine solche Person soll sich auch Tobias R. selbst gehalten haben. Deshalb hat er eine Anzeige an die Bundesanwaltschaft geschrieben: Verfolgungswahn! Aber die Schusswaffe durfte er behalten.
Beim ihm, also Tobias R. ist auch sonst alles ganz anders, denn er hat viele Mittäter: Medien, die ihn fütterten, Politiker, die ihn ermutigten, ein bunter Haufen bestehend aus Roland Tichy, Henryk Broder und anderen. Christian Schiffer ist sich im Bayerischen Rundfunk sogar sicher, dass nicht nur Jochen Kopp, sondern auch Daniele Ganser zu demselben allmächtigen, aber widersprüchlichen (alles Tarnung!) Netzwerk gehören, von dem „rechter Terror heute also geplant und zugleich nicht geplant“ wird. Der Wahn hat so seit 1990 eindeutig große Fortschritte gemacht.

Nachtrag 23.02.2020
Als Reaktion auf meinen Artikel hat mir jemand einen ZDF-Beitrag zugeschickt, der genau in die von Christian Schiffer skizzierten Verschwörungstheorien von Adelheid Streidel und Tobias Rathjen hineinpasst:

Gehört das ZDF zum verschwörungstheoretischen Netzwerk von Jochen Kopp? Also ich glaube höchstens die Hälfte davon, denn es ist unglaublich, was der Beitrag da berichtet hat.

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